Belle Époque

Die Korsett-Kontroverse: Warum wir immer noch über das Korsett diskutieren

Das infame Korsett war nicht nur hier auf Gaiety Girl schon öfter Thema, sondern ist es auch immer wieder in Diskussionen über moderne Pop-Kultur mit historischen Bezügen. Mythen über das Korsett, das angeblich in Ohnmächte sinken lässt, schmerzhaft zu tragen ist und sogar Krankheiten hervorrufen und töten kann, finden sich beinahe in allen modernen Victoriana-Serien, Filmen und Romanen. Nicht nur ich arbeite seit Jahren gegen diese Mythen und Klischees. Es ist sozusagen ein gemeinsames Anliegen von Kleidungshistoriker_innen, diese Thesen und Behauptungen ins Reich der Mythen zu verbannen, wo sie hingehören.

Denn, wie so oft bei historischer Kleidung, geht es eben nicht nur um Kleidung. Kleidung und Mode haben auch immer gesellschaftlichen und politischen Bezug. Und das Korsett öffnet wie kein zweites Kleidungsstück des 19. Jahrhunderts die Tür für einen Blick hinter das Frauenbild der Epoche, das wir, wenn wir die alten Horrorgeschichten über das Korsett weitertragen, unbewusst aufrechterhalten. Heute möchte ich mir anschauen, welchen Einfluss das nicht nur auf moderne Pop-Kultur hat, sondern auch auf modernen und historischen Feminismus, und was das mit dem Male Gaze, Medizin im 19. Jahrhundert und Moralpanik zu tun hat.


Inhaltswarnung
Diskussion von misogynen Weltbildern, Body Modification, Erwähnung von Krankheiten wie Fibro und Morbus Crohn, Erwähnung von Unfällen/Tod, Erwähnung von Gewalt gegen Kinder, Drogenmissbrauch (Laudanum)

Das Korsett im 19. Jahrhundert

Verschiedene Korsettmoden aus dem 19. Jahrhundert | Links: Korsett, 1840er | Mitte: Korsett, ca. 1876 | Rechts: Korsett, ca. 1893 (Met Museum)

Einen ausführlichen Überblick über die Geschichte des Korsetts habe ich schon 2011 geschrieben und über die Jahre immer wieder nach aktuellem Forschungsstand angepasst. Trotzdem möchte ich mit einem kleinen Überblick beginnen, denn: Das berühmte Stundenglaskorsett des 19. Jahrhunderts, das viele vor Augen haben, wenn sie an das Kleidungsstück denken, sah nicht immer so aus, wie zu seiner Hochzeit um 1880. Über die Jahre passt sich das Korsett immer wieder der aktuellen Mode an. Seine Aufgabe war es einerseits die Stundenglasfigur zu formen, der eigentliche Zweck ist aber das Stützen der Brust und die Entlastung des Rückens – ähnlich wie beim modernen BH.

Das Korsett wird niemals auf der bloßen Haut getragen: Druckstellen, Scheuerwunden und dergleichen sind also eher eine Erfindung von moderner historischer Fiktion als in der Realität verankert. Unter dem Korsett werden eine Chemise – eine Art Hemdkleid – aus Leinen, sowie die Unterröcke getragen. Über dem Korsett trägt man eine Untertaille. So wird sichergestellt, dass das Korsett nicht drückt, aber auch, dass das kostbare Korsett nicht durch Kontakt mit dem Körper beschmutzt wird. Ein wichtiger Punkt, den ich nicht früh genug erwähnen kann, ist: Träger_innen waren durchaus bereit mal (!) auf Komfort zu verzichten, nicht aber auf Sicherheit und Gesundheit.

