Mode

Winter in der Belle Époque I: Wintermoden

Der Dezember ist angebrochen und langsam wird es wirklich winterlich. Ich war letztens in Herzberg am Harz unterwegs und dort lag nicht nur eine beachtliche Schicht Schnee, nein, es war auch klirrend kalt. Das brachte mich auf die Idee für ein Thema, das ich noch kaum angesprochen habe. Die Mode des neunzehnten Jahrhunderts kennt ihr nun bereits zum Großteil, doch was trugen die Menschen der Belle Époque eigentlich im Winter? Ein gewöhnliches Nachmittagskleid dürfte nicht ausreichen, wenn Schnee liegt und die Temperaturen unter Null fallen.

Das Thema Wintermoden ist wirklich spannend und hält einige Überraschungen bereit. Dieser Artikel ist übrigens eine Einleitung zu einer kleinen Reihe, die ich diesen Dezember über immer mal wieder ein Stück erweitern möchte: Winter in der Belle Époque. Ich hoffe, ihr seid gespannt auf das, was kommen mag. Ich habe mir ein paar Themen herausgesucht, die euch vielleicht sogar auf ein ganz viktorianischen Weihnachten einstimmen und, falls ihr kein Weihnachten feiert, zumindest ein paar Einblicke in den Dezember in der Belle Époque geben können.

Heute möchte ich mit der Wintermode der Epoche beginnen, damit wir passend gekleidet aus dem Haus gehen, bevor wir nächste Woche einer Aktivität an der frischen Luft nachgehen, auf die die Menschen der Belle Époque im Winter nicht verzichtet haben. Welche das ist? Das erfahrt ihr dann beim nächsten Mal.

Winterkleider: Fell, Farben und Wärme

Links: Winter-Ensemble, ca. 1900 | Mitte: Abendmantel, Worth, 1887 | Rechts: Winterhaube, ca. 1870 (Met Museum)

Der Winter mag oft grau und trostlos wirkten, doch die Menschen der Belle Époque kannten ihre Wege, Farbe zwischen Regen, Schnee und grauen Himmel zu zaubern. Im Winter trugen die Damen nämlich keineswegs bloß dunkle Farben. Es ist wahr, dass man auf gesetztere Töne zählte, da Schneematsch und feuchter Straßendreck die Kleidung sonst zu schnell ruinieren konnte, doch die Menschen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts verzichteten nicht auf Farben.

Wo im Sommer vorwiegend helle Farben und leichte Stoffe angesagt waren, griff man im Winter zu schwerer Seide, Wolle, Samt und Brokatstoffen in dunklen, aber leuchtenden Farben wie rubinrot, königsblau oder waldgrün. Auch schwarz, tiefes Grau und dunkles Violett waren keineswegs nur als Trauerfarben zu verstehen. Besonders im Winter waren auch diese dunklen Farben, natürlich aufwendig verarbeitet und detailverliebt dekoriert, immer eine gute Wahl. Welche Farben genau in welchem Jahrzehnt besonders beliebt waren, kommt natürlich immer auf die vorherrschende Mode an, doch im Winter konnte man mit kräftigen dunklen Tönen kaum etwas falsch machen.

Sehr beliebt waren im Winter gefärbte und kunstvoll angebrachte Fellansätze. Nicht nur hält Fell natürlich schön warm, auch sieht es sehr winterlich aus und drückt auch eine besondere Statusbotschaft aus: Fell, besonders Hermelin, galt Jahrhunderte lang als Privileg des Adels. Im neunzehnten Jahrhundert wurde jedoch auch das gehobene Bürgertum einflussreich und wohlhabend genug, um sich Fellbesätze oder ganze Fellmäntel leisten zu können. Wer in der Belle Époque Fell trägt, tut das nicht nur aus modischen Gründen, oder um sich warm zu halten, sondern auch, weil er oder sie genau weiß, welche Wirkung das teure Material hat.

Oben könnt ihr ein ganzes Nachmittagsensemble ansehen, bestehend aus einem dunklen, aber aufwendig verzierten Kleid aus dunkler, matt glänzender Seide, unter dessen hauchdünnem Oberrock ein fellbesetztes Unterkleid hervorschaut. Auch das Oberteil ist durch modische Fellapplikationen geschmückt. Das Fell findet sich im modischen Hut der Dame wieder. Kleid und Hut haben deutlich sichtbar modische, wie funktionale Aspekte an sich und wurden in dieser Form von einer wohlhabenden Dame getragen. Unter dem Kleid trug man spezielle Winterunterröcke, auch mal mehrere Lagen, die aus dickerem Stoff waren oder sogar gesteppt und mit Daunen gefüllt.

Man muss es sicherlich nicht dazu sagen, aber natürlich wurden auch im Winter die modischen Schnitte getragen, die gerade im Trend lagen. In den 1860er Jahren war auch Wintermode (samt Mantel) auf die Krinolinenmode zugeschnitten und im Jahr 1894 hatten auch Winterkleider und -mäntel die großen Puffärmel, die gerade angesagt waren. Der Winter drückt sich größtenteils in dunklen, leuchtenden Kleidern aus Samt, Brokatseide oder Wolle aus – und natürlich auch durch die winterlichen Accessoires, die nicht fehlen durften.

