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Belle Époque

Aus der Not zur Luxusreise: Die Belle Époque auf See

Letzte Woche habe ich euch erzählt, wie man in der Belle Époque den Sommerurlaub verbracht hat. Dabei sind zwei Begriffe gefallen, die ich euch gern etwas näher bringen möchte: Segelsport und Kreuzfahrten. Denn, wer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine der Resortstädte in Großbritannien, Deutschland oder Frankreich fuhr und die nötigen Mittel mitbrachte, der ließ sich auch gern zu einem Törn auf einer Segelyacht hinreißen, so, wie wir es heute auch noch machen. Doch damals war das etwas Neues.

Für den größten Teil unserer westlichen Geschichte war das Meer etwas, das man mied, wenn man konnte. Es war gefährlich und unberechenbar und gehörte Händlern, Kaufmännern und Seeleuten, die sich auf’s offene Meer hinauswagen mussten, um Handel zu betreiben, ihre Waren auszuliefern oder schlicht und ergreifend Geld zu verdienen. Das ändert sich im 19. Jahrhundert. Das Meer wird bezwungen und bereist, es wird zum Spielplatz von Hobby-Segler.innen und wohlhabenden Reisenden, die ferne Länder besuchen möchten. Aber wie kam es zu diesem Wandel?

Der Beginn des Transatlantikverkehrs: Auswanderung und Massentourismus

Werbeplakat für die Schiffe der HAPAG, ca. 1890 | Mitte: Die White Star Line bewirbt die “Titanic”, 1912 | Rechts: Reklame des Norddeutschen Lloyd – Die Werbung zeigt die “Kaiser Wilhelm der Große”, die als erster Ozeanriese gilt, 1903

Kurz gesagt, und ich muss mich hier kurz halten, denn über dieses Thema kann man ganze Abschlussarbeiten schreiben (was ich auch getan habe), kam es in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum sogenannten “Massenexodus” aus Europa nach Nord- und Südamerika. Auswanderung hatte es auch in den vorherigen Jahrhunderten gegeben, allerdings nicht in dem Ausmaß, das auf verschiedene politische und wirtschaftliche Katastrophen der frühen Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts folgte.

Damals reisten die Auswander.innen im Zwischendeck – neben der Ladung – von Handelsschiffen. Diese Reise auf den hölzernen Seglern war beschwerlich, konnte mehrere Monate dauern und schlug den Auswander.innen schnell auf Psyche und Gesundheit. Als nun in Folge von Klimakatastrophen und Hungersnöten, sowie von politischen Missständen (Wie der gescheiterten Revolution von 1848 in Deutschland) tausende von Europäer.innen der Armut entkommen wollten, indem sie ins “gelobte” Land Amerika zogen, waren die Handelsschiffe schnell überlaufen und es mussten Neuerungen her.

Überquerten zuvor nur wenige Menschen den Atlantik in Richtung Amerika, setzten plötzlich Massenbewegungen ein, die den Transatlantikverkehr schlicht und ergreifend überforderten. Außerdem wurden natürlich Forderungen nach sichereren, schnelleren und komfortableren Wegen über das große Meer laut. Und daraus machten die Gründer der ersten Transatlantik-Reedereien natürlich bald ein Geschäft. Schon 1818 bot die New Yorker Reederei Black-Ball-Line erstmals Atlantiküberquerung mit festem Fahrplan an: Zuvor – und auch für lange Zeit danach – fuhren die Segelschiffe wenn das Wetter es erlaubte, feste Zeiten gab es nicht.

In Großbritannien entstand 1845 die White Star Line, die später traurige Berühmtheit durch ihr Schiff, die “Titanic“, erlangte. Das Monopol auf den Transatlantikverkehr teilten sich im 19. Jahrhundert jedoch zwei deutsche Reedereien: Die Hamburger HAPAG, später Hamburg-Amerika-Linie, und der Bremer Norddeutsche Lloyd. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstand zwischen den europäischen Reedereien ein Wettstreit auf dem Atlantik: Die Schiffe mussten immer größer, immer schneller, immer moderner werden, damit man sich gegenseitig übertrumpfen konnte.