Unterwäsche im 19. Jahrhundert am Beispiel der 1870er | Links: Chemise, 1876 (Met Museum) | Mitte: Untertaille, 1870er (Met Museum) | Rechts: Komplettes Set Unterwäsche mit Unterröcken, Chemise, Korsett, Untertaille und Tournüre, 1870er (Dänisches Nationalmuseum)

Das Korsett als starres Kleidungsstück, in das man gesperrt wird, sollte auch genau aus diesem Grund zu den Akten gelegt werden, denn das Korsett des 19. Jahrhunderts ist überraschend flexibel: Es besteht für die, die es sich leisten können, meist aus Seide, für ärmere Träger_innen aus den Stoffen, die das Budget zulässt. Das Korsett des 19. Jahrhunderts wird aus mehreren Elementen zusammengenäht, die genau auf die Maße der Person passen, die das Korsett später tragen soll: Wie diese “Streifen” aussehen, bevor sie zum Korsett vernäht werden, lässt sich an diesem Schnittmuster für ein Korsett der 1890er gut erkennen: Diese aufwendige Herstellung macht das Korsett flexibel.

Wir alle kennen doch aber die Geschichten von harten Walknochen oder Metallstreben, die zur Verstärkung genutzt werden. Auch diese sollten wir aber schleunigst wieder vergessen. Walknochen steht in diesem Fall nicht für richtige Knochen, sondern für die Barten: Die sehr biegsamen “Zähne” des Wals, die den Körper nicht einzwängen, sondern sich an seine Form anschmiegen. Sehr häufig wurden Korsetts auch mit so genanntem “Cording” verstärkt: Dafür werden feste Schnüre in die Kanäle eingefädelt, in denen ansonsten die Walbarten sitzen. Man kann die Taille mit beiden Varianten deutlich einschnüren, doch es ist wichtig zu verstehen, dass die verwendeten Materialien immer flexibel waren, nicht starr und hart.

Wer das Korsett in Bewegung sehen möchte, aber keinen Zugriff auf erhaltene Stücke hat, sollte sich auf Youtube unbedingt den “Costubers” zuwenden, die Korsetts aus dem 19. Jahrhundert originalgetreu reproduzieren und tragen. Erst, wenn man ein Korsett des 19. Jahrhunderts in Aktion sieht, versteht man wirklich wie flexibel diese Kleidungsstücke waren. Sehr wertvoll finde ich in diesem Zusammenhang das unten verlinkte Video von Bernadette Banner, die die Chance hatte die Symington Collection zu besuchen. Selbst, wenn man kein Englisch spricht, sprechen die Bilder der Korsetts in dem Video für sich.


Das Korsett des 19. Jahrhunderts war flexibel

Das Korsett und Sport: Reiten, Tennis und Bowling anstelle von angeblicher Bewegungseinschränkung | Circa 1890-1910

Das Korsett des 19. Jahrhunderts ist also kein starrer Stahlkäfig, sondern ein flexibles Kleidungsstück, das die Brust stützt und sich dem Körper anpasst. Woher kommen also die Mythen zum gefährlichen Korsett, das Menschen ersticken und in Ohnmacht fallen lässt, blutige Wunden schubbert oder sie gleich ersticht, indem die spitzen Walknochen durch den Stoff in Lunge oder Herz dringen? Dazu komme ich gleich. Vorweg möchte ich sagen, dass es keine glaubhafte Quelle zu einem durch das Korsett verursachten Tod aus dem 19. Jahrhundert gibt. Es gibt sehr viele Horrorgeschichten aus der Boulevardpresse, denen man aber genauso wenig Glauben schenken sollte, wie heutigen Meldungen in der Boulevardpresse.

Es gibt auch keine Quellen dazu, dass das Korsett reihenweise Träger_innen in Ohnmacht hätte fallen oder um die Atemluft gebracht hätte. Die berühmte “Fainting Couch”, also das Sofa, auf das man kraftlos sinken kann, wenn die Ohnmacht naht, wird erst seit dem 20. Jahrhundert so genannt und wurde zum Sitzen benutzt. Auch die angebliche Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist ein riesiger Mythos, an den viel zu viele Menschen glauben, wenn man bedenkt, wie viele Fotos und sogar frühe Filme existieren, die Menschen in Korsetts in Bewegung zeigen: Tanzend, reitend, Tennis spielend, laufend, Fahrrad fahrend. Dieser kleine Clip von 1899 zeigt dutzende Frauen im Korsett bei einer Fahrradparade durch London. Mein Favorit ist die Dame bei ca. 0:55 Minuten, die praktisch hinterherrast.


