Mode

Mode 1900: Aufbruch in ein neues Jahrhundert

Die 1900er: Ein neues Jahrhundert bricht an, zu dessen Beginn die Menschen noch optimistisch und voller Tatendurst sind. Die Belle Époque ist auf ihrem Höhepunkt angekommen und nicht nur der Tod Königin Victorias 1901 und der Jahreswechsel symbolisieren den Beginn einer neuen Ära, auch die Mode zieht mit. Die kurze edwardianische Epoche steht in Großbritannien unter dem Stern großer sozialer Umwälzungen und auch auf dem Kontinent strebt die Belle Époque einem kulturellen und gesellschaftlichen Höhepunkt zu.

Paris und Wien sind kulturelle Zentren, besonders Paris übt weiterhin die Faszination der hochmodernen Stadt aus, in der Opern, feine Kunst und Musik im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens stehen, aber auch Bohème, Jugendstil und der Durst nach Neuem, nach dem die gesamte westliche Welt um 1900 strebt. Mit dem 20. Jahrhundert brechen nie zuvor dagewesene soziale – und modische – Umwälzungen an. Und die Jahre 1900 bis 1909 legen den Grundstein für alles, was später kommen sollte.

1900 – 1905: Schlichte Eleganz und Art Nouveau

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1902 | Mitte: Kleid, französisch, 1903 | Rechts: Abendkleid, Paquin, französisch, ca. 1905 (Met Museum)

Die 1900er setzen fort, was die 1890er begonnen haben. Mode soll das neue Selbstbewusstsein der Frau ausdrücken und transportiert nun nicht mehr verspielte Weiblichkeit, sondern schlichte Eleganz. Langsam verschwinden die letzten Spuren der Fin-de-Siècle-Dekadenz aus der Mode und werden abgelöst durch sehr einfache, aber natürlich fein verarbeitete Tageskleider, die oft einfarbig sind und in Anlehnung an den beliebten Trend in Kunst und Architektur Jugendstildekorationen oder antik wirkende Anleihen aufweisen können.

Die Krägen von Tages- und gewöhnlichen Abendkleidern blieben hochgeschlossen, während Ballkleider weiterhin tiefe Ausschnitte haben durften. Die sehr lange Schleppe ist ein weiteres Merkmal des Ballkleids, das dem gewöhnlichen Kleid für den Alltag fehlt. Alltagskleider sind längst nicht mehr so extravagant geschmückt wie noch vor wenigen Jahren, sondern weisen meistens einfarbige Verzierungen aus Spitze, Tüll und Rüschen. Ärmel der frühen 1900er sind weit geschnitten und werden um das Handgelenk zusammengenommen.

Neben der schmalen Taille wird jetzt auch die volle Brust ein Muss und mit Spitzenvolants und -aufsätzen betont. Wer nicht von Natur aus über einen großen Busen verfügt, hilft mit Polstern nach oder greift zu optischen Illusionen, wie mehreren Lagen Spitze oder Tüll. Dieser “Taubenbrust”-Stil wird durch ein neues Korsett unterstrichen, das den Druck vom Bauch nimmt, die Brust nach vorn zwingt und den Körper so in eine S-Form drückt. Diese Silhouette ist am Kleid oben in der Mitte gut zu sehen. Angeblich war dieses neue S-Korsett gesünder, heute weiß man jedoch, wie schädlich diese Haltung für Rücken und Wirbelsäule war.

Wo noch in den 1880ern und für einige Jahre der 1890er sehr schwere, dunkle Stoffe modern waren, bevorzugt man jetzt dünnere Stoffe wie Musselin oder Baumwolle. Trendfarben der frühen 1900er sind helle Farben. Weiß, Creme und Eierschale zum Beispiel. Aber auch Schwarz wird gern getragen und der schwarzweiße Kontrast, zum Beispiel bei einem weißen Kleid mit schwarzen Stickereien, ist sehr modisch und unterstreicht noch einmal gut den Wunsch nach schlichter, aber eleganter Mode. Der Einfluss des Ästhetizismus und des Teekleids des späten 19. Jahrhunderts sind in diesen luftigeren, weniger streng geschnittenen Kleidern deutlich spürbar.

1906-1909: Die Blütezeit der Mode-Designer.innen

Links: Abendkleid, amerikanisch, ca. 1907 | Mitte rechts: Dinnerkleid, Redfern, ca. 1909 | Rechts: Kleid, amerikanisch, ca. 1909 (Met Museum)

Natürlich bleiben auch die “tailor-mades” des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Mode: Ein schlichter Rock, der mit hochgeschlossener Bluse getragen wird, manchmal mit Mieder, das einem Jackett nachempfunden ist, manchmal ohne. In den frühen 1900er Jahren machen besonders diese Blusen natürlich auch den Trend in Richtung “Taubenbrust”-Stil mit und werden mit Rüschen, Spitze und Volants verziert.

In der Pariser Mode passiert in den letzten Jahren der 1900er aber eine Menge. Schaut man sich die neuen Kleider der späten Dekade an, fragt man sich erst einmal, was plötzlich passiert ist. Passiert sind neue Trends, vorgegeben von Pariser Mode-Designer.innen wie Callot Souers und Paul Poiret. Unter den Schlagwörtern “Directoire” und “Empire” ließen sie Trends wieder aufleben, die knapp hundert Jahre zuvor schon einmal modisch gewesen waren: Die Taille wandert ein ganzes Stück nach oben und darf und soll sogar zum ersten Mal in fast achtzig Jahren wieder breiter sein,

Die Röcke fallen eng aber natürlich und können weiterhin bodenlang sein, dürfen aber mittlerweile auch über dem Knöchel enden. Auch die Tage der Stundenglasfigur sind gezählt: Mode wird immer gradliniger, es kommen sogar komplett untaillierte Kleider in Mode, die von den Schultern gerade auf den Boden fallen. Neben Empirestilen des frühen 19. Jahrhunderts wurde besonders Paul Poiret auch von Kleidung und Stilen aus dem mittleren Osten und aus Indien inspiriert, die er in einem Museum gesehen hatte und in seiner neuen Kollektion selbst umsetzte. Die Mode wurde aus denselben Gründen auch wieder deutlich bunter.

