Leben im 19. Jahrhundert

Winterurlaub in der Belle Époque

Vor ein paar Monaten haben wir uns zusammen angesehen, wie die Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Sommerferien verbrachten. Dabei habe ich bereits erwähnt, dass die Saisons in den großen Städten meist kurz nach Weihnachten begannen und bis in den frühen Juni dauerten. Im Sommer fuhr man also in die Kurorte an der Küste, den Herbst verbrachte man entweder im eigenen Landhaus, oder in dem von Freunden, wenn man eingeladen worden war. Aber was genau tat man im Winter?

Wer es sich leisten konnte und modern wirken wollte, verbrachte im Spätherbst und im Winter einige Wochen in den Alpen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden immer weitere Orte in den Bergen in der Schweiz und in Österreich, aber zum Beispiel auch in den USA, an die neuen Schienennetze angeschlossen, sodass es leichter wurde, diese Winterparadiese zu erreichen. So wurde zum Beispiel 1882 der Gotthardtunnel eröffnet, der unter dem St. Gotthard-Massiv in den Schweizer Alpen hindurchführt und bis heute Lucerne mit Chiasso verbindet.

Das Bergdorf Andermatt und das nahe Göschenertal, beides zuvor nur schwerlich per Kutsche erreichbar und mitten in den Alpen gelegen, konnten jetzt mit der Zahnradbahn erreicht werden und wurde bald zum Trendziel für den Winterurlaub wohlhabener Menschen. In Kanada wurde 1886 der National Glacier Park eröffnet, nachdem auch dort eine Bergbahn gebaut worden war. Auch hier entstanden Hotels und Resorts für wohlhabende amerikanische Urlauber.innen, weitere Berggebiete folgten.

Vom Bergsteigerverein zum Luxusurlaub in den Alpen

Links: Tourist.innen besteigen den Mer de Glace, französische Alpen, ca. 1880 | Mitte: Illustration der ersten Besteigung des Matterhorns, Gustave Doré, 1865 | Rechts: Junge Frauen vom norwegischen Skiclub Skiforeningen, ca. 1890

Die europäischen Alpen, besonders die Schweizer Alpen, blieben jedoch das Reiseziel Nummer Eins für wohlhabende Menschen des späten 19. Jahrhunderts, übrigens nicht nur im Winter, sondern für Alpenliebhaber.innen auch in der Sommerfrische. Doch was tat man in den Alpen? In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren sie vor allem ein beliebtes Reiseziel für Bergsteiger.innen und Wander.innen. 1857 wurde in Großbritannien der Alpine Club gegründet. Hier beginnt das “goldene Zeitalter des Alpinismus”, das ungefähr bis 1865 andauert und während dem sehr viele Gipfel in den Alpen, unter anderem das Matterhorn, zum ersten Mal bestiegen wurden.

Im Jahr 1869 folgte in Deutschland der Deutsche Alpenverein, der ungefähr dasselbe tat, wie der britische Alpine Club: Es wurden nicht nur Ausflüge in die Alpen organisiert und durchgeführt, sondern auch Hütten in den Alpen errichtet und neue Bergsteigerausrüstung entworfen. Das Bergsteigen und Wandern in den Alpen war also in der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits sehr beliebt und auch Winterresorts gab es im späten 19. Jahrhundert bereits:

Ab ungefähr 1870 wurden die Alpen zum Winterreiseziel, denn Skifahren setzte sich langsam als Vergnügungssport durch. Im Norden Skandinaviens war Skifahren schon seit der Urgeschichte bekannt, und zwar als Fortbewegungsmittel auf Schnee. 1849 wurde in Norwegen das erste Mal Skilanglauf zur Unterhaltung angeboten und in den letzten drei Dekaden des 19. Jahrhunderts breitete sich der Sport langsam auch im Rest Europas und Amerikas aus. In Norwegen wird auch bereits seit den 1860er Jahren Skispringen betrieben, ab 1879 fuhr man Slalom und 1893 saust Franz Reisch zum ersten Mal im österreichischen Kitzbühel auf Skiern das Kitzbüheler Horn hinunter und macht Kitzbühel zum beliebten Ziel von Skifahrer.innen.

In den 1890ern und im frühen 20. Jahrhundert kommt der Skiurlaub in den Alpen für wohlhabende Menschen der Belle Époque aus ganz Europa in Mode. In den Bergdörfern der Alpen in der Schweiz, in Frankreich und in Österreich entstehen luxuriöse Winter- und Skiresorts für alle, die es sich leisten können im Winter so weit wegzufahren. In den USA und Kanada entwickelt sich der Skiurlaub ein kleines bisschen schneller: Norwegische Einwander.innen machen das Skifahren dort bereits in den 1880ern beliebt, natürlich besonders in den im Winter verschneiten Bergregionen des amerikanischen Kontinents.

