Mode

Mode 1910: Zwischen Krieg & Korsett

Die 1910er sind ein bewegtes Jahrzehnt. Sie beenden die Belle Époque, das edwardianische Zeitalter und das Kaiserreich in Deutschland durch den Ersten Weltkrieg, der von 1914 – 1918 wütet und wie die Erfüllung der Prophezeiung wirkt, die seit den 1890ern im Raum schwebte: Das Ende einer schillernden, von Wohlstand und technischem Fortschritt gezeichneten Epoche. Auch die Mode der 1910er spiegelt die politischen und gesellschaftlichen Umstürze des Ersten Weltkriegs und der unsicheren frühen Dekade.

Wo um 1912 noch elegante, schillernde Mode die Titanic-Ära bestimmt, wird Mode im Krieg deutlich schlichter und funktioneller. Danach läutet sie die Goldenen Zwanziger, das Jazz-Zeitalter, ein und das spiegelt sich auch bereits in der Nachkriegsmode der 1910er Jahre. Alles in allem sind die 1910er durch kurzlebige Übergangsmode geprägt: Der Glanz der Belle Époque verschwindet, das Korsett kommt aus der Mode, die Röcke werden kürzer. Die Mode entwickelt sich komplett neu, spiegelt aber hier und da noch alte Trends.

1910 – 1914: Empiretaille und orientalische Einflüsse

Links: Kleid, Drécoll, 1912 (Met Museum) | Mitte: “Mrs Guinness” in einem grünen Abendkleid, Frank Dicksee, 1913 | Rechts: Abendkleid, Marguerite, ca. 1915

Zu Beginn der Dekade spiegelt die Mode auffällig die Trends des vorangegangenen Jahrzehnts und führt diese fort: So ist die Wespentaille der 1890er Jahre nun endgültig aus der Mode und die weiche, natürliche Form des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts wird bevorzugt und akzentuiert. Die Taille wandert immer weiter nach oben, imitiert die als natürlich empfundene Empireteile, die fast genau hundert Jahre zuvor in Mode war, während die Röcke frei und natürlich fallen und fließen dürfen, ohne, dass durch Krinoline oder Tournüre nachgeholfen wird.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges wanderte die Taille jedoch wieder nach unten und verblieb für den Rest des Jahrzehnts auf den Hüften liegend. Die Röcke hingegen wurden kürzer: Wo zu Beginn des Jahrzehnts noch bodenlange Röcke in Mode waren, waren die Kleider ein paar Jahre später schon nur noch wadenlang. Ein kurzlebiger Trend des Jahrzehnts war der 1914 vorgestellte Humpelrock: Er beginnt weit, wird jedoch nach unten hin immer enger und ist besonders um die Fußknöchel herum sehr schmal geschnitten. Der Humpelrock schränkte die Bewegungsfreiheit der Trägerin deutlich ein und konnte sich daher auch nicht allzu lang halten.

Die Mode der 1910er Jahre ist stark beeinflusst vom Orientalismus, der Ende der 1900er in die Mode einfloss. Ein großes Interesse ist durch zunehmende Kolonialisierung fremder Gebiete und Handel bereits im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert entstanden, doch die 1910er Jahre sehen den dekadenten Höhepunkt dieser Modebewegung. Besonders Mode, die an japanische Kimonos oder deutlich romantisierte Haremsmode erinnerte wurde beliebt. Dieser Orientalismus wurde das Markenzeichen der beliebtesten Pariser Desinghäuser der Ära: Callot Soeurs und Poiret.

Das Abendkleid rechts zeigt im Kontrast zu dem grünen Abendkleid, das Mrs Guinness in der Mitte trägt, wie stark der Krieg die Mode revolutionierte. Ein so kurzer Rock wäre noch einige Jahre zuvor ein Skandal gewesen. Dieser Stil kommt in den 1910ern jedoch immer mehr in Mode: Der kurze Rock fließt nicht mehr natürlich, wie es die 1900er vorsahen, sondern die Paniers sind für kurze Zeit zurück, die breiten Polster, die den Rock links und rechts von der Hüfte abstehen lassen und die schmale Taille akzentuieren.

Noch trägt aber nicht jede Dame die neuen, freizügigeren Moden. Sie existiert parallel mit älterer Mode, die weiterhin lange Röcke und die Empiretaille aufweist. Besonders ältere Damen blieben bei der hochgeschlossenen und taillierten Mode ihrer Jugend, die schon um 1905 zu verschwinden beginnt, aber auch junge Frauen aus konservativeren Familien verzichteten auf kürzere Röcke und modische Experimente wie freie Schultern, untaillierte Kleider und Paniers.

Trotzdem wurde auch diese Mode deutlich schlichter und verlor den dekadenten, verspielten Charakter, der sie einst ausgezeichnet hatte. Während des Ersten Weltkriegs waren gedeckte Farben in Mode, die Kleider waren wenig dekoriert und die verspielte, romantische Mode war endgültig nur noch ein Geist des langen 19. Jahrhunderts, das 1914 sein jähes Ende nimmt und eine neue Epoche einleitet.

