Leben im 19. Jahrhundert

Ostern im 19. Jahrhundert: Zwischen Frühlingsblumen und Eierrollen

Viele unserer Ostertraditionen stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. Zwar sind Ostertraditionen an sich bereits sehr alt, doch die Menschen dieser Epoche dachten sich natürlich auch hier weitere Traditionen aus oder erfanden alte neu: So wurden zum Beispiel vermehrt Osterkarten, die Häschen, Frühlingsszenen, Paraden oder Eier und Küken zeigten, verschickt. Welche weiteren Traditionen es gab und woher sie stammen, ist ein interessantes Thema, das ich mir heute genauer ansehen möchte.

Ostern war im 19. Jahrhundert ein sehr beliebtes Fest, denn es symbolisiert einen Neuanfang und steht gleichzeitig zu Beginn des Frühlings und den warmen Tagen des Jahres. Auch religiös betrachtet ist Ostern ein hoffnungsvolles Fest, das den Menschen im 19. Jahrhundert mit ihrem Optimismus und Fortschrittsgeist gut stand. Hinzu kommt, dass die Menschen dieser Epoche gern feierten und so aus Ostern ein großes Familienfest machten. Wie dieses ablief und was dabei im Mittelpunkt stand erzähle ich euch heute.

Ostersymbole – Osterparaden, Osterhauben 

Links: Viktorianische Osterkarte | Mitte: Schauspielerin Zena Dare mit Osterhaube, ca. 1905 | Rechts: Edwardianische Osterkarte aus Frankreich

In vielen christlichen Ländern war im 19. Jahrhundert die Osterparade als religiöses und gesellschaftliches Happening ein Muss: Nach der Ostermesse zog man durch die Straßen des Ortes, voran ging der Pfarrer oder Pastor mit einer Kerze oder einem Kruzifix. Ein Bestandteil der Festtagskleidung war die von Frauen und Mädchen getragene Osterhaube: Eine große Strohhaube, die mit bunten Bändern und Frühlingsblumen geschmückt war. Auch, als die Haube als Kopfbedeckung in den 1870ern dem Hut wich, wurden modische Strohhüte als Osterbaue dekoriert und getragen.

Zu Ostern trägt man außerdem neue, fröhliche Frühlingskleidung. Dieser Brauch ist älter als das 19. Jahrhundert und ist ein Symbol für die Erneuerung, die der Frühling bringt: Neues Leben, Neubeginn und Hoffnung für das restliche Jahr stehen im Vordergrund. Im 19. Jahrhundert hatten die Osterparaden aber besonders für die Mitglieder der gehobenen Gesellschaft auch einen anderen Zweck: Man wollte sehen und gesehen werden und führte deshalb die neue Frühlingsgarderobe aus, um den eigenen Status zu unterstreichen.

Ein weiterer Brauch sah vor, dass junge Männer ihren Angebeteten ein neues Paar Handschuhe schenkten. Trug die Frau die Handschuhe zur Parade war das ein Zeichen, dass sie die Gefühle erwiderte und der junge Mann sie umwerben durfte. In Großbritannien werden bis heute Osterparaden veranstaltet und auch noch Osterhauben getragen. Diese Osterparaden und “Easter Bonnets” sind in Großbritannien bis heute sehr beliebt. Irving Berlin widmet der Tradition 1933 sogar ein Gedicht:

“In your Easter Bonnet, with all the frills upon it,
you´ll be the grandest Lady in the Easter Parade.
I´ll be all in clover and when they look you over,
I´ll be the proudest fellow in the Easter Parade.”

Die Viktorianer machten außerdem die Sprache der Blumen beliebt, bei der verschiedene Blumen kleine Botschaften überbringen konnten und eigene Bedeutungen hatten. Für Ostern setzte sich sehr schnell die Osterlilie durch, die durch ihren Zyklus ideal erschien: Sie blühte im Frühling auf, starb ab und kam im nächsten Jahr wieder. Hier scheint es jedoch eine Verschiebung gegeben zu haben: Während die Osterlilie zwar noch immer bekannt ist, sind heutzutage eher Narzissen – auch Osterglocken genannt – als Osterblumen bekannt. Doch durch die weiße Farbe und ihre Größe fand man in einem viktorianischen Haushalt zur Osterzeit eher Lilien vor.

