Mode

Mode 1890: Das elegant-dekadente Fin de Siècle

Die 1890er sind modisch und auch sowieso mein Lieblingsjahrzehnt. Wir erreichen das fin de siècle, das einerseits von rauschender Dekadenz und andererseits von gelangweiltem Pessimismus gezeichnet ist. Die “naughty 90s” sind durch eine deutlich lockerere Moralvorstellung geprägt, aber auch durch Moralpanik, die Angst vor dem Verfall der westlichen Gesellschaft und politischen und gesellschaftlichen Konflikten. Feierlaune und Bohème treffen mit Wucht auf gutbürgerliche Konservative. All das zeichnet sich natürlich auch in der Mode ab.

Wie im gesamten 19. Jahrhundert prägt natürlich auch die Frauenbewegung die Kleidung: Im Verlauf der 1890er Jahre gelingt es besonders bürgerlichen Frauen endlich wirklich unabhängig zu werden. Sie arbeiten selbst und dürfen ihren Verdienst dank neuer Gesetze auch endlich behalten. Das bedeutet, dass die Frau nicht mehr auf Vater oder Ehemann angewiesen ist, wenn sie sich selbst versorgen kann. Die “Uniform” dieser neuen unabhängigen Frau ist das “tailor-made” Kostüm, das auch auf Pariser Mode Einfluss nimmt.

1890 – 1895: Die selbstbewusste neue Frau

Links: Kostüm, amerikanisch, 1892 | Mitte: Abendkleid, amerikanisch, 1893 | Rechts: Abendkleid, Rouff, französisch, 1895

Diese “tailor mades” sind Herrenmode der Epoche nachempfunden und bestehen aus einem schlichten Rock und einem tailliert geschnittenen Jackett, unter dem eine hochgeschlossene Bluse getragen wird. Auch adelige Frauen trugen “tailor mades”, jedoch anders, als die bürgerliche Frau, die in dieser Kleidung arbeiten geht: Sie trägt auch manchmal nur Bluse, weil das praktischer ist, und kombiniert das Outfit mit einer Krawatte, um auszudrücken, dass sie genau wie ein Mann im Arbeitsleben steht und ernstgenommen werden sollte.

Herkömmliche Pariser Mode verschwand jedoch ebenfalls nicht einfach so aus den Kleiderschränken. Die Tournüre der 1880er Jahre kommt langsam aus der Mode und wird durch Glocken- und später A-förmige Röcke abgelöst, die nur von Unterröcken oder von kleinen Hüftpolstern geformt werden. Das Mieder liegt eng an und akzentuiert die schmale Taille. Die 1890er setzen weniger auf Extravaganz und mehr auf elegante Dekadenz, die sich in kostbaren Stoffen, Jugendstilverzierungen und feinen Details ausdrückt.

Hier ist der Einfluss des Pariser Modehauses Worth, das sich auf filigrane Details aus Strass, Metallfaden und dergleichen perfektioniert hatte, aber natürlich auch weiterhin die Kunstszene der Epoche. Die Bohème experimentiert mit Jugendstil und anderen neuen Kunstrichtungen und die sehr kunst- und kulturinteressierten Menschen des späten 19. Jahrhunderts übernahmen Anklänge daraus in ihre Mode.

Um 1893 kommt der große Puffärmel zurück, der zuletzt in den 1830ern modern gewesen war. Der Ärmel umschließt den gesamten Oberarm und läuft erst ab der Armbeuge eng zusammen. Bis 1895 werden die Ärmel immer ausladender, bevor sie wieder aus der Mode verschwinden. Natürlich ist auch ihr Zweck die Taille noch schmaler erscheinen zu lassen, doch sie haben noch eine symbolische Bedeutung: Das 19. Jahrhundert war bisher von hyperfemininen Stilen und verspielter Weiblichkeit geprägt. Jetzt darf die Trägerin von Pariser Mode elegant und selbstbewusst wirken.

Während die schlicht-elegante Tagesmode oft aus Wolle oder Baumwolle besteht, sind Abend- und Ballkleider weiterhin aus Seite, Satin oder sogar Samt. Auch hier gilt jedoch: Eleganz und Ausdruck vor zu viel Detail und Spielerei. Metallfaden, Strass, Spitze, Stickereien, aber auch richtige Edelsteine sind als Verzierungen beliebt. Das goldene Abendkleid oben rechts mit seinen schlichten, aber sehr edlen Stickereien und dem Überrock aus fein gearbeiteter Spitze (die wohl damals weiß war) ist ein sehr gutes Beispiel für diese neuen Ideen von Weiblichkeit und Eleganz.

