Mode

Anti-Fashion: Mode und Frauenbewegung?

Darüber, wie ich euch die Reformmodebewegung des späteren 19. Jahrhunderts vorstelle, habe ich mir lange Gedanken gemacht. Denn während im Prinzip natürlich gute Ideen dahinter standen, darf man auch nicht ignorieren, wie viel Bias und Misogynie in dieser Bewegung mitschwang. Deshalb habe ich mich entschieden, einen neutralen Blick auf diese Bewegung anzustreben. Ich möchte mir hier heute gar kein Urteil erlauben, ob Reformmode “besser” war als Pariser Mode, aber ich möchte euch diese Bewegung vorstellen, ihr Anliegen und ihren Ursprung.

Vorweg: Natürlich ist die Idee von Reformmode keine Erfindung der 1880er Jahre. Schon im 18. Jahrhundert gab es Bemühungen in diese Richtung und auch im früheren 19. Jahrhundert hat es Versuche gegeben, gesündere Mode – oder das, was dafür gehalten wurde – durchzusetzen. Die Reformbewegung der 1880er Jahre ist aber eindeutig die Erfolgreichste ihrer Art und nimmt sogar großen Einfluss auf die Pariser Mainstreammode, weshalb ich euch heute das Rational Dress Movement vorstelle: Die Bewegung für praktischere Damenkleidung.

Das Rational Dress Movement ist nicht klar von anderen Anti-Moden des Jahrhunderts zu trennen, denn zwischen dieser Bewegung und Artistic Dress und Aesthetic Dress gibt es viele Parallelen. So waren Oscar und Constance Wilde zum Beispiel beide Mitglieder des Rational Dress Movement, aber besonders Oscar Wilde kleidete sich in Aesthetic Dress: Dem Erkennungszeichen der Bohemien.nes und Künstler.innen. Mittelalterliche, sowie griechische und römische Moden der Antike spielten eine große Rolle, weil sie als natürlicher und schöner wahrgenommen wurden.

Rational Dress Society: Antike Ideale und moderne Mode

Tee- und Abendmode aus dem Designhaus Liberty of London, das sich auf Reformmode spezialisiert hatte, 1880er (Met Museum)

Ich schlage keine antiquarische Auferstehung antiker Mode vor, sondern versuche nur auf die richtigen Gesetze der Kleidung aufmerksam zu machen, Gesetze, die nicht durch Archäologie vorgegeben sind, sondern durch Kunst, durch Wissenschaft, und nicht durch Mode; und genauso, wie die besten Kunstwerke unserer Zeit klassische Eleganz mit absoluter Realität vereinen, wird die Kleidung der Zukunft aus der Weiterführung der griechischen Prinzipien von Schönheit und den deutschen Prinzipien von Gesundheit entstehen.” | Oscar Wilde, 1884

Es ist natürlich kein Zufall, dass die Kleiderreform ausgerechnet im späten 19. Jahrhundert eine so große Rolle spielt, denn sie hängt eng mit der Frauenbewegung zusammen. Frauen waren mobiler geworden, hatten mehr Rechte eingefordert, und viele von ihnen gingen mittlerweile auch arbeiten oder studierten. Sie wollten Kleidung tragen, die nicht nur praktisch war und als gesünder wahrgenommen wurde, sondern auch ihren neuen Status als vollwertige Mitglieder ihrer Gesellschaft ausdrückten.

Die Rational Dress Society, die 1881 in London gegründet wurde, formulierte eine Faustregel: Die Gesundheit kam zuerst, dann die Mode, nicht anders herum. Mode sollte den Körper nicht weiter verformen, wie das Korsett es tat, und auch nicht die Bewegungsfreiheit einschränken. Nicht nur gegen das “zu eng” geschnürte Korsett wurde protestiert, sondern auch hohe Schuhe und schwere Röcke sollten aus der Mode verschwinden: Tatsächlich konnten Röcke und Unterröcke der Tournürenmode sehr viel wiegen. Die Rational Dress Society forderte, dass Unterwäsche nicht mehr als 7Kg wiegen sollte. Das gibt euch vielleicht ein Bild davon, was zu dieser Zeit üblich war.

