Follow:
Mode

Mörderische Moden?: Wie gefährlich war die Mode des 19. Jahrhunderts wirklich?

Die Idee, dass die Mode des 19. Jahrhunderts eine besonders gefährliche war, hält sich hartnäckig. Dafür, dass wir heute nur zu gern glauben möchten, dass Mode unpraktisch und einschränkend war und sogar töten konnte, gibt es viele Gründe, einige davon liefern die Zeitgenossen selbst, andere die Generationen, die nach ihnen kamen. Zu bestimmten Kleidungsstücken, wie dem Korsett, häufen sich die Mythen über grausame Unfälle, ausgelöste Krankheiten und zerdrückte Organe und werden in Filmen, Serien und Büchern auch immer weiter verbreitet.

Deshalb möchte ich mir heute die berühmtesten Übeltäter anschauen und erklären, was an ihnen tatsächlich gefährlich und unpraktisch war und was eher auf Mythen, Irrglauben und vielleicht auch die Befremdung, die wir heute beim Betrachten historischer Moden verspüren, zurückzuführen ist. Eines kann ich euch jedoch von vorn herein mitgeben, falls ihr euch das nächste Mal zwischen reißerischen Schilderungen von gefährlichen und tödlichen Moden des 19. Jahrhunderts wiederfinden und nicht wissen solltet, was ihr davon denkt:

Je länger ein Kleidungsstück tatsächlich getragen wurde, umso unwahrscheinlicher ist es, dass es tatsächlich so unpraktisch und gefährlich war, wie oft angenommen wird. Die Akzeptanz, mit der viele Leute hinnehmen, dass besonders Frauen im 19. Jahrhundert die unpraktischsten und gefährlichsten Moden einfach so ge- und vor allem ertragen haben sollen, wundert mich immer wieder, denn das Gegenteil ist der Fall: Mode revolutioniert sich auch im 19. Jahrhundert ständig selbst und wird bequemer und praktischer, selten umständlicher.

Das soll nicht heißen, dass die Mode des 19. Jahrhunderts immer unbedenklich war. Genau wie heute gab es einige Trends, die wenig praktisch waren (und sich demnach auch nicht lange gehalten haben, wie zum Beispiel der Humpelrock). Die wahren Gefahren der Mode des 19. Jahrhunderts liegen aber nicht da, wo die meisten Menschen sie vermuten würden. Auf welche Weise Mode tatsächlich einschränkend und gefährlich sein konnte, und woher unsere heutigen Klischees zu gefährlicher Mode des 19. Jahrhunderts kommen, möchte ich heute aufschlüsseln.


1. Das Korsett: Mit Stundenglasfigur ins Verderben?

Links: Korsett, Madame Warren’s, 1885 (Met Museum) | Mitte: Constance Behrens mit typischer 1890er-Taille, 1891 | Rechts: Korsett in Rückenansicht, Madame McCabe, 1887-1890 (Met Museum)

Das Korsett darf auf einer solchen Liste natürlich nicht fehlen, deshalb spreche ich es gleich als erstes an. Hier auf Gaiety Girl habe ich es schon öfter gesagt: Das Korsett ist ein essentielles Stück Unterwäsche des 19. Jahrhunderts, kein Folterinstrument. Tatsächlich ist ausgerechnet dieses Korsett, das von vielen für den Auslöser für Krankheiten, Ohnmachtsanfälle und sogar Tod gehalten wird, das ungefährlichste Kleidungsstück auf dieser Liste. Knapp gesagt: Wird das Korsett zu eng getragen, kann es zu Verdauungsproblemen kommen. Aber das ist alles.

Geschichten von Ohnmacht, Atemnot und inneren Blutungen, die zum Tod führen, sind größtenteils urbane Legenden, die auf medizinischem und deutlich sexistisch gefärbtem Irrglauben aus dem 19. Jahrhundert basieren. Damals wurde angenommen, dass der als weiblich verstandene Körper so schwach war, dass er gestützt werden musste: Das Korsett musste also unbedingt sein, wurde aber auch für gefährlich gehalten, weil es den Oberkörper permanent verformte, die Rippen zusammendrückte und die Organe an andere Stellen drückte.

Das tut das Korsett tatsächlich… Es ist aber vollkommen unbedenklich und löst keine Krankheiten oder andere Probleme aus. Eine Schwangerschaft verändert den Körper zum Beispiel deutlich maßgeblicher. Außerdem muss man im Kopf behalten, dass auch in den 1890ern, der Hochzeit der schmalen Wespentaille, die allermeisten Frauen ihre Taillen nicht so extrem einschnürten, wie wir glauben. Die durchschnittliche Taille bei erhaltenen Korsetts liegt irgendwo zwischen 55cm und 65cm, bei einer durchschnittlichen Körpergröße von unter 1,60m.

