Leben im 19. Jahrhundert

Die Gartenparty: Ein Blick in den Garten des 19. Jahrhunderts

Langsam hält der Frühling wirklich Einzug. In den letzten Monaten haben wir uns bereits angesehen, wie die Menschen des 19. Jahrhunderts in den Sommerurlaub fuhren und was sie im Winter taten. Jetzt ist es Zeit für den nächsten Abschnitt des Jahres: Im Frühling kehrt die gute Gesellschaft für die Saison in die Städte zurück, doch wie und wo beschäftigt sie sich dort? Die Antwort ist ab Mitte des 19. Jahrhunderts schnell gegeben: Im Garten. Der Garten wird im späteren 19. Jahrhundert Statussymbol und gleichzeitig ein beliebter Aufenthaltsort.

Gärten und Parkanlagen sind ab ca. der Mitte des Jahrhunderts die Antwort der Städter.innen auf den Schmutz und den Smog, den die Industrielle Revolution in die großen Städte gebracht hat. Diese “grünen Lungen” dienen als Erholungsort von der Stadt und das mitten in der Stadt. Während es für Adelige schon immer Gang und Gäbe war, große Ländereien zu besitzen, kommt es jetzt für Adel und Bürgertum auch in Mode groß angelegte, sorgsam ausgestattete Gärten in der Stadt zu haben, die mit hohen Eisenzäunen und Mauern vor neugierigen Blicken geschützt sind.

In diesen Gärten gibt es nicht nur große Rasenflächen sondern vor allem auch Möglichkeiten seltene und modische Blumen und Pflanzen zu sammeln. Das viktorianische Gewächshaus ist der Stolz jedes Gartens und große Beete mit bunten Blumen, Teiche und Fruchtbäume gehören ebenfalls dazu. Die reichsten Menschen erschaffen sich kleine, romantische Paradiese, in denen man sich verlaufen könnte. Hier werden viele sonnige Nachmittage des Frühlings und Frühsommers verbracht, im Kreis der Familie, aber auch mit Gästen.

Wer keinen eigenen Garten bezahlen kann, ist jedoch auch nicht außen vor: Die Parkanlagen und botanischen Gärten, die in den großen Städten angelegt werden, stehen allen offen und bieten Raum für Spaziergänge und -fahrten und Ausritte ins Grüne. Zugleich dienen sie oft als Stätten der Forschung. Die Menschen des 19. Jahrhunderts entwickeln ein ganz neues Interesse an der Natur und der Botanik und so ist es auch nicht verwunderlich, dass wohlhabende Menschen beginnen selbst Pflanzen zu sammeln.

Die Gartenparty: Kaltes Buffet zwischen Blumenbeeten

Gartenromantik im 19. Jahrhundert | Links: “Großmutters Garten”, Lydia Field Emmet, 1890 | Rechts: Mrs. Hassam im Garten, Frederick Childe Hassam, 1896

Mit den großen Gärten kommt natürlich auch eine neue Art der Unterhaltung in die Städte: Die Gartenparty. Nicht nur möchte man seine Zeit in der warmen Jahreszeit an der frischen Luft verbringen, man möchte auch zeigen was man hat. Der eigene Garten wird gleichzeitig Oase der Erholung und Ausstellungsobjekt. Auch Königin Victoria gibt Gartenpartys: Ab den 1860er Jahren lädt sie auf dem Rasen vor Buckingham Palace jährlich zum Gartenfest ein, eine Tradition, die das britische Königshaus bis heute fortgeführt hat.

Gartenpartys konnten auf mehrere Arten abgehalten werden. Man konnte ganz informell seine engsten Freund.innen zum Nachmittagstee in den eigenen Garten einladen, man konnte aber natürlich auch alles was Rang und Namen hatte in den Garten bitten, sobald das Wetter schön genug dafür war. Eine große Gartenparty wurde meist am Nachmittag oder frühen Abend gegeben und endete oft gegen acht Uhr. Manche Gartenpartys wurden jedoch auch bis spät in die Nacht gefeiert, je nachdem, wie gut es lief und was man geplant hatte.

