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Belle Époque

Sommerferien in der Belle Époque

Es ist später Juni und die Saison ist in London und Paris vorbei. Das bedeutet, dass die High Society nun erstmal keine Bälle und andere soziale Events ausrichtet und die großen Ereignisse des Jahres, wie zum Beispiel die Pferderennen, Opernpremieren oder Kunstausstellungen gelaufen sind. Kurz nach Weihnachten wird es wieder losgehen. Und in der Zwischenzeit? Im Sommer geht es für die wohlhabenden Viktorianer natürlich auch in die Sommerferien. Doch wie sahen diese aus, wo wurden sie verbracht und was hat man im Großbritannien, Frankreich und Deutschland des späten 19. Jahrhunderts im Sommerurlaub gemacht?

Für die High Society von London und Paris war das Ende der Saison der Startschuss, um die herrschaftlichen Häuser in der Stadt für’s Erste zu verlassen und sich in die Sommerfrische zu begeben. Die Küste war natürlich immer ein beliebtes Ziel und populäre Ferienorte waren zum Beispiel Blackpool und Brighton in Großbritannien. In Frankreich zog es den Adel und das gehobene Bürgertum ebenfalls an Frankreichs Küsten – und in die Französischen Alpen. Auch der deutsche Kurort Baden-Baden war ein beliebtes Ziel: In der „Sommerhauptstadt Europas“ trafen sich wohlhabende Urlauber.innen aus ganz Europa.

Oh, I do like to be beside the seaside – Strandurlaub im viktorianischen England

Die Resortstadt Margate in Kent, colorierte Postkarte, 1897

Britische Kurorte waren für die gehobene Gesellschaft schon seit dem 18. Jahrhundert ein beliebtes Ferienziel. Bath im Süden Englands fällt einem ein, weil Jane Austen den Kurort in ihren Romanen erwähnt hat, oder Harrogate in Nordengland, wo britische und europäische Mitglieder der High Society auch im späten 19. Jahrhundert noch gern Urlaub machten. Das 19. Jahrhundert lockt die Menschen aber nun endgültig ans Meer: Blackpool, Brighton, Scarborough und Broadstairs und Margate können sich im Sommer vor Besucher.innen kaum retten.

Diese Entwicklung ist auf verschiedene Weise der neuen Industrie zu verdanken. Einerseits macht die Eisenbahn es möglich nun Strecken in wenigen Stunden zurückzulegen, für die man zuvor noch mehrere Tage brauchte. Die Küstenorte sind für wohlhabende Londoner – und für Besucher.innen vom Kontinent, die mit der Fähre übersetzen – mit einem Mal leicht erreichbar geworden. Gleichzeitig flüchten die Viktorianer vor der Industrie ans Meer. Denn besonders London ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts für seinen Smog und Schmutz bekannt. Am Meer aber gibt es frischen, gesunden Wind und klare Luft.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelt sich der Küstenurlaub zum Kult, wie wir ihn heute noch kennen. Neue Resorts, die eigens auf die Bedürfnisse wohlhabender Städter zugeschnitten sind, entstehen entlang der britischen Küste. Natürlich gehören auch Theater, Luxushotels und teure Restaurants dazu, die teilweise bis heute bestehen, wie zum Beispiel das Royal Albion Hotel in Broadstairs, in dem unter anderem Charles Dickens gern Urlaub gemacht hat. Und jede Resortstadt muss eine Promenade haben: Eine lange Straße entlang des Strands, auf der man flanieren kann.

Dabei geht es einerseits um gesunde Bewegung, die im Sommerurlaub des späten 19. Jahrhunderts groß geschrieben wird, andererseits aber natürlich auch um’s Sehen und Gesehen werden. Denn die gesellschaftliche Saison mag vorbei sein, doch besonders für Adel und gehobenes Bürgertum ist der soziale Ruf auch im Urlaub alles. Trage ich die neuste Sommermode? Kann ich es mir leisten, im edelsten Restaurant des Resorts zu essen? Dann ist „the prom“ – die Promenade – die erste Anlaufstelle, wo mich hoffentlich Freund.innen und Bekannte von zuhause dabei sehen.