Geschichten wie der über den Tod von Schauspielerin Kitty Tyrrell, die durch ihr zu eng geschnürtes Korsett an Atemnot gestorben sein soll, lassen sich tatsächlich zumeist auf medizinische Fehleinschätzungen des 19. Jahrhunderts zurückführen. Tyrell zum Beispiel hatte einen Herzfehler, der sie tragischerweise das Leben gekostet hat. Besonders im späten 19. Jahrhundert wurden solche Tode, oder andere Todesfälle und Krankheiten, die man sich nicht erklären konnte, sehr gern ohne Beweise auf das Korsett geschoben. Und das hallt bis heute nach.

Trägt man das auf den Leib geschneiderte und deshalb an sich sehr bequeme Korsett richtig, bereitet es also überhaupt keine Probleme: Die Artistin Charmion war zum Beispiel berühmt für ihren Striptease am Trapez, den sie im Korsett vorführte. Es war also absolut möglich im Korsett ganz normal seinem Alltag nachzugehen, Sport zu treiben und sogar körperlich anstrengende Höchstleistungen, wie einen Trapezakt, zu vollführen. Ganz ohne Atemnot, innere Blutungen oder andere furchtbare Konsequenzen, die dem Korsett nachgesagt werden.


2. Die Krinoline: Modetrend und Feuerfalle

Links: Krinoline, ca. 1860 | Rechts: Abendkleid, ca. 1865 (Met Museum)

Die zweite Verdächtige, die oft sehr skeptisch beäugt wird, ist die Krinoline. Genauer gesagt die Käfigkrinoline, die Mitte der 1850er Jahre patentiert wurde. Bereits im Namen scheint schon ersichtlich, wie unpraktisch und einschränkend sie war: Die Frau im Käfig ist bis heute ein Sinnbild für die einschränkenden Frauenbilder des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich stellte die Krinoline in den 1850er und 1860er Jahren allerdings einen modischen Fortschritt dar, denn sie ist deutlich leichter zu tragen als die vielen Lagen Unterröcke, mit denen Röcke zuvor ausgepolstert wurden.

Die Krinoline ist tatsächlich kein starrer Käfig: Sie ist elastisch und relativ leicht. Man kann sie problemlos zusammendrücken. Lässt man sie dann los, springt sie einfach in ihre Glockenform zurück. Durch Türen gehen und sich hinsetzen sind also problemlos möglich. Der Mythos von der unbeholfen in der Krinoline herumstolpernden Frau, die in Kutschen stecken bleibt, ist also nichts als das: Ein Mythos. Es stimmt, dass die Krinoline in den 1860er Jahren recht weit getragen wurde, jedoch niemals so weit wie es Spottfotos und -karikaturen andeuten: Hier wird der Trend lächerlich gemacht und deshalb überspitzt dargestellt.

Woher kommt dann das Bild der lächerlich großen, umständlichen Krinoline? Tatsächlich spielt auch hier die misogyne Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eine große Rolle. Das Frauenbild der Epoche sah nicht vor, dass Frauen viel öffentlichen Raum einnahmen. Sie sollten der “Engel im Haus” sein. Die 1860er sind jedoch auch eine Zeit, in der die Frauenbewegung in Fahrt kommt: Frauen fordern öffentlichen Raum ein und sie tun es in der Krinoline, die nicht nur nicht übersehbar ist, sondern auch sehr viel Platz beansprucht.

Es kommt nicht von ungefähr, dass es größtenteils männliche Kritiker sind, die in den 1860er Jahren die Krinoline verteufeln: Frauen nehmen plötzlich auf der Straße mehr Platz ein als Männer und das wird kritisch gesehen. Frauenrechtler.innen wie Amelia Bloomer hingegen sahen die Krinoline eher als Segen, aus den oben genannten Gründen. Ist die Krinoline also komplett ungefährlich? Nein. Denn leider sind Krinoline und Tournüre, ihre Nachfolgerin, abseits von allen Mythen und urbanen Legenden für sehr viele Todesfälle verantwortlich.