Der Osterhase: Von Ostara zum Osternest

“Frühling”, Franz Xaver Winterhalter, Datum unbekannt | Ostara mit Blumengirlanden und Blumenkrone

Der Osterhase beginnt seine Laufbahn tatsächlich im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Hier stellen Kinder am Abend vor Ostern Strohkörbe vor die Tür, in der der Osterhase über Nacht Eier und Geschenke legt. Zurückgeführt wird dieser Brauch auf Jakob Grimm, der 1835 darüber schrieb und ihn so weitläufig bekannt und beliebt machte. Das es ausgerechnet ein Hase ist, der die Osternester (und manchmal mit Strohl ausgelegte Hauben) füllt, basiert auf noch viel älteren Traditionen.

Grimm brachte den Hasen auch erstmals mit Ostara in Verbindung, der heidnischen Frühlingsgöttin, die dem Feiertag ihren Namen leiht. Ostara, in Großbritannien Eostre genannt, was sich ebenfalls im Wort “Easter” wiederfindet, hatte den Hasen als Symboltier an ihrer Seite und stand für den Frühling und die Wiedergeburt des im Winter gestorbenen Landes. Ein weiteres ihrer Symbole war, wie sollte es anders sein, das Ei.

Im Mittelalter glaubte man, der Hase selbst könnte sich jungfräulich fortpflanzen, weshalb Parallelen zur Jungfrau Maria gezogen wurden. Der Hase wurde in der Kirche deshalb ein Reinheitssymbol und ist in englischen Kirchen deshalb oft in den Verzierungen und Glasfenstern zu bewundern. Auch auf Marien-Abbildungen sieht man sehr oft einen Hasen. Eier hingegen, die der Hase bringt, sind Symbole für Fruchtbarkeit, die der Frühling bringt. Die bunten Eier sind auch kein Brauch des 19. Jahrhunderts , sondern bereits viel älter.

Im Frühling kochte man Eier zusammen mit Frühlingsblumen, was die Farbe der Eier änderte und den Frühling ins Haus holte. Oft wurden Eier auch rot gefärbt, um das Blut Christi zu symbolisieren, das für die Christen geopfert worden war. Auch grün war eine beliebte Farbe für Eier, da nach dem langen Winter wieder grüne Pflanzen wuchsen: Ein Symbol für neues Leben. Mit Ostern wurde dieser Brauch allerdings erst von den Protestanten in Verbindung gebracht, denn Katholiken durften zu Ostern wegen der Fastenzeit gar keine Eier essen.

Feierliches – Eierrollen und Hot Cross Buns

Zwei Kinder beim Ostereierrollen vor dem Weißen Haus, fotografiert von Frances Benjamin Johnston, 1898 | Das kleine Mädchen trägt eine Osterhaube und einen Korb für die Eier

Die Menschen des 19. Jahrhunderts mögen nicht viele neue Osterbräuche gebracht haben, doch sie haben alte Bräuche genommen und ihnen eine neue Bedeutung gegeben. Eine weitere dieser alten Traditionen, die im viktorianischen Zeitalter neue Bedeutung erlangten, ist das Eierrollen. Als sich christliche und heidnische Bräuche im frühen Mittelalter vermischten, wurde das Eierrollen unter Kindern sehr beliebt – als Symbol für den Stein, der von Jesus’ Grab gerollt wurde. Auch die Menschen im 19. Jahrhundert ließen bemalte und dekorierte Eier die Hügel hinunterrollen und bald gab es große Wettbewerbe im Eierrollen, die bis heute bestehen.

Diesen Trend löste wohl 1814 die Präsidentengattin Dolly Madison aus, die am Ostermontag Kinder einlud um auf dem Hügel vor dem Capitol Eier rollen zu lassen. Bis heute dürfen Kinder auf dem Rasen vor dem Weißen Haus Eier rollen: Dabei müssen die Kinder ein Ei mit einem Löffel eine Rennbahn entlangrollen. Wer am schnellsten am Ziel ist, gewinnt. Oben seht ihr zwei Kinder beim Eierrollen vor dem Weißen Haus. Das kleine Mädchen trägt eine große Osterhaube.