Es ging den Reformer.innen jedoch nicht nur um Gesundheit, sondern auch um das Aussehen. Sie empfanden den eingeschnürten Körper und die Tournürenmode als unnatürlich und hässlich und forderten, dass die natürliche Form des Körpers beibehalten werden sollte. Das Wilde-Zitat drückt sehr gut aus, was sich die Rational Dress Society vorstellte: Eleganz und Schönheit sollten mit Gesundheit und Komfort einhergehen. Als Ideal galt die antike Mode Roms und Griechenlands, die mit modernen Trends kombiniert wurde. Das goldene Abendkleid oben in der Mitte zum Beispiel hat eine angedeutete Tournüre, ohne, dass eine Tournüre getragen werden musste.

Die Rational Dress Society machte 1889 von sich Hören, als Charlotte Carmichael Stopes auf einer Tagung der British Science Association einen Vortrag über Rational Dress hielt, über den in vielen Tageszeitungen in ganz Großbritannien berichtet wurde. So fanden sich viele neue Anhänger.innen der Bewegung zusammen und sicherlich ist es auch kein Zufall, dass die Bewegung um das Jahr 1889 herum beginnt sich auch in der Pariser Mainstream-Mode abzuzeichnen: Die Tournüre verschwindet langsam und Kleider werden deutlich schlichter.

Korsettmythen: Medizin und viktorianischer Bias

Links: Angebliche Schäden am Skelett durch das Korsett, ca. 1880er; Die “ideale Frau” links ist römischen Statuen nachempfunden | Rechts: Angebliche Schäden an den Organen durch das Korsett, 1903; Heute widerlegt

Einige von euch fragen sich jetzt vielleicht wie eine Bewegung wie die Rational Dress Society damit zusammenpasst, dass ich auf diesem Blog immer wieder betone, dass Korsett, Krinoline und Tournüre zwar mal unpraktisch sein können, aber nicht wirklich einschränkend sind und auch nicht die Gesundheit gefährden oder sogar töten können. Das ist der Punkt, der es mir so schwer gemacht hat, diesen Artikel überhaupt sinnvoll aufzubauen, denn hier spielt natürlich sehr viel Bias eine Rolle. Auf der Seite der Reformer.innen – aber auch auf meiner.

Es stimmt natürlich, dass Korsett und Co. nicht allzu einschränkend oder gar gefährlich sind. Frauen konnten ihren Alltag in diesen Kleidungsstücken problemlos meistern. Das Reduzieren der Taille um ein paar Zentimeter mit Hilfe des Korsetts ist weder schmerzhaft, noch schadet es dauerhaft der Gesundheit. Auch die Krinoline ist kein starrer Käfig, sondern ein flexibles Hilfsmittel, das leicht zusammengedrückt und aus dem Weg geschoben werden kann. Moderne Modehistoriker.innen und Näher.innen haben das mittlerweile hinlänglich bewiesen und auch die moderne Medizin hat sich diese Kleidungsstücke angeschaut und die Horrorgeschichten widerlegt.

Die Sache ist aber, dass die Menschen des ausgehenden 19. Jahrhunderts keinen Zugriff auf unser modernes Verständnis von Medizin hatten. Die Medizin machte im 19. Jahrhundert große Fortschritte, doch sie war noch keinesfalls weit entwickelt und vor allem war sie von normalisierter Misogynie geprägt. Es war zum Beispiel selbst unter den oft feministisch motivierten Reformer.innen als Allgemeinwissen angesehen, dass der als weiblich verstandene Körper von Natur aus weniger gut entwickelt und schwächer war, als der als männlich verstandene Körper, und deshalb gestützt werden musste.

Viktorianische Mediziner.innen glaubten zu wissen, dass besonders das Korsett Lungen zerquetschen und Organe verschieben konnte, dass es Krankheiten wie Tuberkulose begünstigte und in Ohnmacht fallen ließ. Verallgemeinert lässt sich sagen, dass das Korsett für alle Krankheiten verantwortlich gemacht wurde, die sich Mediziner.innen nicht erklären konnten. Heute ist all das widerlegt, doch in den 1880er Jahren war das der Stand der modernen Forschung und die einzigen Quellen, auf die die Reformer.innen Zugriff hatten. Dass sie sich gegen das eigentlich harmlose Korsett wehrten, ist deshalb auch kein Wunder.

