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Mode

Kleidung, Mode und ihre Bedeutung für ärmere Menschen im 19. Jahrhundert

Eine Frage kommt in letzter Zeit immer häufiger auf, wenn ich hier oder auf Zeitfäden über historische Mode schreibe: “Aber was trugen ärmere Menschen?” Denn es ist leider klar, dass sich die Blumenverkäuferin auf Londons Straßen oder die Minenarbeiterin nicht die teure Pariser Mode leisten können, über die ich normalerweise schreibe. Allerdings kann uns natürlich auch die Kleidung ärmerer Menschen sehr viel über die politischen und gesellschaftlichen Vorgänge im 19. Jahrhundert verraten.

Die meisten Menschen haben ein Bild vor Augen, wenn sie an die arbeitende Bevölkerung des 19. Jahrhunderts denken und Romane, Filme und Serien sind an diesem Bild nicht unschuldig: Dunkle, sackartige Kleidung, manchmal schmutzig, manchmal löchrig, sieht man da. Offenes, zerzaustes Haar. Oder offen stehende Krägen, hervorschauende Unterkleider, fehlende Knöpfe. Das ist nicht authentisch, das kann ich gleich sagen. Aber wie kleideten sich die ärmeren Menschen des 19. Jahrhunderts wirklich? Darum soll es heute gehen.


Die Basics: Worauf achteten die Menschen bei ihrer Kleidung?

Links: Eine Weberin in einer Textilspinnerei, spätes 19. Jh. | Mitte: Muschelsammlerin in Scarborough, England, 1873 | Rechts: Dienstmädchen in Uniform aus Byfield, England, ca. 1900

Ein ganz wichtiger Punkt, den ich deshalb zuerst anbringen möchte, ist, dass auch arme Menschen das Bedürfnis hatten sich sauber und ordentlich zu kleiden. Das taten sie mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Uns ist das oft auch heute noch wichtig, damit wir uns wohl fühlen, und so war es auch damals. Andererseits teilten auch ärmere Menschen die recht strikten Moralvorstellungen ihrer Gesellschaft. Von knittriger, schmutziger oder unvollständiger Kleidung wurde schnell auf einen schlechten Charakter geschlossen.

Besonders für Menschen mit Dienstleistungsberufen war das ein wichtiger Faktor. Verkäuferinnen, ob Ladenmädchen aus der unteren Mittelschicht oder sehr arme Straßenverkäuferinnen, achteten schon allein auf ihr äußeres, um mögliche Kundschaft, meist wohlhabendere Menschen, nicht zu verschrecken. Doch auch das eigene Wohlbefinden, das Gefühl, respektabel und anständig zu sein, spielte eine große Rolle für die Menschen des 19. Jahrhunderts. Und auch sie wünschten sich natürlich schöne Kleidung.

In einer Gesellschaft, die sehr viel wert auf den äußeren Eindruck und auf Mode legt, ist es ganz normal, dass sich fast jede.r diese Mode wünscht, schon allein, um einen besseren Eindruck zu machen, der die Chancen auf eine gute Anstellung vergrößern kann, aber auch um sich seiner Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Arbeitende Frauen ließen vielleicht Accessoires wie die Krinoline oder Tournüre weg, imitierten davon ab jedoch, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten, die Mode, die sie an den wohlhabenderen Frauen sahen.

Zu einem tadellosen Auftreten gehörte im gesamten 19. Jahrhundert aber vor allem saubere Kleidung, ordentlich zusammengestecktes Haar und eine Kopfbedeckung. Auch das Korsett wurde von vielen ärmeren Menschen getragen. Oben in der Mitte seht ihr eine junge Muschelsammlerin, die an Englands gefährlichen Steilklippen Miesmuscheln zum Verkauf erntet. Sie hat sich den langen Rock für die Arbeit hochgebunden und sie trägt Korsett. Diese Aufmachung war für die Menschen damals so alltäglich wie für uns heute Jeans und BH.


Mode Second Hand: Was wurde getragen?

Links: Milchverkäuferin, 27, London, 1864 | Mitte: Muschelverkäuferin, Scarborough, England, 1875 | Rechts: Blumenverkäuferin, London, 1877

Sie trug die typische einfache Strohhaube, ein Wolltuch und ein sauberes Baumwollkleid“, schreibt Arthur Munby 1861 über die Begegnung mit einer jungen Milchfrau in sein Tagebuch. Henry Mayhew begegnet in den späten 1840ern zwei Waisenmädchen, die auf der Straße Blumen verkaufen: “Beide trugen alte, aber nicht zerrissene, dunkle bedruckte Kleider. […] Sie trugen alte, zerbrochene schwarze Basthauben. Die ältere Schwester […] hatte ein Paar alte, zerlaufene Schuhe an ihren Füßen, die jüngere war barfuß […]“.

