Leben im 19. Jahrhundert

Japonismus – Ein Stück Japan in Europa?

Seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts machte ein neuer Stil in Europa von sich reden: Zuerst sprach man vom anglo-japanischen Stil, wenn Dekorationsgegenstände und Möbel in den Heimen hochgestellter Viktorianer plötzlich von japanischer Kunst, Kultur und Ästhetik inspiriert schienen, ab den 1870ern fasste ein neuer Begriff Fuß, der bis heute verwendet wird: Japonismus. Nicht nur in der britischen, auch in der europäischen Kunst schlägt sich der ostasiatische Einfluss nieder, besonders in Frankreich. Gerade im Impressionismus liebt man das Plakative der japanischen Kunst, die klaren einfachen Linien und starken Farben. Doch wie genau beeinflusste der Japonismus die viktorianische Gesellschaft? Und was bleibt uns davon bis heute erhalten?

Die Meiji-Restauration – Woher kommt der Japonismus?

Bereits ab dem siebzehnten Jahrhundert schätzte man in Europa japanische Keramik, die nicht bloß aus Japan importiert wurde, sondern auch in Europa selbst nachgeahmt und hergestellt. Doch erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann der japanische Stil wirklich nach Europa zu schwappen. Womit hängt das zusammen? In meinem Bericht über die Choshu-Fünf habe ich bereits einmal die wirtschaftliche Lage in Japan in den 1860er Jahren angesprochen. Dort ist zum Beispiel auch erklärt, was es mit Japans Abschottung vom Rest der Welt auf sich hat. Kurz erklärt: Während Sakoku (dt. Land in Ketten), einer langen Phase während der Edo-Zeit, durfte Japan unter Androhung der Todesstrafe weder verlassen werden, noch betreten.

Während Händler aus anderen Ländern Japan bereits 1853 wieder ansteuern durften, endete das Ausreiseverbot erst 1868 mit dem Ende der Edo-Zeit und dem Einläuten der Meiji-Restauration, die heute als Anbruch des modernen Japans gilt. Das Ende der Edo-Zeit ist der Beginn des Imports und Exports nach und aus Japan, denn zuvor war richtiger Handel mit Japan natürlich nicht möglich. Während Japan sich europäischen und amerikanischen Techniken öffnete und Studenten nach Europa schickte, um die neuen Verfahren zu erlernen, kam in Europa und Amerika im Gegenzug mit den Handelsschiffen Exportware aus Japan an – und wurde zum riesigen Trend.

Stoffe, Keramik, Kunst und Baustile reisten von Kontinent zu Kontinent und bald entwickelte sich besonders in Paris das, was als Japonismus in die Geschichte eingegangen ist. Bereits als 1853 das Handelsverbot gelockert wurde, stürzten sich besonders französische Sammler auf alles Japanische: Das war Kunst, die man zuvor noch nicht kannte und obwohl in Japan alt und allgegenwärtig, für die Europäer neu, spannend und “exotisch”.

Ein witziger Fakt ist übrigens, dass die typisch japanischen Holzstockdrucke, die später im Jugendstil unglaublich beliebt wurden, erst bloß als Verpackungsmaterial für Keramik nach Europa gelangten. Ein Künstler bemerkte die Schönheit der Verpackung und machte Europa auf die Drucke aufmerksam. Es beginnt also mit dem Sammeln von japanischer Kunst und endet einige Jahre später im Japonismus – einem regelrechten Hype, der dazu führte, dass es in Paris auf den großen Einkaufsstraßen eigene Lädchen gab, die asiatische – besonders japanische – Kunst und Dekorationsgegenstände anboten. Die Berühmtheiten der Epoche, zum Beispiel Tissot, Degas und Baudelaire, gehörten zu den Stammkunden.

Während der japanische Stil in Frankreich eher die Kunst beeinflusste, ein bekanntes Beispiel sind die Poster des Henri de Toulouse-Lautrec (siehe oben), entwickelte sich in England der anglo-japanische Stil, der sich viel eher mit Dekoration befasste: Möbel und Dekorationsgegenstände wurden im japanischen Stil hergestellt und erfreuten sich großer Beliebtheit. Im Jahre 1862 wurde ein großer Teil der Internationalen Ausstellung in London japanischer Kunst gewidmet – leider wurde die Ausstellung nicht von japanischen Künstlern selbst gestellt, sondern von einem Sir Alcock, der während der spätesten Edo-Zeit britischer Minister in Edo in Japan war und seine Privatsammlung für die Ausstellung bereitstellte.

Klare Linien – Was genau ist eigentlich Japonismus? 

