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Persönlichkeiten

Oscar Wilde und wie wir ihn verstehen

Eine Biographie des legendären Oscar Wilde gibt es hier noch nicht und das hat mehrere Gründe. Zum einen ist Wilde so bekannt, dass man sehr leicht sehr viel über ihn herausfinden kann und ihr mich dafür eigentlich nicht braucht. Zum zweiten war ich mir nicht sicher, wie ich einen meiner literarischen Helden hier auf dem Blog vorstellen soll. Nun habe ich mich entschieden und ich hoffe, ihr lernt aus diesem Artikel noch etwas, das man noch nicht überall gehört hat. Beginnen möchte ich mit einer Einführung dazu, wer Oscar Wilde überhaupt war. Dabei soll es um einige Fakten gehen, die ihr vielleicht noch nicht über ihn wusstet.

Aber hauptsächlich geht es mir um seine Rezeption heutzutage. Wie nehmen wir Oscar Wilde heute auf im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen? Verstehen wir ihn richtig, falsch, tun wir ihm Unrecht oder ist die Verehrung seiner Person am Ende wirklich nicht angebracht? All das möchte ich mir mal anschauen. Was heute anders ist, als sonst, ist wohl, dass es heute weniger Fakten geben wird und mehr Überlegungen von mir. Ich habe mich mit Wilde und seinen Werken viel beschäftigt, doch ich glaube nicht, dass irgendjemand genau sagen kann, wer er wirklich war. Aber darüber nachdenken können wir.

Biographisches – Der Mythos Oscar Wilde

Links: Oscar Wilde, 1876, fotografiert von Hills & Saunders, Oxford | Mitte: Oscar in New York, fotografiert von Napoleon Sarony, 1883 | Rechts: Oscar Wilde, frühe 1880er

Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde wurde am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren. Er war der Sohn von Jane Wilde, einer irischen Nationalistin, die die Unabhängigkeit Irlands von England unterstützte, und William Wilde, Irlands bekanntestem Chirurgen und Philanthropen. Oscar hatte mehrere Geschwister: Seine drei Halbgeschwister, Henry, Emily und Mary, sowie zwei Geschwister, William und Isola. Emily und Mary kamen in den 1870ern ums Leben, als ihre Kleider durch einen Kamin auf einer Feier Feuer fingen, Oscars geliebte Schwester Isola starb im Alter von bloß neun Jahren an einer Krankheit. Er widmete ihr 1881 das Gedicht „Requiescat“.

Durch seine Mutter wurden Oscar Poesie und Literatur früh nahe gebracht. Sie selbst schrieb unter Pseudonym Gedichte und im Salon der Familie waren oft bekannte literarische Größen des Jahrhunderts zu Gast. Wilde besuchte einerseits das Trinity College in Irland und später Oxford College in England. Wilde begann schon zu College-Zeiten Geschlechterrollen und soziale Erwartungen abzulehnen. Er war ein Mitglied des Aesthetic Movements und bereits bekannt für das, was ihn bald berühmt machen würde: Seine schillernde Persönlichkeit.

Seine Zimmer zu Universitätszeiten waren unter anderem mit Pfauenfedern und Sonnenblumen geschmückt, die ihm viele als nutzlosen Tand auslegten. Die Liebe zur Schönheit, die Wilde und die anderen Ästheten verband, war etwas, was im viktorianischen Zeitalter als unnötig und sehr unmännlich verstanden wurde, was Oscar für sein Wesen, das nun einmal Sonnenblumen und schöne Kleider beinhaltete, sehr viele Probleme einhandelte. Einer Anekdote nach wurde Wilde wegen seines flamboyanten Auftretens einmal von vier Kommilitonen tätlich angegriffen und überraschte alle, als er ganz allein mit ihnen fertig wurde.

Nach seinem sehr guten Abschluss kehrte Oscar nach Dublin zurück, wo er Florence Balcombe, seine Jugendliebe, traf. Florence heiratete jedoch bald darauf keinen geringeren als Bram Stoker, woraufhin Oscar endgültig nach England zog und die nächsten Jahre als Junggeselle durch England, Paris und die Vereinigten Staaten reiste.

