Leben im 19. Jahrhundert

Das kriminelle Kind – Armut, Kindheit & Industrielle Revolution

Der Inbegriff des viktorianischen Kinderkriminellen dürfte der “Artful Dodger” sein: Ein kleiner Junge aus “Oliver Twist” von Charles Dickens, der die abgelegten Kleider eines Gentlemans trägt und der wohl begabteste Taschendieb Londons ist. Schon im 19. Jahrhundert prägte “Oliver Twist” die Idee der gehobenen Klassen vom Kinderkriminellen – Aber aus ganz anderen Gründen als heute, denn Dickens’ Roman war nicht nur zur Unterhaltung gedacht, sondern sollte auch Licht auf ein sehr reales Problem des 19. Jahrhunderts werfen: Kinderarmut.

Heute möchte ich euch die Themen Kinderarmut und Kinderkriminalität im 19. Jahrhundert etwas näher bringen. Ich beziehe mich dabei auf England, genauer genommen auf London, weil das Bewusstsein für diese Problematik hier zum ersten Mal erwacht. Wie genau das passiert ist, was die Menschen des 19. Jahrhunderts unternahmen, um die Kinderarmut einzudämmen, und was ausgerechnet Charles Dickens und “Oliver Twist” damit zu tun haben, könnt ihr heute lesen.

Der Social Novel – Mit Oliver Twist in die Londoner Slums 

Dodger stellt Oliver seiner Bande vor, George Cruikshank, 1894

„Oliver Twist“ ist ein sogenannter Social Novel, ein Gesellschaftsroman, der in einem Milieu spielt, vor dessen Existenz die Menschen des gehobenen Bürgertums und des Adels immer die Augen verschlossen hatten. Elend und Armut in den Londoner Slums waren ein Thema, mit dem sich Bourgeoisie und Adel nur ungern beschäftigten: Es betraf sie nicht, also warum hinsehen? Denn Armut galt als selbstverschuldet. Wer arm war, der arbeitete nicht richtig oder trank zu viel oder war ein schlechter Mensch. Das jedenfalls war der Konsens im frühen 19. Jahrhundert.

Erst mit der neuen Welle von Gesellschaftsromanen und Sozialreporten, wie denen des englischen Journalisten und Advokaten für soziale Reformen Henry Mayhew, die zu Beginn des viktorianischen Zeitalters Licht ins Dunkle brachten, begannen die Menschen umzudenken. Dass strikte Klassengrenzen und so gut wie gar keine Aufstiegsmöglichkeiten für die andauernde Armut sorgten, dass Menschen, die arm geboren waren kaum eine Chance bekamen, sich aus dieser Situation zu befreien, das waren Erkenntnisse, die der in Saus und Braus lebenden Oberschicht erst nahegebracht werden mussten.

Dass das Elend existierte, war den reichen Menschen im frühen viktorianischen Zeitalter natürlich bewusst. Man darf es sich nicht so vorstellen, als wüsste die reiche Dame nicht, wie es den ärmeren Menschen erging. Slums und Armenviertel Londons waren kein abgeschottetes Gebiet, sondern befanden sich meist in den Hinterstraßen der besseren Viertel, sozusagen Tür an Tür mit den reichen Menschen. Die Menschen wussten also sehr gut, wie Armut aussah. Das Problem waren eher die oben erwähnten Stigmata den armen Menschen gegenüber.

Dazu gehörte auch der Glaube, dass ein in Armut geborenes Kind von vorn herein verloren war. Sein Umfeld prägte es, sodass es kriminell werden musste und für die Gesellschaft keinen Wert mehr hatte. Dass die Menschen nicht aus Bosheit stahlen, sondern aus Leid, das war ein Gedanke, den sich die Bourgeoisie und der Adel kaum richtig vorstellen konnten. Sie sahen das Leid auf den Straßen, doch sie waren so aufgewachsen, dass sie gar nicht in der Lage waren, sich vorzustellen, was es bedeutete kein Geld zu haben, keine Arbeit finden zu können, ohne Bedienstete auskommen zu müssen oder mehrere Tage ohne Essen auszufristen.

