Mode & Kleidung

Halloween 1899: Unheimliche Kostüme aus dem 19. Jahrhundert

Vor einigen Jahren habe ich schon einmal über die Faszination Kostümball in der Belle Époque geschrieben. In meinem Artikel dazu habe ich das Buch “Fancy Dresses Described” (1896) von Arden Holt erwähnt, eine Art Lexikon, in dem die beliebtesten Kostüme der Ära aufgelistet sind, um den Ballgänger_innen die Entscheidung leichter zu machen. Das Buch beschreibt außerdem, wie die Kostüme hergestellt werden können. Heute möchte ich euch als eine Art Halloween Special die unheimlichsten Kostüme aus diesem Buch vorstellen, denn die Menschen der Belle Époque liebten das Makabre und Gruselige – nicht nur zu Halloween.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist der Kostümball meistens eines der opulentesten und prächtigsten Ereignisse des Jahres: Nicht nur die Gäste schmücken sich heraus, auch der Ort des Geschehens ist kreativ dekoriert, meist mit einem Thema. Oft werden historische Themen gewählt, zum Beispiel das 18. Jahrhundert, doch auch hier ist die Belle Époque gern kreativ. Die Kostümbälle der High Society sind legendär für ihre ausufernde Dekadenz, die sich natürlich auch in den Kostümen selbst zeigt: Jede_r möchte das ausgefallenste, schönste und vor allem modischste Kostüm tragen, jede_r möchte der Blickfang des Abends sein.

Und das gelingt bestimmt in Kostümen wie diesen. Während die Beschreibungen alle aus dem Ratgeber von Holt stammen und oft sehr detailliert sind (weshalb ich sie etwas zusammenkürze), muss dazu gesagt werden, dass diese eher als Tipp oder Anregung zu verstehen sind. Hatte man sich für ein Kostüm entschieden, entwarf man meist mit der Schneiderin gemeinsam eigene Ideen und Details, die das Kostüm einzigartig machten. Denn, wenn man eines nicht wollte, war es natürlich genau dasselbe Kostüm zu tragen wie jemand anders. Hinzu kam, dass die Basis des Kostüms natürlich der neusten Mode entsprechen musste, die sich rasch veränderte.


Inhaltswarnung
In diesem Artikel kommen Tiere und Insekten wie Spinnen, Schlangen und Käfer vor.

Wesen der Nacht: Dämmerung und Fledermaus

Links: “Nacht”-Kostüm, ca. 1900 | Mitte: Illustration, “Nacht” oder “Dämmerung”, 1896 | Rechts: “Fledermaus”-Kostüm, 1900-1910

Was passt besser zu Halloween, der Nacht, in dem die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten besonders dünn sein soll, als eine Verkleidung als Wesen der Nacht? In “Fancy Dresses Described” finden sich gleich mehrere Möglichkeiten um als düstere Schönheit auf jedem Kostümball positiv aufzufallen. Wie beliebt diese Kostüme waren, sieht man schon allein daran wie viele Fotografien von Menschen in Nacht-, Dämmerungs- und Sternenhimmelkostümen uns erhalten geblieben sind. In “Fancy Dresses Described” sind zum Beispiel folgende Kostüme beschrieben:

Als “Mitternacht” wird ein Kleid aus schwarzem Tüll getragen, auf das silberne Sterne aufgenäht sind: So wie bei der Frau oben links. Accessoires sind ein silberner Schleier, Eulenfedern und ein Halbmond als Kopfschmuck. Die “Dämmerung” hingegen trägt verschiedene Schattierungen von Grau oder Blau, ebenfalls mit silbernen Sternen benäht, und dazu Schal oder Schleier aus rosa Spitze oder Tüll. Hinzu kommen Broschen in der Form von Fledermäusen oder Insekten. Besonders extravagant sind der mit Käferflügeln besetzte Fächer oder die mit Motten bestückte Krone, sowie das Zepter mit dem Stern oder Halbmond.

Sehr beliebt ist auch die Fledermaus. “Fancy Dresses Described” schlägt ein Kleid in grau, blau und gold vor, mit langen Ärmeln, die Fledermausflügel darstellen sollen, und einer Fledermaus im Haar, wie bei der Frau oben rechts. Auch beliebt waren jedoch nachtschwarze Kleider und Capes, die als Flügel dienten. Die Fledermaus kann lustig aussehen, mit Fledermausohren als Haarschmuck, oder mysteriös und gruselig, je nach Anlass oder Geschmack. Sie war in der Belle Époque, wenn man nach den erhaltenen Fotografien und Modezeichnungen geht, jedenfalls ein richtiger Dauerbrenner, was sicherlich auch am dramatischen Effekt der Cape-Flügel lag.