Mit 27 Jahren veröffentlichte er in London seinen ersten Gedichtband, der recht gut aufgenommen wurde. Schon in den frühen Jahren seines Erfolges wurde Wilde stark für sein künstlerisches, schillerndes Auftreten kritisiert. Er glaubte daran, dass Schönheit und Freude wichtiger seien als die vom Utilitarismus gepriesenen Werte, nach denen alles zweckorientiert und nützlich zu sein hatte. Im Mai 1884, nach mehreren Reisen und Vorträgen in Theatern und dergleichen, heiratete er Constance Lloyd, die seinen Sinn für Schönheit teilte. Das Paar hatte zwei Söhne, Vyvyan und Cyril.

Skandalöses – Dorian Gray und viktorianische Moral 

Wilde arbeitete kurz als Journalist für das Magazin Woman’s World, bevor er sich dem Schreiben widmete. In den nächsten Jahren erschienen seine Märchen und 1890 der erste Teil des berühmten Picture of Dorian Gray im Lippincott’s Magazine. Und hier beginnt der Abstieg des Oscar Wilde: Sofort kritisierte man den Dorian für seine „Verdorbenheit“, für homosexuellen Subtext und die dekadenten Ausschweifungen der Figuren. In den Augen viktorianischer Leser.innen war der Dorian ein Skandal, in dem ihre Moral und Etikette mit Füßen getreten wurde.

Vor der Veröffentlichung als Roman 1891 unterzog Oscar seinen Roman einer gründlichen Überarbeitung, bei der alle verfänglichen, homoerotischen oder zu dekadenten Passagen entfernt wurden. Doch der Vorwurf blieb bestehen. Seine Theaterstücke, die er in den Folgejahren schrieb, feierten jedoch trotzdem große Erfolge. Viele seiner Stücke, besonders die Komödien, enthalten sehr subtile Gesellschaftskritik, um die wir uns nachher noch kümmern werden.

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Oscar schon 1886 auf den damals siebzehnjährigen Journalisten Robert Ross traf, der Wildes Gedichte kannte und sich in den Kopf gesetzt hatte, Oscar zu verführen – was ihm auch gelang (wenn man davon sprechen kann, wenn man bedenkt, wie jung Robert war). Robert und Oscar blieben auch nach der Affäre gute Freunde, genau wie Oscar und John Gray, eine weitere Affäre, der als Vorlage für Dorian Gray gilt.

1891 lernte Oscar Alfred „Bosie“ Douglas kennen, einen jungen Adeligen, der als hitzköpfig und verwöhnt galt. Oscar soll von Alfred regelrecht verzaubert gewesen sein, denn er erfüllte ihm jeden Wunsch. Man nimmt an, dass Alfred Oscar die Londoner Unterwelt näher brachte. Oscars Beziehung zu Alfred sorgte dafür, dass er begann das öffentliche Leben und sein privates Leben vorsichtig zu trennen. Da Homosexualität im viktorianischen Zeitalter als schlimmes Vergehen gewertet wurde,  wollte Oscar die Beziehung zwar geheim halten, sah allerdings auch große Freude in der Gefahr allein. An sich gefiel es ihm, die Werte seiner Gesellschaft herauszufordern.

Tragisches – Der Fall des Oscar Wilde 

Links: Oscar, Constance und Cyril im Urlaub in Felbrigg, Sommer 1892 | Mitte: Portrait von Oscar Wilde, späte 1880er oder frühe 1890er | Rechts: Oscar mit Lord Alfred „Bosie“ Douglas, fotografiert von Gillman & Co., 1893

Es war die Beziehung zu Bosie, die Wildes tiefen Fall einleitete. Denn Alfred Douglas‘ Vater, der Marquis Queensberry, der unter anderem dafür bekannt ist, den Boxsport revolutioniert zu haben, hatte einen Verdacht. Dem Marquis ging es jedoch nicht bloß um die in seinen Augen unmoralische Beziehung – er und sein Sohn stritten seit Monaten immer wieder und die Beziehung zu Oscar gab dem Marquis Queensberry nun etwas gegen ihn in die Hand. Man kann also sagen, dass alles, was folgte viel eher ein persönlicher Rachefeldzug eines Vaters gegen seinen Sohn war, als ein Versuch die viktorianische Moral zu wahren.

