Leben im 19. Jahrhundert

Dare Not Speak its Name?: Queere Identität im 19. Jahrhundert

Queere Identität und Sexualität sind nicht bloß heute ein Thema, das immer wieder im Mittelpunkt von Diskussionen und Diskurs steht. Sie waren es schon immer. Schaut man zurück in die britische Geschichte, stellt man fest, dass homosexuelle Handlungen in Großbritannien noch bis 1835 mit dem Tod bestraft wurden. Für den Kontext: Das ist dasselbe Jahr, in dem Charles Darwin auf der MS Beagle ablegt, dasselbe Jahr, in dem die erste Eisenbahn auf dem europäischen Kontinent fuhr, dasselbe Jahr, in dem die ersten Fotografien entstanden.

Das beginnende viktorianische Zeitalter ist eine Zeit voller Fortschritt und Neuerungen, jedoch auch voll von Jahrhunderte alter Unterdrückung und Vorurteilen. Und das sind Stigmata, die uns auch heute noch nachhängen, egal wie sehr wir darauf plädieren bessere Menschen zu sein, als unsere Vorfahren. Deshalb habe ich mich entschieden, heute diesen Artikel zu schreiben, deshalb, und weil es mir gelinde gesagt gegen den Strich geht, mit welcher Selbstverständlichkeit queere Persönlichkeiten immer wieder aus der europäischen Geschichte getilgt werden.

Zwischen Moralpanik und neuen Freiheiten: Die Viktorianer und Sexualität

Links: Schauspielerin Charlotte Cushing (l.) mit ihrer Partnerin, der Journalistin und Autorin Matilda Hays, 1858 | Rechts: Aktivist und Dichter Edward Carpenter (r.) mit seinem Partner George Merrill, 1890er

Denn obwohl homosexuelle Handlungen ab 1835 nicht mehr mit dem Tode bestraft wurden, zieht sich das Unsichtbarmachen, das Diskriminieren und verstecken wollen wie ein rotes Band durch die gesamte Epoche. 1885, fast zwanzig Jahre nachdem Karl Heinrich Ulrichs in Deutschland als erster bekennender Homosexueller offen für das Ende der Unterdrückung homosexueller Männer eingetreten ist, wird in England ein Gesetz verabschiedet, nach dem jede homosexuelle Handlung strafbar wurde. Bestraft wurden sie mit zwei Jahren harter Arbeit, die viele Männer krank machte, sowie mit kompletter gesellschaftlicher Ächtung, die nicht wenige Männer in den Ruin getrieben hat.

Doch was passierte im späten 19. Jahrhundert? Was löste die so genannte „Moralpanik“ aus, während der einschlägige Zeitungen vor dem Verfall der Gesellschaft aufgrund von Sittenlosigkeit (zu der übrigens auch neue Rechte für Frauen und andere Minderheiten gezählt wurden) warnten, während der jeder Fall von „gross indecency“, wie man homosexuelle Handlungen betitelte, in den Zeitungen groß aufgerollt wurde? Um das zu verstehen, muss man beim viktorianischen Verständnis von Sexualität selbst ansetzen und das ist kompliziert.

Es ist eigentlich gar nicht möglich dieses Thema knapp abzuhandeln, doch ich versuche es mal: Im viktorianischen Zeitalter wurden sexuelle Gefühle weitgehend unterdrückt und als etwas Schmutziges betrachtet. Die romantische Liebe wurde als Ideal hochgehalten und gefeiert, die Sexualität hingegen war etwas sehr Privates, sehr Schamvolles. Hier treffen veraltete Moralbilder mit früher Forschung und Biologie zusammen, die genutzt wurden, um dieses Bild zu unterstützen.