Wintermäntel – Muff, Hut und Handschuhe

Links: Opernmantel, 1880 | Rechts: Muff, 1885 (Met Museum)

Natürlich trug man über dem Kleid auch einen Wintermantel, der ebenfalls aus schwerer Seide, Wolle oder Samt war und sehr oft einen Fellbesatz hatte. Ähnlich wie bei den Kleidern selbst, gab es auch hier verschiedene Formen des Wintermantels. Tagsüber trug man schlichtere Jacken und Mäntel, während man in die Oper kostbarere, schönere Mäntel und Capes anzog. Besonders der Abendmantel aus dem House of Worth oben in der Mitte ist ein gutes Beispiel für einen sehr edlen, schönen Wintermantel, der abends zu besonderen Anlässen getragen worden wäre, nicht im Alltag.

Es kommt ganz auf den Mantel an, ob die Dame ihr Ensemble mit einer Fellstola abrundet, oder nicht. Ein Abendmantel wie der oben links dürfte das Tragen einer Fellstola oder eines Fellkragens nicht nur schwer, sondern auch überflüssig machen, da er bereits einen Fellbesatz hat. Trägt man einen Mantel ohne einen solchen Besatz kann eine Stola als modisches Accessoire aber auch für die Wärme getragen werden. Im späten 19. Jahrhundert sind besonders solche aus weißem Hermelinpelz beliebt, die nicht nur den Status und den Reichtum der Trägerin unterstreichen, sondern auch den allgemeinen dekadenten Charakter der Belle Époque.

Nicht selten sind auf den Pelz Hermelinschwänze aufgenäht, hin und wieder sogar kleine Hermelinköpfchen mit Glasaugen. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich aus moderner Perspektive betrachtet natürlich gegen das Tragen von Echtpelz bin, diese Mode allerdings recht faszinierend, wenn auch aus ethischen Gründen abstoßend finde. Meist gab es zu dieser Stola einen passenden Muff aus demselben Pelz, auf den dieselben Applikationen aufgenäht waren. Der Muff, in dem man die Hände wärmen kann, ist ein weiteres Muss im Winter. Auch er kann mit erkennbaren Tierteilen geschmückt sein.

Außerdem gehört zum Ensemble ein paar warmer, gefütterter Winterstiefel aus gutem Leder oder mit Samt bezogen, sowie eine Haube oder ein Hut aus Seide oder Samt. Besonders der Hut kann winterlich geschmückt sein und ist meistens in denselben dunklen Tönen gehalten, wie der Rest des Ensembles. Handschuhe bestanden meist aus Wildleder oder Glacéleder und waren meist in Braun- und Cremetönen gehalten.

Herrenmode

Links: Der Mann trägt dicke Wollkleidung, einen Fellbesetzten Mantel und Handschuhe, “Mann im Zug”, James Tissot, 1872 | Rechts: Modezeichnung, Winter 1899/1900

Auch die Mode der Herren möchte ich diesmal nicht zu kurz kommen lassen, obwohl sie viel einfacher aussieht. Wie gewohnt trägt der Herr einen modisch geschnittenen Anzug und einen modernen Hut in gesetzteren, dunklen Farben. Darunter wurde dicke Wollunterwäsche getragen, die schön warm hielt. Zum Ensemble gehörten außerdem ebenfalls Handschuhe aus Leder und der Wintermantel: Der Wintermantel für Herren konnte je nach Trend und Geschmack oberschenkel- oder bodenlang sein und war aus dickem festen Stoff gefertigt, meist aus Wolle. Kragen und Ärmel waren meist mit dichtem Pelz oder mit warmem Samt besetzt.

Besonders modern war es, wenn die Farben von Mantel und Pelzbesatz kontrastierten. Ein hellbrauner Pelzkragen zu einem schwarzen Mantel zum Beispiel war für den Herren der Belle Époque sehr modisch, wie ihr es auf dem Gemälde von James Tissot oben links sehen könnt. Wichtig ist, dass der Mantel über das zum Anzug gehörende Jackett getragen wird und nicht stattdessen. So gesehen sah die Herrenmode im Winter also genauso aus, wie im Sommer, sie bestand nur aus wärmeren, dunkleren Stoffen und wurde um den Mantel ergänzt.

Damit endet auch unser Einblick in die Wintermode der Belle Époque. Ich hoffe, sie gefällt euch trotz des vielen Fells als das, was sie ist: Ein Relikt aus vergangenen Zeiten, in denen Praktiken Gang und Gebe waren, die heutzutage glücklicherweise aus der Mode gekommen sind. In ein paar Tagen sehen wir uns an, wohin der modische Mensch der Belle Époque in dieser Mode gegangen ist. Viel Spaß!


Beitragsbild: “Weihnachten” von Anna Wheelan Betts, ca. 1910


Selbst nachlesen?

Olian, JoAnne: Full-Color Victorian Fashions. 1870 – 1893. 1999.

Generell kann ich es empfehlen, sich Werke zu alten Modezeichnungen oder aber original Modekataloge aus der gewünschten Epoche anzusehen, um etwas über bestimmte Moden zu erfahren.

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