Sogenannte “Krinolinenfeuer” waren zwischen 1855 und 1880 leider keine Seltenheit: Die Krinoline hält die Röcke wie ein Zelt vom Körper weg, sodass man viel zu spät bemerkt, wenn das Kleid Feuer fängt. In Zeiten von offenem Feuer als Licht- und Wärmequelle passierte das tragisch oft. Auch einige bekannte Namen sind unter den Opfern: Fanny Longfellow und Mathilde von Österreich-Teschen zum Beispiel, sowie Emily und Mary Wilde, Oscar Wildes Schwestern. Hier verbirgt sich eine echte Gefahr von historischer Mode.


3. Arsen und Quecksilber: Wenn Mode giftig ist

Links: Abendkleid, ca. 1840 | Mitte: Zylinder, 1875 | Rechts: Abendkleid, ca. 1850-1855 (Met Museum) | Ob die beiden Kleider tatsächlich mit Arsen gefärbt sind, kann ich nicht sagen, doch diese intensiven Grüntöne waren oft das Ergebnis von arsenhaltiger Farbe

Giftige Substanzen und Mode? Im 19. Jahrhundert hängen diese beiden Themen eng zusammen, denn nicht selten wurde Kleidung mithilfe von hochgiftigen Mitteln hergestellt. Aber nicht etwa, weil den Menschen damals egal war, ob sie sich im Sinne der Mode vergifteten: Es war einfach noch nicht allgemein bekannt, wie giftig diese Stoffe tatsächlich waren. Auch heute trifft das oft noch zu. Und ähnlich wie heute waren es in diesem Fall weniger die Träger.innen, die krank wurden, sondern die Arbeiter.innen, die die Kleidung herstellten.

So wurde zum Beispiel bei der Herstellung von Filz, aus dem die meisten Herrenhüte bestanden, Quecksilber als Bindestoff genutzt. Quecksilber kann zu körperlichen und psychischen Symptomen führen, sodass viele Hutmacher.innen schwer krank wurden. Ob hier der Ursprung des “verrückten Hutmachers” aus Lewis Carrolls “Alice im Wunderland” liegt ist umstritten, es könnte aber gut möglich sein. Diese Effekte von Quecksilber waren tatsächlich bekannt, wurden aber größtenteils ignoriert, denn es traf schließlich nicht die wohlhabenden Mitglieder der Gesellschaft.

Auch Arsen wurde in der Kleiderherstellung benutzt, um Kleidung intensiv grün zu färben: “Scheeles Grün” wurde bereits im 18. Jahrhundert entdeckt und erfreute sich besonders in der Mitte des 19. Jahrhunderts größter Beliebtheit, da es brillante Gras- und Smaragdtöne hervorrief. Nach dem tragischen Tod einer jungen Färberin wurde in Großbritannien jedoch öffentlich diskutiert wie giftig Arsen tatsächlich war. In den 1860ern, als man lernte synthetische Farben herzustellen, wurde Arsen deshalb sehr schnell aus den Färbereien und der Kleiderherstellung entfernt.

Die giftige Mode des 19. Jahrhunderts ist also tatsächlich keine urbane Legende, sondern eine grausige Sache, an der sich auch gut die Klassengrenzen der Epoche ablesen lassen: Nicht die wohlhabenden Träger.innen litten unter den giftigen Stoffen, sondern die ärmeren Hersteller.innen. Auch heute wird unsere Kleidung oft noch auf für die Arbeiter.innen gefährliche Weise hergestellt, zum Beispiel durch Sandstrahlung. Das sollten wir uns bewusst machen, wenn wir über die grausamen und gefährlichen Verhältnisse im 19. Jahrhundert sprechen.


4. Giftiges Make-Up: Blei für den blassen Teint?

Werbung für arsenhaltige Seife, ca. 1880

Darüber, wie die Menschen des 19. Jahrhunderts den modisch blassen Teint erreicht haben, gibt es viele Geschichten. Aber welche sind wahr und welche basieren auf Mythen? Dass sich Menschen mit Absicht Tuberkulose eingefangen haben um den kränklich-blassen Teint zu bekommen, ist zum Beispiel natürlich ein Mythos. Schon allein, weil Blässe zwar modisch war, aber gleichzeitig ein gesunder Teint: Nachgeholfen wurde, subtil, mit Make-Up. Man schminkte sich bleicher, aber man betonte auch die Wangen mit Rouge, um den gesunden Look zu erhalten.

Sehr gesund war das Make-Up im 19. Jahrhundert jedoch tatsächlich nicht, denn oft enthielt es Blei. Nicht nur Schminke selbst, sondern auch Gesichtscremes und andere Tinkturen, die blasser machen sollten, wurden mit Blei hergestellt. Bleivergiftungen können unter anderem Lähmungen hervorrufen. Öfter kam es jedoch vor, dass die Cremes die Haut stark angriffen, sodass die Träger.innen zu noch mehr Bleischminke greifen mussten, um die rauen und wunden Stellen zu überdecken.

