Leben im 19. Jahrhundert

Winter in der Belle Époque II : Ein Winter auf dem Eis

Wenn man die Menschen danach fragt, was sie im Winter im 19. Jahrhundert am Liebsten unternehmen würden, hätten sie eine Zeitmaschine, nennen diese oft die Frost Fairs: Die Jahrmärkte auf der eingefrorenen Themse. Leider muss ich all diejenigen unter euch enttäuschen, die aus dem Fernsehen oder Romanen mitgenommen haben, dass es die Frost Fairs im neunzehnten Jahrhundert noch gab, denn dem ist nicht so. Die letzte Frost Fair fand im Jahr 1814 statt und beendete eine Tradition, die bereits im fünfzehnten Jahrhundert begonnen hatte.

Das Ende der Frost Fairs kam mit dem Ende der sogenannten „kleinen Eiszeit“: Die Winter wurden wieder wärmer, die Themse fror nicht mehr komplett zu und das Eis, das sich bildete, war nicht mehr dick genug, um Stände darauf zu errichten oder darauf herumzulaufen. Heute gibt es die Frost Fairs zwar wieder, allerdings finden sie in London mittlerweile auf den breiten Straßen am Flussufer statt, nicht mehr auf dem Fluss. Den Londonern der Belle Époque blieb dieser Spaß also verwährt, doch das bedeutet nicht, dass sie nicht andere Wege auf das Eis gefunden hätten.

Die Belle Époque auf Kufen 

Links: “Frauen auf Schlittschuhen”, Jean Béraud, 1890er | Mitte: Werbung für den Palais de Glace in Paris, Jules Chéret, 1893 | Rechts: Schlittschuhläuferinnen im Central Park, New York, Walter Granvill Smith, 1892

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts schwappte eine richtige Trendwelle durch Amerika und Europa: Das Schlittschuhlaufen begeisterte Menschen mit den verschiedensten gesellschaftlichen Hintergründen. Doch wie liefen die Menschen der Belle Époque auf dem Eis? Erfunden hat das neunzehnte Jahrhundert das Eislaufen nicht: Schon im zwölften Jahrhundert war der Winterspaß in Europa beliebt. In London warteten die Menschen regelrecht darauf, dass das Marschland, das damals noch große Teile des heutigen Stadtgebietes bedeckte, zufror, um darauf Schlittschuh zu laufen.

Damals gab es sogar schon erste Kufen: Die Menschen befestigten dünne Tierknochen an ihren Schuhen, um auf dem Eis besseren Halt zu haben. Die modernen Eisenkufen nutzte man ab dem sechzehnten Jahrhundert. Viele bekannte historische Persönlichkeiten hatten bereits genauso viel Spaß am Eislaufen wie wir: Napoleon soll zum Beispiel ein begeisterter Schlittschuhfahrer gewesen sein. Und auch Königin Victoria hatte viel Spaß daran mit Prinz Albert zum Schlittschuhlaufen zu gehen: Im Jahr 1841 kam Albert dabei übrigens beinahe ums Leben, als er ins Eis einbrach, konnte jedoch von Victoria gerettet werden.

Die erste Eishalle, die mit mechanisch gefrorenem Kunsteis arbeitete, war das Glaciarium in London, das im Sommer 1844 eröffnete: Diese Eishalle hatte das ganze Jahr über geöffnet, stand aber nur wohlhabenden Menschen offen, denn man brauchte eine Clubmitgliedschaft, um hier Schlittschuhlaufen zu dürfen. Im Jahr 1878 musste das Glaciarium schließen, doch mittlerweile gab es nicht nur in London, sondern auch in anderen großen Städten in Amerika und Europa ähnliche Eishallen: 1890 eröffnete das sehr beliebte Palais de Glace in Paris.

Diese Eishallen waren meist winterlich geschmückt, auch im Sommer, zum Beispiel waren die Wände mit verschneiten Berglandschaften bemalt, wie im Glaciarium in London. Es gab Orchestermusik, zu der gelaufen wurde, und manchmal wurden sogar Bälle auf dem Eis abgehalten.

Viel lieber liefen die Menschen des 19. Jahrhunderts jedoch natürlich im Winter auf zugefrorenen Flüssen und Seen Schlittschuh. Das war in jedem größeren Park der europäischen und amerikanischen Metropolen möglich, zum Beispiel auch im Central Park in New York oder im Hyde Park in London. Besonders für Frauen war das Eislaufen im späteren 19. Jahrhunderts ein beliebter Sport. Sie trugen hierfür modisch geschnittene Kostüme, die jedoch oft kürzere Röcke hatten als Alltagsmode und man verzichtete auf Hüftpolster und dergleichen, da diese bei einem Sturz zu Verletzungen führen konnten.

