Leben im 19. Jahrhundert

Safety Razor und Gilette: Haarentfernung im frühen 20. Jahrhundert

Eine Frage, die immer wieder aufkommt und anscheinend viele Leute beschäftigt, ist die Frage nach kosmetischer Haarentfernung im viktorianischen Zeitalter. Heutzutage ist es fast schon ein gesellschaftlicher Zwang Achsel- und Beinbehaarung als Frau oder weiblich gelesene Person zu entfernen. Wer es nicht tut, wird schief angesehen, obwohl es eigentlich jedem selbst überlassen sein sollte, was er mit seinem eigenen Körper macht. Aber Haarentfernung ist unserer Gesellschaft bereits so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es regelrecht erwartet wird.

Doch war das immer so? Wenn man über Vorlieben und Praktiken in verschiedenen Epochen spricht, melden sich immer wieder Leute zu Wort, die behaupten, was Menschen attraktiv finden, hätte sich niemals geändert und (cis, hetero) Männer hätten schon immer vermehrt schlanke, haarlose Frauen schön gefunden. Dass das nicht wahr ist, wissen Leser.innen dieses Blogs bereits aus anderen Artikeln zum viktorianischen Schönheitsideal.

Was ganz wichtig ist, ist das man sich immer vor Augen hält, das Schönheitsideale und dergleichen nichts Angeborenes sind. Sie sind zum großen Teil persönlicher Geschmack, doch der ist stark beeinflusst von der Gesellschaft, in der man aufwächst und von deren Normen und Idealen, von denen man von klein auf beeinflusst wird. Zu behaupten, in allen Epochen hätte der Mensch dieselben Dinge schön gefunden, ist daher großer Unfug. Gesellschaften verändern sich und Ideale sind nicht angeboren, sondern anerzogen. Und deshalb sieht das viktorianische Schönheitsideal von Frauen, so wie von Männern komplett anders aus, als unser Modernes.

Die Geschichte des Rasierens in der westlichen Welt

Ganz einfach zusammengefasst lässt sich sagen: Vor dem frühen 20. Jahrhundert war das Entfernen von Achsel-, Scham- und Beinbehaarung kein Thema in der westlichen Welt. Ob Adel oder arme Bäuerin, die Körperbehaarung sagte über sozialen Stand und Schönheit nichts aus. Rasieren war damals nur etwas für Männer und männlich gelesene Personen, die Gesichtsbehaarung nach den neusten Trends und Moden trugen. Der Rasierer an sich ist übrigens bei Weitem keine neue Erfindung: Schon aus der Bronzezeit liegen uns erste Rasierklingen vor.

Im Europa und Amerika der frühen Neuzeit rasierte sich jedoch niemand jeden Tag, so wie es heute praktiziert wird: Als reiche Person ließ man sich hin und wieder von einem Angestellten mit dem Rasiermesser vorsichtig rasieren. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts wird der erste Handrasierer entwickelt: Der Perret-Rasierer verfügte über eine hölzerne Fassung für die Rasierklinge, die tiefe Schnitte vermied. Zuvor war Rasieren eine durchaus gefährliche Angelegenheit gewesen, besonders für Menschen, die sich keine gute medizinische Versorgung leisten konnten, denn tiefe Schnitte beim Rasieren konnten sich entzünden und zu Wundbrand führen.

Aus diesem Grund stand auch das Entfernen von aller anderen Körperbehaarung außer Frage. Niemand wollte tiefe Schnitte an so empfindlichen Körperstellen wie der Achsel oder der Scham riskieren. Einerseits wurde sich dort also nicht rasiert, weil es den Aufwand und die Gefahr einfach nicht wert war. Andererseits war Körperbehaarung jedoch auch komplett anders konnotiert. Sie galt als etwas sehr Privates, Intimes und daher auch Erotisches, da sie für gewöhnlich nur Sexualpartner zu Gesicht bekamen.

Aus diesem Grund bildet die Kunst Körperbehaarung auch bis ins 19. Jahrhundert nicht ab. Viele Betrachter.innen sehen das als Beweis an, dass Körperbehaarung “schon immer” entfernt wurde. Tatsächlich galt es als obszön den nackten menschlichen Körper realistisch abzubilden. Aktgemälde, wie zum Beispiel Botticellis berühmte “Geburt der Venus” von 1485 stellen keine echten nackten Körper dar, sondern idealisierte Körper. Als Skandalmaler Gustav Courbet 1862 eine schlafende junge Frau mit Achsel- uns Schambehaarung malte, entstand daraus ein Skandal, denn durch die sichtbare Körperbehaarung wurde das Bild als Pornographie wahrgenommen.