Die Wespentaille ist ein Mythos

Auch zu bedenken ist natürlich, wie das Korsett getragen wurde. Denn auch die “Wespentaille” des 19. Jahrhunderts ist ein Mythos. Immer wieder hört man Geschichten von besonders Frauen, die ihre Taillen angeblich auf nur 45cm geschnürt hätten. Berühmte Beispiele sind die It-Girls Polaire und Camille Clifford, die beide um 1900 berühmt waren. Die gefährliche und unbequeme Wespentaille findet ebenfalls Erwähnung in zeitgenössischen Karikaturen und, wieder, in der Boulevardpresse. Geht man von diesen Berichten aber weg und schaut sich erhaltene Korsetts an, stellt sie sich sehr schnell als Mythos heraus: Die meisten erhaltenen Korsetts haben einen Taillenumfang von ca. 60cm bis 70cm.

Der Kontrast zwischen schmaler Taille und breiten Hüften und Schultern war zwar modern, wurde aber nicht durch starkes Einschnüren erreicht, sondern durch Schulter- und besonders Hüft- und Brustpolster. In den 1880ern sorgten große Tournüren für den gewünschten Effekt, in den 1890ern die immer größer werdenden Puffärmel und Hüte. Viele Menschen schnürten ihre Taillen tatsächlich gar nicht ein: Das Korsett gibt auch die gewünschte grade Haltung und Stundenglasfigur, wenn man es nur locker schnürt. Polster, Hüte und andere Hilfsmittel tun den Rest.

Hier ist auch zu beachten, wer diese Korsetts getragen hat: Die durchschnittliche Körpergröße von cis Frauen lag zum Beispiel bei ca. 1,60cm, was eine 60cm-Taille in ein anderes Licht rückt. Viele der erhaltenen, sehr kleinen Stücke haben außerdem jungen Mädchen zwischen 16 und 20 gehört: Natürlich gab es für jeden Lebensabschnitt ein neues, passendes Korsett, weshalb diese Korsetts, die nicht so lang getragen wurden, erhalten geblieben sind, die länger getragenen, größeren Korsetts von erwachsenen Menschen aber seltener. Hinzu kommt der sogenannte Größenbias, der zum Tragen kommt, wenn es darum geht welche Stücke konserviert und ausgestellt werden: Hier werden leider oft kleinere Größen bevorzugt, was es unmöglich macht einen realistisch Durchschnitt anhand der erhaltenen Stücke abzulesen.

Frühe Bildbearbeitung | Links: Die auffällig hellen Stellen rund um Camille Cliffords Hüften und Taille stammen von der Retouche, ca. 1900 | Rechts: Im Gegensatz zum restlichen Hintergrund ist die Fläche um Polaires Taille auffällig eintönig, ca. 1905

Wer jetzt alte Fotografien raussuchen möchte, um zu beweisen, wie viele Frauen schmale Taillen gehabt haben, sollte ebenfalls bedenken, dass frühe Fotomanipulation nicht nur möglich war, sondern sehr beliebt. Heute benutzen wir Instagramfilter, im 19. Jahrhundert wurden Taillen reihenweise bei der Bildbearbeitung schmaler gezeichnet. Hierfür wurde ein einfarbiger Bildhintergrund gewählt, sodass man bei der Bearbeitung einfach mit Pinsel und Farbe Taille und Hüften verkleinern konnte. Schaut man genau hin, sieht man das auch, selbst auf den Fotos von It-Girls wie Polaire und Camille Clifford, die für ihre angeblich extrem schmalen Taillen berühmt waren.