Gegen Ende des Jahrhunderts aber sprengten Sozialreformen, neue Erkenntnisse und ein gesellschaftlicher Wandel diese alten Bilder vollkommen auf. Nicht umsonst nennt man die 1890er auch die „Naughty Nineties“. Neue Sexualforschung, die Anfänge der Psychologie, die Frauenbewegung und ein neuer vorwärts gewandter Zeitgeist sorgten für sich lockernde Moralvorstellungen. Natürlich hat sich aber der Großteil der viktorianischen Gesellschaft dagegen gesperrt – Eine Moralpanik entstand. Man hatte Angst vor den Neuerungen und den neuen Freiheiten, man wollte alles so behalten, wie man es gewohnt war und sah besonders die neue sexuelle Freiheit als Ruin der Gesellschaft an.

Während weibliche Sexualität überhaupt nicht offen stattfinden durfte, bot männliche Sexualität großes Diskussionspotential und leider auch Angriffsfläche. Man glaubte, dass ein zu großer sexueller Hunger ungesund sei und mit psychischen Störungen in Zusammenhang stünde und, dass ein vernünftiger Mann das innere „Biest“ Sexualität müsse zügeln können. Und in diesen Konflikt bricht nun Queerness, die natürlich gegen alles zu verstoßen scheint, was den Viktorianern heilig ist. Man muss hier unbedingt verstehen, dass Queerness nicht mit Liebe in Verbindung gebracht wurde. Liebe, das konnte es nur zwischen (cis) Mann und (cis) Frau geben, da war man sich sicher.

Und das reduzierte eine Beziehung zwischen zwei Männern auf die sexuelle Begierde – und die war schließlich zu unterdrücken, sie war ungesund. Und, wenn sie nun noch außerhalb der akzeptierten Norm auftat, war sie etwas, das in den Augen dieser Menschen die Basis für ihre Gesellschaft bedrohte. Auch die Existenz von Menschen, die wir heute als genderqueer, nicht-binär oder trans bezeichnen würden, hatte diese Wirkung auf die Menschen. Wer sich nicht eindeutig in (cis-, hetero)normative Ideen und Ideale von Geschlecht und Sexualität einordnen ließ, galt als verdorben und als Gefahr für die geordnete, anständige Gesellschaft.

Konzepte und Begriffe: Queerness als Erfindung der Viktorianer?

Links: Die Autorin Selma Lagerlöf mit ihrer Partnerin, der Autorin und Übersetzerin Sophie Elkan, ca. 1900 | Mitte: Schauspieler.innen Fanny und Stella, 1860er | Rechts: Schriftseller Oscar Wilde mit seinem Partner Lord Alfred Douglas, 1890er

Vorweg: Natürlich haben die Viktorianer Queerness und Sexualität nicht erfunden. Es gab immer queere Menschen, in jeder Epoche, und es wird sie auch immer geben. Wenn man von der “Erfindung der Sexualität” im 19. Jahrhundert spricht, meint das das Entstehen von gesellschaftlichen Konzepten, in die man Sexualitäten einordnen konnte. Somit erschufen die Viktorianer nicht nur das Konzept Queerness, sondern natürlich auch das Konzept Heterosexualität, das sie mit ihrer vertrauten Norm gleichsetzten.

Unsere modernen Begriffe gab es damals natürlich noch nicht. Die Belle Époque hatte, wie eigentlich jede Epoche, ihre eigenen Bezeichnungen und Labels, die heute nicht mehr genutzt werden oder etwas anderes bedeuten. Das Wort “bisexuell” wird um 1900 zum Beispiel von amerikanischen trans Aktivistin Jennie June genutzt, um das auszudrücken, was wir heute unter nicht-binär oder genderqueer verstehen würden. Deshalb finde ich es auch schwierig moderne Labels auf historische Persönlichkeiten zu übertragen, denn wir kennen ihre Selbstbezeichnungen nicht.

Problematisch wird das zum Beispiel, wenn man Oscar Wilde mit einem modernen Label versehen wollen würde. Ob schwul oder bisexuell besser passt, könnte uns niemand sagen außer Wilde selbst. Er selbst wird sich auch komplett außerhalb einer solchen Aufteilung verstanden haben, da es unser modernes Konzept von Homo- und Bisexualität noch nicht gab, sondern eigene Kategorien und Konzepte der Epoche, die teilweise anders funktionieren und verstanden wurden als moderne Konzepte – die sich ja ebenfalls immer im Wandel befinden.

