Es ist Herbst: Die Tage werden kürzer und kühler, die Blätter werden erst rot, dann braun, bis die Bäume kahl sind, und morgens wabert Nebel über den Feldern. Für manch eine_n ist der Herbst auch heute noch eine melancholische Zeit, andere – wie ich – finden den Herbst mit seinen Farben und dem grauen Wetter sehr schön. Für die wohlhabenden Mitglieder der Gesellschaft hat der Herbst jedoch eine deutlich größere symbolische Bedeutung, denn mit ihm endet nicht nur der Sommer, sondern auch die schillernde gesellschaftliche Saison in der Stadt, die voller Unterhaltung, sozialer Kontakte und rauschender Feste war, oder der Sommerurlaub in einem Seebad an der Küste.

Viele Adelige kehren im Spätsommer auf ihre Landsitze zurück, für sie beginnt nun der ruhige Teil des Jahres: Die großen Herrenhäuser sind ihre eigentliche Heimat, während die Stadthäuser in den europäischen Metropolen nur während der Saison bewohnt sind. Wer nicht adelig und wohlhabend genug für ein Landhaus ist, wird mit etwas Glück von Bekannten eingeladen, oder verbleibt in der Stadt und verbringt einen ruhigeren Herbst mit Spaziergängen im Park, entspannten Dinnertreffen und Partys im kleineren Kreis mit den ebenfalls in der Stadt verbleibenden Freund_innen und, sobald es wirklich kalt wird, mit langen Abenden vor dem Kaminfeuer, lesend oder mit Handarbeiten oder Gemeinschaftsspielen mit der Familie.

Auf dem Land: Der Herbst der High Society

Links: “Herbstblätter”, John Everett Millais, 1856 | Mitte: “Die Pariserin auf dem Land”, Alfred Stevens, 1880er | Rechts: “Herbst”, Winslow Homer, 1877

Für viele Mitglieder der High Society war der Herbst deshalb eine eher triste Angelegenheit, denn er bedeutete das Ende der Saison: Die großen sozialen Ereignisse, bei denen man nicht nur sah und gesehen wurde, sondern auch Kontakte knüpfte und sich amüsierte, lagen nun in der Vergangenheit und man blickte der kalten Jahreszeit entgegen. Der Herbst war die Zeit für Reflexion und ein bisschen Nostalgie, aber auch für Erholung auf dem Land. Wer konnte floh für den Herbst und Winter aus der Stadt: Ob man nun ein eigenes Landhaus besaß, eines anmietete oder von Freund_innen für mehrere Wochen auf deren Landsitz eingeladen wurde.

Natürlich waren auch diese Zusammenkünfte auf den Landsitzen des Adels ein soziales Event, das einer eigenen Etikette folgte. Die Gäste, die manchmal den gesamten Herbst blieben aber mindestens für einige Wochen, mussten unterhalten werden: Die Zeit wurde, wann immer das Wetter es zuließ, gemeinsam in der Natur verbracht. Lange, entspannte Spaziergänge und Ausritte über die Ländereien standen auf dem Programm, gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch Fahrradtouren. Wanderungen, bei denen Bäume, Pilze und Nüsse bestimmt wurden, waren beliebt, aber auch Angelausflüge und natürlich ganz besonders die Jagd.

Auch die Jagd unterlag eigenen Regeln und einer besonderen Etikette: Am ersten September beginnt die Saison für das Rebhuhn, am ersten Oktober geht die Fasanenjagd los und im November steht Wild auf dem Plan. Die Jagd ist vor allem ein soziales Event: Eine Gruppe besteht meistens aus bis zu zwanzig Jäger_innen, die zu Pferde und mit Jagdhunden ausgestattet losziehen. Eine erfolgreiche Jagd wird am Abend mit einem rauschenden, herbstlich dekorierten Jagdball auf dem Landsitz gekrönt. Was man geschossen hatte, stand beim Abendessen als ausuferndes Festmahl zusammen mit Suppen, Pasteten und Herbstsalaten auf dem Tisch.