Das interessanteste Kostüm dieser Art ist jedoch die “Mondfinsternis”: Das Kostüm ist in der Mitte geteilt, die eine Seite ist schwarz wie die Nacht, die andere Gold und Gelb wie der Mond. Man trägt dazu jeweils einen Handschuh und einen Schuh in den jeweiligen Farben. Im Haar stecken auf der einen Seite schwarze Blumen, auf der anderen goldene. Ähnlich funktioniert das “Nacht und Tag”-Kostüm, bei dem ebenfalls die eine Seite die Nacht und die andere Seite den Tag symbolisiert. Diese Kostüme waren sicherlich richtige Hingucker, aber auch am aufwendigsten und teuersten herzustellen: Junge Debütantinnen, die im Mittelpunkt stehen sollten, wären geeignete Trägerinnen gewesen.


Das Übernatürliche: Schwarze Katzen, Hexen und Teufel

Links: Lady Gerard als Mondgöttin Astarte, 1897 | Mitte: Nacht-und-Tag-Kostüm, ca. 1900 | Rechts: Fledermaus, ca. 1900

Auch die Hexe ist ein sehr beliebtes Kostüm der Belle Époque. Sie kommt in “Fancy Dresses Described” in zwei Variationen vor: Die normale Hexe trägt ein rotes Kleid, auf dessen Rock Katzen und Echsen aus schwarzem Samt aufgenäht sind, einen goldgelben Überrock und natürlich einen schwarzen Hexenhut. Hinzu kommen als Accessoires je nach Belieben Schnallenschuhe, ein Besen, eine Eule und sogar eine schwarze Stoffkatze, die entweder in der Hand getragen oder auf der Schulter oder am Besen befestigt wird. Die “weiße Hexe” hingegen trägt, natürlich, weiß und das von Kopf bis Fuß. Auch sie trägt einen spitzen Hut, aber sieht weniger unheimlich aus.

Im “Irrlicht”-Kostüm findet sich ein Trend wieder, der in den 1880ern und 1890ern besonders bei High-Society-Damen, die es sich leisten konnten, sehr beliebt war: Elektrisches Licht. Das Irrlicht trägt ein schwarzes Kleid, das über und über mit schillernden Pailletten bestickt ist, es hält eine Laterne in der Hand und an einem Stirnband hängt ein leuchtender Stern: Die Batterie wird in den Haaren versteckt. Auch andere Kostüme können natürlich von diesem Effekt Gebrauch machen: Die Nacht kann zum Beispiel ein Diadem aus leuchtenden Sternen tragen. Wer dieses teure, extravagante Kostüm trägt, kann sich sicher sein, der Star des Abends zu sein.

Ein bisschen risqué ist das nächste Kostüm: Die Dämonin oder Teufelin. Sie trägt scharlachrot und einen Stehkragen, kann Fledermausflügel auf dem Rücken haben oder ein Cape tragen, und natürlich hat sie Hörner: Entweder richtige Teufelshörner, die an einem Kopfband befestigt sind, oder “Hörner” aus langen Federn, die am Hut stecken. Rote Strümpfe sind ein beliebtes Accessoire und wer aufs Ganze gehen möchte, hat einen Dreizack dabei. Der Dämon oder Teufel war für alle Geschlechter ein beliebtes Kostüm, und besonders auch für Kinder, bei denen der “kleine Teufel” natürlich eher einen niedlichen Charakter hatte als einen unheimlichen.

Etwas abstrakter ist das “Aberglaube”-Kostüm: Die Basis ist ein schwarzes Kleid, auf das die Zahlen sieben und dreizehn aufgenäht sind, oder Leitern, schwarze Katzen, Schädel, Knochen und alles, was sonst noch Unglück bringt. Im Haar werden Opale oder Pfauenfedern getragen. Die schwarze Katze gehört zumindest für diesen Artikel auch in diese Kategorie: Man trägt ein schwarzes Kleid, ein Fellcape und eine Haube aus Fell mit Katzenohren, auf die auch Plastikaugen aufgenäht sein können. Das Halsband mit Glocke darf natürlich auch nicht fehlen. 