Ich werde im Folgenden also für die Verständlichkeit Labels auf Menschen anwenden, die sich ganz anders verstanden haben müssen, aber ich möchte nicht so weit gehen, das komplett aufzudröseln, da das den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Ich möchte nur, dass ihr euch im Gedächtnis behaltet, dass das Konzept Queerness selbst, wie wir es heute verstehen, den Menschen damals nicht bekannt war. Das Wort „homosexuell“ selbst zum Beispiel stammt von Karl-Maria Kertbeny, der 1869 gegen Diskriminierung Homosexueller in Preußen geschrieben hat, bedeutet im viktorianischen Verständnis aber wirklich nur sexuelle Attraktion, keine Identität oder romantische Anziehungskraft.

Wenn man also von Lord Byron als bisexuell spricht, von Gertrude Stein als lesbisch und von Aubrey Beardsley als möglicherweise asexuell, dann immer unter der Voraussetzung, dass man sich darüber bewusst ist, dass man moderne Konzepte auf historische Situationen und Personen überträgt, die sich sehr wahrscheinlich anders verstanden haben und eigene Wörter und Konzepte für ihre queere Identität hatten, als wir sie heute benutzen.

Moralpanik: Der Skandal in der Cleveland Street

Berichterstattung zum Cleveland-Street-Skandal, Illustrated Police News, 1889

Schon vor 1889 kam es vereinzelt zu Fällen, in denen die Medien Homosexualität und andere Identitäten abseits der cis, hetero Norm an den Haaren an die Öffentlichkeit zerrten und als Beweis für den Verfall der Gesellschaft anprangerten. Der erste große Fall dieser Art soll der von Fanny und Stella im Jahr 1870 gewesen sein, der bereits sehr gut zeigt, wie die Viktorianer mit Menschen umgingen, die nicht in ihr Moralbild passten. 1873 wurde der Präraffaelit Simeon Solomon für sexuelle Handlungen mit einem anderen Mann verhaftet und floh vor dem Medienspektakel nach Frankreich.

Eine große Rolle in der Sichtbarwerdung von Queerness spielten diese neuen Medien. Um 1870 herum sind besonders die Klatschmedien, die günstig zu bekommen sind und in großen Auflagen gedruckt werden, noch etwas sehr Neues und ein Medium, dass die Lust nach Skandalen und Empörung befriedigt. Man muss verstehen, dass im späten neunzehnten Jahrhundert einiges zusammenkommt: Zum einen die Auflockerung der Gesellschaft, die Schlupflöcher für Menschen bildet, die nicht in die starren Rollen passen. Zum anderen ein neuer Forschergeist, der einiges an wichtigen Informationen hervorbringt, aber auch einen sehr großen Haufen falscher Fakten zu sexuellen, psychologischen und biologischen Themen.

Und zum Schluss natürlich das Medium, das diese neuen Meinungen, „Erkenntnisse“ und auch die große Moralpanik transportieren kann: Das gedruckte Wort, ganz vorweg die Zeitungen, die sich fast jeder leisten kann. Sehr anschaulich wird dieses neue System, wenn man sich den großen Cleveland Street Skandal von 1889 ansieht, der nicht nur als Auslöser der Moralpanik des späten 19. Jahrhunderts gilt, sondern nach Jack the Ripper einer der ersten Fälle überhaupt ist, in dem die Medien durch mehr schlecht als rechte Berichterstattung Panik und Aufregung in der britischen Gesellschaft verursachten.

