Leben im 19. Jahrhundert

Der Mann im 19. Jahrhundert: Privilegien & Konzepte

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel zum gesellschaftlichen Bild der Frau im 19. Jahrhundert verfasst und euch das Frauenbild, sowie die Rolle der Frau in der Gesellschaft dieser Epoche nähergebracht. Während ich es besonders vor dem modernen Kontext von Ungleichheit und Frauenrechten wichtig finde, sich mit weiblicher Geschichte zu beschäftigen, kann man diese und im weiteren Sinne das 19. Jahrhundert als Ära jedoch nicht verstehen, wenn man sich nicht auch mit der Geschichte des Mannes auseinandersetzt.

Denn während den Männern des 19. Jahrhunderts die Welt um einiges weiter offen stand, als den Frauen, gab es auch für sie bestimmte Rollenbilder und Verpflichtungen, die es zu erfüllen gab. Vor allem wirkten sich Misogynie und eine neue, aggressivere Form von toxischer Männlichkeit nicht nur auf das Leben von Frauen sehr negativ aus, sondern auf das aller Menschen. (Leider hatte nicht nur das 19. Jahrhundert eine sehr binäre Weltsicht, auch in der Forschung geht es erst langsam los, dass sich nicht nur mit cis Männern und cis Frauen beschäftigt wird.)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verändert sich die Idee von Männlichkeit und Mann sein sehr stark. Hier erhält die erzwungene Unterscheidung von Mann und Frau ihre strenge Definierung, von der oft angenommen wird, dass sie “schon immer” existiert hätte. Aber es sind erst die Menschen des frühen 19. Jahrhunderts, die das öffentliche und private Leben in zwei Räume einteilt: Dem Mann gehört der öffentliche Raum. Er geht arbeiten, trifft seine Bekannten in Clubs. Der Frau gehört der private, häusliche Raum: Sie bleibt im Haus. Die beiden Räume haben nur wenige Berührungspunkte.

Gefährliche Ideale: Der Mann als unkontrollierbares Risiko

Dieses Ideal entstand durch die neue Idee, dass Frauen zwar das körperlich schwächere Geschlecht seien, aber auch das moralisch gefestigtere. Denn, und auch das ist ein wichtiger Punkt, wenn man über Männlichkeit im viktorianischen Zeitalter sprechen möchte: Männlichkeit hatte eine ganz andere Bedeutung, als heute. Männlichkeit im neunzehnten Jahrhundert hatte zwei Konnotationen. Zum einen wäre da das Verständnis von Männlichkeit als etwas Ungeschliffenes, Bestialisches, das laut gesellschaftlichem Konsens jedem Mann innewohnte.

Die positive Männlichkeit bestand jedoch darin, dieses Bestialische unter Kontrolle zu haben, es nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Im englischsprachigen Raum spricht man von masculinity vs. manliness. Den respektablen, kultivierten Mann des neunzehnten Jahrhunderts zeichnete es aus, dass er die wilde, aggressive masculinity sozusagen zähmen konnte: Er kontrollierte sich und unterdrückte seine aggressiven Triebe, auch seine Sexualität. Im Gegenzug glaubte man, das Männer aus unteren gesellschaftlichen Klassen dies nicht gelingen konnte und diese Fähigkeit den Gentleman auszeichnete.

Gelang es einem Mann nicht seine aggressive, ungezügelte Seite zu zähmen, galt er als gescheiterter Mann. Wer also zu offen seine Sexualität auslebte oder sich aggressiv verhielt, nicht für seine Familie sorgen konnte, zu viel trank oder andere Laster hatte, konnte seinen guten Ruf begraben. Der ideale viktorianische Mann also hatte seine Triebe im Griff und benahm sich kultiviert. Er war der Kopf seiner Familie und bei ihm lag das Entscheidungsrecht, denn während die Frau als emotional eingestuft wurde, war der ideale Mann nüchtern und rational.

Hier entstehen natürlich Muster, die uns bis heute nachhängen. Diese toxische Maskulinität, nach der Männer nicht empfindsam, liebevoll und emotional sein dürfen, begegnet uns auch heute immer noch. Hinzu kommt eine gefährliche Normalisierung von Aggressivität und Gewalt: Denn auch, wenn es nicht gesellschaftlich akzeptiert war, dass der Mann Gewalt ausübte, so wurde seine Gewalt doch oft relativiert und es kam zu einer Täter-Opfer-Umkehr: Man müsse doch, besonders als Frau wissen, dass Männer eben so sind. Und man habe sicherlich die Bestie im Mann provoziert und nur deshalb sei einem etwas zugestoßen.

Von Sport und von Verstand 

Weitere, leicht durchschaubare Ideale für den Mann des 19. Jahrhundert waren Patriotismus und Unterstützung der Regierung. Auch hier wird es unangenehm, wenn wir uns daran erinnern, dass im späten 19. Jahrhundert faschistische Bewegungen entstehen, die im 20. Jahrhundert in Verfolgung, Gewalt und systematische Unterdrückung marginalisierter Gruppen münden. Es gibt Historiker.innen, die über den Zusammenhang zwischen diesen Männlichkeitsbildern, Patriotismus und Unterdrückung besser aufklären können als ich, aber ich wollte es erwähnt haben.

Außerdem entstand im späteren 19. Jahrhundert die Konnotation eines gesunden Körpers mit einem gesunden Geist, die ebenfalls sehr problematisch ist und uns ebenfalls noch nachhängt. Besonders auf den Jungeninternaten der gehobenen Gesellschaft wurde Sport ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt: Jungen, die gute Sportler waren, bekamen zum Beispiel größere Chancen sich akademisch weiterzuentwickeln, als Jungen, die weniger gut im Sport waren oder lieber andere Dinge taten. Besonders künstlerische Ambitionen wurden im Gegensatz belächelt.