Herbstliches: Spinnennetz und Kürbis

Links: Mademoiselle Urquhart als Hexe, 1880er | Mitte: Annie Harrington als Spinne, ca. 1880 | Rechts: Illustration “Dämonin”, aus “L’Art Du Travestissement”, 1885

Nicht alle Halloweenkostüme müssen schaurig sein, manchmal reicht es auch, etwas herbstliche Atmosphäre aufkommen zu lassen. Auch für diesen Zweck weiß “Fancy Dresses Described” Rat. Eine Verkleidung als Spinnennetz erfordert zum Beispiel ein graues Tüllkleid, das mit silbernen Spinnweben bestickt ist, die im Ballsaallicht glitzern. Wer gleich ganz als Spinne gehen möchte, trägt braune Seide, auf die ebenfalls Spinnweben gestickt oder gemalt sind. An den Saum sind braune Stoffspinnen gestickt, die sich im Schmuck und im Haar wiederfinden. Dieses Kostüm ist natürlich wirklich nicht für jede_n etwas.

Etwas verträglicher ist die Schlange: Sie trägt schwarzen Tüll, auf den mit glitzernden Pailletten eine Schlange gestickt ist, die sich um den Körper windet. Goldene Schlangen als Arm- und Halsreif, sowie als Haarkrone, sind ein Muss. Sehr herbstlich kommt hingegen die Krähe daher: Sie trägt ebenfalls ein schwarzes Kleid, auf das schwarze Federn gestickt sind, eine Kappe mit Schnabel und, ähnlich wie die Fledermaus, entweder ein schwarzes Cape oder “Krähenflügel”, die sich dramatisch auffächern lassen. Krähen- und Fledermauskostüme überschneiden sich nicht umsonst oft mit Nacht- und Dämmerungskostümen, das Motiv war sehr beliebt. 

Deutlich symbolischer ist der Oktober: Das Kleid ist in Rot-, Braun-, Gold- und Cremetönen gehalten, als Verzierungen und Schmuck dienen herbstlich verfärbte Blätter und Eicheln. Das in meinen Augen beste Kostüm habe ich mir jedoch natürlich für den Schluss aufgehoben: Den Kürbis. Laut “Fancy Dresses Described” ist ein “kartoffelfarbenes” Kleid von Nöten, das über und über mit Karotten, Pastinaken, Rettich, Kohl und Brokkoli behangen sein sollte. Der Rock muss die Form eines Pilzkopfes haben, die Strümpfe grün sein und der Hut ist, wie sollte es auch anders sein, dem Deckel eines Kürbisses samt Stiel nachempfunden. Happy Halloween.


Der Kostümball im Kontext

Während Halloweenbälle besonders in Nordamerika tatsächlich durchaus beliebt waren, wurden all diese Kostüme jedoch eher zu gewöhnlichen Kostümbällen getragen: Kostümbälle erlaubten es Mitgliedern der gehobenen Gesellschaft für eine Nacht der strengen Etikette zu entfliehen, was leicht verruchte Kostüme wie die Teufelin, erhabene Königinnen der Nacht oder die Schlange umso beliebter gemachte. Das Kostüm sollte den eigenen Status zementieren und vor allem Gesprächsstoff bieten, über den nicht nur Bekannte und Freund_innen sprachen: Viele Kostümbälle wurden für alle, die nicht selbst eingeladen waren, detailliert in Zeitungen und Magazinen geschildert.

Während “Fancy Dresses Described” ein sehr beliebtes Buch war, war es deshalb längst nicht der einzige Guide, der Träger_innen die wichtige Wahl des Kostüms erleichtern sollte. Es kursieren also noch viele weitere Möglichkeiten diese und andere Kostüme zu interpretieren, doch zumindest gibt das Buch einen guten Überblick darüber, was im Trend lag. Wer es weniger schaurig mag, könnte sich mithilfe von “Fancy Dresses Described” auch als Postamt, Papierkorb oder Mehlsack verkleiden. Die 15. lustigsten Kostüme aus dem Buch habe ich letztes Jahr auf Twitter vorgestellt. Aber wie sieht es bei euch aus? Welches dieser Kostüme würdet ihr am ehesten tragen? Die Dämmerung, die Krähe oder doch lieber den Kürbis?  


Beitragsbild: Eine als Hexen verkleidete Gruppe, ca. 1910

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