In großen Städten wie London existierte schon lange eine so genannte „Unterwelt“ – hier trafen sich unter anderem queere Menschen an mehr oder weniger sicheren Orten, aber auch andere Menschen, die nicht in das Moralbild der Viktorianer passten. Ein solcher Ort war die Cleveland Street: Ein Bordell, in dem junge Männer arbeiteten. Die Polizei entdeckte das Bordell im Juli 1889 durch Zufall: Sie war mit einem Diebstahl auf dem Londoner Telegraphenamt beschäftigt und hatte einen fünfzehnjährigen Mitarbeiter festgenommen, den man mit ungewöhnlich viel Geld in den Taschen erwischt hatte. Auf die Frage hin, ob er das Geld dem Amt gestohlen hätte, gab er zu, dass Geld im Bordell in der Cleveland Street bekommen zu haben.

Kurz darauf ließ Inspector Abberline, bekannt aus dem Jack-the-Ripper-Fall, weitere Sex Worker festnehmen, die ebenfalls gleichzeitig im Telegraphenamt und im Bordell gearbeitet hatten. Interessant und typisch für die Epoche ist, dass bloß die (oft minderjährigen) Prostituierten selbst vor Gericht gestellt wurden, während man den reichen Klienten des Bordells nur widerwillig nachstellte und sie so Zeit bekamen zu fliehen. Hier greifen die scharfen Klassenunterschiede der Zeit: Die Jungen und Männer aus der Arbeiterschicht und dem ärmeren Bürgertum waren leichter zu fassen, als die reichen, angesehenen Adeligen.

Der Cleveland-Street-Fall wäre beinahe unbemerkt vorübergezogen, denn offen über Queerness zu schreiben wagten die meisten Medien im Jahr 1889 nicht, doch ein gewisser Ernest Parke sah seine Zeit gekommen: Er rollte den Fall neu auf und machte es sich zur Aufgabe, die Namen der Aristokraten, die das Bordell besucht hatten, in Erfahrung zu bringen und abzudrucken. Parker wurde schnell wegen übler Nachrede zu einem Jahr Haft verurteilt, doch der Funken war übergesprungen.

Londons Schatten und die viktorianische Unterwelt

Die Medien reagierten. Parke hatte angedeutet, dass kein Geringerer als Victorias Sohn Prinz Albert Victor in den Fall verwickelt sei, ein gefundenes Fressen für die Presse. Natürlich wagte es niemand, den Namen des Prinzen auszuschreiben, doch die viktorianische Presse kannte ihre Wege mithilfe von Umschreibungen und Andeutungen sehr klar zu machen, um wen es sich handelte. Durch Parkes Einmischen musste der Fall auch vor Gericht neu aufgerollt werden, neue Informationen kamen ans Licht und die angebliche Verwicklung des Prinzen machte die Verhandlungen kompliziert.

Noch dazu erschien Henry Labouchère, der sich für das 1885 erlassene Gesetz gegen homosexuelle Handlungen stark gemacht hatte, auf der Bühne und beschuldigte die Regierung, den Fall vertuschen zu wollen. Ein handfester Skandal entstand und obwohl Labouchère mit seinen Anschuldigungen nicht weit kam, hatte sich der Fall in den Köpfen der Viktorianer präsent gemacht. Immer öfter und immer mehr schrieben die Zeitungen über ähnliche Fälle und nutzten die nun sichtbar gemachte Queerness, um den Adel von seinem Podest zu zerren.

Homosexualität, als etwas durch und durch schlechtes betrachtet, sei eine „Krankheit der Aristokraten“, die die armen Prostituierten im Bordell korrumpiert und missbraucht hätten. Wir müssen natürlich auch darüber sprechen, dass viele dieser Jungen minderjährig waren und durchaus durch reichere, mächtigere Männer benutzt und missbraucht wurden, aber um diese ging es den Menschen natürlich nur vordergründig. Viel eher instrumentalisierten sie Queerness für ihren Protest gegen die Klassengesellschaft und schufen so viele unserer modernen Vorurteile und Mechaniken der Diskriminierung.

