Zeitgeschehen

1897: Das Feuer im Bazar de la Charité

Am 26. Dezember ist “Der Basar des Schicksals”, die französische Hitserie um den Brand im Bazar de la Charité in Paris, auch in Deutschland auf Netflix erschienen. Natürlich habe ich mir die Serie angesehen. Meine Rezension wird in den nächsten Tagen auf meinem Blog Zeitfäden folgen. Heute soll es aber um die wahren Ereignisse hinter der neuen Serie gehen, denn der Brand des Basars war nicht nur eine furchtbare Tragödie, sondern veränderte die Pariser Gesellschaft der Belle Époque auch nachhaltig.

Das Feuer ereignete sich am Nachmittag des 4. Mai 1897 in einem extra für den Basar errichteten Holzgebäude auf der Rue Jean-Goujon in der Nähe der Champs Élysées in Paris. Der Basar war am Vortag eröffnet worden und hätte eigentlich noch bis zum 6. Mai geöffnet bleiben sollen. Bei der Veranstaltung handelte es sich um eine seit 1884 jährlich stattfindende Benefizgala der Pariser High Society: Berühmte Gesellschaftsdamen verkauften Kunst, Dekorationsgegenstände, Schmuck und Bücher, um Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln.

Das Feuer im Bazar de la Charité am 4. Mai 1897

Der Basar vor dem Feuer | Sichtbar sind die mittelalterlich gestalteten Stände und das große Segeltuch unter der Decke, 1897

Verantwortlich für das Feuer war ein Kinematograph der Brüder Lumière, mit dem auf dem Basar die neuen und für die Besucher.innen aufregenden Filmaufnahmen gezeigt wurden. Der Kinematograph funktionierte jedoch nicht mit Strom, sondern verwendete ein mit Ether betriebenes Kalklicht. Als der Gehilfe des Filmvorführers ein Streichholz anzündete, entzündete sich der Etherdampf und der Vorführraum fing gegen 16.15 Uhr Feuer. Dass sich der Brand so schnell ausbreitete und das gesamte Gebäude in knapp fünfzehn Minuten niederbrannte, hatte mehrere Gründe.

Zum einen bestand das Gebäude vollständig aus Holz: Es war eigens für den Basar auf einem unbebauten Grundstück hochgezogen worden. Auch im Inneren befand sich viel brennbares Material: Die Verkaufsstände waren einer mittelalterlichen Pariser Straße nachempfunden, die aus alten Theaterkulissen aus Pappe und Holz bestand, und unter der Decke hing ein riesiges Segeltuch, das natürlich ebenfalls sofort Feuer fing. Außerdem wurde auf dem Basar ein mit Wasserstoff gefüllter Heißluftballon ausgestellt.

Der Bazar de la Charité hatte keine ausreichend gekennzeichneten Notausgänge, sodass die sofort angeordnete Evakuierung nur stockend voranging. Da sich das Feuer so schnell so weit ausbreitete, kam es unter den knapp 1.600 Besucher.innen zu einer Massenpanik. Ein Zeuge sagte aus, dass sich das Feuer blitzschnell an den hölzernen Balken und der Deko aus Holz und Pappe nach oben fraß und innerhalb von Sekunden auch das Segeltuch unter der Decke lichterloh in Flammen stand. Auf dem Bild oben könnt ihr nachvollziehen, weshalb das so schnell ging.

Die Feuerwehr war nur zehn Minuten später am Ort der Katastrophe, doch zu diesem Zeitpunkt stand das Holzgebäude bereits komplett in Flammen und die beiden Ausgänge waren blockiert, sodass die Flüchtenden nicht nach draußen gelangen konnten. Viele Menschen waren außerdem während der Massenpanik ums Leben gekommen oder hatten durch die Rauchentwicklung das Bewusstsein verloren. Wie in der Serie richtig dargestellt, konnten rund 150 Menschen durch das Eingreifen eines Koches aus dem benachbarten Hôtel du Palais gerettet werden.

Das Nachspiel einer Tragödie

Links: Sophie in Bayern, 1867 | Rechts: Die Reste des Bazar de la Charité am 5. Mai 1897

Ein großes Manko der Serie ist in meinen Augen, dass sie die Anwesenheit von Sophie in Bayern – und ihren Tod – im Bazar de la Charité komplett verschweigt. Sophie war die Schwester der österreichischen Kaiserin Sisi und wurde fünfzig Jahre alt. Sie war am 4. Mai 1897 Ehrengast auf dem Bazar de la Charité und ihre Anwesenheit lockte viele Besucher.innen auf den Basar. Als der Basar Feuer fing, sammelte Sophie gerade Spenden. Man versuchte sie zuerst zu evakuieren, doch sie bestand darauf, dass die Frauen und Mädchen an ihrem Stand vor ihr nach draußen gebracht wurden.

