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Persönlichkeiten

Queering History: Dr. James Barry, historische Queerness & wie wir damit umgehen

Im Moment sorgt ein neues Romanprojekt der amerikanischen Autorin E.J. Levy für Furore. Leider nicht aus positiven Gründen, denn in ihrem Roman geht es um Dr. James Barry. Levy behaupet, Barry sei eine Frau gewesen, die sich als Mann ausgegeben hätte um den strengen Geschlechterrollen des viktorianischen Englands zu entgehen. Sie stellt ihren Roman, der im Publikumsverlag Little, Brown erscheinen soll, als eine Art feministisches Manifesto über die erste britische weibliche Ärztin dar. Doch das ist hochgradig problematisch, denn James Barry war ein trans Mann und Levys Herangehensweise ist transfeindlich.

Queere Geschichte, terf-Rhetorik und Erasure

Was in der englischsprachigen Buchwelt im Moment für Furore sorgt, ist bei uns noch nicht richtig angekommen. Ich schreibe heute über die Kontroverse, weil ich hier auf Gaiety Girl eine relativ große Plattform dafür habe und mich als Historikerin mit LGBTQ-Geschichte befasse. Bitte schaut euch aber auch unbedingt die Posts weiter unten an, wo ich Artikel von trans Autor.innen zum Thema verlinkt habe, besonders den Text von E.E. Ottoman, der Barry ausführlich recherchiert hat, und Julia Ftaceks Text über den Nutzen und die Gefahren von neuen Tools zum “queering” unserer Geschichte: Der Rekonstruktion queerer Geschichte, die Jahrhunderte lang unterdrückt wurde.

Was hier mit James Barry und E.J. Levy passiert, ist ein Paradebeispiel für sogenannte trans erasure, die in der Geschichtswissenschaft leider Gang und Gäbe ist: Gemeint ist das Unischtbarmachen von trans Menschen und der Existenz von trans Identität in der Geschichte. Es ist außerdem ein Beispiel für sogenannte terf-Rhetorik. “Terf” steht für “trans exclusive radical feminism”: Unter dem Deckmäntelchen von Feminismus werden historische trans Personen mit den falschen Pronomen beschrieben und ihre Identität als trans Menschen unsichtbar gemacht. Das ist besonders gefährlich, weil so getan wird, als würde alles im Sinne von Frauen und derer Rechte geschehen, wenn in Wirklichkeit eine marginalisierte Gruppe, trans Menschen, diskriminiert und ausgeschlossen wird.

Richtiger Feminismus ist das nicht, wenn sich cis Feminist.innen an der Geschichte von trans Menschen bereichern, denn richtiger Feminismus ist inklusiv: Er schließt trans Menschen ein und hilft, ihre Geschichten zu erzählen, anstatt sie falsch darzustellen oder ihre Identität sogar komplett unsichtbar zu machen, um sie mit Gewalt in das Muster der Erfolgsgeschichte einer “starken Frau” zu pressen.

Warum das schädlich ist, ist hoffentlich allen Leser.innen klar. Denn diese Erasure von trans Leuten aus unserer Geschichte sorgt dafür, dass sich transfeindliche Menschen heutzutage bemächtigt fühlen Dinge zu sagen wie: “Das muss eine Modeerscheinung sein, früher gab es das nicht.” Dabei gab es “das” sehr wohl schon immer. Es wurde nur unsichtbar gemacht und wird es, wie Levys Roman beweist, bis heute. Und besonders Akademiker.innen und Autor.innen müssen dagegen laut werden, auch im deutschsprachigen Raum.

Wer war James Barry?: Eine kurze Biographie

“Do not consider whether what I say is a young man speaking, but whether my discussion with you is that of a man of understanding.” | James Barry, aus dem Vorwort seiner Thesis

Aber wer war James Barry? Beginnen möchte ich mit einer kurzen Biographie, denn es soll um ihn gehen und nicht um Levy. James Barry wurde um das Jahr 1789 herum in Irland geboren, doch über seine Jugend ist nur wenig bekannt. Sein Onkel war der irische Romantikmaler James Barry und um das Jahr 1809 herum traf Barry die Entscheidung, Medizin zu studieren.

Wie genau das ablief ist nicht wirklich belegt, doch leider ranken sich um diesen wichtigen Schritt in James Barrys Leben viele transfeindlich gefärbte Legenden. So soll es nichts weiter als eine Scharade seiner Familie gewesen sein, Barry als Mann auszugeben, um ihm eine medizinische Ausbildung zu ermöglichen. Dass James Barry tatsächlich ein Mann war, der Medizin studieren wollte, wird immer wieder zu widerlegen versucht. Dabei ist es, schaut man sich den weiteren Verlauf seines Lebens an, eindeutig.