Die wohlhabenderen Menschen waren in eine Ignoranz hineingeboren, die ohne Anstoß nicht angezweifelt werden konnte, weil die Resourcen dazu ihnen schlicht fehlten. Die Sozialreporte und Gesellschaftsromane versuchten nun, den wohlhabenden Menschen vor Augen zu führen, was sich in den Armenvierteln und Slums abspielte: Die Menschen lebten mit zu vielen anderen Menschen auf zu geringem Platz, Bildung war noch kein Recht, auf das jeder Mensch Anspruch hatte und wer Arbeit finden konnte, der schuftete meist mehr als zwölf Stunden am Tag unter menschenunwürdigen und gesundheitsschädlichen Zuständen in den neuen Fabriken, Dampfwäschereien oder Nähstuben.

Die industrielle Revolution, die in den 1830ern noch ihren Lauf nahm, hatte neue Maschinen gebracht, schnellere Arbeitsweisen und einen großen wirtschaftlichen Fortschritt bedeutet. Doch sie ist es auch, die dafür sorgt, dass der Spalt zwischen arm und reich nicht nur in Großbritannien immer weiter aufklafft: Die Bourgeoisie wird zu Fabrikbesitzer.innen, wird wohlhabender und angesehener und steigt immer weiter auf, während die Arbeiterschicht zu Fabrikarbeiter.innen wird, abhängig vom Gutdünken der Leiter der Fabrik, ohne Chancen auf Aufstieg. Ohne Arbeiterrechte und soziale Reformen war das Motto in diesen Fabriken: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Die Industrielle Revolution – Fluch oder Segen?

Zwei kleine Jungen arbeiten in einer Spinnerei an einer Maschine, USA, 1909

Wurde man krank und konnte einen Tag nicht zur Arbeit erscheinen, war man seinen Job los. Trödelte man an der Maschine, weil es einem nicht gut ging, konnte man einfach so herausgeworfen werden und erhielt meist nicht einmal den Lohn für die bereits geleistete Arbeit. Besonders Menschen, die schwanger wurden, wurden meist ohne Rücksicht auf die Straße gesetzt und durch andere Arbeiter.innen ersetzt, die ohne Einschränkungen die Arbeit verrichten konnten.

Es ist wahr: Die Industrielle Revolution machte es Menschen aus dem unteren Bürgertum möglich, aufzusteigen und sie schuf neue Arbeitsplätze. Auf lange Sicht verbesserte sie die Zustände der Menschen sicherlich. Doch sie festigte auch die scharfe Grenze zwischen Arbeitertum und Bürgertum und für alle, die unter dem Strich lebten, bedeutete sie zwar eine feste Anstellung und ein geregeltes Einkommen – aber auch vierzehn Stunden Arbeit pro Tag, die Gefahr, die Anstellung wegen kleiner Fehler zu verlieren und die völlige Ausbeutung durch Industrielle für sehr wenig Lohn.

Viele Menschen des 19. Jahrhunderts argumentieren, dass niemand gezwungen worden sei in den Mühlen und Fabriken zu arbeiten und, dass die Menschen froh waren, dort arbeiten zu dürfen. Das ist sicherlich auch wahr. Aber man muss sich immer vor Augen halten, was die Alternative zur menschenunwürdigen Arbeit in der Fabrik gewesen wäre: Ein Leben ohne Geld und Unterkunft. Einige Historiker.innen argumentieren, dass die industrielle Revolution ohne die Gesetze, die später Arbeitszeit und Löhne regulierten, die Armut komplett hätte auslöschen können, aber das normalisiert leider nur die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte.