Bei Gartenpartys, die zwar durchaus formelle Ereignisse waren, aber deutlich mehr Spielraum ließen als Dinners oder Bälle, kam es stark darauf an, dass die Gastgeber.innen in der Lage waren ihre Gäste zu unterhalten. Wie das gelang war nebensächlich. Wichtig war nur, dass sich niemand langweilte, wenn man sich nicht lächerlich machen und einen Knacks im eigenen Ansehen riskieren wollte. Man konnte Musiker.innen engagieren, Spiele spielen, oder die Gäste bei Konversation durch den Garten spazieren und ihn entdecken lassen.

Auf manchen Gartenpartys wurde am Abend auch auf dem Rasen getanzt. Auch wenn Autorin Phyllis Brown das 1882 als “nicht üblich” beschreibt, schließt sie nicht aus, dass es vorkommt. Für gewöhnlich wird auf Gartenpartys kein großes Essen serviert. Unter einem Festzelt steht ein kaltes Buffet aus Sandwiches, Kuchen, Eiscreme, Salaten, kaltem Huhn und Früchten aus dem Gewächshaus, vor allem Erdbeeren mit Sahne, bereit. Viel wichtiger sind die Getränke: Tee, Kaffee, Limonade, Schorlen und Champagner sollten ausreichend vorhanden sein.

Lauben und Rosenbögen: Die ländliche Romantik

Die richtige Garderobe für eine Gartenparty | Links: Sommerkleid, 1872 | Mitte: Strohhut, 1872 | Rechts: Sonnenschirm, ca. 1880er (Met Museum)

Das richtige Ambiente einer Gartenparty ist typisch 19. Jahrhundert sehr romantisch: Blumen spielen bei der Dekoration eine große Rolle und, sollte es dunkel werden, bevor die Party vorbei ist, sind Papierlampions, die in den Bäumen verteilt werden, eine beliebte Lichtquelle. In Anleitungen für die perfekte Gartenparty aus dem späten 19. Jahrhundert werden auch immer wieder künstliche Lauben erwähnt, die Paaren die Gelegenheit geben sollen sich zurückzuziehen und ein bisschen Privatsphäre zu genießen.

Auch die Kleidung der Gäste ist auf der Gartenparty für gewöhnlich sommerlich und etwas informeller. Sommerkleider, nach der neusten Mode geschnitten, sind oft aus luftiger Baumwolle und können weiß sein oder in Pastellfarben gehalten. Das Beispiel oben links mit dem romantischen Blumendruck ist sehr typisch. Zum Ensemble gehören außerdem der sommerliche Strohhut und der Sonnenschirm. Anzüge für den Sommer sind oft aus Leinen oder Flannell und können hellere Farben haben, müssen aber nicht.

Zu einer sehr formellen Gartenparty der High Society, zum Beispiel, wenn es sich um ein Wohltätigkeitsevent handelt, kann auch deutlich formellere Kleidung verlangt werden. Gute Gastgeber.innen machen das durch die Formulierung der Einladung deutlich. Per se gilt: Je wohlhabender die Gastgeber.innen, umso extravaganter die Gartenpartys. Adelige haben nicht selten sogar kleine sommerlich-romantische Theaterstücke aufführen, oder Sänger.innen in bäuerlicher Kleidung Volkslieder singen lassen, um ihre Gäste zu amüsieren.

Und was tut man auf der Gartenparty? Man unterhält sich, knüpft und pflegt Kontakte, wird gesehen und sieht natürlich auch. Es ist natürlich gewünscht, dass die Gäste im Garten spazieren gehen und die seltenen Blumen und Pflanzen entdecken, die man gesammelt hat, sowie die extra angelegten Lauben, Rosenbögen und anderen Dekorationen, die einem das Gefühl geben sollen, auf dem Land zu sein und nicht mehr in der Stadt. Es wird aber auch auf dem Rasen gespielt. Besonders zwei Spiele fehlen auf keiner Gartenparty.