Die Etikette auf dem Eis

Schlittschuhe, ca. 1850 (Met Museum)

Der Schlittschuh selbst war einfach gehalten: Ein Holzstück passte sich an den Schuh des Läufers an und wurde mit Lederbändern gut am Bein festgemacht. Daran waren die geschwungenen Kufen befestigt. Mit diesen Kufen konnte man natürlich nicht losheizen wie mit modernen Schlittschuhen, doch das war auch keinesfalls der Sinn. Heute sehen wir es oft, dass jemand in der Eishalle mit waghalsigen Pirouetten und seiner Geschwindigkeit angibt, doch wer das in der Belle Époque auf dem Eis tat, fiel bald in Ungnade und galt als hitzköpfig, arrogant und schlecht erzogen.

Auch sollte ein Mitglied der Oberschicht nicht mit vor Anstrengung rotem Gesicht und zerzausten Haaren auf dem Eis herum gleiten, vom höheren Sturzrisiko einmal abgesehen. Eislaufen soll Spaß machen, aber es soll auch elegant und anmutig aussehen. Viel eher ging es den Leuten um ein entspannendes Dahingleiten auf dem Eis. Vergleichbar wohl mit den Sonntagsspaziergängen, die in der Ära gern unternommen wurden. Man sah sich an, wer noch auf dem Eis unterwegs war, grüßte sich, unterhielt sich und wurde natürlich auch selbst gesehen. Der Besuch der Eisparks war ein soziales Event, für das besondere Regeln galten. Niemand konnte einfach machen, was er oder sie wollte.

Eine ganz wichtige Regel, die jeder befolgen musste, sah vor, dass man darauf achtete, ob einem die Füße schmerzten oder ob man sie überhaupt noch spürte. Das klingt jetzt erst einmal merkwürdig, hat aber mit den Lederbändern zu tun, mit dem die Schlittschuhe festgemacht waren: Wer nicht in Bewegung blieb, zu lange am Rand saß oder nicht aufpasste, riskierte es, dass die Bänder einschnitten und die Blutzirkulation unterbrachen. Deshalb wiesen Ratgeber zum Eislaufen auch vehement darauf hin, am besten immer nur für kurze Zeit am Stück auf dem Eis zu laufen, dabei in Bewegung zu bleiben und die Schlittschuhe sofort abzunehmen, wenn man eine Pause einlegte oder keine Lust mehr hatte.

Eigentlich sind alle Regeln für das Schlittschuhlaufen eher pragmatischer Natur, als etwa irgendwelcher Prüderie verschuldet: Man sollte Jacken tragen, die zwar modisch geschnitten waren, aber keine flatternden Ärmel oder Rockschöße hatten, damit man nirgendwo hängenbleiben konnte. Außerdem wurde dazu geraten keine harten Gegenstände in den Taschen bei sich zu tragen. Fiel man hin und stürzte auf den Gegenstand konnte es Prellungen oder sogar angeknackste Rippen geben. Das ist übrigens ein Tipp, den ich auch allen modernen Eisläufer.innen ans Herz legen möchte.

War es besonders kalt oder windig trug man am besten dicke Schals und im Fall der Damen Schleier vor dem Gesicht, um Erfrierungen vorzubeugen. Nicht bloß, weil diese unangenehm waren, auch, weil eine Dame oder ein Herr aus der höheren Gesellschaft keine unattraktiven roten Erfrierungen im Gesicht tragen wollte, wenn der nächste Ball anstand. Eine andere sehr reale Gefahr ist aber natürlich auch die Lungenentzündung, die in der Belle Époque noch lebensbedrohlich verlaufen kann.

Das Eislaufen als Sport 

Eislaufen – und im Sommer auch Rollschuhlaufen – war ein Sport, den Damen tatsächlich bereits von Anfang an nachgehen durften. Bis 1900 war Sport großteils Männern vorbehalten und Frauen, die Sport trieben, galten als ungraziös und nicht vornehm. Doch das Eislaufen durfte femininer Sport sein, elegant, langsam. Frauen waren angeblich sogar viel besser im Eislaufen als Männer, denen nachgesagt wurde, auf dem Eis grobmotorisch und tollpatschig zu sein. Als männlicher Konkurrenzsport galt das Eislaufen daher auch bis in das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hinein nicht.