Im Jahr 1895, nachdem Queensberry Wilde immer wieder gedroht hatte, beschloss Oscar den Vater seines Freundes anzuzeigen. Mit schrecklichen Folgen. Queensberry drehte die Anklage einfach herum, beschuldigte Wilde der „Sodomie“ und der Verführung seines Sohnes. Die Medien machten Oscar nach einigen vorangegangenen spektakulären Fällen um Homosexualität zum Exempel: Sie stellten ihn dar als Verführer, der junge Männer zu einem Leben in Sünde verleitete. Natürlich war er das keinesfalls, aber ein berühmter Mann, den man stürzen und zum abschreckenden Beispiel machen konnte, kam den Leuten wohl gerade Recht. Bevölkerung und Medienlandschaft waren einer Massenpanik nahe, ganz England in Aufruhr.

Im Verfahren wurden auch der Dorian Gray und dessen gewagtes Vorwort gegen Oscar verwendet, so wie einige Gedichte und Briefe von und für Alfred Douglas. Später im selben Jahr wurde Oscar zu zwei Jahren harter Arbeit in Gefangenschaft verurteilt. Er war zur Spottfigur in England geworden, zu einem Sinnbild von Schande, Dekadenz und Unmoral. In Gefangenschaft begutachtete Wilde seine Situation, seinen Ruf als Herausforderer viktorianischer Moral und Gesellschaft, aber auch erstmalig Alfreds Rolle als arroganter, leichtlebiger Adeliger, der sich keinen Deut um andere Menschen scherte.

1897 verließ Oscar krank und geschwächt das Gefängnis und ging nach Paris, wo er von nun an als Sebastian Melmoth im Exil lebte. Einer seiner letzten verbliebenen Freunde war übrigens Robert Ross, den Wilde zuvor für Alfred Douglas verlassen hatte.

Constance Wilde weigerte sich, sich selbst oder die Kinder in seine Nähe zu bringen, schickte ihm aber hin und wieder Geld. Hier wird Constance nicht aus Ablehnung Oscars gehandelt haben, sondern in Sorge um den Ruf der beiden Söhne. Sie zog mit den Kindern in die Schweiz und änderte ihren Nachnamen in Holland, um sich und die Söhne vom Skandal zu distanzieren. Constance soll Oscar geliebt haben und forderte nie eine Scheidung, wandte sich jedoch von ihm ab, als er erneut Kontakt zu Bosie Douglas suchte.

Im Jahr 1900 hatte Oscar psychisch und körperlich kaum Reserven über. Er schickte nach Robert Ross und starb am 30. November in seinem Hotel an Meningitis, wie seine kleine Schwester Isola. Wilde wurde erst auf einem anderen Friedhof beerdigt, wurde 1909 aber auf den großen Friedhof Père Lachaise verlegt, wo sein Grab bis heute zu besuchen ist. In das Grab sind einige Zeilen aus Oscars Ballad of Reading Gaol eingraviert, endend auf: „For his mourners will be outcast men and outcasts always mourn.“

Was hier ganz wichtig ist: Wildes Fall war ein Medienereignis, eine inszenierte Massenpanik. Obwohl er für seine Theaterstücke und seine schillernde Persönlichkeit gefeiert wurde, hatte seine Kritik an der Gesellschaft, sein unkonventionelles Auftreten und ganz besonders der Dorian viele Leute schon lange gestört: Oscar Wilde passte nicht in die starren Normen seiner Zeit.

Bei dem Fall Wilde ging es nicht bloß um Wilde selbst, es ging auch nicht nur um Wilde und Bosie Douglas, sondern um eine politische Botschaft an ganz England: Benimm dich nicht wie dieser Mann, sei immer angepasst und erfüll die dir zugetragene Rolle, sonst passiert dir dasselbe. Nicht ohne Grund flohen in Folge der Verhandlungen viele homo- und bisexuelle Menschen aus England.

Nachdenkliches – Wie wir Oscar Wilde heute verstehen 

Links: Karikatur aus dem „Punch“-Magazin, die sich über Wildes Ästhetizismus lustig macht, 1881 | Mitte: Portrait des Oscar Wilde, Henri de Toulouse-Lautrec, 1895 | Zeichnung von Oscar Wilde, angefertigt von seinem Freund Aubrey Beardsley, vor 1895

Die Rezeption Oscar Wildes war schon immer kontrovers. Seine viktorianischen Zeitgenossen nahmen ihn erst als flamboyanten Künstler war, als jemanden, der mit ihren Vorstellungen von Moral, Ethik, Männlichkeit und Schicklichkeit spielte, am Anfang geschickt, ohne zu viele Grenzen zu überschreiten. Und genau das wollte Oscar auch sein. Er brauchte die Aufmerksamkeit der Massen, genoss die Anerkennung für sein Werk und seine Person, und gleichzeitig muss er seine Gesellschaft und ihre strikten gesellschaftlichen Regeln, ihre Zweischneidigkeit und Doppelmoral verabscheut haben.