Krocket: Modespiel der High Society

“Eine Partie Krocket”, Winslow Homer, 1866

Krocket wird in Großbritannien ab 1856 gespielt, geht aber auf deutlich ältere ähnliche Spiele zurück. Beim Krocket müssen mit einem Holzschläger hölzerne Bälle durch einen Parcours aus in die Erde gesteckten Torbögen manövriert werden. Für Krocket braucht man demnach einen sehr großen Rasen: Dieser wurde natürlich gleich mitgedacht, wenn sich eine wohlhabende Familie einen Garten hat anlegen lassen. Krocket ist ein ruhiges Spiel, bei dem man sich kaum anstrengen muss, sondern vor allem strategisch nachdenken und seine Gegner.innen austricksen.

Deshalb wurde es für die britische Oberschicht sehr schnell zum Trendspiel: Der Earl of Essex, Arthur Algernon Campell, zum Beispiel hielt ganze Krocketpartys ab, also Gartenpartys, die sich nur darum drehten Krocket zu spielen. Auch in Frankreich und Deutschland wurde das Spiel im Verlauf der 1860er Jahre sehr beliebt. Das hat auch damit zu tun, dass es der erste “gemischte” Gesellschaftssport war. Alle Geschlechter spielten gemeinsam, sodass sie sich beim Spielen besser kennenlernen und vor allem auch miteinander flirten konnten.

Angeblich war es in den 1860er Jahren Gang und Gäbe, dass besonders Frauen beim Krocket viel schummelten: Einfach, weil man einen kleinen Holzball sehr leicht unter der großen Krinoline verschwinden lassen kann. Im Schutz der Röcke lässt sich ein eigener Ball auch mal unbemerkt mit dem Fuß in die richtige Richtung stoßen. Die Krocketetikette besagt jedoch, dass man das als Mitspieler.in nicht ansprechen sollte. Sonst gilt man selbst nämlich am Ende als die unhöfliche Spaßbremse, nicht etwa die Person, die geschummelt hat.

Trotz seiner anfänglich großen Beliebtheit gilt Krocket schon sehr bald als ein etwas biederes, altmodisches Spiel, obwohl es noch bis zur Jahrhundertwende auf vielen Gartenpartys (und natürlich auch darüber hinaus) gespielt wird. Erst im Verlauf des 20. Jahrhundert wurde Krocket, das für viele heute als urbritisch gilt, langsam wiederentdeckt. Aber wieso verlor Krocket so schnell an Bedeutung? Ganz einfach: In den 1870er Jahren kommt ein neues Trendspiel auf, mit dem das Krocket einfach nicht mithalten kann.

Tennis: Das Trendspiel für die Gartenparty

Links: “Tennisspiel am Meer”, Max Liebermann, 1901 | Rechts: Sommerkleid mit Strohhut und Tennisschläger, ca. 1885 (Victoria and Albert Museum)

Tennis wird schon seit dem späten Mittelalter gespielt, doch die Form, die wir heute spielen erfährt ab den 1870er Jahren als “lawn tennis”, Rasentennis, große Beliebtheit bei der Ober- und Mittelschicht. Von Großbritannien aus wandert das Rasentennis sehr schnell nach Amerika und auf das europäische Festland, wo es bald zu allen Gelegenheiten gespielt wird: Im Urlaub, in der Freizeit im eigenen Garten und natürlich auch auf den Gartenpartys der gehobenen Gesellschaft.

Praktischerweise konnte man Tennis auf dem Krocketrasen spielen, den man ja nun schon hatte. Alles, was man sich anschaffen musste, waren die Utensilien. In England wurden bald Spielsets für fünf Guineen verkauft: Ein Tennisnetz, Schläger und Bälle waren darin erhalten. Klingt erstmal recht günstig? Heute wären das knapp 380 Euro. Privates Tennis im eigenen Garten war also einmal wieder nur etwas für die reicheren Menschen. Es gab aber auch sehr bald Clubs und öffentliche Tennisplätze.