Auch die berühmten viktorianischen Piers, die man in britischen Küstenorten bis heute bestaunen kann, erfreuen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts größter Beliebtheit. Genau wie heute gibt es dort etwas zu essen, Karussells und andere Fahrgeschäfte und ein bisschen Jahrmarkt-Atmosphäre. Und was tat man im Sommerurlaub, wenn man nicht im angesehensten Restaurant speiste, auf der Promenade oder dem Pier flanierte oder am Strand in passender Bademode herumtollte?

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden sportliche Tätigkeiten auch für die Frauen der Oberschicht immer beliebter. Im Sommerurlaub in der Belle Époque konnte man Tennis spielen oder ausreiten, schwimmen gehen und segeln. Ab den 1880er Jahren wurde an vielen Stränden Eselreiten angeboten, das ungefähr so zu verstehen ist wie unser modernes Ponyreiten. Wer hungrig war aß genau wie heute Fish and Chips – Diese wurden 1860 zum ersten Mal angeboten. Auch Eiscreme war in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bereits sehr beliebt bei Strandurlauber.innen.

Les vacances à la plage – Sommerurlaub auf dem Kontinent

Werbeplakate der Eisenbahngesellschaft „Compagnie du chemin de fer de Paris à Orléans“ für Urlaub in den beliebten französischen Küstenresorts, ca. 1890 – 1900

Auch außerhalb von Großbritannien gibt es natürlich ähnliche Kurorte und Resorts entlang der Küsten und im Inland, in denen man in der Belle Époque le gratin, der Oberschicht, begegnen kann. Baden-Baden in Deutschland bleibt beliebt, oder Aix-le-Bains im Südosten Frankreichs, wo sich auch in der Belle Époque noch viele Mitglieder der europäischen Oberschicht zum Kururlaub einfinden. Wer in Frankreich, wo die gesellschaftlichen Regeln etwas ungezwungener sind als in England, ans Meer möchte, der fährt bevorzugt nach Trouville in der Normandie oder Royan an der Westküste: Die Resortstadt erhält 1895 sogar ein Casino zur Unterhaltung der Feriengäste.

Küstenurlaub in Frankreich oder Deutschland verlief ähnlich wie der typisch viktorianische „seaside holiday“ in Großbritannien. Man ging den modischen Aktivitäten nach, spazierte am Strand und auf der Promenade und hielt sich am Strand auf oder badete gar. Der Trend zum Strandurlaub mag seinen Anfang in Großbritannien gefunden haben, fasste jedoch besonders in Deutschland beinahe genauso schnell Fuß. Hier tummelten sich die Herrschaften aus den großen deutschen Metropolen genauso an der Nord- und Ostsee, zum Beispiel in Heiligendamm oder auf Norderney, wie Urlauber.innen aus dem restlichen Europa.

Während es in beinahe allen Küstenresorts in Europa Sitzgelegenheiten und Strandzelte gab, in denen man sich ausruhen konnte, ist der Strandkorb wie wir ihn heute kennen eine deutsche Erfindung, deren Patent 1871 angemeldet wurde. Das bedeutet, dass schon in der Belle Époque die Besucher.innen von deutschen Küstenresorts Strandkörbe zur Verfügung hatten, genau wie wir heute.

Gegen Ende des Jahrhunderts werden die britischen, französischen und deutschen Resortstädte auch für die Mittelklasse immer erschwinglicher – und natürlich nehmen Adel und gehobenes Bürgertum nun immer öfter Abstand. Innovationen im Transport gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20., besonders in der Schifffahrt, die nicht nur die ersten Schnelldampfer, sondern auch die ersten Ozeanriesen für luxuriöse Kreuzfahrten hervorbringt, machen es für die Reichsten nun möglich, lange Sommerferien im auch weit entfernten Ausland zu verbringen.

Sommermode – Dünne Stoffe und helle Farben

Links: Sommerkleid und Hut, ca. 1885 | Mitte: Sommerkleid, -hut und Schirm, ca. 1905 | Rechts: Sommerkleid und -hut, ca. 1910 (© Victoria and Albert Museum, London)

Die Sommermode des 19. Jahrhunderts ist heller, luftiger und verspielter, als die Mode der Saison in der Stadt – Aber lasst euch nicht dazu verleiten zu denken, dass sie weniger modisch wäre. Auch ihre Sommermode beziehen die wohlhabenden Urlauber.innen von den angesagten Designer.innen und, wenn man auf der Promenade nicht unangenehm auffallen möchte, muss die Mode nach den neusten Sommertrends des Jahres geschnitten sein. Dazu gehört natürlich immer auch der passende, modische Strohhut und Sonnenschirm, wie ihr es bei den drei Beispielen oben sehen könnt.