Genau wie Models heute in Schönheitsideale gephotoshoppt werden, denen sie selbst nicht entsprechen, passierte dasselbe um 1900 auch mit damaligen Models wie Camille Clifford. Das soll nicht heißen, dass es keine Menschen gegeben hat, die das sogenannte “Tight-Lacing” auch im echten Leben betrieben haben. Trotzdem war die 45cm-Taille bei Weitem nicht die Norm und vor allem, und diesen Punkt würde ich am liebsten ganz dick unterstreichen: Sie war kein Zwang. Genau wie der moderne BH galt das Korsett im 19. Jahrhundert als gesellschaftliches Muss, ohne das man etwas exzentrisch wirkte. Gleichzeitig blieb es aber den Träger_innen selbst überlassen welche Art von Korsett sie trugen oder ob sie die Taille einschnüren wollten oder nicht.


Moralpanik: Das Korsett und die “Ideale Frau”

Links: Der “Male Gaze”. Ein Mann sieht Korsetts in einem Schaufenster und denkt abwertend an die Frauen in seinem (Liebes)Leben, Honoré Daumier, 1840er | Rechts: Ein von Frauen geführtes Korsettgeschäft in Frankreich, ca. 1910er

Das Korsett ist also nicht das Leid und Tod bringende Folterinstrument, in das besonders Frauen von Männern gezwungen und unter Schmerzen auf eine 45cm-Taille geschnürt wurden. Es ist, so gesehen, ein ganz normales Stück Unterwäsche, das Rücken und Brust stützen soll und in dem man sich frei bewegen, arbeiten und Sport treiben kann. Ich möchte nicht bestreiten, dass das Tragen eines Korsetts einem gewissen gesellschaftlichen Zwang unterlag (ähnlich wie heute das Tragen eines BHs), doch dieser Zwang ist nicht so zu verstehen, dass Träger_innen reihenweise gegen ihren Willen eingeschnürt wurden. Der BH-Vergleich macht wohl am einfachsten anschaulich, wie der Stellenwert des Korsetts zu verstehen ist.

Woher kommen also all die Horrorgeschichten über Frauen, die in Korsetts gezwungen wurden, nicht atmen konnten, in Ohnmacht gefallen sind, krank wurden und sogar starben? Hier schlage ich den Bogen zum Feminismus, denn tatsächlich basieren die meisten dieser Klischees auf dem misogynen Frauenbild des 19. Jahrhunderts: Der als weiblich verstandene Körper war, so die Annahme, von Natur aus schwach und musste gestützt werden. Gleichzeitig wurde das Tragen des Korsetts jedoch besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als unmoralisch und arrogant verstanden, da es die natürliche Form des als weiblich verstandenen Körpers permanent veränderte: Je schmaler die Taille, umso arroganter und unmoralischer die Trägerin.

Der Male Gaze in Aktion | Bildunterschrift: “Hier ist eine kleine Dame, deren Gesicht ich gern gesehen hätte. Aber dafür hätte ich einen großen Umweg machen müssen und dafür hatte ich keine Zeit.” | Französische Karikatur, ca. 1860er

Hier enthüllt sich das zweischneidige Frauenbild der Epoche: Die Frau im Korsett war im cis/hetero männlichen Blick gleichzeitig eine Art Fetisch und etwas Skandalöses, Unmoralisches. Ein großes Problem der Rezeption dieses Weltbilds ist, dass der sexistische Charakter selten erkannt oder hinterfragt wird. Viele Leute sehen die Frau im Korsett deshalb entweder als arrogante und oberflächliche Frau, die für Mode ihre Gesundheit ignoriert, oder als leidendes Opfer, das sich unter Schmerzen ins Korsett schnüren lässt und sich nicht wehren kann. Beide Bilder sind nichts als Karikaturen der Lebensrealität von Frauen im 19. Jahrhundert und nehmen diesen Träger_innen die eigene Motivation und Agency.

