Mode

Sommermode: Leinen, Strohhut und “Country Clothes”

Sommermode kam in meinen Posts zu den Sommerferien in der Belle Époque und zur Gartenparty bereits vor, aber auch dieser Aspekt des Lebens im 19. Jahrhundert ist interessant genug für einen eigenen Artikel. Allgemein gilt: Auch im Sommer wurde die Kleideretikette natürlich eingehalten. Sommermode ist modisch geschnitten und wird mit den für die Epoche typischen Hilfsmitteln wie Korsett, Tournüre oder Krinoline getragen. Darüber hinaus unterscheidet sie sich im Aussehen und in der Herstellung deutlich von gewöhnlicher Mode.

Deshalb möchte ich euch heute ein paar verschiedene Arten von Kleidern vorstellen, die im Sommer getragen wurden und auch direkt ein paar Irrtümer aufklären. Zum Beispiel, dass es sich bei weißen Kleidern aus dem 19. Jahrhundert nicht immer um Hochzeitskleider handelt, sondern um Sommerkleider. Oder, dass die langen Röcke und Ärmel tatsächlich alles andere als heiß und stickig waren. Aber von vorn: Wie sah Sommermode aus, wer trug sie und, vor allem, was unterscheidet sie von gewöhnlicher Mode?


Sommermode: Baumwolle, Leinen und helle Stoffe

Links: Kleid, Baumwolle, 1841-45 (Met Museum) | Mitte: Kleid, Baumwolle, 1872 (Met Museum) | Rechts: Kleid, Leinen, 1908 (© Victoria and Albert Museum, London)

Sommermode zeichnet sich durch einige Merkmale aus, die es relativ leicht machen, sie von anderer Mode zu unterscheiden. Zum einen besteht sie oft aus dünneren, luftigeren Stoffen. Im Sommer, wenn es heiß wurde, verzichtete man nicht selten auf Wolle und Seide und setzte stattdessen vor allem auf dünne Baumwolle und Leinen. Zudem wurden, besonders von jüngeren Frauen, andere Farben getragen. Weiß war sehr beliebt für den Sommer. Das komplett weiße Kleid war im Sommer sehr beliebt, weil weiße Leinen kühlen.

Weiße Sommerkleider waren auch oft mit Zierborten oder Streifen in sommerlichen Farben wie Rosa, Hellblau, Lavendel, Gelb oder Grün verziert. Darüber hinaus waren besonders in den romantischen 1870er Jahren verspielte florale Muster beliebt. Natürlich konnte ein Sommerkleid auch komplett in einer sommerlichen, hellen Pastellfarbe gehalten sein. Ebenfalls sehr beliebt waren Kleider aus mehreren Lagen hauchdünnem Stoff, wie das Kleid in der Mitte, das aus fast schon gazeartiger Baumwolle besteht.

Sommermode war zudem deutlich schlichter als herkömmliche Mode. Selbst in Jahrzehnten, die sich eigentlich durch Opulenz und Spielereien wie Bänder, Schleifen, Rüschen und dergleichen auszeichnen, wie den 1880er Jahren, war die Sommermode eher romantisch verspielt, weniger dekadent verziert. Rüschen, Volants und farbige Bänder als Akzent reichten aus. Blumendruck oder bunte Streifen auf weißer Baumwolle waren das höchste der Gefühle. Auch hauchdünne Überkleider über blickdichten Unterkleidern waren beliebt.

Sommerkleider wie diese wurden nachmittags außer Haus getragen, um Bekannte zu besuchen oder im Park spazieren zu gehen oder fahren. Der Großteil der High Society verbrachte seine Sommer außerdem nicht in der Stadt. Nach dem Ende der Social Season, ungefähr im Juni, reiste man für ein paar Wochen in eines der Seebäder an der Küste und dann weiter auf’s Land – Ob das der eigene Landsitz war, oder man auf den von Bekannten eingeladen wurde. Auch hier war Sommermode natürlich essentiell.