Das brachte für die Massen an Auswander.innen, die auch um 1900 noch den Weg nach Amerika antraten, über die ca. 60 Jahre zwischen 1840 und 1900 einige Vorteile und gewaltige Verbesserungen mit sich: Wo man um 1840 noch im Bauch eines hölzernen Segelschiffes monatelang unterwegs war und wie Handelsgut behandelt wurde, entwickelte sich die Schifffahrt bis 1900, angekurbelt durch die neue Nachfrage nach Transatlantiküberquerung, rasant: Eiserne Dampfschiffe lösten die Segler ab, und nun gab es eigene Kabinen für die Reisenden (Umso luxuriöser, je mehr man bereit war zu zahlen natürlich), die um 1900 in wenigen Tagen von Hamburg, Liverpool oder Bremen nach New York und Boston gelangen konnten.

Fin de Siècle: Das Jahrzehnt der Ozeanriesen

Die “Kaiser Wilhelm der Große”: Umschlag der Speisekarte am 13. April 1900 & Ausstattung des Rauchersalons der 1. Klasse, Postkarte, ca. 1900

Schon zu Beginn dieser Entwicklung verlagerte sich der Fokus weg von den Auswander.innen hin zu anderen Reisenden: Wohlhabenden Urlauber.innen und Geschäftsreisenden. Die Welt war beinahe schlagartig kleiner geworden: War der Weg zwischen Amerika und Europa um 1840 noch gefährlich, lang und beschwerlich, konnte man bereits um 1870 bequem innerhalb von zwei Wochen mit dem vom Wetter unabhängigen Dampfschiff übersetzen und um 1900 in unter einer Woche. Das öffnete natürlich auch dem Massentourismus die Tore und besonders für Amerikaner.innen war es nun so en vogue wie nie zuvor im Sommer nach Europa zu fahren und zu reisen.

Dabei war die Überfahrt nach Europa bereits als Erlebnis angelegt: Während die Reedereien ihre meisten Einnahmen immer noch über die Passagiere der dritten Klasse im Zwischendeck – nun größtenteils Auswander.innen aus Osteuropa – einspielten, konzentrierten sie sich darauf, die Überfahrt für die wohlhabenden Gäste so luxuriös und komfortabel wie möglich zu gestalten. Bald gab es auf den Ozeandampfern luxuriöse Restaurants, Salons, Schwimmbäder, Sonnendecks und Wintergärten. Nun reiste ausgebildetes Hotelpersonal mit, denn den wohlhabenden Fahrgästen sollte nichts fehlen.

Obwohl die Strecke zwischen Europa und Amerika noch immer beliebt war, öffnete sich der Linienverkehr langsam auch für andere Ziele. 1891 stach das Hamburger Schiff “Augusta Victoria” für die erste richtige Kreuzfahrt in See: Die “Augusta Victoria” hatte kein bestimmtes Ziel, sondern fuhr seine reichen Passagiere in zwei Monaten nach Ägypten, Syrien, Griechenland, die Türkei, Italien und Spanien, bevor es nach Hamburg zurückkehrte. Auf diese “Orientkreuzfahrt” folgte bald darauf die erste Kreuzfahrt in den arktischen Zirkel und 1896 nach Indien.

Als erster Ozeanriese gilt das Bremer Schiff “Kaiser Wilhelm der Große”, das 1897 zum ersten Mal in See stach. Der “Windhund des Ozeans” erreichte New York nach nur sechs Tagen und bot Platz für rund 1700 Passagiere, von denen die meisten (etwas über 1000) im Zwischendeck reisten. 1907 schickte die Cunard Line dann die ersten Turbinenschiffe “Mauretania” und “Lusitania” auf die Reise: Die riesigen Schiffe überquerten den Atlantik in nur noch 4 Tagen und wurden erst 1914 von der HAPAG übertroffen: “Imperator” und “Bismarck” waren bis in die 1930er Jahre die größten Schiffe der Welt. Der erste Weltkrieg bremste den Reiseverkehr auf dem Atlantik jedoch erst einmal aus.

Die dunklen Seiten der Ozeanriesen

Das Bremer Schiff “Kronprinz Wilhelm” passiert den Leuchtturm Roter Sand in Bremerhaven – Ein Wahrzeichen der Auswanderung, da er oft das letzte war, das die Auswander.innen von Europa sahen, Postkarte, ca. 1910

Die Transatlantikreise – und generell Schiffsreisen – waren längst nicht mehr bloß Notwendigkeit, sondern zum Spaß für reiche und einflussreiche Persönlichkeiten geworden. So traf man auf den großen Luxusdampfern der Epoche, die, wie es sich zu betonen lohnt, nach wie vor arme Auswander.innen im Zwischendeck transportierten, für die die Reise keinen Spaß, sondern die Hoffnung auf ein neues, besseres Leben bedeutete, nicht selten Berühmtheiten und Politiker.innen des fin de siècle an. Auf der Kronprinz Wilhelm reisten zum Beispiel Schauspieler.innen, Opernsänger.innen und John Jacob Astor, der reichste Mann Amerikas, zwischen Amerika und Europa.