Französischer Japonismus: Links: “Zwei junge Frauen betrachten japanische Objekte”, James Tissot, ca. 1870 | Mitte: “Madame Monet in japanischer Kleidung”, Claude Monet, 1875 | Rechts: “Die Pariser Japanerin”, Alfred Stevens, 1872

Nicht nur reisten viele europäische und amerikanische Intellektuelle und Künstler nach Japan, um die japanische Ästhetik genau unter die Lupe zu nehmen, es gelang auch vielen japanischen Kunsthändlern in Europa Fuß zu fassen und Profit aus der Vermarktung ihrer Kunst zu schlagen. Während die japanische Kunst in Europa voll einschlug, verlor sie in Japan selbst im Verlaufe der Westernisierung des Landes übrigens immer mehr an Ansehen. In Europa hingegen reichte er weit über Möbel, Mode und Kunst hinaus und fand auch Einzug in die Theater und die Literatur, weshalb 1904 das unsägliche “Madame Butterfly” von Puccini entstand. Desweiteren waren nach japanischem Vorbild gestaltete Gärten ungemein beliebt.

Heute wird der Japonismus übrigens viel mehr als eigene europäische Kunstrichtung betrachtet, als als Importgut aus Japan, da die westlichen Künstler selten wirklich japanische Techniken übernommen haben, sondern bloß die japanische Ästhetik. Schaut man sich die drei Gemälde oben an, wird deutlich, was damit gemeint ist: Wir sehen bei Tissot zwei junge Frauen, typische viktorianische Damen, in einem Raum voller japanisch anmutender Gegenstände. Tissot bedient sich nicht am eigentlichen, in Japan beliebtem Kunststil, sondern bloß an der Ästhetik des Japanischen.

Deshalb sagt man auch, der Japonismus sei ein deutlich europäischer Trend der Kunst, der seine Wurzeln und seine Inspiration zwar in der japanischen Kunst hat, jedoch in Europa und Amerika für sich allein steht. Es ist sozusagen eine Richtung der Kunst, die sich aus einer fremden Kultur entwickelt hat. Viele Künstler arbeiteten tatsächlich nach diesem Prinzip und nutzten zum Beispiel “japoneries”, meist weiße Frauen, die traditionell japanische Kleidung trugen, als Modell. Einer der wenigen, der dies entschieden ablehnte, war Edgar Degas. Er versuchte, seine Kunst wirklich der japanischen Kunst anzupassen und die japanische Ästhetik durch seinen Malstil zu transportieren und nicht durch japanische Gewänder oder Dekorationen.

Übrigens gehört zu den großen Vertretern des Japonismus in England auch einer meiner Lieblingskünstler schlechthin: Der aus Brighton stammende Aubrey Beardsley, auf der Gedenkplakette an seinem Geburtsthaus in Brighton als “Master of Line” bezeichnet, machte für seine detailreichen Zeichnungen vom japanischen Einfluss auf die Kunst Gebrauch, so zum Beispiel in den Illustrationen zu Oscar Wildes Drama “Salomé” von 1891.

Ein Grund für den großen Einschlag des Japonismus war der starke Kontrast zur europäischen Kunst: Die japanische Kunst kennt keine Perspektive, keine Schatten, keine Symmetrie und war somit für viele europäische Künstler des neunzehnten Jahrhunderts ein Symbol für die Befreiung von Konventionen und klassischer Malerei. Sehr viele Merkmale des Japonismus, zum Beispiel die weichen Linien, die plakative Farbgebung und die starken, ausdrucksvollen Linien, wurden etwas später für den bis heute beliebten Jugendstil sehr wichtig.

Die hässlichen Seiten des Japonismus

Edwardianische Schauspielerinnen: Links: Davida Hesse in “Madame Butterfly”, 1904 | Mitte: Evelyn Nesbit im Kimono, 1904 | Links: Gabrielle Ray im Kimono, 1905

Ganz zum Schluss möchte ich natürlich auch über die Problematik des Japonismus berichten, da ich finde, dass besonders wir, die wir uns kreativ und wissenschaftlich damit auseinandersetzen, wissen sollten, wo wir Grenzen ziehen und unsere Vergangenheit hinterfragen sollten. Ich denke, es ist nichts Schlimmes daran japanische Ästhetik und Kunst im eigenen Stil einzubinden, wie es Henri de Toulouse-Lautrec, Aubrey Beardsley und Edgar Degas getan haben, besonders, da der Austausch mit dem Westen für das Japan der Meiji-Ära durchaus wichtig war. Trotzdem gibt es Grenzen, die damals überschritten wurden, die wir heute kritisch sehen müssen und zwar unbedingt.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass der Japonismus, der als einfacher Kunststil begann, über einen Trend hin zur vollkommenen Fetischisierung der japanischen Kultur wurde und wir heute immer noch mit Klischees und Stereotypen kämpfen, die während des Japonismus aufkamen. Was ich über viktorianische Kleidung denke, die von japanischen Stilen beeinflusst wurde, weiß ich nicht, doch  die Bilder von weißen Frauen in japanischer Kleidung würde ich aus heutiger Sicht ganz klar als cultural appropriation einordnen. Nein, den Menschen damals fehlte das Bewusstsein für solche Problematiken. Wir müssen heute trotzdem darüber sprechen, denn wir befinden uns in einer brisanten Zeit.