Im November 1809 begann James Barry sein Medizinstudium in Edinburgh, das er 1812 abschloss. Nachdem er 1813 die Prüfung des Royal College of Surgeons of England abschloss, trat er in die Armee ein und wurde im Royal Military Hospital in Plymouth eingestellt, wo er 1815 den Rang des Assistant Surgeon to the Forces, der dem eines Leutnants gleichkommt, erhielt. 1816 wurde er in Kapstadt in Südafrika stationiert, wo er zehn Jahre verblieb und zu Reformen im Gesundheitswesen beitrug, die unter anderem für bessere hygienische Zustände und bessere Wasserversorgung sorgten. 1827 wurde er Surgeon of the Forces, bis 1857 war er unter anderem in Mauritius, Jamaika, Malta, Korfu und schlussendlich in Kanada stationiert.

Wo auch immer er stationiert war, fiel James Barry durch seine teilweise extremen Methoden auf, mit denen er Verbesserungen besonders für weniger privilegierte Patienten durchsetzen wollte. Er wurde für seine Vorgehensweise sogar mehrmals verhaftet. 1859 ging er in Rente und verbrachte den Rest seines Lebens in London, wo er 1865 verstarb.

Seine außerordentlichen Leistungen als Arzt und Chirurg wurden daraufhin durch die Entdeckung überschattet, dass Barry bei seiner Geburt weiblich zugeordnet wurde und einen in den Augen der Viktorianer “weiblichen Körper” hatte. Die British Army, die Barrys Dienste jahrzehntelang in Anspruch genommen und ihm weitläufige Verbesserungen in der Behandlung von Patienten zu verdanken hatte, versuchte die Geschichte zu verschweigen und versiegelte alle Dokumente, die James Barry betrafen, für die nächsten hundert Jahre.

James Barrys Charakter wird von seinen Freunden und anderen Zeitgenossen oft als schroff beschrieben. Er soll oft unhöflich und sogar aggressiv gewesen sein, setzte sich leidenschaftlich für die Dinge ein, die ihm wichtig waren, und gab generell wenig auf den höflichen Umgangston, den die georgianische und viktorianische Gesellschaft voraussetzte. Florence Nightingale, die er in der Krim traf, beschrieb ihn als ungehobelt und rau. Er soll außerdem ein Dandy gewesen sein, dem schöne, modische Kleidung wichtig war und mochte nicht, dass er nicht besonders großgewachsen war – über eine solche Bemerkung soll er andere sogar zum Duell gefordert haben.

Viktorianer und Gender: Ein komplexes Feld ohne klare Antworten

James Barry nutzte sein gesamtes Leben lang männliche Pronomen und den Vornamen James für sich, im Beruflichen wie im Privaten. Er verordnete, dass er im Falle seines Todes in den Kleidern beerdigt werden sollte, in denen er gestorben war und, dass niemand seinen Körper untersuchen sollte – Daran wurde sich leider nicht gehalten.

Seitdem wird immer wieder versucht, James Barrys Identität als viktorianischer trans Mann unsichtbar zu machen, obwohl die Lage in seinem Fall eigentlich mehr als klar ist. Barry bezeichnete sich als Mann, sein Leben lang, er war ein Mann. “Aber so einfach ist das nicht”, sagen viele und kommen mit viktorianischen Konzepten von Gender und Sexualität um die Ecke, mit “Cross Dressing” und mit dem Argument, dass Frauen im viktorianischen England eben keine Ärztinnen werden durften, so wie Autorin E.J. Levy. Lasst uns darüber sprechen.

Die Geschichte, Barry wäre von seiner Familie regelrecht in die Männerrolle gezwungen worden hält sich hartnäckig, obwohl es dafür keinerlei Belege gibt. Warum? Das ist leicht: Transfeindlichkeit. Da muss man überhaupt nicht drum herum reden.

Es wird eine abenteuerliche Geschichte gestrickt, in der Barry eine Frau ist, die sich nicht von der Misogynie ihrer Zeit aufhalten lassen möchte, in der Barrys Familie ganz radikal beschließt, einen Arzt in der Familie haben zu wollen, weshalb Barry als Mann “verkleidet wird”, in der James Barry sein gesamtes Leben als Mann lebt, auch im Privaten, weil… das weiß keiner so genau. Und das wird als glaubwürdiger und wahrscheinlicher angesehen, als dass James Barry einfach ein Mann war, ein trans Mann. Der akademische Umgang mit James Barry ist extrem cisnormativ und transfeindlich und das muss man im Kopf behalten, wenn man sich mit ihm beschäftigt.

Ja, das Verständnis von Gender und Sexualität war im neunzehnten Jahrhundert ein anderes. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Menschen gegeben hätte, die in unsere modernen Konzepte passen. Denn die Viktorianer hatten andere Konzepte von Queerness, aber sie hatten sie. Es ist nicht immer einfach, moderne Konzepte auf historische Persönlichkeiten anzuwenden, da zu wenig überliefert ist, um klare Zuordnungen zuzulassen.

Aber James Barry ist nicht so ein Fall. James Barry ist einer der wenigen Fälle, in denen seine Identität als trans Mann klar belegbar ist. Das hier ist kein Fall von “Das kann man nicht wissen”. Und das macht E.J. Levys Transfeindlichkeit kalkuliert, sie ist kein Versehen, sie ist kein Kavaliersdelikt. Wir müssen anfangen, die Queerness historischer Persönlichkeiten ernst zu nehmen. Vor allem müssen wir anfangen, historische Selbstbezeichnungen zu respektieren. Und James Barrys Selbstbezeichnung ist eindeutig: Er war ein Mann.