Und genau das wird aus seinen Werken ersichtlich: Besonders seine Komödien sind voller subtiler Seitenhiebe auf die Gesellschaft, die jedoch von modernen Leser.innen oft überlesen werden. Das ist auch kein Wunder: Kennt man sich mit dem fin de siècle nicht gut aus, kann man natürlich auch nicht herauslesen, welche Aspekte kritisiert werden.

Eine Entwicklung, die mir überhaupt nicht gefällt, ist jedoch das Abstempeln des Oscar Wilde als typisch sexistischen Viktorianer. Denn genau das war er nicht, wollte er nie sein. Viele frauenfeindliche Zitate, die man so finden kann, werden einfach mit Oscar Wilde unterzeichnet und ohne Kontext sieht es wirklich aus, als hätte er keine gute Meinung von Frauen gehabt. Aber halt: Denn diese Zitate stammen großteils aus seinen Werken. Man kann einem Autor nicht die Worte seiner Figuren in den Mund legen, besonders, wenn die Figuren angelegt sind, um zu missfallen und Gesellschaftskritik zu äußern, wie es bei Wildes Figuren der Fall war.

Nehmen wir den berüchtigten Lord Henry Wotton aus Dorian Gray und seine Witze über Frauen. Sollen wir lachen? Nein. Wir sollen Lord Henry als arroganten, feigen Adeligen verstehen, der von allem spricht, aber sich nichts traut. Er ist keine positive Figur. Sein Sexismus ist nicht Oscar Wildes Sexismus, sondern ein Mittel Oscars zu kritisieren, was ihm an seiner Gesellschaft nicht gefällt.

Die Sprüche des Henry Wotton nun Oscar Wilde in den Mund zu legen, als würden sie seiner persönlichen Meinung entsprechen, verwandelt die eigentliche Kritik, die im Kontext des Romans klar wird, wenn man die Zeit und die Umstände kennt, in das genaue Gegenteil. Die Zitate sind aus dem Kontext gerissen, scheinen das genaue Gegenteil von dem zu bedeuten, was Wilde aussagen wollte. Aber genau das wird dank der Romantisierung der Figur des Lord Henry nicht mehr oft erkannt. Ähnliches gilt für seine Theaterstücke, besonders die Komödien.

Doch nicht nur auf der Bühne zeigt sich ein Teil dessen, wer Oscar Wilde war. Ich erwähnte oben schon, dass er für ein Magazin namens Woman’s World schrieb. Bevor er das Magazin übernahm, hieß es Lady’s World, doch er benannte das Magazin um und sorgte dafür, dass nicht nur Modeberichte darin erschienen, sondern auch Berichte zu Politik und Kultur, Themen, die man Frauen damals nicht zutrauen wollte. Desweiteren setzte sich Oscar Wilde nebst seiner Frau Constance sehr stark im Sinne der Rational Dress Society ein: Sinnvolle, gesunde Mode für Frauen. Schaut man sich das Schicksal seiner beiden Halbschwestern an, dürfte das kaum überraschend sein.

Oscar war außerdem sehr am Schicksal von armen Menschen und Arbeiter.innen interessiert, dank seiner Eltern, die viel in diese Richtung unternommen haben. Denkt man heute an Oscar Wilde, denkt man an einen extravaganten, Absinth trinkenden Bohemian, dem seine Liebe zu einem Mann zum Verhängnis wurde und dessen berühmteste Figur Lord Henry Wotton ein schrecklicher Sexist ist. Und das war Wilde wohl auch. Doch Oscar Wilde ist viel mehr. Er mochte wohl Geld und die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen, war jedoch ein sehr kritischer, intelligenter Mann, der sich für Politik interessierte, für Frauenrechte und Arbeiterrechte und sich nicht davor scheute, die Probleme seiner Zeit in seinen Texten anzusprechen.