Safety Razors und Schnurrbärte – Die viktorianischen Jahre

Links: Ein Mann mit modischem Schnurrbart, gemalt von Kalle Løchen, 1889 | Rechts: Schlafende Frau, gemalt von Gustave Courbet, 1862 – Ein erotisch aufgeladenes Gemälde mit Körperbehaarung

Über die nächsten Jahrzehnte wurden immer weitere sichere Rasierer für die Gesichtsbehaarung entwickelt, doch lange Zeit blieb eine gründliche, sichere Rasur etwas für wohlhabende Männer. Denkt man an die Viktorianer, stellt man sich die Herren sehr oft mit Schnurrbart vor, aber zu Beginn der Ära, wie in den Jahrzehnten davor, galt Gesichtsbehaarung als unzivilisiert und ein Mann von Stand leistete sich eine Rasur, wenn auch nicht jeden Tag. Bloß Freidenker, Künstler und auch Revolutionäre, die am Rand der Gesellschaft standen, trugen den Schnurrbart bereits.

Der Trend zum Schnurrbart entwickelte sich erst in den 1860er Jahren und es ist nicht ganz klar, woher er kam. Angeblich stammt er aus der Zeit des Krimkrieges, als man als Brite besonders männlich wirken wollte: Ein gepflegter Schnurrbart schien genau der richtige Weg dieses neue, männliche Image nach außen hin zu zeigen. Trotzdem müssen trotz eines schönen Schnurrbartes Kinn und Wangen rasiert werden. Und das wurde mit dem Durchbruch auf dem Markt für Sicherheitsrasierer endlich möglich.

King Camp Gillette entwickelte einen Rasierer, mit dem nun eine schnelle, gründliche und vor allem sichere Rasur möglich wurde. Dieser Rasierer war sehr günstig zu haben, weshalb ihn sich nun fast jede.r leisten konnte und so wurde der Trend zum rasierten Gesicht auch in den weniger wohlhabenden Schichten durchgesetzt. K.C. Gillette ist natürlich der Gründer von Gillette, der Firma, die bis heute Rasierer aller Arten vertreibt.

Mit dem neuen Rasierer, der in den 1890ern auf den Markt kam, endete auch der Schnurrbarttrend langsam. Das hat jedoch alles nichts mit Haarentfernung an Achseln und Beinen zu tun, wie wir sie heute betreiben. Das liegt daran, dass das im viktorianischen Zeitalter immer noch nicht gemacht wurde, aus den oben bereits erwähnten Gründen. Körperbehaarung galt schlicht und ergreifend nicht als etwas Abstoßendes. Sie war ein normaler Teil des Lebens und wurde, wie bereits erläutert, sogar als erotisch wahrgenommen.

Die Edwardianer – Ärmellose Kleider und was rasierte Achseln mit Marketing zu tun haben

Links und Mitte: Anzeige für Haarentfernungsmittel, 1915 | Rechts: Gilette-Werbung für den Safety Razor als Weihnachtsgeschenk, ca. 1910

Während Körperbehaarung bis ins späte viktorianische Zeitalter also noch als anregend, privat und erotisch galt, entstand um 1915 herum ein neuer Trend in Amerika: Ärmellose Kleider kamen in Mode. Ihr könnt oben die Anzeige sehen, die eine junge Frau in einem solchen Kleid zeigt und wie unschwer zu erkennen ist, ist ihre Achsel enthaart. Dahinter steckt nicht etwa die plötzliche Erkenntnis, dass Achselbehaarung abstoßend sei, sondern ein Werbecoup, wie man ihn sich besser nicht vorstellen kann und es ist auch ein wunderschönes Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Normen Schönheitsideale verzerren und verändern können.

1915 kam nämlich noch etwas auf den Markt: Der Damenrasierer. Man begann von heute auf morgen Frauen einzureden, dass ihre Achselbehaarung schändlich und hässlich sei, obwohl sie ein paar Jahre zuvor noch als erotisch gegolten hatte. Falls ihr euch die Anzeige oben durchlest, wird dort von “störendem Körperhaar” gesprochen, als wäre es im Jahr 1915 bereits allgemeiner Konsens gewesen, dass Körperbehaarung hässlich ist. In Wahrheit aber ist diese Anzeige die erste öffentliche Quelle, in der diese Meinung vertreten wird und ihr folgten viele andere: Frauen wird ein neues Ideal vorgelegt, das es zu erreichen galt, denn darin steckt eine Menge Geld: Man wollte seine Rasierer verkaufen.

Von Werbeplakaten strahlten jetzt Mädchen mit rasierten Achseln, Schauspielerinnen und Tänzerinnen entfernten ihre Achselbehaarung und nach und nach begannen die Damen zum neuen Damenrasierer zu greifen, man wollte ja schließlich die neuen ärmellosen Kleider tragen können ohne sich schämen zu müssen.