Queering History: Rekonstruktion, Reclaiming und die große Unsicherheit

Das bringt uns zu einem anderen Problem, das ich erwähnen muss, wenn wir über diese Kiste sprechen: Unsere Unzulänglichkeit als moderne Historiker.innen (und Autor.innen von historischen Romanen, die ja ebenfalls im besten Falle Recherche betreiben). Queer History ist ein undankbares Feld, denn in den meisten Fällen ist die Quelllage schlecht.

Wir sprechen über Zeiten, in denen Queerness unterdrückt wurde und zum Selbstschutz geheimgehalten werden musste. Deshalb ist uns, anders als bei James Barry, die Selbstbezeichnung vieler historischer queerer Menschen nicht überliefert. Dazu kommt, dass wir immer einbeziehen müssen, dass sich unsere modernen Konzepte für Queerness nicht immer eins zu eins mit historischen Konzepten von Queerness decken. Das sorgt dafür, dass viele Historiker.innen das Handtuch mit einem “Wir wissen es halt nicht” werfen.

Ich finde das einerseits verständlich und andererseits gefährlich. Denn dieses “Das kann man nicht wissen” ist es, dass Autor.innen wie Levy dazu befähigt, Queerness, in diesem Fall die trans Identität ihres Protagonisten, unsichtbar zu machen. “Das kann man nicht wissen” ist ein Totschlag-Argument, das oft so richtig wie frustrierend ist, weil es von queerfeindlichen Menschen genutzt wird, um ihre Erasure, ihr Unsichtbarmachen, von queeren Personen zu rechtfertigen.

Ich bin persönlich nicht dafür, historischen Persönlichkeiten mit Zwang moderne Konzepte von Queerness überzustülpen, denn auch das führt zu Kontroversen, wenn wir uns plötzlich streiten, ob wir einen Oscar Wilde als schwul oder bi einordnen sollten. Ich bin jedoch sehr wohl dafür zu spekulieren, Theorien aufgrund dem, was wir an Quellen haben aufzustellen, und die Geschichtswissenschaft weiter und weiter für queere Forschung zu öffnen und Queerness innerhalb der Geschichtswissenschaft zu normalisieren.

Manchmal können wir nicht 100% genau wissen, auf welche Weise eine historische Person queer war und das ist frustrierend. Hier auf dem Blog bin ich auf dieses Problem mit Fanny und Stella gestoßen, deren Selbstbild und Agency kaum überliefert ist. Was wir aber machen können ist, was man in den Queer Studies als “queer reading” versteht: Wir können die Quellen, die wir haben, auf verschiedene Weisen lesen.

Wir werden so vielleicht nicht rausfinden, welcher Sexualität und welchem Gender jemand wie Stella Boulton sich selbst zugeordnet hat. Wir können aber wertvolle Erkenntnisse zu queerer Kultur und queerer Geschichte aus diesen Readings und den Fragen, die sich aus ihnen ergeben, ziehen und es hilft uns, queere historische Personen, die über Jahrhunderte mit Macht als cis, hetero, nicht queer dargestellt wurden, zumindest als queer zu reclaimen. Und das ist wichtig.

Im Falle James Barry ist es jedoch nicht einmal nötig, da wir sein Selbstverständnis glasklar überliefert haben. James Barry verdient es, dass seine Geschichte erzählt wird, von jemandem, der genug Verständnis für queere und besonders für trans Geschichte mitbringt, um sie richtig zu erzählen. Leider hat sich E.J. Levy ganz und gar nicht als diese Person herausgestellt.

Und in meinen Augen ist es ein Armutszeugnis, dass historische trans Menschen immer noch in cis-normative Muster gezwungen werden, weil wir – Akademiker.innen, Autor.innen, Geschichtsinteressierte im Allgemeinen – anscheinend nicht dazu in der Lage sind über den eigenen Tellerrand zu schauen und queere historische Persönlichkeiten als genau das zu akzeptieren. James Barry war ein Mann, der alles getan hat, um auch über seinen Tod hinaus als Mann verstanden zu werden. Dass ihm das bis heute verwährt bleibt, ist traurig.

Im Folgenden findet ihr sehr wertvolle Texte von trans Autor.innen, die ihr unbedingt lesen solltet, um mehr über James Barry zu erfahren und über den Umgang mit queerer, besonders mit trans Geschichte allgemein. Falls in den nächsten Tagen noch weitere Texte von trans Menschen zum Thema erscheinen werden, werde ich diese hier nachtragen.


Beitragsbild: James Barry, ca. 1840


Mehr zum Thema: 

E.E. Ottoman | Dr. James Barry and the specter of trans and queer history

Jack Doyle | “The Trans Take”: Towards a Transgender Public History

Julia FtacekThe body as Rorschach: Trans Interventions and the Trouble with History

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