Sommermode muss jedoch nicht nur topmodern sein, sondern auch leicht zu tragen – und zu waschen. Deshalb besteht sie meistens nicht aus Seide, wie Saisonmode, sondern aus hellen Leinen, Musselin, Gaze oder Baumwolle mit vielen Rüschen und Schleifen, in denen die moderne Frau des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Tennis spielen, Segeln gehen und am Strand und auf der Promenade flanieren kann. Im Sommer schwitzt man mehr und, wenn man sich viel draußen aufhält wird die Kleidung auch schneller schmutzig, weshalb Sommermode leicht zu reinigen sein sollte.

Besonders am Meer waren weiße und helle Stoffe, oft in Blau, beliebt. Streifen und Punkte bis hin zum Matrosenkragen dienten als Verzierung. Zu Beginn der Belle Époque, in den 1870ern, halten sich noch die Küstenmoden aus den vorherigen Jahrzehnten: Urlaubsmode ist meist weiß und schlicht gehalten – aber modisch geschnitten – mit dunklen Stickereien. Gegen Ende der 1880er wird Sommermode aber deutlich bunter, wenn sie auch luftig und sommerlich bleibt. Ab den 1890ern wird die Kombination aus Rock und Bluse als Alternative immer beliebter.

Herrenmode hielt sich ungefähr an dieselben Regeln: Die Anzüge der Herren waren modisch geschnitten, aber aus hellen Leinen oder Baumwolle. Dazu trug man ebenfalls Strohhut. Die Melone, der Hut für informelle Anlässe, wurde im Sommer auch getragen. Sie war dann jedoch nicht schwarz, sondern beige oder grau. Zum Segeln trägt der Mann der Oberschicht jedoch dunkles Blau. Ist er Mitglied in einem Segelclub trägt er das Abzeichen seines Clubs stolz an seinem Segeljackett.

Der Sommer geht vorbei – Was tut man, bevor die Saison beginnt?

Ein Strand auf Norderney, colorierte Postkarte, ca. 1900 | Zu sehen sind Strandkörbe und oben links in der Ecke eine typische Promenade

Natürlich verblieb man nicht im Kurort oder im Küstenresort, bis die Saison kurz nach Weihnachten wieder begann. Doch wohin fuhr man, wenn der Sommerurlaub vorbei war? Für die Mitglieder des gehobenen Bürgertums ging es wohl zurück nach Paris, London oder woher sie sonst gekommen waren, doch der Londoner und Pariser Adel hatte ganz eigene Traditionen. Sie besaßen Landhäuser und Châteaus auf dem Land, wo Spätsommer und Herbst verbracht wurden. Hier konnte man weiterhin seinem Lieblingssport nachgehen, reiten und in der Natur spazieren gehen.

Besaß man kein eigenes Landhaus, konnte man sich immer noch von Freund.innen einladen lassen. Feiern in den Landhäusern des britischen und französischen Adels der Belle Époque dauerten meistens mehrere Tage, manchmal sogar Wochen oder Monate. Man tanzte, speiste gemeinsam und ging natürlich auf die Jagd – Für besonders große Freunde der Jagd boten sich Nordengland und Schottland an, wohin es nicht nur Adelige verschlug, die dort ihre Landhäuser hatten, sondern auch herrschaftliche Sportjäger.innen aus dem Rest Europas.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin wurde neben dem Reiten auch das Radfahren immer beliebter. Man sah den Hausherren und seine Gäste jetzt nicht selten auf langen Fahrradtouren durch die unberührte Natur. Auch das Weihnachtsfest wird meist noch auf dem Landsitz gefeiert, bevor es zurück in die Hauptstadt geht, um die Saison mit ihren gesellschaftlichen Anlässen, der strengen Etikette und allen Angenehmlichkeiten, die eine große Stadt der Belle Époque für Adel und gehobenes Bürgertum bereitstellt, erneut zu begehen.


Selbst nachlesen?

Morgan, Nigel & Pritchard, Anette: Power and Politics at the Seaside, 2000.

Walton, John K.: The English Seaside Resort. A Social History 1750-1914, 1983.


Beitragsbild: „Am Strand von Bognor Regis, West Sussex“ von Alexander Mark Rossi, 1887

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