Aber woher bekommen ärmere Menschen ihre Kleidung? Im Gegensatz zur reicheren Bevölkerung können sie sich natürlich ihre Kleidung nicht bei Schneider.innen auf den Leib schneidern lassen. Die Bekleidung ärmerer Menschen kann daher selbstgemacht sein, sehr viel öfter handelt es sich aber um “second hand” erstandene Stücke. Die Damen der feinen Gesellschaft leisten sich als Ausdruck ihres Wohlstands jede Saison eine neue, modische Garderobe. Was nicht mehr gewünscht ist, wird an die Armen gegeben oder verkauft.

So kommen auch ärmere Menschen an modische Kleidungsstücke, die vielleicht schon ein paar Saisons alt sind, aber nicht komplett altmodisch. Zudem befinden wir uns in einer Zeit, in der beinahe jede.r nähen kann. Ärmere Menschen geben auf ihre Kleidung natürlich besonders gut acht. Sie soll so lang wie möglich getragen werden. Besonders im späten 19. Jahrhundert verändert sich Mode jedoch sehr schnell. Es war nicht ungewöhnlich, wenn ärmere Menschen dann zu Nadel und Faden griffen und ihre alte Kleidung den neuen Trends anpassten.

Auch von der Idee von trostlosen braunen Kleidern sollten wir uns deshalb schnell verabschieden: Da es sich oft um “second hand”-Kleidung handelte, konnte auch die Kleidung der ärmeren Menschen alle modischen Farben und Muster aufweisen. Die Fischerin (oben, Mitte) trägt ein gemustertes Kopftuch und verzierte Röcke, das Schultertuch der Blumenverkäuferin (oben, rechts) ist gestreift. Die Menschen bevorzugten dunklere Stoffe aus fester Wolle, Kord oder Leinen, da diese länger hielten, doch dies heißt nicht, dass diese Kleidung nicht bunt war.


Arbeits- und Freizeitkleidung in der Praxis

Die Fischerinnen von Whitby, England, ca. 1890er, Francis Meadow Sutcliffe

Sehr gut veranschaulicht wird das durch die Fotos, die Francis Meadow Sutcliffe in den 1890er Jahren von den Fischerinnen von Whitby machte. Die Frauen gehen ihrer Arbeit mit aufgesteckten Haaren und in Korsetts nach. Der Pony, den einige von ihnen tragen, ist Ausdruck der Mode der Epoche: Hier sieht man gut, dass die Moden, die sich diese Frauen leisten konnten, durchaus von ihnen mitgemacht wurden. Auch die großen Ärmel an der jungen Frau in der Mitte sind ein modisches Detail der 1890er Jahre.

Der “Anstand” wird nur da außen vor gelassen, wo er behindern würde: Die Röcke sind etwas kürzer, die Ärmel hochgeschoben. Die Frauen tragen darüber hinaus gut gepflegte Kleider und Schürzen, die trotz der Arbeit hochgeschlossen und komplett zugeknöpft sind. Die ältere Frau ganz rechts hat sich außerdem ein Schultertuch aus Wolle zum Schutz gegen den kalten Meerwind um den Kopf gewickelt, aber darunter schimmert eine Leinenhaube hervor: Auch um 1900 war das besonders für die ältere Generation noch ein Muss.

Wir stellen uns die ärmeren Menschen des 19. Jahrhunderts oft nur in ihrer Arbeitskleidung vor, als hätten sie von früh bis spät nichts anderes getan als zu schuften. Auch das ist ein Irrtum. Die allermeisten Arbeiter.innen besaßen neben zwei bis drei Outfits für die Arbeit und den Alltag sogenannte Sonntagskleider. Dabei handelt es sich um besonders schöne Kleidung, die nur Sonntags in die Kirche getragen wird oder zu anderen besonderen Anlässen, wie Feste – oder auch die eigene Hochzeit.


Hemdblusen: Die Revolution der arbeitenden Frau

Links: “Street Wear” in London, 1906 | Mitte: Hemdbluse, ca. 1890er (Met Museum) | Rechts: Fabrikarbeiter.innen in Lancashire, England, 1908

Ein großer Wandel vollzog sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Mehrere Faktoren kamen zusammen, die dafür sorgten, dass um 1890 immer mehr junge Frauen auf den Arbeitsmarkt strömten. Nun arbeiteten nicht mehr nur Frauen, die es unbedingt mussten, sondern auch junge Frauen aus dem Bürgertum, die sich entschieden hatten nicht zu heiraten, sondern sich selbst zu versorgen. Neue Jobs entstanden und besonders Tätigkeiten als Sekretärinnen, Ladenangestellte und Schreibkräfte wurden sehr begehrt.

Diese “neue Frau”, die selbst arbeitete und allein lebte, trug eine Art Uniform: Einen einfarbigen, robusten Rock mit einer Hemdbluse. Dieses Outfit war nicht umsonst an die Anzüge der arbeitenden Männer angelehnt. Bald wurde diese “Uniform” der Neuen Frau so beliebt, dass selbst die reiche High Society, die nicht selbst arbeiten ging, sie übernahm. Wo reiche Frauen aber verspielte Seidenblusen und teure Kostüme aus bester Wolle trugen, blieb die arbeitende Frau bei einfachen Hemdblusen aus Leinen und etwa knöchellangen Wollröcken.