Das macht die Ozeanriesen dann auch zum treffsicheren Symbol für ihre Epoche: Sie waren ein kleiner Mikrokosmos, auf dem sich Mitglieder aller sozialer Gruppen befanden und während in Salons, Ballsälen und auf Sonnendecks die Reichen und Berühmten flanierten, speisten und sich gut unterhalten ließen, blickten die Ärmsten im Zwischendeck – natürlich streng getrennt von der feinen Gesellschaft – einer ungewissen Zukunft in Amerika entgegen, die ihr Leben besser machen konnte – oder schlimmer. Der verklärte amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär erfüllte sich für die Wenigsten: Viele Auswander.innen kehrten desillusioniert in die einstige Heimat zurück.

Obwohl der Ozean nun endgültig seinen Schrecken verloren hatte, bleiben die großen Seeunglücke der Epoche trotzdem im Gedächtnis. Im Jahr 1883 sank das Hamburger Auswandererschiff Cimbria in der Nordsee: 437  Menschen kamen ums Leben, die meisten von ihnen osteuropäische Auswander.innen. Doch auch die damals berühmte Gruppe “Die Schwäbischen Singvögel” überlebte das Unglück nicht. Die wohl bekannteste Katastrophe dieser Art ist aber natürlich der Untergang der Titanic im Jahr 1912. 1915 sank die Lusitania vor Irland, einst das schnellste Schiff der Welt, nachdem es von einem deutschen Torpedo getroffen wurde. 1198 Menschen kamen ums Leben.

Der erste Weltkrieg wird heute als Ende der unbeschwerten, goldenen Belle Époque verstanden und das gilt auch für die dekadenten, luxuriösen Kreuzfahrten des fin de siècle. Viele der ehemaligen Ozeanriesen, die Auswander.innen und Mitglieder der High Society transportiert hatten, wurden zu Kriegsschiffen umgebaut, so auch die “Kaiser der Wilhelm der Große”. Die “Mauretania” und die “Britannic”, Schwesternschiff der “Titanic”, wurden zum Hospitalschiff. Kaum einer dieser einst berühmten Ozeanriesen ist uns heute noch erhalten. Viele wurden im ersten Weltkrieg versenkt, so auch “Kaiser der Wilhelm der Große” und “Mauretania”.

Yachting – Das Meer im Kleinen erleben

Ein Ball an Bord, James Tissot, 1874 | Das Gemälde zeigt wahrscheinlich einen Ball der High Society auf der Königlichen Segelyacht während der alljährlichen Regatta vor dem Küstenort Cowes im Sommer 1873

Die Menschen der Belle Époque wagten sich jedoch nicht nur für Kreuzfahrten und weite Transatlantikreisen auf den Ozean. Das Sportsegeln kam ebenfalls immer mehr in Mode. Segeln war bereits seit einigen Jahrhunderten ein beliebter Zeitvertreib für die Reichsten der Reichen: König Charles II. von England segelte in den 1660ern bereits auf der Themse und lieferte sich 1661 ein Yachtrennen gegen den Duke of York. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts entwickelten sich erste Segelclubs in England, zu denen natürlich auch nur die Wohlhabenden und Angesehenen Zugang hatten.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Segelyachten auch für “gewöhnliche” Adelige und bald auch reiche Mitglieder des gehobenen Bürgertums erschwinglich. Regattas wurden bald zur beliebten Sommerbeschäftigung der High Society. In Cowes findet zum Beispiel im frühen August bis heute jedes Jahr eine einwöchige Regatta statt, die auch in der Belle Époque bereits die Oberschicht in den Küstenort lockte: In Cowes traf sich britischer und internationaler Adel und der in Cowes ansässige Segelclub Royal Yacht Squadron organisierte die Regatta.

In der Belle Époque wurde Segelsport immer beliebter, sodass er zum Sommerurlaub an der Küste für Adel und das gehobene Bürgertum bald dazu gehörte. Ob man mit einer großen Segelyacht unterwegs war, wie ihr eine auf dem Beitragsbild oben sehen könnt, oder mit einem kleineren Boot, mal mehr mal weniger gemütliche Segeltörns gehörten bald fest dazu. Natürlich war die Yacht auch ein Statussymbol: Die dekadente, luxuriöse und natürlich moderne Ausstattung spiegelte Reichtum und soziales Ansehen ihres Besitzers wider. Das Segeln selbst galt jedoch ebenfalls weiterhin als großes Statussymbol, denn nur die Wohlhabendsten konnten es sich leisten.