Durch diese Berichte schaffte die Presse ein immer negativeres Bild der eh schon verteufelten Queerness und nutzte sie als Vorzeigeübel, um den Verfall der westlichen Gesellschaft zu beweisen. Queere Männer hatten schon in den Jahren zuvor versucht, sich selbst sichtbar zu machen: Durch wissenschaftliche Berichte, in denen sie versuchten ihre Sexualität zu erklären und als etwas völlig Normales zu zeigen. Die Sichtbarkeit, die ihnen die Presse verschafft hatte aber war durch und durch negativ. Sie verfestigte die Annahme der Viktorianer Queerness sei eine psychische Störung, etwas „Krankes“ und Schlechtes, das verfolgt werden müsse.

Der Fall Oscar Wilde und seine Konsequenzen

Links: Oscar Wilde, 1889 | Rechts: Illustrationen zu Wildes Gerichtsverhandlung, Illustrated Police News, 4. Mai 1895

Die Behandlung und die Nachwehen des Cleveland Street Skandals sorgten dafür, dass der berühmte Fall Oscar Wilde 1896 so extreme Züge annahm: Wilde hatte eigentlich den Vater seines Geliebten Lord Alfred Douglas wegen übler Nachrede angezeigt, doch der Vater, der Marquis of Queensberry, drehte den Spieß um und bezichtigte Wilde der „gross indecency“. Die Gerichte meinten, sie müssten ein abschreckendes Exempel aus Wilde machen und verurteilten ihn zu zwei Jahren harter Arbeit. Wilde, der einst gefeierte Schriftsteller, erholte sich niemals und starb einige Jahre später geächtet und verarmt im Pariser Exil.

Nach Wildes Verurteilung flohen viele queere Künstler.innen und Adelige aus Großbritannien und bereits vor dem Wilde-Fall war es immer wieder zu Erpressungsfällen gekommen: Männliche Prostituierte hatten erkannt, dass sie ein Geschäft aus dem Hass auf queere Männer machen konnten, indem sie die Kunden damit erpressten, ihr Queersein bekannt zu machen, wenn sie kein Schweigegeld bezahlten. Darüber hinaus wurde man in der Londoner Unterwelt vorsichtig. Um 1900 existierte in London ein eigener Slang, der von queeren Menschen genutzt wurde. Seit den Ereignissen der 1880er Jahre häuften sich die Verurteilungen queerer Männer und natürlich wollte niemand der nächste sein.

Man darf sich den queeren Mann des 19. Jahrhunderts aber bitte nicht als ewig leidenden, sich selbst verabscheuenden Menschen vorstellen, den am Ende durch die gesellschaftliche Ablehnung ein schlimmes Schicksal ereilt. Es wird diese Männer gegeben haben, sicherlich. Aber worauf ich hinaus will, ist eine positivere Sichtbarkeit von queeren Viktorianern. Menschen, die sich eben nicht für ihre Sexualität geschämt haben, sondern den gesellschaftlichen Hindernissen entgegen gegangen sind und trotz aller Widrigkeiten glücklich gelebt haben. Denn von denen gab es einige.

Das griechische Ideal – Das viktorianische Selbstverständnis von Queerness

Links: Der amerikanische trans Mann und Soldat Albert Cashier, ca. 1860er | Mitte und Rechts: Leider unbekannte Paare, ca. 1900

Ich möchte nicht nur erklären, wie Diskriminierung queerer Menschen im 19. Jahrhundert funktionierte, sondern auf einer deutlich positiveren Note enden: Dem Selbstverständnis queerer Viktorianer. Denn obwohl es queere Menschen schon immer gegeben hat, hat jede Epoche genau wie wir heute eine eigene queere Kultur, ein eigenes Selbstverständnis und einen eigenen Weg die eigene Queerheit auszudrücken und zu leben. Das späte 19. Jahrhundert orientiert sich in vielen Dingen an der griechischen Antike und auch das queere Selbstverständnis der Epoche ist hier keine Ausnahme.

In Künstlerkreisen und der Bohème sind hellenistische Ideale zu Queerness – besonders zu queeren Männern – ein großer Teil des Selbstverständnisses, auf den man übrigens auch stolz war: Historische Medien zeigen uns den queeren Mann viel zu oft als allein, beschämt und ausgegrenzt. Doch deutlich häufiger war die Belle-Époque-Version von Queer Pride: Genau wie heute haben viele Menschen auch im 19. Jahrhundert ihre Queerness als Teil ihrer Identität angenommen und sich gegen die Diskriminierung ihrer Epoche gewehrt.

