Mode

Die Kleideretikette des 19. Jahrhunderts

Dieses Thema ist in meinen Artikeln schon öfter angeklungen, aber ich habe noch nie einen richtigen Artikel dazu geschrieben. Da ich es besonders in Filmen, aber auch in historischen Romanen, immer wieder “falsch gemacht” sehe, soll es heute um die Kleideretikette des 19. Jahrhunderts gehen. Das ist ein sehr kompliziertes Thema, das ich so verständlich wie möglich erklären möchte. Deshalb gehe ich heute nicht so sehr ins Detail und versuche stattdessen einen kleinen Überblick über ein Thema zu schaffen, das vielen Autor_innen durchrutscht.

Denn natürlich ist es nicht schwer “Kleid 1874” zu googeln, wenn man recherchiert, und eins der abgebildeten Kleider dann zu beschreiben. Daraus resultieren dann aber sehr oft Damen von Welt, die in Abendmode vormittags über die Strandpromenade spazieren. In der Belle Époque wäre diese falsche Garderobe am falschen Ort ein riesiger sozialer Faux Pas, der High-Society-Damen nicht passiert wäre… Oder auch Kaiserin Sisi von Österreich, die ihn in den berühmten Sissi-Filmen (1955-57) ebenfalls begeht.


Kleideretikette: Was ist das eigentlich?

Sich mit der Kleideretikette auszukennen ist in der Belle Époque natürlich ein Zeichen von Status. Gleichzeitig können sich nur die Wohlhabendsten überhaupt an die Etikette halten, denn ein modisches, gut gemachtes Kleid ist teuer. Und jede Saison mehrere neue Kleider anfertigen zu lassen ist deshalb ein Privileg der High Society. Die Kleideretikette ist im 19. Jahrhundert also einer von vielen Wegen die Grenzen zwischen arm und reich aufrecht zu erhalten. Wie die Kleideretikette funktioniert, erfährt man damals aus Magazinen und Handbüchern zum Thema.

Tatsächlich ist die sehr komplizierte, strenge Kleideretikette eine Entwicklung, die ungefähr am Ende des ersten Drittels des Jahrhunderts einsetzt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kennt man durchaus ebenfalls Morgen-, Nachmittags- und Abendmode, die auch schon nach denselben Kriterien funktioniert wie später. Doch erst gegen 1850 kristallisieren sich weitere Kategorien heraus, die eine Dame der High Society einhalten muss, wenn sie als mondän, modisch und Mitglied der Hautevolee gelten möchte.

Deshalb beinhaltet der Tagesablauf einer solchen Dame auch tatsächlich mehrmaliges Umziehen. Man entscheidet sich nicht morgens für ein schönes Kleid, das man dann den gesamten Tag anbehält. An einem gewöhnlichen Tag wird sich mindestens drei Mal umgezogen: Nach dem Frühstück, bevor man das Haus verlässt und vor dem Abendessen. Um diesen kleinen Guide zur Modeetikette des 19. Jahrhunderts übersichtlich und verständlich zu halten, teile ich ihn deshalb auch in Morgens, Nachmittags und Abends ein.


Morgens: Das Haus- und Morgenkleid

Morgenkleider | Links: Morgenkleid, Seide, 1837-39 | Mitte: Morgenkleid, Baumwolle, 1850-65 | Rechts: Morgenkleid, Baumwolle, 1870er (Met Museum)

Nach dem Aufstehen trägt eine Dame zuerst einmal eine Art Morgenmantel, der zum Frühstück anbehalten wird. Danach ist es Zeit für das Morgen- oder Hauskleid. Dieses kann reinweiß sein, ist aber meistens je nach Mode gemustert und in hellen Farben gehalten. Das Morgenkleid sitzt locker und soll einen bescheidenen Eindruck machen. Deshalb ist es meist aus Baumwolle oder leichten Seidenstoffen, hat lange Ärmel und einen hochgeschlossenen Ausschnitt. Schmuck wird dazu wenig oder am besten gar keiner getragen.

Im Morgen- oder Hauskleid werden Vormittags Besucher_innen im eigenen Zuhause empfangen. Deshalb ist das Morgenkleid zwar angenehm zu tragen, aber trotzdem ein sehr strukturiertes, modisches Kleidungsstück, das zumindest bis in die späten 1870er Jahre auch mit der modischen Unterwäsche getragen wurde, also mit Korsett und Krinoline oder Tournüre. Hat eine Dame ihren “freien Tag”, an dem sie den ganzen Tag im Haus bleibt und Besucher_innen empfängt, trägt sie das Hauskleid auch mal bis zum Abendessen.