Dass die Korsettkontroverse ausgerechnet Ende der 1860er in Fahrt kommt, ist auch kein Wunder. Nachdem in der Mitte des 19. Jahrhunderts Bescheidenheit und Schlichtheit (Stichwort: “Der Engel im Haus“) angesagt sind, entwickelt sich ab den 1860ern eine neue Art der Frauenbewegung, in deren Zuge auch die Mode wieder aufregender und unkonventioneller wird. Dazu gehören die weiten Krinolinen und auch das Betonen der Figur mithilfe des Korsetts. Frauen werden selbstbewusster, Kleiden sich individueller und nehmen vor allem auf der Straße mehr Platz ein, anstatt zu Hause zu bleiben: Das Ergebnis sind misogyne Spottschriften und -bilder, die auf das neue Korsett und die Krinoline zielen: Moden, die Frauen freiwillig tragen.

Aus dieser Ecke kommen auch komplett unhaltbare Mythen von gebrochenen Rippen, durchstochenen Lungen und Herzen und dergleichen. Es gibt für diese Mythen keinerlei historische Belege und doch sind sie weit verbreitet, weil sie das Bild der oberflächlichen Frau, die für Mode und Trends ihr eigenes Leben riskiert, untermauern. Ähnliches gilt für die Frau, die sich die unteren Rippen entfernen lässt, um eine noch schmalere Taille schnüren zu können: Dieser Eingriff wäre im 19. Jahrhundert überhaupt nicht möglich gewesen, da viel zu gefährlich, und von keinem Arzt durchgeführt worden. Und somit komme ich jetzt zur Medizin des 19. Jahrhunderts und der Korsett-Kontroverse.


Medizinische Fehlschlüsse und Bias

Links: Angebliche durch das Korsett verursachte Schäden, letztes Drittel des 19. Jahrhunderts | Rechts: Frau mit “Durchschnittstaille” im Korsett, unbearbeitetes Bild, ca. 1890er

Aber was ist mit all den Ärzt_innen, die vor dem Korsett warnten? Sicherlich wussten diese Menschen Bescheid? Nun, sagen wir es so: Wir haben den Großteil des medizinischen “Wissens” des 19. Jahrhunderts nicht ohne Grund hinter uns gelassen: Die Medizin war in dieser Zeit noch nicht allzu weit entwickelt. Wieso sollte hier ausgerechnet beim Korsett eine Ausnahme bestehen? Hinzu kommt, dass die Befunde von meist männlichen Ärzten auch deutlich von der oben genannten Moralpanik über das Korsett gefärbt waren. Bis heute werden medizinische Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert als “Beweis” herangezogen, wie gefährlich das Korsett gewesen ist. Fakt ist aber, dass diese Zeichnungen veraltet sind und keinen Mehrwert haben oder jemals hatten.

Es stimmt, dass das langjährige Tragen des Korsetts den Körper nachhaltig verformt. Das ist aber in dem für das 19. Jahrhundert realistischem Ausmaß völlig ungefährlich: Wie oben bereits angesprochen, schnürten die meisten Menschen ihre Taille nur wenige Zentimeter schmaler oder sogar gar nicht. Die Zeichnung oben rechts zeigt gut, was das Problem mit “medizinischen Beweisen” für die Gefährlichkeit des Korsetts aus dem 19. Jahrhundert ist. Die “ideale Frau” (der Venus von Milo nachempfunden) gegen die modische Frau des späten 19. Jahrhunderts, die Korsett trägt. Die medizinische Basis dieser Zeichnung ist kaum gegeben, viel eher argumentiert sie mit dem gesellschaftlichen Idealbild der Epoche.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der dieselben Ärzt_innen, die das Korsett verteufelten denselben Menschen, sehr oft Frauen, für jedes kleine Leiden das opiumhaltige und süchtigmachende Laudanum verschrieben. An dem daraus resultierenden Suchtverhalten und unbeabsichtigten Überdosen verstarben deutlich mehr Menschen als am Tragen des Korsetts. Die Ärzte und das medizinische Verständnis des 19. Jahrhunderts sind also nicht der Ort, an dem wir nach fundierten medizinischen Meinungen zum Korsett suchen sollten. Interessanter ist vielleicht der Videoclip, in dem Eckhart von Hirschhausen 2014 im “Quiz des Menschen” zeigt, wie eine Frau im Korsett tatsächlich von innen aussieht, in diesem Blogpost analysiert von Lucy’s Corsetry.