Accessoires: Sonnenschirm, Strohhut und Schultertuch

Links: Sonnenschirm aus Seide, ca. 1850-60 (Met Museum) | Oben: Strohhut, 1870-75 (© Victoria and Albert Museum, London) | Unten: Die hauchdünne Baumwollschleppe eines Sommerkleides, 1872-75 (Met Museum)

Sommermode war tatsächlich trotz der langen Röcke und Ärmel nicht so stickig und unangenehm, wie man denken könnte. Man darf nicht vergessen, dass die verwendeten Stoffe – Baumwolle, Musselin, Leinen, Gaze – atmungsaktiv sind und kühl auf der Haut. Die hellen Farben halfen außerdem. Zudem wurde natürlich auf alle unnötige Unterwäsche verzichtet. Man trug eine dünne Chemise, das Korsett und einen Unterrock, nicht mehrere Lagen, wie in den kälteren Monaten.

Ohne zwei Accessoires war der Sommer in der Belle Époque undenkbar: Der Strohhut mit der breiten Krempe und der Sonnenschirm schützten die Träger_innen vor der Sonne. Diese Sonnenhüte wurden auch nicht zum Sport – Krocket, Golf oder Tennis – abgenommen, denn besonders beim Spielen in der Sonne wollte man keine verbrannte Haut riskieren. Ein weiteres Accessoire waren dünne Schultertücher, die man sich umlegen konnte, wenn es abends kühler wurde oder generell ein kühlerer Sommertag anstand.

Das gilt übrigens für die Herrenmode genauso. Auch der Herrenanzug bestand zwar auch im Sommer aus langer Hose, Hemd, Weste und Jackett mit langen Ärmeln, war aber ebenfalls aus Leinen oder Baumwolle gefertigt und in hellen Farben gehalten: Weiß, Beige, Hellbraun und/oder Hellgrau. Auch die Herrenmode verzichtete auf keinen Fall auf den Strohhut mit der breiten Krempe, der das Gesicht in einer Zeit ohne Sonnenmilch vor der Sonne schützte.


Etikette: Wann trägt man was?

 “Feiertag, oder das Piknik”, James Tissot, 1876

“In Aktion” sieht man Sommermode auf James Tissots Gemälde “Holyday” aus dem Jahr 1876, das eine Piknikszene in seinem Londoner Garten zeigt. Das Piknik findet an einem kühleren Nachmittag im Spätsommer statt, die Blätter sind schon gelblich verfärbt, doch die beiden Damen und der liegende Mann tragen typische Sommermode: Helle Leinen, links mit Streifen verziert, und Strohhüte. Der Mann trägt übrigens eine bunte Kappe, die ihn als Mitglied eines bekannten Cricket-Clubs ausweist.

Sommermode war allerdings nicht gleich Sommermode. Hier sind wir wieder bei der komplizierten Kleideretikette der Belle Époque, die auch bei Hitze nicht schläft. Die Sommermode, die ich euch bisher beschrieben habe, trug man auf der Straße und nachmittags zu informellen Treffen und Events wie einem Piknik, einer Gartenparty oder, wenn man Freund_innen besuchen oder in den Park ging. Je nachdem wo man sich befand,war die Mode jedoch anders gestaltet: Ein Privileg der High Society, die sich das leisten konnte.

Im Urlaub an der See trug man Sommermode in maritimen Farben wie Weiß, Blau und Grün, die auch mit Matrosenkragen und anderen nautischen Accessoires daherkommen konnte. Wer besonders auffallen wollte, trug Muscheln auf dem Hut. Verbrachte man den Sommer auf dem Land entschied man sich eher für pittoreske “country clothes”: Streifen und karierte Stoffe in Erd- und Naturtönen waren beliebt. Für formellere Events, ob Gartenpartys oder Sommerfeiern, gab es Sommermode natürlich auch in der freizügigeren Abendvariante.