Im viktorianischen England wurde das Segeln jedoch nicht nur als Freizeitspaß betrachtet, sondern als eine Art “Pflicht”: Im fin de siècle waren die Siege in Seeschlachten und generell die Schifffahrt in der englischen Geschichte bereits so weit romantisiert worden, dass man Segelsport mit der Navy und der Ehre Englands in Verbindung brachte: Man sah sich als Nation von Segler.innen, die ihre Insel auch auf dem Meer stets verteidigen konnten und sowieso stolze Seefahrer.innen waren. Segeln war keine lustige, entspannte Freizeitbeschäftigung, wie es in Amerika oder auch Frankreich wahrgenommen wurde, es war den Engländern ins Blut übergegangen und ein englischer Adeliger musste segeln können.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es in Großbritannien zum guten Ton gehörte, einem Segelclub anzugehören. Am besten einem der Clubs, die bereits seit dem 18. oder frühen 19. Jahrhundert bestanden, zum Beispiel dem Royal Yacht Squadron, 1815 gegründet und bis heute einer der angesehensten Segelclubs der Welt. Die Mitglieder segelten nicht nur, sie trafen sich auch zum Essen um dabei über’s Segeln zu sprechen und organisierten Regattas. Auch hier gilt natürlich: Nur die übermäßig Privilegierten hatten Zutritt. Zu Beginn des Royal Yacht Squadron durfte niemand mitmischen, der nicht eine Yacht mit über zehn Tonnen Gewicht besaß.

So trugen die Gentlemen auch stolz die Abzeichen ihrer Segelclubs am meist blauen Segeljackett, wenn sie segelten. Ansonsten wurde beim Segeln “seaside fashion” getragen, die ich euch letzte Woche im Post zum Sommerurlaub bereits vorgestellt habe. Helle, luftige Stoffe und Strohhüte waren ein Muss, der nautisch inspirierte Matrosenkragen oder Kapitänsmützen nachempfundene Hüte wurden von denen getragen, die es wirklich ernst meinten. Ein paar Extravagante trugen Muscheln oder andere nautische Dekorationen an Hüten und Kleidung. Segeln war in jedem Fall ein Event und auch hier galt: Sehen und gesehen werden.

Zum Abschluss: Sozial- und Umweltgeschichte der Kreuzfahrt

Heute ist die Frage danach, ob Kreuzfahrten wirklich sein müssen, wichtiger denn je. Der Klimawandel beschäftigt viele von uns und besonders die großen Ozeanriesen, die nur zum Spaß Tourist.innen über das Meer befördern, werden als Klimakiller angesehen. Ich hoffe, ich konnte euch heute einen Einblick in die Geschichte dieser Schiffe geben, die erst Menschen in Not in ein neues Leben transportierten, aber bald zum Spielplatz der Reichsten der Gesellschaft wurden. Die Geschichte der Kreuzfahrt ist nicht nur Technikgeschichte, sondern auch Sozialgeschichte und Umweltgeschichte.

Faszinierend finde ich, wie die Welt im Laufe weniger Jahrzehnte kleiner wurde. Heute ist es für uns normal, dass man hinfahren kann, wo man will, wenn man es bezahlen kann. Selbst Australien ist nur noch etwas über 24 Stunden entfernt. Dass das nicht immer so war und wie rasant sich die Möglichkeiten für wohlhabende Tourist.innen und Auswander.innen entwickelt haben und was das für Gesellschaft und Umwelt bedeutete, sollten wir uns unbedingt öfter vor Augen halten.


Selbst nachlesen:

Bade, Klaus J.: Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 2002.

Fittkau, Tanja: In die neue Welt – Von Bremerhaven nach Amerika. Atlantiküberquerung im 19. Jahrhundert und die Bedingungen an Bord der Schiffe. 2010.

Fix Anderson, Nancy: The Sporting Life. Victorian Sports and Games. 2010.

Wall, Robert W.: Die goldene Zeit der Ozeanriesen. 1977.


Beitragsbild: An Bord der Yacht “Namuna”, Venedig, gemalt von Julius LeBlanc Stuart, ca. 1890

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