Leben im 19. Jahrhundert

Idealbilder II: Eine neues Bild von Männlichkeit

Das 19. Jahrhundert verändert alte Gesellschaftsmuster rasant und nicht immer zum Positiven. Besonders das viktorianische Zeitalter in Großbritannien bedeutet in der Mitte des 19. Jahrhundert zwar viele Fortschritte, aber besonders im gesellschaftlichen Zusammenleben auch einige große Schritte zurück. Auch die Entwicklung eines neuen Männlichkeitsbildes würde ich als einen solchen einordnen, denn die neue “Idee vom Mann” schränkt nicht nur (cis) Männer ein, sie ist auch schädlich für alle anderen Menschen und hallt bis heute nach.

Ein Blick in die beliebte Literatur der Woche hilft weiter, wenn wir beginnen wollen das Männlichkeitsbild des 19. Jahrhunderts zu verstehen: Der unkonventionelle Anti-Held der Schauerliteratur entwickelt sich in dieser Zeit nämlich zum Archetypus. Er ist düster, nachdenklich, hat dunkle Geheimnisse, gibt wenig auf die Konventionen seiner Zeit und er kann aggressiv und unberechenbar sein. Natürlich ist dieser Anti-Held kein ideales Männlichkeitsbild, sondern eher das abschreckende Gegenteil: Er ist die Bestie, vor der die Menschen Angst haben.

Das Ideal in Literatur und Wirklichkeit 

Die literarische Bestie findet ihren Ursprung natürlich in der Realität: Der Mann wird als wildes Biest gesehen, das voller unterschwelliger Aggressivität steckt, die es zu verstecken gilt. Der ideale Mann hat seine innere Bestie gezügelt, ist respektabel und ein gütiger Ehemann und gekonnter Gesellschafter. Er ist kein Mr. Rochester aus Charlotte Brontës “Jane Eyre”(1847) und genau das zeichnet ihn auch aus: Er unterdrückt die Willkürlichkeit und das Rohe, das angeblich in ihm steckt, das macht ihn zum “guten Mann”.

Woher kommt dieses Ideal, das sich tatsächlich im 19. Jahrhundert entwickelt? Das 19. Jahrhundert ist in vielem Rückbesinnung auf romantisierte historische Epochen. Man hatte im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert in Europa und Amerika viel Krieg, Revolution und Gewalt erlebt und sehnte sich zurück nach “der Zeit davor”, in der alles besser gewesen war oder generell in Epochen, die man für ideal und erstrebenswert hielt. Das 19. Jahrhundert entdeckt zum Beispiel die Antike wieder.

Das hellenistische Ideal des Einklangs zwischen schönem Körper und schönem Geist zum Beispiel wird im 19. Jahrhundert gelebt. Dabei geht es weniger um allgemein anerkannte körperliche Schönheit, sondern um Intelligenz und Intellekt, sowie um die Beherrschung des eigenen Geistes. Der Mann galt im 19. Jahrhundert als wild und unbeherrscht und musste seine Aggressivität – und auch seine Sexualität – kontrollieren und kultivieren. Diese Beherrschung des eigenen Seins machte einen in den Augen der Menschen des 19. Jahrhunderts einen schönen Mann aus: Er strebte immer einen sehr hohen moralischen Standard an.

Dieses Ideal klingt in Schauerliteratur der Epoche auch deutlich an: Mr. Rochester aus “Jane Eye” gelingt es nicht, diesem Ideal zu entsprechen. Er ist düster, launisch und unehrlich, was am Ende dafür sorgt, dass Jane ihn verlässt. Sie kehrt erst zurück, als sein eigener Egoismus und besonders seine Unehrlichkeit sein Leben zerstört haben und er geläutert und bescheiden geworden auf sie wartet. Der Antiheld Rochester ist beinahe schon ein Bösewicht, der eine neue Chance bekommt, nachdem seine dunklen Geheimnisse ans Licht kommen und ihn ins Unglück reißen.