Die Korsett-Kontroverse

Unerklärliche Todesfälle wurden oft auf das Korsett geschoben | Links: Schauspielerin Kitty Tyrell starb an einem Herzfehler, der auf ihr Korsett geschoben wurde | Rechts: Schauspieler und “Female Impersonator” Joe Henella starb an Nierenversagen, Schuld war angeblich das Tight-Lacing

Die Korsett-Kontroverse ist die hitzige Debatte rund um das Korsett, die ab den 1860ern in Zeitungsartikeln, Kolumnen und Leserbriefen geführt wurde. Es kam zu richtigen verbalen Schlagabtauschen zwischen Leser_innen und Journalist_innen, und viele der Leserbriefe aus dieser Zeit werden heute als Beweis dafür verstanden, wie unbequem und schmerzhaft das Korsett zu tragen war. Das finde ich aus mehreren Gründen sehr problematisch, allen voran natürlich, dass sich die Authentizität dieser Leserbriefe nicht prüfen lässt. Während man heute jeden Nonsens anonym ins Internet schreibt, war der Leserbrief im 19. Jahrhundert das beliebteste Medium dafür.

Zu bedenken ist, dass auch die authentischen Stimmen dieser Leser_innen, die sich für oder gegen das Korsett aussprechen, einerseits vom Frauenbild ihrer Epoche geprägt sind und andererseits nur über den medizinischen Wissenstand des späten 19. Jahrhunderts verfügen. Ein Leserbrief, der dem Korsett die Schuld an chronischen Schmerzen und Krankheiten gibt, ist also nicht automatisch eine glaubhafte Quelle dafür, denn sehr oft steckten dahinter damals noch unbekannte Krankheiten wie zum Beispiel Fibromyalgie oder Morbus Crohn, die man sich noch nicht erklären konnte und auf das Korsett schob, das durch die Debatte eh schon einen schlechten Ruf hatte.

Hinzu kommen die Horrorgeschichten von Müttern und Lehrerinnen, die junge Mädchen in Korsetts zwingen und sie sogar darin schlafen lassen. Auch hier gilt: Diese Informationen stammen aus anonymen Leserbriefen und es lässt sich nicht mehr feststellen, ob sie der Wahrheit entsprechen oder ob sie sich jemand ausgedacht hat, um den eigenen Standpunkt zu untermauern. Wer sich damit rühmt nicht alles zu glauben, was irgendwelche Leute anonym in Internetforen schreiben, sollte anonyme Leserbriefe aus dem 19. Jahrhundert mit genauso viel Vorsicht betrachten, denn die Korsett-Kontroverse war – aufgrund der oben angesprochenen Moralpanik – eine sehr aufgeheizte Debatte.

Als Historikerin würde ich euch deshalb zum Abschluss bitten, quellenkritischer zu arbeiten. Ein Leserbrief einer Mutter, die ihrer 13-jährigen Tochter die Hände zusammenbindet, damit sie ihr verhasstes Korsett nicht ausziehen kann, ist – selbst wenn authentisch und genauso passiert – kein Beweis dafür, dass das eine häufige Praxis oder das Korsett unbequem und gefährlich war. Es wäre höchstens ein Beweis für eine missbräuchliche Mutter-Tochter-Beziehung. Hinzu kommt der reißerische Charakter der Presse, besonders der Boulevardpresse, im 19. Jahrhundert: Wenn etwas schockierend genug ist, muss es nicht wahr sein, um auf allen Titelblättern zu landen.