Leider wird es uns heute sehr schwer gemacht, das Selbstverständnis der queeren Menschen der Epoche wirklich nachzuvollziehen, denn aus Angst vor Skandal und Ausgrenzung wurden viele Aufzeichnungen, Briefe und Fotografien zerstört. Oscar Wilde zum Beispiel schrieb Albert Douglas Briefe, in denen er ihn sehr deutlich mit griechischen Idealen verglich und suchte nach Wegen seine Gesellschaft diverser und individueller zu gestalten. Es lässt sich heute aber eben wegen der fehlenden Quellen sehr schlecht sagen, in welcher Form Männer wie Oscar Wilde nach heutigem Konzept homo- oder bisexuell waren oder was ihre Beziehungen zu Männern (neben romantischer und/oder sexueller Anziehung) für sie bedeutet haben.

Sappho – Queere Frauen im viktorianischen England

Ich habe jetzt, was euch sicher aufgefallen ist, fast nur queeren Männern gesprochen. Das hat einen Grund. Leider ist zu queeren Frauen im viktorianischen Zeitalter sehr wenig bekannt. Wir wissen von einigen berühmten Paaren, doch da man Frauen im viktorianischen Zeitalter die eigene Sexualität so gut wie abgesprochen hat, hat man auch vor weiblicher queerer Identität die Augen verschlossen. Selbst das Konzept der „griechischen Liebe“ sieht nicht vor, dass Frauen darin vorkommen.

Wenn Frauen gemeinsam lebten, einander im Arm hielten oder sich leidenschaftliche Liebesbriefe schrieben, sprach die Gesellschaft von einer „engen Freundschaft“. So gesehen war weibliche Queerness also vollkommen erlaubt, wenn man davon absieht, dass sie einfach für nicht existent erklärt wurde. Deshalb und wegen der weiter oben angesprochenen Problematik moderne Konzepte auf die Vergangenheit zu übertragen, ist es schwer einzuschätzen, inwieweit die betreffenden Frauen selbst sich als „Frau, die Frauen liebt“ verstanden haben. Wenn aber junge Frauen anderen jungen Frauen schreiben, sie würden sie „lieben, wie eine Frau ihren Mann liebt“, dann ist das ein Anhaltspunkt, der fast eindeutigen Aufschluss geben kann.

Ein gut belegtes Phänomen des 19. Jahrhunderts waren darüberhinaus sogenannte „Boston Marriages“: Zwei Frauen lebten gemeinsam, wurden von der Gesellschaft aber als ledig und bloße Freundinnen betrachtet. Obwohl es keine Gesetze gegen lesbische Handlungen gab und lesbische und bisexuelle Frauen großteils unsichtbar waren, heißt das jedoch nicht, dass es ihnen besser erging, als queeren Männern: Frauen, die offen lesbisch waren, fanden sich nicht oft in Anstalten wieder, in denen sie missbraucht wurden, weil man glaubte, Geschlechtsverkehr mit Männern würde sie “heilen”. Ähnlich erging es auch asexuellen Frauen.

Schlusswort 

Trotz dieser traurigen Beispiele möchte ich aber noch einmal betonen, dass nicht alle queeren Menschen des 19. Jahrhunderts diese schlimmen Erfahrungen machen mussten. Wir wissen von diesen Schicksalen, weil sie uns durch Presse, Moralpanik, Medienrummel und dergleichen überliefert sind. Es wird sehr viele queere Menschen gegeben haben, die ihre queere Identität zwar verheimlicht, aber trotzdem erfüllt leben konnten. Dafür kommen, jetzt, wo die Geschichtswissenschaft beginnt sich mit dem Thema zu befassen, ja auch immer weitere Beispiele ans Licht.