Wild-und Fuchsjagd unterliegen im 19. Jahrhundert, genauso wie zum Beispiel auch Angelausflüge oder andere Unternehmungen im Herbst, strengen Ablaufregeln. Sie sollen Spaß machen, sie sind aber auch immer ein Ausdruck von Privileg und sozialem Stand: Der Hausherr, auf dessen Land sich die Gruppe befindet, hat immer Vorrecht und das Landhaus, die Pferde und Hunde, die spezielle Jagdkleidung, die üppig ausgestatteten Dinners und Feste, selbst das Gewehr sind auch immer Statussymbol: Jede_r möchte die neuste Mode tragen, das teuerste Fest ausrichten, das schönste Pferd reiten. Die Jagd ist nicht umsonst ein Privileg des Adels.

Auf dem Feld: Erntebräuche und Erntedank

Links: “Ein Herbstmorgen”, Henry Herbert La Thangue, 19. Jh. | Rechts: “Oktober”, Jules Bastien-Lepage, 1878

Für den größten Teil der ländlichen Bevölkerung war der Herbst jedoch kein entspannendes Vergnügen auf dem eigenen Landsitz, sondern eine Zeit harter Arbeit: September, Oktober und November sind in Nord- und Mitteleuropa und Nordamerika traditionelle Erntemonate. Heu, Kartoffeln, Bohnen, Äpfel, Getreide und vieles mehr müssen geerntet werden, um nicht nur das eigene Überleben zu sichern, sondern das der gesamten Gemeinschaft: Bauernhöfe und Farmen versorgen nicht selten die umliegenden Dörfer. Geschlachtet wird meist anschließend an die Erntezeit im November. Dann wird alles für den langen Winter haltbar gemacht.

Die Ernte war für die ländliche Bevölkerung seit jeher wichtig, weil von ihr die Vorräte für die nächsten Monate abhingen. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass viele Bräuche und auch Aberglauben um die Erntezeit herum entstanden, die auch im 19. Jahrhundert noch griffen und zum Teil bis heute für viele Menschen große Wichtigkeit haben. Diese Erntefolklore kann sich regional unterscheiden, doch ein paar Gemeinsamkeiten lassen sich beobachten. Der letzte Tag der Ernte wurde meist ausschweifend gefeiert. Viele Bauern richteten am Abend der letzten Ernte ein großes Essen für die Feldarbeiter_innen aus, es wurde gesungen, getanzt, gespielt und getrunken.

Auch die Personifizierung der Ernte hat viele Bräuche ins Leben gerufen. So lässt sich die Personifizierung der Ernte als eine Art “adeliger Herr”, der über die Feldarbeiter_innen herrscht, bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen und kommt auch bei Shakespeare vor. Viele dieser Bräuche sind jedoch deutlich älter und stammen aus der Zeit vor der Christianisierung. So zum Beispiel auch der Brauch, eine kleine Strohpuppe anzufertigen, die einen Ehrenplatz im Haus bekam: Man glaubte, dass das Getreide eine Seele hatte, die auch nach der Ernte in der Puppe weiterleben und am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen konnte.

Für die ländliche Bevölkerung ist der Herbst also eine schwere Zeit, die mit harter Arbeit verbunden ist. Gleichzeitig ist er eine wichtige Zeit, die auch gebührend gefeiert wird. Den christlichen Charakter, den wir heute damit verbinden, bekommt das Erntedankfest zumindest im viktorianischen Großbritannien auffällig spät: Erst in den 1850ern setzt sich der Erntedankgottesdienst langsam durch. Der Hintergrund ist sehr viktorianisch: Der Gottesdienst soll die Erntedankfeste am Ende der Ernte ablösen, die als unmoralisch und zu ausschweifend wahrgenommen wurden. Auf dem europäischen Festland lassen sich christlich motivierte Erntedankfeste deutlich länger zurückverfolgen, größere Bedeutung erhalten sie in der Reformationszeit. 

Den Herbst feiern: Kürbissuppe und Blätterkronen

“Herbst in Kensington Gardens, London”, James Wallace, ca. 1905

In Zeiten vor Zentralheizungen und elektrischem Licht gab es jedoch auch notwendige Bräuche, die alle Menschen betrafen, ob arm oder reich. Häuser mussten im Herbst winterfest gemacht werden, ob es sich nun um Bauernhöfe, große Landhäuser oder kleine Katen und Cottages handelte. Hierbei wurde meistens einmal gründlich durchgeputzt. Dicke Wintervorhänge wurden vor den Fenstern und gegebenenfalls Türen angebracht um die Kälte draußen zu halten, Heizvorräte überprüft und aufgestockt und natürlich auch zusätzliche Lichtquellen angeschafft, die an dunklen Herbst- und Wintertagen zum Einsatz kamen.