Um 1880 löst langsam das Teekleid das herkömmliche Morgen- und Hauskleid ab. Hierbei handelt es sich um eine Art Mischung aus Morgenmantel und Hauskleid, das aber natürlich ebenfalls sehr modisch und elegant ist. Das Teekleid kann im Haus (!) ohne Korsett oder Unterbau getragen werden und ist auch akzeptabel, wenn man Familie oder enge Freund_innen (aller Geschlechter) empfängt. Für entferntere Bekannte sollte man sich jedoch für ein herkömmliches Hauskleid entscheiden – Ein legeres Teekleid wäre ein bisschen zu gewagt.


Nachmittags: Das Kleid für die Straße

Nachmittagskleider | Links: Nachmittagskleid, Seide, 1866 | Mitte: Nachmittagskleid, House of Worth, Seide, 1875 | Rechts: Nachmittagskleid, House of Worth, Seide, 1888 (Met Museum)

Das Nachmittagskleid ist das Aushängeschild einer Dame. Es sollte der neusten Mode entsprechen, was seine Form, seine Verzierungen und seine Farbe angeht. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sind Nachmittagskleider aber immer öfter in dunklen, kräftigen Farben gehalten. Das Nachmittagskleid hat ebenfalls lange Ärmel und ist hochgeschlossen. Das Kleid in der Mitte zum Beispiel wäre auf jeden Fall mit einer hochgeschlossenen Bluse getragen worden, alles andere wäre skandalös gewesen.

Das Nachmittagskleid soll Status und Wohlstand einer Dame ausdrücken und besteht deshalb oft aus kostbaren Woll- und Seidenstoffen oder, besonders im Winter, Kaschmir und Samt. Es kommt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den verschiedensten Ausführungen. Das “Spazierkleid” zum Beispiel kann einen etwas kürzeren Rock haben und wird, wie der Name schon sagt, zum Spazierengehen oder Einkaufen getragen. Für High-Society-Events, die am Nachmittag stattfinden, wird das kostbarste Nachmittagskleid getragen.

Das ganz “gewöhnliche” Nachmittagskleid aber wird meistens getragen, um Freund_innen und Bekannte besuchen zu gehen, oder für Spazierfahrten durch die Parks der Stadt. Das Nachmittagskleid soll gesehen werden und ist deshalb das modischste Alltagskleid, das eine Dame besitzt. Welches Nachmittagskleid wann getragen wird, unterliegt jedoch durchaus der Entscheidung der Träger_innen. Ein zu prächtiges Nachmittagskleid zu einer informellen Verabredung – oder ein Spazierkleid zu einem formellen Empfang – zu tragen, ist jedoch durchaus ein Tritt ins Fettnäpfchen.


Abends: Ein “informeller” Abend

Dinnerkleider | Links: Dinnerkleid, Mon. Vignon, Seide, 1875-78 | Mitte: Dinnerkleid, Seide, ca. 1880 | Rechts: Dinnerkleid, Mrs. Arnold, Seide, 1894-96 (Met Museum)

Die Abendmode birgt ein paar Tücken, auf die selbst Autor_innen hereinfallen, die ansonsten ihre Recherche gemacht haben. Denn was man abends trägt, kommt ebenfalls stark darauf an, was man vorhat. Ist man zu einem Dinner bei Bekannten geladen, egal wie formell, trägt man keine extravagante Abendmode, sondern… Dinnermode. Das Dinnerkleid ist prächtig, aber bescheiden. Es hat lange oder halblange Ärmel und ist ebenfalls so gut wie immer hochgeschlossen: Beim Essen zu viel Haut zu zeigen gilt als unfein.

Das Dinnerkleid soll elegant sein, aber es soll nicht unbedingt auffallen und wird deshalb zu Events getragen, bei denen man zwar modisch und elegant gekleidet sein sollte, aber nicht die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen. Wie zum Beispiel beim Essen mit Bekannten, oder aber im Theater. Deshalb sind dunkle Farben sehr beliebt, wenn auch kein Muss. Elegantes Schwarz, oft aber nicht immer aufgelockert durch geschmackvolle, schlichte Verzierungen, kristallisiert sich als beliebte Farbe für Dinnerkleider bald heraus.

Wie fast alle Kleider der Ära ist auch das Dinnerkleid recht flexibel: Man kann es zum Beispiel auch zu allen halb formellen sozialen Verpflichtungen tragen, die keine komplette Abendmode verlangen, zum Beispiel zu Zusammenkünften mit Freund_innen am Abend oder, natürlich, im Restaurant. Geht man direkt nach dem Essen noch auf einen Ball oder in die Oper, trägt man natürlich “full evening dress” (siehe unten) zum Essen. Dann schickt es sich, Hals und Schultern während des Essens mit einem Tuch zu bedecken.