Das Konzept der Männlichkeit

Links: Charles William Bury, 2nd Earl of Charleville, 1835 | Mitte: François Bocion, 1868 | Rechts: Alexander Hill, 1891

Dieses neue Konzept der Männlichkeit ist natürlich nicht ungefährlich und hängt uns bis heute nach, denn die angebliche natürliche Wildheit und Aggression des Mannes wird damals wie heute genutzt, um Übergriffe und Gewalt zu normalisieren. “So sind Männer eben, das hättest du doch wissen müssen” ist eine sehr gefährliche Aussage, die die Schuld vom Täter auf das Opfer überträgt. Auch das war im 19. Jahrhundert bereits ein großes Problem, auch, wenn “typisch männliche” Übergriffe nicht geduldet wurden: Denn ein Mann, der seine innere Bestie nicht im Griff hatte, galt als gescheiterter Mann.

Wie überträgt sich diese neu entdeckte Männlichkeit aber auf Schönheitsideale der Epoche? Vielleicht habt ihr euch schon gefragt, wie die langen Haare, das Make-Up und die bunten Kleider, die Männer noch im 18. Jahrhundert trugen, zu den schlichten dunklen Anzügen und Schnurrbärten des 19. Jahrhunderts wurden. Hier ist die Antwort. Der Mann musste sich vernünftig und bescheiden geben, um auszudrücken, dass er seinen Geist kontrollieren konnte. Herrenmode wurde funktional und beherrscht, wie es noch in keinem Jahrhundert zuvor der Fall gewesen war.

Der Mann sollte nach außen den starken Beschützer ausstrahlen, den vernünftig denkenden, moralisch standhaften, gepflegten Herren der gehobenen Gesellschaft.. Und hier vereinen sich die oben angesprochenen Konzepte zum männlichen Schönheitsideal des späten neunzehnten Jahrhunderts. Der Mann war zum ersten Mal darauf bedacht “maskulin”, ordentlich und stark zu wirken und seine körperliche Schönheit wurde abgerundet durch einen kontrollierten, wachen Geist. Dieser war es auch, der ihn laut der Vorstellungen des 19. Jahrhunderts der als emotional und eben nicht nüchtern denkenden Frau überlegen machte.

Interessant ist das, weil dieses Ideal, das uns bis heute heimsucht, noch im frühen 19. Jahrhundert kaum existierte. Bis in die 1830er Jahre ähnelten Schönheitsideale für Damen und Herren sich sehr: Auch die Herren trugen Korsett, um die schmale Taille zu erreichen, polsterten ihre Schultern und trugen ihr Haar zwar bereits kurz, aber romantisch frisiert. Das Schlagwort fiel jetzt schon: Die Epoche der Romantik zeichnete sich auch in der Herrenmode ab und satte Farben wie dunkles Rot und Grün waren beliebt.

Im Verlauf des Jahrhunderts wurden diese Farben jedoch von nüchternem Braun, Grau und Schwarz abgelöst, von gepflegten Kurzhaarfrisuren und Bärten. Dass sich die Subkulturen der Epoche explizit gegen diese Ideale stellen, ist auch sicherlich kein Versehen. Die Bohème tritt mit Absicht ein bisschen heruntergekommen auf, die Dandy-Bewegung mit ihrem extravaganten Auftreten stellt sich deutlich gegen das nüchterne, bescheidene Idealbild.

Ganz klar ist, dass nicht jeder Mann sich dem neuen Ideal unterwarf, doch inwieweit es überhaupt einen gesellschaftlichen Konsens zum Thema neue Männlichkeit gab, oder ob es sich eher um ein vages Bewusstsein handelte, das sich immer mehr verfestigte, lässt sich schwer sagen. Auf jeden Fall fließen hier neue moralische Vorstellungen, die Wiederentdeckung alter griechischer Ideale und das Auseinandersetzen mit der menschlichen Psyche zu einem Konzept zusammen, das uns auch heute noch beschäftigt – und das nicht nur im Positiven.


Beitragsbild: H.A. Brendekilde, L.A. Ring, 1882


Selbst nachlesen?

Mangan, James Anthony & Walvin, James: Manliness and Morality. Middle-class Masculinity in Britain and America, 1800–1940. 1991.

Sussman, Herbert: Victorian Masculinities. Manhood and Masculine Poetics in Early Victorian Literature and Art. 2008.

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