Die Menschen des 19. Jahrhunderts glaubten also, dass das zu enge Schnüren des Korsetts den Oberkörper auf gefährliche Weise verformte und die Organe verschob. Sie glaubten jedoch auch, dass der als weiblich wahrgenommene Körper sich nicht selbst stützen konnte und ebenfalls Krankheiten begünstigte, wenn man gar kein Korsett trug. Beides ist heute natürlich widerlegt, doch der Mythos rund um das gefährliche Korsett, der auf Misogynie und medizinischen Fehlschlüssen aus dem 19. Jahrhundert basiert, steckt heute noch immer in vielen Köpfen.

Reformmode, Misogynie und “The Corset Controversy”

Links: Herkömmliches Korsett, Madame Warren’s, 1885 (Met Museum) | Mitte: Entwurf eines Reformkorsetts, 1892 | Rechts: Reformkorsett, ca. 1910 (Quelle: 1971marcus)

Dass sich die Rational Dress Society und andere europäische Kleiderreformer.innen so sehr am Korsett abarbeiteten ist deshalb gleichzeitig verständlich und schade. Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Abschnitt vor allem verdeutlichen kann, wie veraltet Korsettmythen sind und, dass sie auf Misogynie und längst widerlegten medizinischen Fehlschlüssen basieren. Tatsächlich machen sehr viele der im späten 19. Jahrhundert entworfenen Reformkorsetts am Ende genau dasselbe, was das herkömmliche Korsett macht, wenn man es nur lose schnürt: Es nimmt die Taille sanft ein.

Die sogenannte “Korsett-Kontroverse” bewegte im späten 19. Jahrhundert in Europa und Amerika viele Gemüter, denn bereits damals gab es Menschen, die es verteidigten und Menschen, die es verteufelten. Hierbei ging es auch nicht immer um die Gesundheit der Träger.innen. Auch die moralische Komponente war wichtig, denn viele Menschen fanden, dass besonders das Tight-Lacing, also das besonders enge Schnüren, unmoralisch waren. Hier gab es auch viel Kritik von religiöser Seite. Korsettträger.innen wurden als arrogant und frevelhaft angesehen.

Reformkorsetts gab es deshalb viele. Einige waren ernsthafte Versuche, ein “gesünderes” Korsett zu entwerfen, andere waren bloßes Marketing: Korsetthersteller.innen sahen das Trendpotential in Reformmode und versprachen potentiellen Käufer.innen, dass ihre Korsetts natürlich nicht ungesund waren oder der Gesundheit sogar zukömmlich. Am Ende taten aber alle Korsetts dasselbe: Sie reduzierten, mal mehr oder mal weniger, die Taille. Und das ist auch nicht gefährlich. Mehr dazu könnt ihr in meinem Artikel zur Geschichte des Korsetts erfahren.

Die “neue Frau”: Modereform im 20. Jahrhundert

Links: Anzug, amerikanisch, 1892 (Met Museum) | Mitte: “New Woman”, London, ca. 1905 | Rechts: Reitkleidung, amerikanisch, 1896 (Met Museum)

Die Erfolge der Reformmode lassen sich jedoch trotzdem nicht leugnen. Besonders in der Sportmode des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts lassen sich große Veränderungen erkennen. Reitkkleidung zum Beispiel wurde in den 1890ern immer praktischer, auch der Fahrradanzug kam in Mode und um die Jahrhundertwende entwickelte sich die Bewegung der “New Women”: Die neuen Frauen waren selbstständig, verdienten eigenes Geld und waren nicht von Männern, ob von Vätern, Brüdern oder Ehemännern, abhängig.

Die “Uniform” der “New Woman” war der schlichte Rock mit hochgeschlossener Bluse. Das Outfit war der Männermode der Epoche nachempfunden, oft wurde es sogar mit Krawatte oder Schleife getragen. Die Röcke der New Women des neuen Jahrhunderts waren deutlich kürzer, doch tatsächlich trug auch die New Woman ein mehr oder minder eng geschnürtes Korsett. Genauso, wie die Besitzerin des Reitanzugs rechts eines getragen hätte. Denn, wie bereits erwähnt: Man kann seinem Alltag im Korsett wunderbar nachgehen.