Skiurlaub um 1900 darf man sich jedoch nicht so vorstellen wie heute. Es gab keine schön gestalteten steilen Pisten und während die Abfahrt Spaß machte, war der Aufstieg beschwerlich, denn der Skilift setzt sich erst in den 1940er Jahren durch. Damals betrieb man eher Skilanglauf: Man machte geführte Skitouren durch die Region, bei denen auch mal geklettert werden musste, oder man suchte sich einen nicht allzu hohen, naturbelassenen Hügel aus, den man hinunterfahren und ohne allzu große Probleme wieder hinaufsteigen konnte.

Vom Toboggan zum Pferdeschlitten

Links: Schlittenfahren, ca. 1900 | Rechts: Eine Toboggan-Rutsche vor einem Resort im Luxus-Spa-Ort Saratoga Springs in New York, Ansichtskarte, 1907

In den Winterresorts, in denen die High Society Europas ihren Winterurlaub verbrachte, wurde jedoch nicht nur Ski gefahren. Vor 1900 war zum Beispiel das Eislaufen, dem ich vor einigen Jahren bereits einen eigenen Artikel gewidmet habe, beliebter als das Skifahren. Die dritte beliebte Winteraktivität im Bunde war das Schlittenfahren. Besonders der Toboggan – der kufenlose Schlitten – ist sehr beliebt. Der Toboggan ist eigentlich ein Transportmittel der nordamerikanischen Native Americans, entwickelte sich aber im späteren 19. Jahrhundert zum beliebten Sport- und Vergnügungsschlitten.

Auch mit dem bis heute beliebten Rodelschlitten auf Kufen wurde jedoch gern gefahren und natürlich war auch der große, von Pferden gezogene Schlitten bei genug Schneefall für Spazierfahrten sehr beliebt. Unten links seht ihr eine Frau, die eine Freundin und einen Hund auf einem Stuhlschlitten über das Eis schiebt. Auch diese Schlitten waren sehr beliebt: Oft saßen junge Frauen unter einer dicken Fell- oder Winterdecke auf dem Schlitten und ließen sich von ihren Freund.innen oder romantischen Partner.innen über das Eis schieben. Im Winter sah man überall Paare bei Dates mit Stuhlschlitten auf dem Eis. Auch Kinder mochten Stuhlschlitten natürlich sehr gern.

Der Pferdeschlitten beweist seine Beliebtheit im 19. Jahrhundert auch heute noch im beliebten Winterlied “Jingle Bells”. Es wurde 1857 von dem Amerikaner James Lord Pierpont geschrieben und handelt von einem jungen Mann, der seine Angebetete, Miss Fannie Bright, mit einer rasanten Schlittenfahrt beeindrucken möchte, aber prompt in einer Schneewehe steckenbleibt und sich blamiert. Die “jingle bells” wurden im 19. Jahrhundert am Halfter der Pferde festgemacht: Einen Schlitten hörte man nicht kommen und das Glockengebimmel sollte andere Verkehrsteilnehmer.innen warnen, dass sich ein Gefährt näherte.

Ein Winter auf dem Land

Links: Zwei Frauen mit einem Stuhlschlitten beim Schlittschuhfahren, ca. 1900 | Mitte: Zwei Frauen bauen eine Schneefigur, Januar 1892 | Rechts: Ein Pferdeschlitten, amerikanisch, ca. 1900

Besonders St. Moritz in der Schweiz wurde bereits in den 1860er Jahren ein sehr beliebtes Winterreiseziel für britische Urlauber.innen, aber auch bald von Urlauber.innen vom Kontinent. Hier wurden zum Beispiel 1882 auch die ersten europäischen Weltmeisterschaften im Eiskunstlauf abgehalten. Wie bedeutend die sich rasant entwickende Wintertourismusbranche in den Alpen war, zeichnet sich auch darin ab, dass die ersten elektrischen Lichter in der gesamten Schweiz 1878 im bis heute renommierten Kulm Hotel in St. Moritz installiert wurden.

Natürlich musste man aber auch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht in die beliebten Alpenresorts Davos oder St. Moritz fahren, um einen schönen Winterurlaub zu verbringen. Vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) war ein solcher Resorturlaub im Winter tatsächlich nur etwas für sehr reiche Menschen, die sich einerseits die lange Reise mit dem Zug in die Alpen leisten konnten, und natürlich auch mehrere Wochen in den luxuriösen Chalets, Hotels, Resorts und Edelrestaurants bezahlen konnten.