Abends: Ein sehr formeller Abend

Ballkleider | Links: Ballkleid, Emile Pingat, Seite, ca. 160 | Mitte: Ballkleid, Worth, Seide, 1898 | Rechts: Ballkleid, Mrs. Osborn, Seide, 1910 (Met Museum)

Wer sich ein Ballkleid anfertigen lässt, hofft, dass es das Kleid der Saison sein wird, über das alle anderen reden. Es wird, natürlich, auf Bällen getragen, aber zum Beispiel auch auf Soiréen oder in der Oper. Die Oper ist im Gegensatz zum Theater ein großes, formelles Event, bei dem man nicht nur die Oper anschauen möchte, sondern auch selbst gesehen werden. Für diese sehr formellen Abendveranstaltungen muss “full evening dress” her. Das bedeutet: Kurze Ärmel und ein tiefer Ausschnitt. Auf Bällen und ähnlichen Veranstaltungen darf Haut gezeigt werden.

Das Ballkleid unterliegt darüber hinaus kaum festen Regeln. Natürlich sollte es topmodern sein und vor allem opulent. Es ist aus den kostbarsten Stoffen hergestellt und je nach den Trends der Saison und dem Geschmack der Träger_innen reich verziert und aufwendig gestaltet. In der Belle Époque ist zum Beispiel das Designhaus Worth für seine detaillierten, fast schon komplizierten Ballkleider bekannt. Verwendet werden für junge Träger_innen schillernde, kostbare Stoffe wie Seide, Satin oder Chiffon, während ältere Träger_innen eher dunkle, leuchtende Farben tragen.

Das Ballkleid ist sozusagen der Showstopper der Saison. Alle Träger_innen, besonders natürlich unverheiratete junge Frauen, erhoffen sich, dass sich nach dem Kleid umgedreht wird. Während die informelle Abendmode bescheiden daher kommt, ist Bescheidenheit auf Bällen ein Fremdwort. Kleider sind mit Strass, Perlen, Metallfaden oder manchmal echten Edelsteinen verziert – Alles, was das Licht im Ballsaal fängt und das Kleid funkeln lässt, ist sehr willkommen. Deshalb wird auch viel Schmuck getragen und oft frische Blumen im Haar.


Abschließend: Accessoires & mehr

Links: Stiefel für den Alltag, 1899 | Rechts: Bestickte Seidenpumps für Bälle, 1875-85 (Met Museum)

Zu jedem dieser Kleidertypen gehören natürlich auch die angemessenen Accessoires. Das Morgenkleid, das man im Haus trägt, verlangt danach nicht, das Nachmittagskleid wird auf der Straße aber immer mit modischem Hut und kurzen, robusten Handschuhen getragen: Ohne Hut und Handschuhe wird das Haus in der Belle Époque auf keinen Fall verlassen. Auch zum Dinnerkleid trägt man Handschuhe, die man zum Essen ablegt, und zum “full evening dress” gehören die ellbogenlangen feinen Handschuhe aus dünnstem Glacéleder.

Genauso geht man natürlich nicht in den hohen Seidenpumps, in denen man auf Bällen tanzt, nachmittags spazieren oder shoppen. Dafür werden robuste Stiefel mit flachem Absatz getragen. Auch der Sonnenschirm sollte nicht fehlen, als Schutz vor der Sonne und als Accessoire, genauso wenig wie Beutel oder Handtasche. Und zum Opernbesuch gehört unbedingt ein prächtiges Operncape… Ihr seht also: Die Kleideretikette ist kompliziert, selbst dann, wenn man nur auf den wichtigsten Bestandteil der Garderobe einer High-Society-Dame eingeht.

Ich habe in diesem Artikel zum Beispiel die Sommer-, Sport- und Urlaubsmode komplett ausgelassen. Diese verdient einen eigenen Post, der in den nächsten Tagen folgen wird. Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Artikel näherbringen, warum es sich lohnt nicht nur die Mode selbst zu recherchieren, wenn man sie erwähnen oder zeigen möchte, sondern auch die Umstände und Konventionen, unter denen sie getragen wurde. Denn, wie immer, sagt auch die Mode-Etikette viel über die Gesellschaft der Belle Époque aus.


Weiterlesen:

Matthews, Mimi: A Victorian Lady’s Guide to Fashion and Beauty. 2018.

Das Blog Yesterday’s Thimble ist ebenfalls sehr lesenswert und bietet viele Übersichten und Artikel zu verschiedenen historischen Kleiderarten aus der Sicht einer Näherin.


Beitragsbild: “Eine elegante Frau betrachtet sich im Spiegel”, Eugène Accard, c. 1870

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