Sportkleidung: Segeln, Reiten, Fahrradfahren

Links: Tennis- oder Segelkleid, Baumwolle und Seide, 1885-88 | Mitte: Reitkostüm, Wolle, Seide, Baumwolle & Leder, 1896 | Rechts: Fahrradanzug, Wolle, Leder, Seide, Baumwolle, 1896-98 (Met Museum)

Im Sommer gehörte besonders im letzten Drittel des Jahrhunderts auch Sport für alle Geschlechter zur Unterhaltung außerhalb des Hauses. Am Meer konnte man natürlich schwimmen gehen. Schwimmkleidung habe ich mir bereits im Detail angeschaut. Das Kleid oben links ist ein typisches Sportkleid für den Sommer, wahrscheinlich ein Segelkleid: Im nautischen Blau und Weiß gehalten, ist es sehr simpel geschnitten und hat einen deutlich kürzeren Rock als gewöhnliche Kleider. Auch für eine Partie Tennis wäre es gut geeignet.

Verbrachte man einen Teil seines Sommers (und den Herbst) auf dem Land, gehörte Reiten unbedingt dazu. Reitkostüme der Belle Époque sind für gewöhnlich in dunklen Farben gehalten: Schwarz, Braun, Violett, Dunkelgrün (siehe unten links). Ich habe euch dieses hellere Reitkostüm herausgesucht, weil es ein gutes Beispiel für die “country clothes” ist, die ich oben erwähnt habe. Reitkostüme sind ebenfalls schlicht gehalten und haben oft einen kürzeren Rock. Sie sind Herrenmode nachempfunden, weshalb dazu auch oft ein Zylinder mit Schleier getragen wird.

Man kann übrigens auch in einem gewöhnlichen Sommerkleid reiten, was auch durchaus gemacht wurde. Wer aber viel und gern ritt, besaß ein paar Reitkostüme. Besonders, wenn man auf die Jagd ritt gehörte dieses angemessene Outfit für eine High-Society-Dame natürlich dazu. In den letzten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts kam neben dem Reiten auch das Fahrradfahren in Mode. Man ritt nicht mehr nur über die Ländereien, man unternahm nun auch lange Fahrradtouren mit seiner Familie und den Gästen: Im Fahrradanzug.


Country Clothes: Abschließendes

Links: Kaiserin Sisi in einem typischen Reitkostüm, Constantine von Grimm, erschienen in “Vanity Fair” vom 5. April 1884 | Rechts: Eine Fahrradtour, um 1900

Der Fahrradanzug sieht einem Reitkostüm sehr ähnlich, er hat ja auch eine ähnliche Funktion. Unter dem Rock versteckt sich hier oft außerdem eine Hose, damit einer radfahrenden Person niemand unter das Kleid schauen kann. Das Bild oben rechts zeigt aber schon: Am Ende des Jahrhunderts, als Tournüre und anderer Unterbau aus der Mode gekommen waren, konnte man auch problemlos in seiner gewöhnlichen Sommerkleidung mit dem Rad fahren. Einen Fahrradanzug besaßen einmal mehr nur sehr wohlhabende, sehr aktive Menschen.

Das Bild von der Fahrradtour habe ich euch jedoch noch aus einem anderen Grund herausgesucht. Hier kann man die Herren in typischen “country clothes” sehen: Sie tragen Stoffmützen, Knickerbockerhosen und sehr wahrscheinlich Erdtöne: Braun- und Grau. Auch Karos und Tweed waren auf dem Land sehr beliebt, an allen Geschlechtern. Die berühmte karierte Deerstalker-Mütze, die zum Beispiel Sherlock Holmes trägt, ist auch ein Bestandteil der “country clothes”: Sie wurde ursprünglich auf der Rehjagd getragen, wie der Name schon andeutet.

Das wären also die Sommermoden der Belle Époque: Luftige, dünne, helle Stoffe, Strohhut und Sonnenschirm waren im Sommer an der Tagesordnung. Ob im Urlaub an der See, auf den eigenen Ländereien, im Garten bei einem Piknik oder aber im Mai und Juni in der Stadt, für jede Situation gab es ganz eigene Mode, die den Sommer erträglicher machte. Ich hoffe, ich konnte euch heute einen Einblick in die Sommergarderobe der Menschen in der Belle Époque geben und vielleicht auch ein paar Fragen klären, was ihre Beschaffenheit angeht.


Beitragsbild: “Der Sommerstrauß”, George Elgar Hicks, 1872

0

You may also like

Kommentieren