Fabrikarbeiter.innen lebten trotz der langen Arbeitszeit am Existenzminimum. Fabrikbesitzer.innen bezahlten so niedrige Löhne, wie es möglich war. Arbeiter.innen verdienten gerade genug, um ihre Familien durch die Woche zu bringen – wenn jedes Mitglied der Familie, auch die Kinder, nebenbei eigener Arbeit nachging. Gesetze, die angemessene Löhne festlegen und bestimmen, wie viel Arbeitszeit am Tag menschenwürdig ist, haben das Leben der Arbeiter.innen später lebenswert gemacht – und auch einige Leben gerettet, denn leider verstarben nicht wenige Kinder bei gefährlichen Arbeiten in Fabriken oder Bergwerken.

Besonders die Ernsthaftigkeit der Kinderarbeit wird oft unter den Teppich gekehrt, wenn über die Industrielle Revolution berichtet wird. Arme Familien schickten ihre Kinder schließlich nicht zur Arbeit, weil sie gierig waren, sondern, weil es notwendig war, wenn man die ganze Familie ohne Hunger durch die Woche bringen wollte. Um das plastisch darzustellen: Eins der oben angesprochenen Gesetze von 1847 legte fest, dass Kinder in Großbritannien „nur“ zehn Stunden pro Tag arbeiten durften. Erst 1874 wurde ein Gesetz erlassen, nachdem Kinder unter zehn Jahren gar nicht in Fabriken arbeiten durften.

Kinderkriminalität – Leinendiebstahl und Charles Dickens 

Verbrecherfotos von viktorianischen Kindern | Links: Ellen Woodman (11) stahl Eisen von einer Werft | Mitte: James Scullion (13) stahl Kleider | Rechts: Catherine Kelly (17) stahl Leinen (Quelle: Tyne and Wear Archives)

Wir haben es also mit Kindern zu tun, die in diese Welt hineingeboren werden. Sie müssen hart arbeiten und sehr früh erwachsen werden, um in dieser Welt zu bestehen. Kaum eines dieser Kinder wird nicht ein Geschwisterchen an Krankheit oder Hunger verloren haben, vielleicht sogar die Eltern. Hier kommt dann die Kriminalität ins Spiel. Denn oft köderten erwachsene Gauner.innen arme Kinder, indem sie hübsche nette Mädchen vorschickten, die den Kindern ein neues Zuhause, ausreichend zu Essen und Arbeit versprachen. Manchmal schickten sie auch andere Kinder, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen.

Für die Kinder tat sich nun ein augenscheinlicher Ausweg aus der Armut auf. Doch das Ziel dieser Menschen war es, die Kinder auszubilden und auf Diebeszüge zu schicken. Besonders beliebt war der Leinendiebstahl: Die Kinder kletterten über die Mauern in die Gärten der reichen Häuser, was nicht schwer war: Oft begannen die Slums, in denen sie lebten, direkt hinter den hohen Hecken und Mauern der reicheren Häuser. Die Kinder stahlen dann die Wäsche von der Leine. Mutigere Kinder luchsten reichen Damen und Herren auf der Straße die Taschentücher ab. Dann wurden die Initialen aus den Stoffen gelöst und die Leinen bei Pfandleihern für gutes Geld versetzt.

In Gegenden wie Saffron Hill in Camden, London, die auch in Charles Dickens’ „Oliver Twist“ eine große Rolle spielt, gab es viele solcher Pfandleiher, die genau wussten, woher die gute Ware kam. Die Straße Saffron Hill wurde bald dafür bekannt, dass angeblich aus jedem Fenster ein gestohlenes Taschentuch flatterte. Natürlich stahlen die Kinder als Taschendiebe aber auch Geldbörsen und Taschenuhren. Das war riskanter und man wurde das Diebesgut schwieriger los, weshalb der Leinendiebstahl bevorzugt wurde.