Es muss klar sein, dass der Japonismus nicht als Tribut an die japanische Kultur gedacht war. Wir befinden uns mitten im europäischen Imperialismus: Die Welt gehört dem Westen, der seine Kultur für die überlegene und einzig richtige hält. Alles andere wird als fremd und exotisch betrachtet und zwar bis zu einem Punkt, an dem auch die Menschen einer Kultur nicht mehr als gleichberechtigte Mitmenschen verstanden, sondern gleichzeitig für ihr “Anders sein” verehrt und als befremdlich empfunden werden, bis hin zu unverhohlenem Rassismus, der dieses angebliche “Anders sein” als Entschuldigung versteht, sie nicht wie gleichberechtigte Menschen zu behandeln. Und hier liegt die offensichtliche Problematik.

Vielleicht versteht ihr nun, warum Belle-Époque-Künstler.innen weiße Frauen in japanischer (und chinesischer) Mode malten und nicht ostasiatische Frauen. Hier verstecken sich die Ideale des Imperialismus, die Anspruchshaltung westlicher Kulturen gegenüber nicht-westlichen Kulturen, Ausbeutung, Rassismus und Exotifizierung, fremde Kultur und sogar Religion als bloßer Trend.

Japonismus und Cultural Appropriation: Ein schwieriges Erbe

Japanisch und chinesisch inspirierte Mode: Links: Jugendstil-Teekleid, Britisch, ca. 1900 | Mitte: Morgenmantel, Japanisch, für den westlichen Markt hergestellt, 1885 | Rechts: Chinoiserie, Abendkleid, Jeanne Hallée, französisch, 1907

Der Japonismus (sowie die Chinoiserie, die Anklänge aus chinesischer Kultur verarbeitet) ist eng mit dem Orientalismus verbunden, über den es bald einen eigenen Artikel geben wird. Beide Richtungen schaffen Klischees über Kulturen, verdrehen Tatsachen und verlieren allen Respekt vor traditionellen Symbolen dieser Kulturen, bis bloß noch ein groß aufgemachter Trend über ist, bis jeder Engländer mindestens einen Wandschirm und eine japanisch anmutende Vase im Salon stehen hat. Diese Schaffen von Stereotypen und Klischees jedoch schadet Menschen – und das bis heute.

Ich habe oben schon einmal Puccinis “Madame Butterfly” von 1904 angesprochen. Eine Oper, in der ein japanisches Mädchen einen weißen Mann heiratet, sein Kind bekommt und sich umbringt, als der Mann sie beiseite stößt um eine “richtige” Ehe mit einer weißen Frau einzugehen. Das Mädchen soll als anders, als “exotisch” betrachtet werden – und als dem weißen Mann ausgeliefert, sexuell und kulturell untergeordnet.

Dieses Bild der asiatischen Frau, das wir in “Madame Butterfly” und anderen literarischen Werken aus der Zeit des Japonismus finden, ist zu einem Klischee gewachsen, das asiatischen Frauen bis heute schadet. Und es ist nicht verschwunden. Das sehen wir darin, dass “Madame Butterfly” bis heute eine der beliebtesten Opern ist und dasselbe Bild asiatischer Frauen im Musical “Miss Saigon” von 1989 immer noch zu fnden ist.

Der Japonismus ist sehr interessant, hat wunderschöne Bilder und Möbel hervorgebracht, doch er hat auch eine nicht zu verkennende Schattenseite, die wir nicht vergessen dürfen. Eins meiner Hauptaugenmerke mit diesem Blog ist es, die viktorianische Epoche ein wenig zu entromantisieren und auch die nicht so schönen Seiten zu zeigen. Und dazu gehört, darauf hinzuweisen, dass Japonismus auch Rassismus bedeutet, Imperialismus und fehlendes Verständnis für andere Kulturen und Menschen, Exotifizierung bis hin zur Fetischisierung.

Auch das ist Japonismus, nicht bloß die schönen Bilder und eleganten Möbel und es ist wichtig, das im Hinterkopf zu behalten, wenn man darüber schreibt oder spricht, und sich bewusst zu machen, dass der Japonismus in seiner früheren Form vielleicht vorbei ist (obwohl er in den letzten Jahren erneut aufzuflammen scheint), seine nicht so schönen Nachwirkungen aber noch deutlich spürbar sind.


Beitragsbild: Divan Japonais, Henri de Toulouse-Lautrec, 1893, Detail aus einem Plakat


Selbst nachlesen? 

Lambourne, Lionel: Japonisme. Cultural Crossings Between Japan and the West. 2011.

Wichmann, Siegfried: Ostasien – Europa. Begegnungen in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. 1980.

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