Die Schauspielerin Maude Adams zum Beispiel lebte bis zu ihrem Tod mit ihrer “guten Freundin” und Sekretärin zusammen und veranlasste, dass ihre Aufzeichnungen nach ihrem Tod vernichtet werden sollten. Edward Carpenter und George Merrill lebten um die Jahrhundertwende sogar offen als Paar zusammen (und inspirierten E.M. Fosters Roman “Maurice”, der um 1913 herum entstand) und der Bürgerkriegssoldat und trans Mann Albert Cashier lebte mit Freund.innen zusammen, die seine Identität kannten und akzeptierten.

Doch es stimmt, dass viele Stigmata und Vorurteile, die auch heute noch zur Diskriminierung genutzt werden, im 19. Jahrhundert entstanden. Aber indem man die Geschichte von LGBTQ-Menschen unsichtbar macht oder bestenfalls nur die tragischen Geschichten, die in Krankheit oder Tod enden, erzählt, diskriminiert man auch heute. Man darf nicht unterschlagen, dass es nach heutigen Konzepten queere Menschen in der Vergangenheit gegeben hat. Man darf auch nicht unterschlagen, wie vergangene Gesellschaften mit diesen Menschen umgegangen sind. Und man darf ebenfalls nicht unterschlagen, wie viele dieser Menschen trotzdem ein erfülltes Leben gelebt haben.

Ich hoffe, ich konnte euch zumindest einen kleinen Einblick in das Thema geben und den ein oder anderen zum Nachdenken anregen. Als kleiner Nachtrag aus dem Dezember 2019: In den letzten Jahren ist ein großer Ruck durch die Geschichtswissenschaft gegangen und die queere Identität immer mehr historischer Berühmtheiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wird Stück für Stück anerkannt. Isadora Duncan, Virginia Woolf, Bram Stoker, Emily Dickinson… Die Liste ist lang und wird wohl auch weiterhin länger werden und das ist eine tolle Entwicklung, die sich hoffentlich bald auch in historischen Medien abzeichnen wird.


Beitragsbild: Anna Moore und Elsie Dale, ca. 1900


Selbst nachlesen?

Bailey, S.: Victorian Values. An Introduction. 2008.

Hyde, Harford Montgomery: The Love that Dared Not Speak Its Name: A Candid History of Homosexuality in Britain.

Jennings, Rebecca: A Lesbian History of Britain. Love and Sex Between Women Since 1500.

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4 Kommentare

  • Yalda Lewin

    Danke für diesen großartigen und informativen Artikel! Wie immer super 🙂

    16. Februar 2013 at 20:58 Reply
  • Marlene Klaus

    Sehr informativer Artikel, Charlotte!Du erwähnst öfter LGBTIA. Was heißt das?Übrigens: Miss Amelia Edwards bereiste ab den 1860er Jahren mit ihrer Freundin Lucy Renshaw diverse Länder, 1870 zum Beispiel Ägypten. In ihrem Reisebericht "1000 Meilen nilaufwärts" nennt sie sie immer nur L. Nicht dass ich es definitiv wüsste, aber ich könnte mir vorstellen, dass Miss Edwards und ihre L. sich ebenfalls besonders zugeneigt waren.