Nicht alle Kosmetik des 19. Jahrhunderts war jedoch so schädlich: Viele Menschen benutzten auch komplett ungefährliche Puder aus Talk, Zink oder Reismehl um die vornehme Blässe zu erreichen. Feuchtigkeitcremes aus Mandelöl, Rosenwasser und Bienenwachs waren ebenfalls beliebt und an sich unbedenklich. Es gab also ungefährliche Alternativen: Wieso nutzten viele Menschen dann trotzdem die giftigen Cremes, die Blei und sogar Arsen beinhalten konnten? Es war schließlich bekannt, dass diese Stoffe giftig waren.

Die Antwort ist wohl weniger, dass es den Menschen egal war und eher, dass sie die Gefahr durch die Produkte unterschätzten. Schaut man sich Werbung für diese Produkte aus dem 19. Jahrhundert an, fällt oft auf, dass sie als sicher und medizinisch unbedenklich beworben werden, was meistens nicht der Wahrheit entsprach. Als Verbraucher.in kannte man sich in der Welt der Chemie jedoch selten gut aus und nahm diese Aussagen für bare Münze. Auch heute nutzen wir oft noch Produkte in denen nicht allzu gesunde Mittel enthalten sind.


Wie gefährlich und unbequem war die Mode des 19. Jahrhunderts tatsächlich?

Ich habe diesen Artikel nicht geschrieben, um zu beweisen, dass Mode und Trends im 19. Jahrhundert nie gefährlich und unbequem waren. Viel eher möchte ich, dass wir von dem Bild der in ihrer Kleidung ständig leidenden Frau des 19. Jahrhunderts wegkommen. Ich würde sogar die These aufstellen, dass Mode im Großen und Ganzen im 19. Jahrhundert zwar anders war als heute, aber nicht unbequemer oder gefährlicher als moderne Mode der letzten paar Jahrzehnte. Ein paar Ausreißer gibt es immer, auch heute noch.

Die Frau des 19. Jahrhunderts war durch ihre Kleidung weder ans Haus gefesselt, noch litt sie vierundzwanzig Stunden am Tag an Atemnot, Schmerzen durch das Korsett oder konnte sich in der Krinoline nicht hinsetzen. Das Korsett zum Beispiel erlaubt es seinem Alltag ganz normal nachzugehen und sogar Sport zu treiben. Krinolinen und Tournüren wurden bei sportlicher Betätigung nicht getragen – Reitmode der 1860er zum Beispiel verzichtet einfach auf die Krinoline, Fahrradanzüge der 1890er haben gleichermaßen keine langen Röcke. Die Mode passt sich an.

Wirklich gefährlich ist die Mode des 19. Jahrhunderts, wenn es um Unfälle geht. Krinolinenfeuer sind wohl das tragischste Beispiel, aber natürlich auch Fabrikarbeiter.innen, deren lange Röcke sich in den Maschinen verfangen. Diese Unfälle sind einerseits natürlich auf die Mode zurückzuführen, andererseits aber auch auf inadäquate Sicherheitsvorkehrungen im 19. Jahrhundert. Der lapidare Umgang mit offenem Feuer zum Beispiel, oder die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind hier genauso ein Faktor, wenn nicht sogar ein noch größerer.

Neben diesen Unfällen verstecken sich die Gefahren der Mode des 19. Jahrhunderts dort, wo man sie am wenigsten erwartet, und sie treffen auch seltener die Menschen der feinen Gesellschaft, sondern die Arbeiter.innen, die zum Beispiel ihre Kleidung mit giftigen Mitteln herstellen (müssen). Unsere modernen Ideen von gefährlichen Korsetts und unpraktischen Krinolinen kommen also größtenteils von überholten medizinischen Befunden des 19. Jahrhunderts und von, oft auch frauenfeindlich gefärbten, Karikaturen und Spottschriften. Das heißt nicht, dass die Mode des 19. Jahrhunderts immer unbedenklich war – Doch das ist auch unsere moderne Mode nicht.


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. 1996.

Matthews David, Alison: Fashion Victims. The Dangers of Fashion Past and Present. 2017.

Steele, Valerie: The Corset. A Cultural History. 2003.


Beitragsbild: “Der Arsen-Waltzer”, aus Punch, 8. Februar 1862 | Die Karikatur macht auf den Gebrauch von Arsen zur Färbung von Kleidung aufmerksam.

Share:
Previous Post Next Post

No Comments

Leave a Reply