Die Entmenschlichung des Oscar Wilde? – Nachtrag 2019

Wer Oscar Wilde wirklich war, wird uns niemand sagen können, der ihn nicht gut kannte und dafür dürfte es etwas zu spät sein. Doch Wilde war nicht der leichtlebige, oberflächliche Mann, als der er heute oft dargestellt wird. Oscar Wilde war seiner Zeit einige Jahrzehnte voraus, ein interessanter Mann, der an Liebe, Schönheit und Freude geglaubt hat. Gedankt hat man es ihm, indem man ihm alles genommen hat, was er liebte. Trotzdem war Oscar Wilde kein Heiliger, sondern noch immer Viktorianer: Die rassistischen Tendenzen, die er von seiner Mutter gelernt hatte, legte er nur nach und nach ab, seine Privilegien als weißer Mann wird er ebenso wenig erkannt haben, wie viele seiner Zeitgenossen.

Doch Oscar Wilde als Mensch und vor allem als Viktorianer mit viktorianischen Ansichten zu verstehen, fällt uns heute schwer. Wir haben Oscar Wilde als schillernde Persönlichkeit, als Dandy und vor allem als queeres Icon romantisiert und dabei auch ein Stück weit entmenschlicht. Was uns dabei entgeht ist, Wilde als Menschen mit Fehlern und durchaus dunklen Abgründen zu sehen.

Er wollte kritisieren und er wollte mit den Normen und Erwartungen seiner Gesellschaft spielen. War Oscar Wilde ein Aktivist? In einigen Dingen vielleicht. Seine Queerness aber war für Oscar Wilde ein weiterer Teil seines Ästhetizismus und ob er sich als queeres Icon, als das er heute verstanden hätte, gefallen hätte, bleibt offen. Es wäre sicherlich interessant gewesen, einen alten Oscar Wilde über seine Glanzzeit im fin de siècle sprechen zu hören, mit Abstand, doch Wilde stirbt jung, am Ende gebrochen von seiner queerfeindlichen Gesellschaft, überlebt seine Belle Épqoque nicht und wird zum Mythos.

Wilde bleibt ein Symbol für die strenge Doppelmoral des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts und man sollte nicht vergessen, was er erreicht hat und wie er dafür bezahlen musste. Wilde ist nicht bloß das flamboyante Aushängeschild für Ästheten und Bohemians. Er ist ein Symbol für eine Gesellschaft am Rande großer Umstürze, die alles, was nicht ihrer Norm entspricht, an den Pranger stellt, klein macht und am Ende im Keim erstickt. Er ist ein Symbol dafür, was es bedeutet, im viktorianischen Zeitalter gegen Geschlechterrollen und Erwartungen anzugehen. Und über allem steht sein Glaube an das schöne, unbeschwerte Leben, den er bis zum Schluss nicht ganz verloren hat.


Ich würde neben den unten erwähnten Biographien und Büchern allen Interessierten auch gern zwei Filme ans Herz legen: „Wilde“ von 1997 mit Stephen Fry als Oscar, und „The Happy Prince“ von 2018, von und mit Rupert Everett. Beide Filme verstehen Wilde, sein Umfeld und das fin de siècle und machen seine Geschichte erneut lebendig. Meine Rezension zu „The Happy Prince“ findet ihr auf meinem Blog Zeitfäden.


Selbst nachlesen?

Ellman, Richard: Oscar Wilde. 1988.

Holland, Merlin: Irish Peacock and Scarlett Marquess. The Real Trial of Oscar Wilde. 2003.

Mendelssohn, Michèle: Making Oscar Wilde. 2018.

Mendelssohns Biographie ist der erste kritische Blick auf das Idol Oscar Wilde, der sich auch mit seinen dunkleren Seiten auseinandersetzt, was dieses Buch sehr lesenswert macht. 

Montgomery Hyde, H.: Oscar Wilde. A Biography. 2001.


Beitragsbild: Oscar Wilde, fotografiert von Sarony, New York, 1882

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2 Comments

  • Reply Olivia Sophie

    Danke für diesen tollen Blogeintrag, der tatsächlich einige Aspekte der Persönlichkeit Oscar Wildes enthält, die mir neu sind.Tatsächlich hatte ich ihn immer als den typischen "Dandy" gesehen, der sich komplett dem Ästhetizismus verschrieben und somit keinen Blick für gesellschaftliche Ungerechtigkeit hatte.Ich hatte nicht bedacht, dass sich ein Sinn für das Schöne einerseits und Engagement für Benachteiligte andererseits auch damals nicht gegenseitig ausschlossen.

    April 8, 2014 at 1:17 am
  • Reply Creative Mind

    Toller Artikel und eine sehr ausgeglichene Behandlung der verschiedenen Komponenten

    Juli 9, 2017 at 9:12 pm
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