    2. November 2015 at 23:30 Reply
  • Byrion

    Hallo Marlene,bin gerade bei Recherchearbeiten auf diesen Blogeintrag gestoßen und habe bemerkt, dass deine Frage gerade erst dazu gekommen ist, also dachte ich, dass ich vielleicht einen Erklärungsversuch starte:bei Begriffen wie LGBTIA steht jeder Buchstabe für eine Form von geschlechtlicher Identität bzw. sexueller Orientierung: Lesbian Gay Bisexual Transgender Intersexual Asexual in diesem Falle. Bei LGBTIQAP kommen die Buchstaben Q und P dazu, wobei Q sowohl für "Queer" als auch "Questioning" (also quasi "Suchend" oder "Fragend") und P für "Pansexuell" und "Polysexuell" steht. Manchmal taucht nur der Begriff LGBT auf, bei dem oft bemängelt wird, dass z.B. Asexuelle, Intersexuelle usw. nicht vertreten sind. Deshalb behilft man sich in diesem Falle durch die Ergänzung eines Plus-Zeichens, also LGBT+, um alle Sexualitäten abzudecken, da es z.B. auch noch Demisexualität gibt und non-binäre Geschlechter wie Bigender, Agender, Genderfluid usw. sich dann auch nicht ausgeschlossen fühlen.Das Thema kann recht komplex werden, wenn man sich wirklich eingehend damit beschäftigt, und kann auch zu sehr kontroversen Diskussionen führen. Ich kenne Leute, die z.B. Pansexualität mit Bisexualität gleichsetzen, was ich persönlich und viele andere Pansexuelle eher verneinen würden. Andere finden, dass Demisexualität nur eine andere Form von Asexualität ist. Auch das lehne ich für mich eher ab, aber ich kann auch sehr gut nachvollziehen, dass viele Leute dieser ganze "Begriffsjungle" total verwirrt und deshalb dem "Labeling" eher skeptisch gegenüberstehen. Ich für meinen Teil habe die Erfahrung gemacht, dass es erleichternd ist, einen Begriff für das zu haben, was man empfindet (und so muss es laut dem Blogeintrag ja auch vielen Viktorianern ergangen sein ;)), und dass man damit vor allem nicht alleine steht.

    14. November 2015 at 00:30 Reply
  • Charlotte Oskar

    Danke für die ausführliche Erklärung, Byrion! Ich denke, dass Gefühl, dass es erleichternd und auch ein Stück weit legitimierend sein kann, einen Begriff für das zu haben, was man empfindet, ist tatsächlich allen Menschen in allen Epochen so ergangen. Etwas, wofür es einen Begriff gibt, ist "echt", es bedeutet, dass es anderen Menschen auch so geht, dass man nicht allein ist, dass man sich die Gefühle nicht einbildet. Was für einen riesigen Einfluss Sprache auf diese Dinge hat, sieht man nicht nur an diesem Beispiel, sondern generell innerhalb der Geschichte. Sprache, Ausdrücke, Begriffe, "Labels" und Worte sind schon immer dafür verwendet worden, Identität zu stiften und auch ein Zusammenhaltsgefühl herzustellen, was auch in politischen Dingen sehr wichtig war und ist (Stichwort Revolutionen und andere politische Umwälzungen, die nie ohne eigene Begrifflichkeiten und dergleichen auskamen). Auch die Viktorianer haben natürlich nach Begriffen gesucht, um ihre eigene Situation zu beschreiben und in großen Teilen auch vor der Gesellschaft zu legitimieren. Das waren andere Begriffe als heute und teilweise werden die Begriffe heute als Schimpfwörter verstanden oder haben generell eine ganz andere Bedeutung, weshalb es so schwer ist, moderne Begriffe auf historische Menschen anzuwenden. Sprache ist immer im Wandel und die Sprache einer Epoche ist ein wichtiges Indiz darauf, was die Epoche ausgemacht hat. (Wieder abgeschweift, eigentlich wollte ich nur Danke für die schöne Erklärung sagen.) Marlene: Freut mich, dass der Artikel dir gefällt! Aufhorchen muss man denke ich immer, wenn im viktorianischen Kontext von "engen Freundschaften" zwischen zwei Frauen gesprochen wird. Die Thematik habe ich im Artikel zu Maude Adams ein bisschen genauer beleuchtet. Das Problem ist, dass "die Viktorianer" als Ganzes weibliche Homosexualität großteils unter den Teppich gekehrt haben, weshalb man dazu nie oder sehr selten "genaue" Angaben findet (Die Boston Marriages oder andere Kennwörter mal ausgeschlossen). Aber ja, "enge Freundinnen", die das Leben gemeinsam bestreiten, sind generell ein Indiz, wenn auch nie ein Beweis.

    14. November 2015 at 00:45 Reply
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