Ein sehr britisch-viktorianischer Ostertrend sind die Hot Cross Buns. Das ist eine Art Brötchen mit Rosinen darin. Sie werden an Karfreitag gebacken und zeigen ein Kreuz, das natürlich für die Kreuzigung steht. Dieses Gebäck gab es bereits zur Zeit des englischen Bürgerkrieges, doch erst zu Zeiten der Viktorianer wurden sie wirklich beliebt und über die Osterfeiertage gegessen und verschenkt. Es gibt sogar einen viktorianischen Kinderreim dazu: “Hot cross buns, hot cross buns, if you have no daughters, give them to your sons.” Hot Cross Buns wurden auch oft über die Ostertage an Straßenständen verkauft und kosteten meist einen oder zwei Penny das Stück, waren also erschwinglich.

Der Ablauf eines Osterfestes im 19. Jahrhundert

Ostern in der Stadt, Henry Tenré, 1908

Im 19. Jahrhundert wurde der Wert der Familie über alles gestellt, sodass auch Ostern zu einem fröhlichen, liebevollen Familienfest wurde. Ostern wurde nicht nur am Ostersonntag gefeiert, sondern eine ganze Woche lang: Das Fest folgte auf die triste Fastenzeit und man wollte den Frühling gebührend begrüßen und feiern. Die Osterzeit begann am Palmsonntag, wie heute auch noch. Man wickelte Blätter um Kreuze und ging mit den Kindern durch die Straßen des Wohnortes spazieren.

Im Verlauf der Woche wurden die Ostereier mit natürlichen Farben gefärbt: Spinat für Grün, rote Beete für Rot, Blaubeeren für Blau, Zitronenschalen für Gelb und so weiter. Mütter und Töchter schmückten ihre Osterhauben selbst. Wohlhabende Familien kauften sich neue Strohhauben. Wer sich das nicht leisten konnte nutzte eine alte Haube und dekorierte sie mit bunten Bändern und frischen Frühlingsblumen. Besonders ärmere Menschen flochten ihre Hauben auch selbst mit der Hand. Die Hauben wurden wie bereits erwähnt zu den großen Osterparaden getragen.

In der Osterzeit werden außerdem bunte Osterkarten verschickt, die oft Hasen, Eier oder Lämmer zeigen, aber manchmal auch Ostara, spielende Kinder und besonders später, als um 1900 Fotokarten in Mode kommen, hübsche junge Frauen mit Ostereiern oder anderen Ostersymbolen. Ostereier aus Schokolade gibt es übrigens schon seit 1842 und sie sind im 19. Jahrhundert in der Osterzeit als Nascherei besonders beliebt.

Am Karfreitag wurden in England die Hot Cross Buns gebacken (oder in wohlhabenden Haushalten von den Dienstboten serviert), in Deutschland stellten Kinder am Samstagabend ihre Osternester vor die Tür, damit der Osterhase Schokolade, bunte Eier und kleine Geschenke hineinlegen konnte. Dieser Brauch kam im späten 19. Jahrhundert auch nach England. Im späteren Jahrhundert gab es auch große Ostereier aus Pappe, in denen die Geschenke überreicht wurden.

Am Ostersonntag ging man mit der gesamten Familie in die Kirche, die sehr oft üppig mit Girlanden und frischen Frühlingsblumen geschmückt waren. Danach gab es besonders in wohlhabenden Familien ein großes Osteressen mit der ganzen Familie, bei dem Lamm- oder Schinkenbraten serviert wurde. Am Ostermontag spielte man dann das Eierrollen. Nun ist es schon ein wenig zu spät um ein echt historisches Ostern mit Hot Cross Buns und hübsch dekorierten Eiern zu feiern, doch vielleicht ist es eine schöne Idee für nächstes Jahr. Ich wünsche allen Leser.innen eine wunderschöne Osterzeit und hoffe, dass bald wirklich Frühling wird und wir nicht noch mehr Schnee ertragen müssen.


Beitragsbild: Edwardianische Osterkarte, ca. 1910


Selbst nachlesen?

Aveny, Anthony: The Book of the Year. A Brief History of Our Seasonal Holidays. 2004.

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