Verbrecher bevorzugten Kinder für diese Arbeiten, weil sie kleiner und schneller waren und in großen Menschenmengen leichter verschwinden konnten. Außerdem kam ein erwischtes Kind viel leichter davon, als ein Erwachsener. “Leichter” bedeutet in diesem Fall meist eine Verurteilung zu ein bis zwei Wochen harter Arbeit, ein paar Monaten Gefängnis oder Besserungsanstalt. Das ist hart, aber verglichen mit den drakonischen Strafen, die Erwachsene für Diebstahl erhielten, waren diese Strafen ertragbar.

Für die wohlhabende Oberschicht galten diese Kinder als von ihrer Umwelt verdorben, aber natürlich muss man sich vor Augen halten, weshalb die Kinder stahlen: Aus Hunger und Verzweiflung. Kaum ein Kind wird wie der Artful Dodger aus Spaß am Stehlen gestohlen haben. Für diese Kinder gab es zwei Wege: Entweder sie schlossen sich den Diebesbanden an, wo sie mit anderen Kindern zusammen waren, Essen und einen Schlafplatz bekamen, oder sie blieben allein und mittellos und verhungerten nicht selten auf der Straße.

Fazit: Ein Schritt nach vorn

Sozialberichte und Gesellschaftsromane rüttelten die britische Bevölkerung in den 1830er Jahren auf. Bald wurde es sogar ein gesellschaftliches Muss an wohltätige Organisationen zu spenden, das einem einen guten Ruf unter der feinen Gesellschaft einbringen konnte. Doch natürlich verkam die Wohltätigkeit bald zu einem Weg das eigene, durch die Sozialberichte in Wallung gebrachte schlechte Gewissen zu beruhigen und half bloß wenig. Die Sozialreformen des langen neunzehnten Jahrhunderts aber waren auf den Weg gebracht.

Die Artful Dodgers der frühen viktorianischen Jahre waren also meist keine pompösen, arroganten jungen Gentlemen, die mit viel Witz ihrer unehrlichen Arbeit nachgingen, sondern verzweifelte, einsame Kinder, denen kein anderer Ausweg mehr blieb, da sich niemand um sie kümmerte. Die wohlhabenden Menschen aber wollten das auch nach den neuen Gesellschaftsromanen noch nicht richtig wahrhaben. Wie Premierminister Benjamin Disraeli schon damals erkannte, lebten die verschiedenen Schichten der viktorianischen Gesellschaft wie zwei Nationen völlig aneinander vorbei, ohne Berührungspunkte und sich gegenseitig komplett fremd.

Enthüllungsberichte, Gesellschaftsromane und politische Magazine sollten helfen, doch der Weg zur Sozialreform war beschwerlich und sehr, sehr lang und währe ohne Aktivist.innen, die sich für Reformen, Kinderrechte und die Bekämpfung der Wurzeln der großen Armut in den Slums einsetzten, noch länger gewesen. Auch Schriftsteller.innen wie Charles Dickens, der als Kind selbst in einer Fabrik arbeiten musste, trugen dazu bei, dass im 19. Jahrhundert ein Stein ins Rollen gebracht wurde, der zu Reformen und gesellschaftlichem Umdenken führte.


Beitragsbild: “Vernachlässigt” von Augustus Edwin Mulready, 1871 | Zwei Kinder versuchen sich durch den Verkauf von Blumen über Wasser zu halten


Selbst nachlesen?

Betensky, Carolyn: Feeling for the Poor. Bourgeois Compassion, Social Action, and the Victorian Novel. 2010. 

Mayhew, Henry: The London Underground in the Victorian Period. 2005.

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1 Kommentar

  • Anonym

    Hallo, ich würde gerne wissen aus welcher Literatur du diese Information entnommen hast?Ich schreibe gerade eine Hausarbeit über das Thema: Kinderausbeutung zur viktorianischen Zeit, wobei ich mich vorallem auf die Kinderkriminalität beziehe, sowie auf den Roman 'Oliver Twist' von Charles Dickens. Ich wäre Dir sehr verbunden, wenn du mir weiterhelfen könntest.

    12. August 2014 at 19:24 Reply
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