Ob nun auf dem Land oder in der Stadt, wer es sich leisten konnte feierte außerdem mit seinen Freund_innen den Herbst. Kleine Zusammenkünfte, bei denen herbstlich dekoriert und herbstliches Essen aufgetragen wurde – würzige Suppen, Nüsse, Apfelkuchen, Schwarzbrot und natürlich jede Menge Gerichte mit oder aus Kürbis – waren sehr beliebt, sowie sogenannte “nutting parties”, also Nüssesammel-Partys, bei denen Nüsse gesammelt, bestimmt und verbastelt oder gegessen wurden. Auch hierbei begibt man sich natürlich in die Natur, um diese vor dem langen Winter noch einmal zu genießen. Ganz besonders beliebt sind sie natürlich bei Kindern. 

Das Interesse an der Natur und der Botanik, das im 19. Jahrhundert als Antwort auf Stadtleben und Industrialisierung neu erwacht ist, macht, wie es in diesem Post auch schon öfter angeklungen ist, natürlich auch vor dem Herbst nicht halt. Ob Pilze, Beeren. Nüsse, bunte Herbstblätter, Kastanien oder Wildblumen, es wurde gern und viel gesammelt und präserviert, gern auch in Gesellschaft und vor allem im Herbst. Und natürlich ist auch Halloween im 19. Jahrhundert bereits ein soziales Event, bei dem das Gruselige und das Übernatürliche im Mittelpunkt stehen. Wie Halloween im 19. Jahrhundert gefeiert wird, habe ich bereits in einem eigenen Post erzählt.

Für den Adel und das wohlhabende Bürgertum war der Herbst im 19. Jahrhundert also zugleich eine etwas melancholische, nostalgische und im Vergleich zur Saison im Frühjahr und Sommer ruhige Zeit, und eine Zeit in der Ausflüge in die Natur und herbstliche Partys im Mittelpunkt standen: Nüssesammeln, Blätterkronen basteln und Kürbissuppe sind auch für viele von uns heute noch feste Bestandteile des Herbsts. Der Herbst wurde natürlich auch stark romantisiert: Er bot sehr vielen Künstler_innen und Dichter_innen Inspiration für schwermütige, romantische Werke, die sich auch oft mit Vergänglichkeit und Tod, aber auch mit Neubeginn und positiver Veränderung befassen.

Abschließendes

Während wohlhabende Menschen den Herbst zur Erholung und zur Reflexion nutzen konnten, bedeutete er für ärmere Menschen jedoch oft den Anbruch einer kargen Zeit: Die ländliche Bevölkerung hoffte und bangte auf eine gute Ernte, die Grund zum Feiern bot. Viel die Ernte jedoch schlecht aus, standen härtere Zeiten bevor, in denen die Vorräte gestreckt werden mussten und nicht immer ausreichten. Auch für ärmere Menschen in der Stadt war der Herbst eher ein Wettlauf mit der Zeit, denn die kalte, dunkle Jahreszeit stand bevor und warme Kleidung, Heiz- und Beleuchtungsmaterial mussten angeschafft und natürlich auch bezahlt werden.

Der Herbst hat im 19. Jahrhundert also viele Gesichter: Das vornehme Landhaus, dessen Bewohner_innen zur Jagd aufbrechen und danach ausschweifende Herbstbälle feiern. Die gutbürgerliche Familie, die Nüsse sammelt, gemeinsam bastelt und im Park spazieren geht. Die Landarbeiter_innen, die die Ernte einholen. Ich hoffe, ich konnte euch heute einen kleinen Einblick in Herbstbräuche und -traditionen aus dem 19. Jahrhundert geben. Eines haben wir uns bis heute bewahrt: Der Herbst ist eine schöne, aber etwas melancholische und vielleicht sogar schaurige Zeit, der den dunkleren Teil des Jahres einläutet, aber auch gemütlich sein kann. 


Beitragsbild: “A Fishing Party”, Hector Caffieri, 1875