Noch etwas verändert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Das Konzept des großen Kaufhauses, in dem man alles bekommt, wird beliebt und diese Kaufhäuser bieten auch immer öfter “Mode von der Stange” an: Das bedeutet, ärmere Menschen bekommen immer häufiger Zugang zu neuer, moderner Kleidung, die sie sich auch leisten können. So tritt auch die Fabrikarbeiterin um 1900 in Hemdbluse und Rock ihre Arbeit an und es wird immer schwerer an der Kleidung zu erkennen, welcher gesellschaftlichen Gruppe man angehört.

Das öffnet ärmeren Menschen vor allem auch die Türen für besser bezahlte, respektablere Jobs, denn noch immer gilt: Der äußere Eindruck zählt. Und wo auch eine Blumenverkäuferin im sauberen Baumwollkleid, mit Schürze und Leinenhaube natürlich ordentlich und respektabel aussieht, hat eine junge Frau in smarter Hemdbluse und Wollrock natürlich deutlich größere Chancen auf einen gut bezahlten Job als Schreibkraft oder Ladenmädchen. Die Mode birgt neue Möglichkeiten für arbeitende Frauen.


Abschließendes: Die Garderobe einer Arbeiterin

Links: Kleid, 1870 (Met Museum) | Mitte: Schultertuch, 1867 (Manchester Art Gallery) | Rechts: Kittel einer Fabrikarbeiterin in Manchester, ca. 1900 (Manchester Art Gallery)

Es ist sehr schwer erhaltene Kleidung von ärmeren Menschen zu finden, da diese für gewöhnlich getragen wurde, bis sie von selbst zerfiel. Deshalb habe ich euch erhaltene Kleidungsstücke herausgesucht, die von ärmeren Menschen hätten getragen werden können: Das grünbraune Wollkleid ist für die 1870er sehr simpel gehalten, die Ärmel sind weit genug, um sie hochschieben zu können. Die Knopfleiste vorn macht es möglich, das Kleid selbstständig an und auszuziehen: Man könnte in diesem Kleid also durchaus seine Arbeit verrichten.

Das karierte Tuch in der Mitte hätte ebenfalls einer ärmeren Person gehören können. Im Gegensatz zu den Schultertüchern reicher Damen ist es nicht aus Kaschmir oder aus gemusterter oder bestickter Seide, sondern aus Wolle. Ganz rechts seht ihr noch einen Kittel, den tatsächlich eine Fabrikarbeiterin bei der Arbeit in einer Textilspinnerei in Manchester um 1900 trug. Er ist zwar schlicht gehalten, folgt aber dennoch der Mode des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Angedeutete Puffärmel, hoher Kragen und glockenförmiger Rock.

Ich hoffe, ich konnte euch heute ein bisschen dabei helfen das Bild vom armen Menschen im 19. Jahrhundert, der in brauner, schmutziger Kleidung mit zerzaustem Haar zur Arbeit in der Fabrik geht, durch ein etwas authentischeres Bild zu ersetzen. Die ärmere Bevölkerung trug größtenteils “second hand”-Kleidung aus robusten Stoffen wie Leinen und Wolle in dunklen, aber durchaus bunten Farben. Gedruckte Muster waren ebenfalls keine Besonderheit, sondern die Norm und Korsett, aufgestecktes Haar und Kopfbedeckung gehörten dazu.

Neben Haube oder Hut, Kopftuch und Schürze waren besonders warme Schals und Schultertücher beliebte Accessoires und auch hier wurde man erfinderisch. Henry Mayhew erwähnt wie nebenbei eine Frau mit einem “Tischdecken-Schultertuch“, was mich darauf schließen lässt, dass diese Doppelfunktion nicht selten war. Zusammenfassend ist zu sagen: Auch ärmere Menschen hatten ein Bedürfnis nach sauberer, respektabler Kleidung und versuchten sich, mit den Mitteln, die sie hatten, gut und modisch zu kleiden.


Weiterlesen?

Crane, Diana: Fashion and Its Social Agendas. Class, Gender, and Identity in Clothing. 2012.

Edge, Sarah: The Extraordinary Archive of Arthur J. Munby. Photographing Class and Gender in the Nineteenth Century. 2017.

Hiley, Michael: Victorian Working Women. Portraits from Life. 1979.

Shrimpton, Jayne: Working Dress. Occupational Clothing 1750-1950. 2012.

Die Beobachtungen von Arthur Munby und Henry Mayhew, die beide über das Leben der armen Bevölkerung Englands besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrieben, sind sehr aufschlussreich. Beide erwähnen auch immer wieder die Kleidung der Arbeiter.innen.


Beitragsbild: “Die Blumenverkäuferin”, Louis de Schryver, ca. 1890er | Das Gemälde stellt einen Kontrast zwischen der Kleidung der Verkäuferin und der Pariser Mode der Kundin her.

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