1896 – 1899: Dekadente Eleganz und Wespentaillen

Links: Abendkleid, Worth, französisch, 1898 | Mitte: Kleid, amerikanisch, 1898 | Rechts: Ballkleid, Worth, französisch, 1899 (Met Museum)

Im Verlauf des Jahrzehnts verschwinden die großen Ärmel wieder und werden zu eng anliegenden Ärmeln. Die Röcke verlieren ihre A-Form und werden tulpenförmig. Diese Röcke umschlossen die Hüften sehr enganliegend und fielen ab der Kniebeuge weiter. Tageskleider werden immer schlichter und weisen immer öfter Jabots oder Volants aus Spitze auf. Die Taille kann durch Schärpen oder Bänder akzentuiert werden. Das sehr späte 19. Jahrhundert orientiert sich hier und da an elisabethanischer Mode: Der kinnhohe Kragen weist manchmal eine kleine Krause aus Spitze auf.

Die 1890er legen viel Wert auf die Wespentaille und das Korsett wird enger geschnürt, doch nicht einmal in diesem Jahrzehnt, dem Jahrzehnt des Korsetts, tragen die meisten Frauen eine extreme Wespentaille. Der Durchschnitt, der in den Jahrzehnten zuvor bei ca. 60cm lag, sinkt auf 55cm, aber man muss sich eben auch bewusst sein, dass die meisten Frauen bloß um die 1,60m groß waren. Außerdem gab es auch in den 1890ern verschiedene Körpertypen, dünnere und dickere Frauen: Es ist eigentlich nicht das Ziel eine besonders kleine Taille zu erreichen. Stattdessen soll das Korsett bei jedem Körpertyp eine grade Haltung und die modische Stundenglasfigur hervorrufen.

In den letzten zwei, drei Jahren des 19. Jahrhunderts werden besonders die Abendkleider sehr junger Träger.innen besonders freizügig: Brust- und Rückenausschnitt sind oft tief geschnitten und die kurzen Ärmel der Abendkleider vorheriger Jahrzehnte werden zu breiten Trägern, die auf den Schultern liegen. Die Abendkleider des sehr späten 19. Jahrhunderts sind sehr schlicht, meist einfarbig, aus glänzender Seide in intensiven Farben. Sie können mit Stoffblumen, Quasten, Stickereien oder ein bisschen Spitze verziert sein.

Haare und Frisuren der 1890er

Links: Ida B. Wells, 1893 | Mitte: Lisa Håkansson, 1899 | Rechts: Hut, amerikanisch, 1890er (Met Museum)

Was die Haare angeht, trug man zu Beginn der 1890er noch ähnliche Stile wie in den 1880er Jahren: Der Pony blieb beliebt und der Haarknoten wurde auf dem Kopf zusammengesteckt. Im Verlauf der Dekade wurden ganz im Zeichen der selbstbewussten Eleganz Pompadourfrisuren beliebt, bei denen das Haar mit Polstern und Haarteilen aufgepolstert und voluminöser gestaltet wurde. Die scharf gebrannten Locken der 1870er und 1880er kamen allmählich aus der Mode und wurden durch sanftere, natürlichere Wellen abgelöst, die besonders bei jungen Frauen auch loser aufgesteckt werden durften.

Auch Hüte spiegeln natürlich das neue Ideal. Die 1890er sehen einige der dekadentesten Hüte der Epoche, die mit Federn und Bändern geschmückt sein können. Hüte an sich sind eher klein, werden aber mit hoch aufgetürmten Dekorationen getragen. In der Mitte der 1890er kommen sogar Hüte in Mode, auf denen ganze ausgestopfte Vögel saßen. Diese Mode wurde so weit getrieben, dass bald Tierschutzorganisationen dagegen protestierten.

Fazit: Die 1890er Jahre an der Schwelle einer neuen Zeit

Die 1890er revolutionieren die Mode erneut und tauschen hyperfeminine Extravaganz durch schlichte, aber dekadente selbstbewusste Mode, die besonders in den “tailor mades” die neuen Möglichkeiten für Frauen spiegelt. Die neue Mode bietet Bewegungsfreiheit, drückt aber auch symbolisch die neuen Rechte der Frauen aus und spielt mit Jugendstil und Bohème. Es ist die Mode einer Zeit, die auf der schmalen Grenze zwischen überschwänglichem Optimismus und gelangweiltem Überdruss balanciert und das sieht man ihr auch an.


Beitragsbild: Modezeichnung aus “La Salon de la Moda”, ca. 1894


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Cunningham, Patricia: Dress and Popular Culture. 1991.

Nunn, Joan: Fashion in Costume, 1200–2000. 2000.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1998.

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2 Kommentare

  • Anonym

    Ich kann das Bild von der Zeichnung leider nicht finden :/

    4. Juni 2014 at 02:16 Reply
  • Charlotte Oskar

    Das liegt daran, dass ich es raus genommen, aber den Text nicht angepasst habe. Ich räume gerade das Blog auf und bearbeite die Posts ein bisschen. Das sollte ich wohl gründlicher machen. 😡 Danke für die Anmerkung.

    4. Juni 2014 at 02:18 Reply
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