Genau wie beim Krocket war es auch beim Tennis selbstverständlich, dass alle Spieler.innen gemeinsam spielten. Man trug zu Beginn meistens seine Sommerkleidung zum Tennis. Im Verlauf des späten 19. Jahrhunderts wurde zwar spezielle Tenniskleidung entworfen, diese unterscheidet sich aber bloß durch die fehlenden Verzierungen von normaler Sommerkleidung. Den Hut setzte man für gewöhnlich zum Spielen nicht ab und auch Korsett und Tournüre musste man zum Tennisspielen in der Belle Époque nicht ablegen:

Das gesellige Rasentennis war schließlich nicht als allzu ehrgeiziger Sport gedacht: Spielte man auf einer Gartenparty Tennis, ging es nicht darum zu gewinnen, sondern darum, den Ball möglichst oft hin und zurück zu spielen, sich dabei zu unterhalten und einfach Spaß zu haben. Wer hektisch hin und her lief, bis er.sie rot im Gesicht war, oder allzu offensichtlich gewinnen wollte, machte sich lächerlich. Auf einer richtigen Tennisparty, zu der immer nur eine kleine Menge Spieler.innen (12-16 Leute) eingeladen wird, geht es aber natürlich anders zu.

Abschließendes

Lampions im Garten | Links: “Nelke, Lilie, Lilie, Rose”, John Singer Sargent, 1885 | Rechts: “Japanische Lampions”, Luther Emerson Van Gorder, 1895

Ob es sich um eine riesige Gartenparty auf dem Landsitz einer englischen Adeligen handelt, um eine gesellige Tennisparty oder um ein romantisch-sommerliches Fest in einem Garten mitten in der Stadt, die Gartenparty erfreut sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer größerer Beliebtheit. Das liegt natürlich vor allem daran, dass besonders die Städter.innen die Natur wiederentdecken und sich mit eigenen Gärten kleine grüne Lungen in der von der neuen Industrie gezeichneten Stadt erschaffen.

Der Garten wird in der Belle Époque immer mehr zum Statussymbol, aber auch zum Rückzugsort abseits von Straßenlärm, Smog und dem Gedränge der Rush Hour. Kleine “Get Togethers”, zu denen man nur die engsten Freund.innen zum Nachmittagstee im Garten einlädt, sind genauso beliebt wie große Feste mit Pavillons, Buffet, Band und Lampions in den Bäumen. Gartenpartys haben eigentlich immer etwas romantisch Verklärtes, denn sie sollen die unberührte Natur unterstreichen, ob man sich nun wirklich auf dem Land befindet oder im Stadtgarten.

Auf der idealen Gartenparty dreht man in seinem schönsten Sommerkleid an einem warmem Nachmittag Runden zwischen Blumenbeeten, Teichen und Obstbäumen, in denen bunte Lampions hängen. Man isst Erdbeeren mit Sahne und trinkt Limonade, spielt Tennis, unterhält sich und bewundert vielleicht die eigens für die Party angelegten romantischen Lauben, während eine Band traditionelle Musik auf Geigen, Gitarren und Banjos spielt. Eine gelungene Gartenparty ist deshalb sicherlich eins der schönsten gesellschaftlichen Ereignisse der Saison.


Selbst nachlesen:

Brown, Phillys: The Girl’s Own Cookery Book. 1882.

Fix Anderson, Nancy: The Sporting Life. Victorian Sports and Games. 2010.

Gillmeister, Heiner: Tennis. A Cultural History. 1998.

Auf Click Americana sind zwei Anleitungen für Gartenpartys aus amerikanischen Zeitungen von 1898 und 1899 veröffentlicht, die ebenfalls sehr aufschlussreich sind und mir sehr weitergeholfen haben.


Beitragsbild: “Eine Rally”, John Lavery, 1885

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1 Kommentar

  • [Blog Glück] April 2020 – Seitenglueck

    […] von Bonjour Belle Époque hat sich dem Thema Gartenpartys im 19. Jahrhundert angenommen. Das finde ich wirklich sowas von faszinierend! Wann macht man sich schon mal Gedanken zu […]

    1. Mai 2020 at 11:49 Reply
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