Abschließendes

Zwei Pin-Up-Bilder, ca. 1900-1910 | Das Bild links zeigt das bekannte Klischee, dass man zum Schnüren des Korsetts Hilfe braucht. Tatsächlich kann man das Korsett aber problemlos allein schnüren

Natürlich kann und möchte ich nicht behaupten, dass alle Menschen des 19. Jahrhunderts gern Korsett getragen haben. Ich möchte mit diesem Artikel viel eher ein paar alte Mythen und Klischees aufklären und das infame Korsett entromantisieren. Denn aus meiner Sicht als Historikerin, die sich seit rund zehn Jahren mit Kleidergeschichte beschäftigt, ist das Korsett eben nichts weiter als der BH des 19. Jahrhunderts: Es stützt Brust und Rücken und obwohl es gesellschaftlich erwartet wurde, es zu tragen, gab es keinen Zwang und genug Menschen, die auch damals schon auf das Korsett verzichtet haben – und durften.

Ich hoffe, ich konnte euch heute einen kleinen Einblick geben, wie ein Korsett aussieht, hergestellt und getragen wird und warum unser modernes Bild des Korsetts so negativ verzerrt ist. Die medizinischen Fehlschlüsse des 19. Jahrhunderts und die deutlich misogyn gefärbte Moralpanik rund um das Korsett im späteren 19. Jahrhundert beeinflussen noch heute stark, wie wir das Korsett sehen: Hinzu kommen die historischen Medien des 20. Jahrhunderts, die das Korsett oft aus Unverständnis für frühere Moden heraus zeigen. Scarlett O’Hara, die sich in “Vom Winde verweht” (1939) am Bettpfosten festhält, während sie ins Korsett geschnürt wird, basiert nicht auf historischen Tatsachen, sondern auf misogynen Karikaturen aus dem 19. Jahrhundert, die sich über “Modeopfer” lustig machen.

Am Ende liegt der Kern des Problems wohl in fehlender Quellenkritik. Jede Karikatur, jeder anonyme Leserbrief, jede medizinische Fehleinschätzung, jede reißerische Schlagzeile und jeder vom misogynen Frauenbild des 19. Jahrhunderts gefärbte Kommentar wird für bare Münze genommen. Und die Klischees halten sich hartnäckig, egal wie viele Historiker_innen sie – oft sogar im Selbstversuch – widerlegen. Wir werden das Korsett als Folterinstrument wohl noch sehr oft in historischer Fiktion sehen (und ich werde mich jedes Mal darüber ärgern), doch ich hoffe, dass ich euch heute einen etwas komplexeren Einblick in das Thema mitgeben konnte.


Quellen und Weiterführendes:

Banner, Bernadette: What did Victorian Corsets Actually Look Like? Examining Corsets from the Symington Collection. 2019. (Video)

Barrington, Mandy: Stays and Corsets. Historical Patterns for the Modern Body. 2015.

Cox, Abby,/Libes, Kenna/Costuming Drama: Busting Myths: Size Inclusion with Extant Garments. 2020. (Video)

Lucy’s Corsetry: Corset Wearer’s Organs Illuminated by MRI. 2014.

Redthreaded: “That Waist!” – Photo Editing at the Turn of the Century. 2017.

Steele, Valerie: The Corset. A Cultural History. 2001.

Wroe, Hannah: How-to Guide. Make your Own Symington Corset. 2014.

Żebrowska, Karolina: How Victorian Men Taught Us to Hate Corsets. The Biggest Lie in Fashion History. 2020. (Video)


Beitragsbild: “Frau im Korsett vor der Kamera”, Jacques Wely für “Paris-Vivant”, 1901