Fazit: Reform zwischen Bias und Feminismus

Während der medizinische Protest gegen das Korsett heute widerlegt ist und wir uns von viktorianischen Ansichten zur Gesundheit von (cis) Frauen wirklich endlich abwenden sollten, bedeutet das natürlich noch lange nicht, dass alle Anliegen der Rational Dress Society nichtig waren. Besonders das Gewicht der Kleidung war tatsächlich ein großes Problem und während die Mode des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht wirklich einschränkend war, war sie doch hier und da unpraktisch, besonders, als Frauen mobiler wurden.

Man kann in einer Tournüre problemlos sitzen, tanzen und sogar Tennis spielen. Trotzdem ist es natürlich angenehmer ohne Tournüre den Tennisschläger zu schwingen und Fahrradfahren oder vernünftig Reiten kann man mit Tournüre natürlich wirklich nicht oder nur sehr schwer. Besonders das Fahrrad war für die Feminist.innen des späten 19. Jahrhunderts aber sehr wichtig, weil es Frauen mobil machte und es ihnen erlaubte ohne fremde Hilfe und deutlich schneller als zu Fuß die gesamte Stadt zu befahren.

Die Anliegen der Rational Dress Society und anderer ähnlicher Bewegungen basierten zwar hier und da auf medizinischen Fehlinformationen, die oft misogyn geprägt waren, aber viele waren auch vollkommen legitim: Besonders auf die Mode der 1890er Jahre hatten die Reformer.innen deutlichen Einfluss, aber ihre Anliegen und Forderungen kamen erst um 1900 wirklich zum Tragen, als die “New Woman” in schlichtem Rock und Bluse zur Arbeit ging, Fahrrad fuhr und ein unabhängiges Leben führte. Das ist natürlich nicht alleiniger Verdienst der Kleiderreformer.innen, doch trotzdem spielten ihre Bemühungen durchaus eine Rolle.


Beitragsbild: “A Private View at the Royal Academy” von William Powell Frith, 1881 | Frith zeigt an den Figuren links und rechts Reformmode, an den Frauenfiguren in der Mitte traditionelle Pariser Mode. Frith war Traditionalist und ein Gegner der Reformmode. Das Gemälde sollte sie als albernen Trend darstellen. Rechts, mit roter Krawatte und Brosche, steht Oscar Wilde persönlich, ein großer Befürworter der Reformmode. 


Selbst nachlesen?

Ribeiro, Aileen: Dress and Morality. 1986.

Waugh, Deborah Jean: Fashion, Emancipation, Reform and the Rational Undergarment. 1978.

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2 Kommentare

  • MearaF

    Die Bloomer-Hosen kannte ich schon aus einem historischen Roman.In den Amelia Peabody Murder Mystery von Elizabeth Peters geht es um ein Ägyptologen-Ehepaar, dass (überwiegend) in Ägypten immer wieder über Mordfälle stolpert.In den ersten Romanen beschreibt Amelia ihre bequeme Arbeitskleidung, die einige Jahre später fast ebenso von Amelia Bloomer vorgestellt wurde.Ich finde, das ist eine schöne Art so einen kleinen Anachronismus aufzulösen.

    25. Februar 2014 at 18:24 Reply
  • Charlotte Oskar

    Es gab ja auch immer wieder mal Versuche, rationale Kleidung durchzusetzen, Bloomer war auch nicht die erste, die auf die Idee gekommen ist, sie war bloß mutig genug sich damit auf der Straße zu zeigen, bis die Leute sie bemerkt haben. 😀 Wenn man sich die Modegeschichte so anguckt, gibt es immer mal wieder ein paar Leute, die versuchen, was zu reißen, aber meistens können sie sich nicht durchsetzen. Nicht einmal Amelia Bloomer ist besonders weit gekommen. :/

    25. Februar 2014 at 18:46 Reply
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