Die neue modische Linie verlangt mit einem Mal mehr Taille und weniger Brust und Hüfte: Eine Moderevolution, die auch die Träger.innen damals überrascht und überrollt haben wird. Diese neue Mode leitet das Ende des Korsetts ein, aber noch sind wir nicht ganz dort angekommen: Die neuen Kleider werden mit neuen Korsetts getragen, die die Taille etwas breiter drücken und etwaige Kurven grader und schärfer wirken lassen. Diese neue Silhouette vereint natürlich nicht nur Poirets neue Ideen, sondern auch Modereform, Ästhetizismus, Teekleid und Orientalismus, die bereits im 19. Jahrhundert angeklungen waren.

Hier wird der Grundstein für die 1920er Jahre gelegt, die diese undefinierte, sehr grade Körperform nicht viel später perfektionieren. So gesehen sind die 1900er der Beginn einer Modetransformation, die sich auch noch in die 1910er zieht, denn nicht alle Träger.innen verzichteten ab ca. 1906 auf Wespentaille und Taubenbrust. Auch um 1910 wurden hier und da noch die alten Stile getragen und das ist ja auch kein Wunder: Sie waren rund achtzig Jahre modern gewesen und besonders konservativere Träger.innen trennten sich nicht allzu bald von ihnen.

Frisuren und Hüte der 1900er

Links: Anita McGee, 1904 | Mitte: “Else”, Postkarte, 1909 | Rechts: Dame, Heinrich Hellhoff, 1908

Die frühen 1900er übernehmen die voluminösen Top Knots der 1890er Jahre: Das Haar wird zum Pompadour frisiert, oft mit Hilfe von Schwämmchen, Polstern und Haarteilen, und auf dem Kopf zu einem Knoten gesteckt. Im Verlauf des Jahrzehnts kommt jedoch auch der Mittelscheitel zurück und das zu sanften Wellen frisierte Haar kann weiterhin auf dem Kopf zusammengesteckt werden oder im Nacken als Chignon getragen. Es gab verschiedene Arten das Haar zum Knoten zu frisieren, zum Beispiel den Griechischen Knoten. Man konnte sein Haar jetzt sehr extravagant frisieren, Hauptsache war das ausladende Volumen.

Auch Hüte werden im Verlauf der 1900er wieder größer und bekommen sehr breite Krempen. Es gab verschiedene Huttypen, die man mit verschiedenen Frisuren tragen konnte, wichtig war nur ihre schiere Größe. Sie werden weiterhin mit Federn, Bändern und manchmal ganzen ausgestopften Vögeln geschmückt. Im Verlauf der Dekade wurde es endlich verboten tropische Vögel wie Kolibris in der Mode zu verwenden, sodass bald Hühner-, Gänse- und Straußenfedern bunt gefärbt als Ersatz genutzt wurden.

Fazit: Das Ende einer Ära

In den 1900ern bäumt sich das 19. Jahrhundert noch einmal auf, die alte Gesellschaft kann sich aber einfach nicht mehr gegen die neue durchsetzen. Der Aktivismus des 19. Jahrhunderts zahlt sich aus, besonders die Frauenbewegung erzielt immer wieder Erfolge und erkämpft neue Rechte und Freiheiten. Die Frau ist längst nicht mehr nur die bescheidene, liebevolle Begleiterin des Mannes. Sie ist selbstbewusst, sie arbeitet, sie studiert, sie ist mobil und beginnt Platz im öffentlichen Leben einzunehmen, der ihr vorher nicht zugestanden wurde.

Genau diese soziale Wandlung trifft mit der neuen, natürlicheren und gleichzeitig aufregenden Mode der späten 1900er zusammen. Wo die frühen 1900er sich noch an die strengeren, wenn auch selbstbewussteren Formen des 19. Jahrhunderts halten, wird die Mode ab 1905 lockerer, extravaganter und trotz der Rückbesinnung auf die Natürlichkeit und die Individualität der Empire-Mode sehr vorwärtsgewandt und modern. Die späten 1900er legen den Grundstein für das, was in den 1920ern folgt und sie verfolgen auch bereits dasselbe Ziel: Die neue Mode soll die neue Frau ausdrücken, die selbstbestimmt und individuell ihr Leben selbst in der Hand hält.


Beitragsbild: Modezeichnung, 1907


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1988.

2

You may also like

2 Kommentare

  • Yalda Lewin

    Mal wieder ein wunderbarer und sehr informativer Artikel! Danke Kati für die Mühe, die du dir machst, ich lerne unglaublich viel durch dein Blog 🙂 Liebe Grüße!

    5. März 2013 at 12:32 Reply
  • Kati

    Aw, danke. 🙂 Es macht aber auch echt Spaß, dieses Blog. Und, wenn mir selbst was gerade nicht einfällt, kann ich einfach bei mir selbst nachgucken. 😉

    5. März 2013 at 13:34 Reply
  • Kommentieren