Kriegsmode und Nachkriegszeit

Links: Kleid, Lanvin, 1917 | Mitte: Porträt einer Dame, Rudolf Bacher, 1919 | Rechts: Kleid, Paquin, 1919

Aber warum brachte der Erste Weltkrieg einen so abrupten Abbruch der bisher gekannten filigranen, detailreichen Mode mit sich? Dafür gibt es mehrere Gründe. In Paris blieben zum Beispiel viele der großen Modehäuser geschlossen, weil die männlichen Modeschöpfer in die Armee eingezogen wurden. Zudem verlangten die Gräuel der Kriegszeit nach weniger Extravaganz und Prunk als zuvor: Das neue Ideal war Bescheidenheit, die ein Bewusstsein für den Ernst des Krieges ausdrückte. Schnitte wurden simpler und Stoffe sprachen oft für sich selbst.

Das ist jedoch, wie bereits angedeutet, nicht nur dem Krieg zu verschulden, sondern eine allgemeineren Entwicklung, die sich schon früher im Jahrzehnt abzeichnet und auf den sich wandelnden Zeitgeist zurückzuführen ist. Denn auch Mode, in der es möglich war Tätigkeiten zu verrichten, die vor dem Krieg nur Männer verrichtet hatten, wurde gebraucht. Schon in den 1890ern werden besonders bürgerliche Frauen selbstständiger und brauchen Mode, in denen sie arbeiten gehen können. Der Erste Weltkrieg läutet nun endgültig das Ende von Korsett und Unterrock ein, denn nicht einmal der Adel kann sich solche Extravaganz noch erlauben.

Denn die durch den Krieg neu entstandenen Aufgaben machten vor niemandem Halt. Auch Adelige wurden Pfleger.innen, die sich um die Verwundeten kümmerten, oder stellten ihre Häuser als Lazarette für die Unterbringung der Verletzten zur Verfügung. Jedoch nähten sie auch Kleidung für die Patienten oder halfen bei der Organisation. All dies sind Aufgaben, die auch für adelige Damen nüchterne, praktische Mode verlangten. Natürlich floss die Kriegsmode auch im Rückschluss in die Entwürfe der Modedesigner ein: Simple, aber dennoch edle Kleider mit kurzem Rock, die ohne mehrere Schichten Unterröcke getragen werden sind bezeichnend für die Haute Couture der Kriegsjahre.

Haare, Hüte & neuer Zeitgeist

Links: Selbstporträt der Lilla Cabot Perry mit einem großen Hut, 1913 | Rechts: Hut, amerikanisch, 1919

Eine große Veränderung, die die Mode in den 1910er Jahren erlebte, war das allmähliche Verschwinden der großen, extravaganten Hüte, die die edwardianische Epoche ausmachten. Stattdessen trug die modische Frau unter anderem Turban – ein weiterer Einfluss des Orientalismus in die Mode. Hüte wurden schmaler und weniger dekadent und haben schon große Ähnlichkeit mit dem berühmten Cloche der 1920er Jahre. Hüte werden im Verlauf der Epoche länger und sitzen tiefer, an Dekoration bleiben jedoch Straußenfedern in Mode, wie ihr oben rechts sehen könnt.

Generell bleibt zu sagen, dass die 1910er, was die Mode angeht, einen großen Schritt nach vorn machen. Der Krieg sorgt dafür, dass Frauen arbeiten müssen, was sie schon zuvor gewollt, es aber nicht immer gedurft hatten, und neue Moden, die nicht mehr nur symbolisch für mehr Selbstbestimmung stehen, sondern diese durch mehr Bewegungsfreiheit auch möglich machen, werden notwendig. Die ideale Form der Frau war jahrzehntelang vorgegeben worden, ein Umstand, der durch den Notstand plötzlich wegfiel.

Haar durfte nun erstmals wirklich kurz sein oder lang, Röcke konnten weiterhin bodenlang getragen werden oder nur noch wadenlang, die Taille durfte schmal sein oder breiter, unter der Brust getragen werden oder ganz natürlich im Hüftbereich. Die Zeit der strengen Vorgaben innerhalb der Damenmode sind vorbei. Die Zeit von experimentellen Modedesigner.innen, verschiedenen Stilen und Individualität bricht an, ein neuer Zeitgeist entsteht, und wird durch die ersten Hollywood-Filme und ihre Stars nach dem Krieg in alle Welt getragen.

Nach Kriegsende 1918 eröffnen die Modehäuser wieder, eine ganz neue Form von Optimismus liegt in der Luft und strenge Moral und Ordnung, die das edwardianische Zeitalter noch gekannt hat, sind gelockert und lassen Raum für freiere Entfaltung. Modern war nun der schon in den späten 1900ern angeklungene gerade, maskuline Stil als krasser Gegensatz zur viktorianischen Wespentaille, der in den 1920ern seinen Höhepunkt finden sollte und sich in einigen Kleidern der 1910er ebenfalls bereits abzuzeichnen beginnt.


Beitragsbild: Modezeichnung, La Moda Elegante Illustrada, ca. 1910 – 1913, Spanisch


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Nunn, Joan: Fashion in Costume, 1200–2000. 2000.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1988.

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