Schlittenfahren und Schlittschuhlaufen konnte man auch auf dem eigenen Landsitz, auf den man reiste, nachdem man aus der Sommerfrische aus den Resorts an der Küste zurückgekehrt war. Die britische High Society hatte ihre Landsitze oft in Schottland – und auch einige Adelige vom Kontinent verbrachten Herbst und Winter hier. Hatte man keinen eigenen Landsitz standen die Chancen gut, dass Freund.innen einen für mehrere Wochen, manchmal sogar für den gesamten Herbst und Winter, einluden, sodass man diese Zeit auf dem Land verbringen konnte.

Dort tat man dann auch ungefähr dasselbe wie in den Winterresorts in den Alpen: Schlittenfahren, Schlittschuhlaufen, aber auch lange Winterspaziergänge wurden unternommen und auch die Menschen des ausgehenden 19. Jahrhunderts schätzten einen gemütlichen Abend am Kaminfeuer sehr. Wir ihr an dem Bild oben in der Mitte sehen könnt, war auch das Schneefigurenbauen kein fremdes Konzept. Das Schöne an all diesen Aktivitäten ist am Ende, dass man sie überall ausführen kann, selbst dann, wenn man den Winter auf die neue Saison wartend in der Stadt verbringt und nicht ins Alpenresort oder auf einen Landsitz fährt.

Ein Winter in der Stadt: Der Winter ohne Geld

Links: “Straße an der Themse in London”, Willem Witsen, ca. 1890 | Rechts: “Place de la Bastille, Paris, im Winter”, Eugène Galien-Laloue, ca. 1910

Für viele Menschen des 19. Jahrhunderts war der gemütliche Winter mit warmen Fellen und Decken, geheizten Räumen, Kaminfeuer, heißer Schokolade und dicker Wintermode aus Wolle aber natürlich keine Option. Für Arbeiter.innen und die Mitglieder des unteren Bürgertums brachte der Winter oft Sorgen mit sich, denn nicht immer konnte man sicherstellen, dass die ganze Familie warm und vor allem gesund blieb. Im Winter rückte man näher zusammen: Räume, die nicht unbedingt gebraucht wurden, wurden verschlossen und nicht geheizt.

Geheizt wurde meistens auch nicht mit warmen Holzfeuern, wie in den Häusern wohlhabenderer Familien, sondern mit tragbaren Kohleöfen, die man von Raum zu Raum rollen konnte. Sehr arme Menschen hatten überhaupt keine Mittel ihre Wohnungen zu heizen und mussten sich auf mehrere Lagen Kleidung und Decken verlassen. Ein heißer Wintergenuss waren gebackene Kartoffeln mit Butter, Salz und Pfeffer, die sehr günstig auf der Straße verkauft wurden. Manchmal kauften sich die Menschen die Kartoffeln nicht, um sie zu essen, sondern um ihre Hände zu wärmen.

Für den einen Teil der Bevölkerung war der Winter also eine romantische, lustige Zeit, in der man Schlitten und Schlittschuh und etwas später auch Ski fuhr, gemütliche Nachmittage und Abende vor dem Kamin verbrachte und, wenn man es sich leisten konnte, ins Winterresort in die Alpen fuhr. Besonders im Winter darf man aber die vielen Menschen nicht vergessen, für die diese kalten Monate eine furchtbare, trostlose Zeit war, in der man nicht wusste, wie man sich warmhalten sollte und hoffte, dass der Frühling bald kam.

Ein solcher Winter wird sehr anschaulich und authentisch im Roman “The Paris Winter” von Imogen Robertson beschrieben, in dem eine junge Britin den Pariser Winter 1909/10 von beiden Seiten erlebt: Als verarmte Kunststudentin und als Gesellschafterin in der High Society. Der Roman lohnt sich für alle Leser.innen, die das gleichzeitig schillernde und düstere der Belle Époque mögen und bringt den Pariser Winter des frühen 20. Jahrhunderts näher.


Beitragsbild: “Schlittenfahren in Søndermarken, Kopenhagen”, Paul-Gustave Fischer, ca. 1905


Selbst nachlesen?

Denning, Andrew: Skiing Into Modernity. A Cultural and Environmental History. 2014.

Van Wert, W. F.: The Invention of Ice Skating. 1997. 

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1 Kommentar

  • Antje

    Gibt es das von dir erwähnte Buch “The Paris Winter” auch auf deutsch? Ich habe leider nichts gefunden…

    5. April 2020 at 22:28 Reply
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