So rettete Sophie vielen Menschen das Leben, kam aber selbst in den Flammen um. Unter den Opfern war außerdem die berühmte Malerin Camille Moreau-Nélaton. Insgesamt kamen bei der Katastrophe 126 Menschen ums Leben, die meisten davon Frauen und Mädchen, da der Basar für diese ausgerichtet worden war. Von den knapp 40 anwesenden Männern starben sieben. Die Katastrophe selbst rüttelte ganz Paris auf, doch das so viele damals berühmte und beliebte Frauen gestorben waren, machte die Tragödie zu einem Wendepunkt der Belle Époque.

Nach dem Feuer kam es zu neuen Richtlinien für Brandsicherheit, denn in der Presse wurde die Frage danach laut, warum das Gebäude nicht hatte evakuiert werden können, warum es nur zwei Ausgänge gegeben hatte und warum so viel Holz verbaut worden war. Nach der Katastrophe stellten zeitgenössische Feminist.innen außerdem die Beteiligung der anwesenden Männer in Frage, die laut einem Artikel der Journalistin Séverine im “L’Echo de Paris” vom 14. Mai 1897 geflohen waren, anstatt den Frauen und Kindern zu helfen.

Der Artikel sorgte für einen großen Skandal, entsprach aber nicht ganz der Wahrheit. Die Netflixserie übernimmt dieses Szenario (und behauptet zudem es seien keine Männer bei dem Brand umgekommen), doch tatsächlich haben so viele Männer überlebt, weil so wenige anwesend waren. Der berühmte Arzt Henri Feulard zum Beispiel konnte sich nach draußen retten, kehrte aber in das brennende Gebäude zurück, um seine Tochter Germaine zu suchen. Leider überlebte nur seine Frau mit schweren Verletzungen.

Dieses Beispiel macht gut deutlich, was die Katastrophe für die Pariser Gesellschaft bedeutete. Fast alle Mitglieder der Pariser Oberschicht, ob Adel oder gehobenes Bürgertum, kannten jemanden, der im Bazar de la Charité ums Leben gekommen war. Das Feuer ereignete sich auf dem Höhepunkt der Pariser Saison und der tragische Tod so vieler berühmter High-Society-Damen legte das eigentlich bunte, fröhliche Treiben in der Stadt auf Eis. Am 4. Mai 1900 wurde die Gedenkkapelle Notre Dame de Consolation geweiht, die bis heute auf dem Grundstück steht, auf dem 1897 der Bazar de la Charité ausbrannte.

Schlusswort: Ein Symbol der Belle Époque

Typisch für die Belle Époque ist nicht nur die große Betroffenheit über die Katastrophe, die sich von Paris in die ganze westliche Welt ausbreitete, sondern auch das beinahe makabere Interesse an ihr. Die Presse sparrte die grausamen Details nicht aus und Fundstücke aus dem ausgebrannten Rest des Bazar de la Charité – Spielzeuge, Schmuck, Handtaschen, Lotterietickets, Stoffreste – wurden zur beliebten Memorabilia, für die manche Sammler.innen kleine Vermögen bezahlten.

In den Monaten und Jahren nach der Katastrophe wurde der Brand im Bazar de la Charité zum Symbol für die Belle Époque an sich und zum Streitpunkt in der Diskussion über Privilegien, Klassenunterschiede und ungleiche Geschlechterrollen innerhalb der Pariser Gesellschaft. Die ums Leben gekommenen Frauen waren in den Augen der einen Märtyrerinnen und Heldinnen. Für andere war das Feuer die gerechte Strafe für ein Paris, das zu viel Wert auf Reichtum und sozialen Stand legte, ein Weltbild, für das der Basar selbst ein Aushängeschild gewesen war.

Heute findet in der Gedenkkapelle jedes Jahr um den 4. Mai eine Gedenkfeier statt, zu der größtenteils die Nachfahr.innen der am 4. Mai 1897 umgekommenen Menschen kommen. Das Feuer im Bazar de la Charité ist längst zum Symbol für die Schattenseiten der Belle Époque geworden, für ihren verschwenderischen Reichtum, für ihre Klassenunterschiede, aber auch für ihr gleichzeitig idealisierendes und unterdrückendes Frauenbild und die Romantisierung von heroischer Männlichkeit.


Selbst nachlesen?

Datta, Venita: Heroes and Legends of Fin de Siècle France. 2011.

Fuligni, Bruno: L’Incendie du Bazar de la Charité. 2019.

Paoli, Dominique: Il y a cent ans. L’incendie du Bazar de la Charité. 1997.

Out and About in Paris: Remembering the Victims of the Charity Bazar Fire


Beitragsbild: “Incendie du Bazar de la Charité”, Le Petit Journal, 16. Mai 1897

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