Ein weiterer Marker für Männlichkeit im neunzehnten Jahrhundert war die Bereitschaft, körperliche Auseinandersetzungen zu besiegeln. Die Kampfeslust und Aggressivität gehörte eigentlich zu den Dingen, die der respektable Mann zu unterdrücken hatte. Trotzdem war es ihm erlaubt und wurde sogar erwartet, dass er zumindest mutig genug war, um Auseinandersetzungen auch mit Gewalt aus der Welt zu schaffen, besonders, wenn es um die vermeintlich gefährdete Ehre des Mannes selbst, seiner Familie oder auch seines Landes ging. Der ideale Mann des 19. Jahrhunderts scheute sich nicht in den Krieg zu ziehen, sondern hatte es als Ehre anzusehen.

Besonders gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts sahen sich viele europäische Länder in Gefahr. Männer, die stark waren, sportlich, patriotisch und bereit, Gewalt anzuwenden, gaben natürlich bessere Soldaten ab. Die Gesellschaft veränderte sich zunehmend und der erste Weltkrieg, obwohl er noch einige Jahre auf sich warten lassen würde, lag spürbar in der Luft. Die Menschen wussten, dass sie einer Auseinandersetzung bevorstanden, auch, wenn sie natürlich nicht wissen konnten, wie diese aussehen würde, und auch das hatte Einfluss auf das Männerbild der Ära.

Der Wandel der männlichen Sexualität  

Eine weitere Sache, die ich kurz ansprechen möchte und sogar muss ist die männliche Sexualität im neunzehnten Jahrhundert. Hier gibt es nämlich einen großen Shift gegen Ende des Jahrhunderts, der uns bis heute nachhängt und nicht gut tut. Beide Einstellungen aber haben mit dem oben angesprochenen Männlichkeitsbild zu tun. Zu Beginn des Jahrhunderts wurde der Mann als sexuelles Wesen angesehen, das sündigte und sich im Griff haben musste, um als respektabel zu gelten.

Es war nicht gesellschaftlich akzeptiert, wenn Männer außereheliche Affären hatten, doch es war trotzdem natürlich einfacher für Männer, solche zu unterhalten: Ihnen gehörte schließlich der öffentliche Raum. Doch auch Männer sollten ihre Sexualität zügeln und ihr nicht nachgeben. Zu viel Geschlechtsverkehr oder Masturbation galt als sehr ungesund. Trotzdem stand jungen Männern das Recht offen, sich vor der Ehe “die Hörner abzustoßen”, wenn auch dies diskret zu geschehen hatte, ohne, dass jemand die genauen Umstände herausfand oder darüber sprach. Diese sexuelle Freiheit, wenn auch eingeschränkt, hängt mit dem Bild des Mannes als sexuelles Wesen zusammen, das seine Triebe im Idealfall unterdrückte, aber hin und wieder ausleben musste.

Im Laufe des Jahrhunderts machte dieses Bild eine gefährliche Wandlung durch. Wo der Mann in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch für seine Bestialität und seine sexuellen Triebe zur Verantwortung gezogen wurde, bürgerte es sich im Verlauf der Belle Époque immer weiter ein, dass der Mann für seine Natur eigentlich nichts könne und die Frau darauf zu achten habe, dass sie seine dunkle, gefährliche Seite nicht durch Provokation erweckte. Auf gewisse Weise wurde es gesellschaftlich immer akzeptierter, dass der Mann nun einmal ein von Trieben gequältes Biest sei.

Wurde eine Frau sexuell missbraucht oder von ihrem Mann geschlagen, dann lautete der Konsens meistens, dass sie irgendetwas getan haben musste, um diese Seite des Mannes zu wecken. Einer respektable Frau, die sich anständig benahm, konnte so etwas laut Expertenmeinung überhaupt gar nicht geschehen. Ein gefährlicher Irrglaube, der uns heute noch nachhängt und außerdem ein Freifahrtschein für viele Männer, die weniger respektabel waren, als sie nach außen hin taten. Weit bekannt war auch, dass viele Männer zu Prostituierten gingen, um ihre Triebe zu befriedigen. Dies war halbwegs akzeptiert, solang es diskret geschah.

Fazit

Allgemein bleibt zu sagen, dass der Mann im 19. Jahrhundert deutlich privilegierter war, als die Frau, doch auch hier müssen unbedingt intersektionelle Überschneidungen betrachtet werden. Der weiße, cis, hetero Mann genießt deutlich mehr Rechte als queere oder nicht-weiße Männer. Männer, die dem Idealbild nicht entsprachen, hatten es sehr schwer die damals überlebenswichtige Anerkennung ihrer Epoche zu erhalten. Künstler, die zum arbeiten nicht aus dem Haus gingen und als emotional galten, hatten ihre Fans, wurden aber auch oft belächelt, besonders, wenn sie keine großen Erfolge verbuchen konnten.

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel ein bisschen deutlicher machen, was es bedeutet, wenn jemand sagt, dass “Männlichkeit” ein gesellschaftliches, von Menschen erdachtes Konstrukt ist. Denn unsere modernen Regeln dazu was “männlich” ist, oder was Männer und Frauen “dürfen” oder “müssen”, sind nicht in Stein gemeißelt und sie haben nicht “schon immer” existiert. Zum größten Teil entstehen sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts und sind damit deutlich jünger als oft gedacht.


Beitragsbild: “Pere Ysern” von Marià Pidelaserra, 1900


Selbst nachlesen?

Mangan, James et al.: Manliness and Morality. Middle-class masculinity in Britain and America. 1800 – 1940. 1991.

Tozer, Malcolm: Manliness. The Evolution of a Victorian Ideal. 1978. 

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