Rennen fahren, Rasen, über Hindernisse springen und dergleichen war im Barock tatsächlich recht beliebt, galt in der Belle Époque allerdings als keine angemessene Beschäftigung für die höhere Gesellschaft. Menschen aus der Arbeiterklasse sahen das Eislaufen allerdings schon sehr lange als guten Wettkampf an und hielten Wettbewerbe ab. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde das Eislaufen als Sport immer anerkannter und bald gab es sogar Meisterschaften. Der Eiskunstlauf, bei dem das Eislaufen mit Tanz verbunden wird, entsteht tatsächlich im viktorianischen Amerika: Der Balletttänzer Jackson Haines überträgt die Tanzschritte, die er vom Ballett her kannte, gegen 1870 auf das Eislaufen und läuft Figuren zu Musik.

Er ist auch der erste, der seine Kufen direkt an einem Stiefel befestigt, um die Füße zu schonen und die Kunststücke auf dem Eis möglich zu machen. In Europa wurde Jackson Haines’ graziöser Tanz auf dem Eis bald sehr beliebt. 1892 folgte die erste Vereinigung, die International Skating Union, die Regeln für den Eiskunstlauf festlegte. Die erste Meisterschaft im Eiskunstlauf folgte 1894 in St. Petersburg. In den 1890ern hatte sich das Eislaufen dann auch endgültig als beliebte Freizeitbeschäftigung für Menschen aus allen gesellschaftlichen Klassen im Winter durchgesetzt.

Die Tragödie vom Regent’s Park 

Links: Jackson Haines, ca. 1860er/70er | Rechts: Das Unglück im Regent’s Park, Illustrated Police News, 19. Januar 1867

Ein Ereignis darf ich nicht verschweigen, wenn ich vom Eislaufen im neunzehnten Jahrhundert spreche und das ist die Tragödie vom Regent’s Park in London im Winter 1867. Dass Menschen beim Eislaufen starke Verletzungen erlitten oder gar starben war leider keine Seltenheit: Wenn das Eis brach konnte man im eiskalten Wasser ertrinken, aber auch Knochenbrüche geschahen öfter, wenn man auf das harte Eis fiel. Auch hier wird die Regel, nicht zu rasen und besinnlich zu fahren, herkommen.

Den Londonern im Jahr 1867 halfen allerdings all diese Regeln nichts. Der Regent’s Park war damals eine Art Erholungsgebiet für die wohlhabenden Londoner. Es gab unter anderem einen Zoo, aber auch einen kleinen künstlich angelegten See, auf dem die Menschen im Sommer Boot fuhren und im Winter Schlittschuh liefen. Der Januar des Jahres 1867 soll sehr kalt gewesen sein und auch am Morgen des 14. Januar konnte man überall in London auf den Seen und Flüssen Menschen mit Schlittschuhen sehen. Trotzdem brachen über den Tag verteilt über 20 Menschen ins Eis ein und mussten von Mitgliedern eines Eislaufclubs, die als Stewards fungierten, gerettet werden. Glücklicherweise kam niemand ums Leben.

Obwohl die Zeitungen von dem Vorfall berichteten, ließen es sich die Menschen nicht nehmen auch am 15. Januar wieder mit den Schlittschuhen in den Regent’s Park zu gehen. Rund 300 Leute wollten aufs Eis, sehr viele Menschen und sehr viel Gewicht also, das das Eis tragen musste. Was genau passiert ist, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass das Eis großflächig gebrochen ist und rund 200 Läufer.innen ins Wasser gestürzt sind. Das Wasser, das fast vier Meter tief war, zog viele der Menschen auf den Grund des Sees, da sich entweder die Kleidung vollsog und zu schwer wurde, oder die klobigen Schlittschuhe die Menschen daran hinderten, zu schwimmen.

Durch das beherzte Eingreifen von Umstehenden und den Stewards konnte ein Großteil der Menschen gerettet werden, doch 40 Menschen ertranken im kalten Wasser. Um einen solchen Vorfall in Zukunft zu verhindern, wurde der See zugeschüttet, bis die Wassertiefe bloß noch einen Meter betrug, doch die Tragödie vom Regent’s Park ist einer der Auslöser für das Anlegen von Eishallen im Stadtgebiet, da diese deutlich sicherer waren, als direkt auf zugefrorenen Flüssen und Seen zu laufen.

Ich hoffe, dass ihr, falls ihr gern Schlittschuh lauft, auf euch aufpasst und wünsche euch trotz des traurigen Schlusswortes viel Spaß auf dem Eis.


Beitragsbild: “Skating”, L. Prang & Co., ca. 1880


Selbst nachlesen?

Van Wert, W. F.: The Invention of Ice Skating. 1997. 

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