Und jetzt schaut mal auf die Jahreszahl: 1915. Das ist Mitten im Ersten Weltkrieg und es wird vermutet, dass sich Rasiererhersteller hier mit der Modeindustrie zusammengetan haben. Man hat begonnen an Frauen zu verkaufen, weil die Männer im Krieg waren, logischerweise keine Rasierer gekauft haben und die Einnahmen zurückgingen. Die Zielgruppe wurde kurzerhand erweitert. Und das steckt hinter rasierten Achseln. Wie Marlen Komar in ihrem unten verlinkten Bustle-Artikel sehr treffend sagt: “Es ging nicht darum, die Bedürfnisse von Frauen zu bedienen, sondern darum, neue zu kreieren.”

Hinter unserem heutigen Schönheitsideal, Achselhaare hässlich zu finden und zu entfernen, steckt also tatsächlich nichts als ein cleverer Werbecoup von edwardianischen Modemachern, der kaum hundert Jahre her ist. Das ist etwas ernüchternd, aber tatsächlich die Wahrheit. Und wenn etwas einmal Trend ist, wird es schnell zum gesellschaftlichen Muss. Allerdings ist diese Entwicklung sehr neu, viel neuer, als wir denken und als uns die Medien und unsere heutigen Gesellschaftsnormen einreden wollen: Bis in die 1940er war es nämlich überhaupt kaum Problem, wenn Frauen behaarte Achseln hatten.

Das sieht man oft in alten Filmen, wenn Frauen, die durchaus als begehrenswert und schön dargestellt werden, Körperbehaarung haben. Erst in den letzten Jahrzehnten ist weibliche Achselbehaarung zum gesellschaftlichen Tabu geworden und gleichzeitig auch jegliche andere Art von Körperbehaarung. Es lässt sich also festhalten: Vor 1915 hat keine Frau in Europa und Amerika sich die Achseln rasiert. Und wirklich durchgeschlagen hat dieser Trend erst in den 40er und 50er Jahren. Auch die Entfernung von Bein- und Schambehaarung war vor knapp 1950 kein gesellschaftliches Muss und wurde so gut wie gar nicht praktiziert.

Ich berichte heute darüber, weil viele Menschen glauben, der Trend zum haarlosen Körper läge in der europäischen Geschichte verankert, was aber einfach nicht die Wahrheit ist. Das nächste Mal, wenn euch jemand erzählen will, Menschen hätten haarlose Körper schon immer schön gefunden, wisst ihr es jetzt besser. Genau genommen waren rasierte Achseln und Beine niemals ein (westliches) Schönheitsideal, sondern bloß ein Trick von Firmen wie Gillette um ihre Produkte unter die Leute zu bringen und mehr Geld zu verdienen. Dass es in den Medien und eigentlich überall sonst seit einigen Jahrzehnten als Muss gilt, finde ich schade.


Beitragsbild: Anzeige für einen Safety-Razor für Herren, 1901


Selbst nachlesen?

Adams, Russell B., Jr.: King C. Gillette. The Man and His Wonderful Shaving Device. 1978.

Hope, Christine: Caucasian Female Body Hair and American Culture. 1982.

Komar, Marlen: The Sneaky, Manipulative History Of Why Women Started Shaving

Sherrow, Victoria: Encyclopedia of Hair. A Cultural History. 2006.

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3 Comments

  • MearaF

    Die hochgeborenen Ägypter trugen zwar Perücken, aber das eigene Haupthaar hatte dennoch eine große Bedeutung.Im Papyrus Ebers und Papyrus Hearst sind mehrere Rezepte zum Haarwuchs und gegen das Ergrauen von Haaren überliefert. Westendorf vermutet wegen Anzahl und Anordnung der Rezepte, dass dem Ergrauen größere Aufmerksamkeit geschenkt worden sei. Ein Rezept für die Haarentfernung beinhaltete z.B. verbrannte Tierknochen, Fliegenkot, Fett, Sykomorensaft, Gummi und Melonensaft.Viele dieser Mittel waren Sympathiemittel (z.B. wird Haarausfall mit Mitteln u.a. aus Tierhaaren behandelt) oder magische Mittel; gerade bei den Haarwuchsmitteln war die Wirksamkeit wohl umstritten, da sich dort häufig Zusätze finden, die die Wirksamkeit belegen sollen.

    25. Februar 2014 at 18:24 Reply
  • Charlotte Oskar

    Ich kenne mich mit dem alten Ägypten kaum aus, vielen Dank für die Ergänzung! 🙂

    25. Februar 2014 at 18:33 Reply
  • MearaF

    Und ich kenne mich mit dem 19. Jh. leider kaum aus, dazu komme ich immer hierher ;-)Quelle war übrigens: Wolfhart Westendorf, "Erwachen der Heilkunst: Medizin im Alten Ägypten"

    1. März 2014 at 17:14 Reply
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