Leben im 19. Jahrhundert

Idealbilder I: Weibliche Schönheit zwischen Trends und Orientalismus

Wir heute leben in einer Kultur, die stark auf Äußerlichkeiten achtet und viele Menschen wünschen sich zurück in „einfachere Zeiten“, in denen das noch nicht so gewesen ist. Ob es solche Zeiten wirklich jemals gegeben hat, sei dahingestellt, doch das neunzehnte Jahrhundert ist keine solche Zeit. Die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts achteten wahrscheinlich noch viel mehr auf äußere Schönheit, als wir heute, denn es ist eine Zeit, in der an Kleidung und Aussehen ablesbar war, welchem Stand man angehörte, was man besaß und welche Stellung man in der Gesellschaft innehatte.

Das späte 19. Jahrhundert ging sogar noch einen Schritt weiter: Am Aussehen der Person wollten sie die innersten Gedanken und Gefühle, die Charaktereigenschaften und Vorzüge eines Menschen erkennen können. Eine gefährliche Denkweise, über die ich an anderer Stelle noch berichten werde. Besonders, was die ideale Frau anging, hatten die Menschen in der Belle Époque ganz bestimmte Vorstellungen, die ich heute erklären und besprechen möchte.

Es sei aber gesagt, dass auch hier nicht alle Menschen des neunzehnten Jahrhunderts über einen Kamm zu scheren sind. Ich spreche in diesen Artikeln über gesellschaftliche Konzepte, die weit verbreitet Anerkennung erfahren haben, aber auch viel Kritik. Außerdem sind es Konzepte, die erst in späterer Zeit untersucht und präzisiert wurden und die zwar in der Theorie anwendbar sind, in der Praxis aber durchaus Abweichungen zulassen. Das Verständnis von Geschlecht und Schönheit war zudem sehr cis-normativ und oft misogyn, das als Warnung vorweg.

Grazie und Schönheit – Die Idealfigur des neunzehnten Jahrhunderts

It-Girls der Epoche | Links: Lillian Russell, 1889 (National Portrait Gallery, Smithsonian Institution) | Mitte: Gaynor Rowlands, ca. 1902 | Rechts: Camille Clifford, ca. 1905

Der Inbegriff von Grazie und weiblicher Schönheit im neunzehnten Jahrhundert waren sanfte, weiblich konnotierte Rundungen: Ein rundes, weiches Gesicht, runde Oberschenkel, Hüften und Arme. Als besonders schön angesehen wurde es, wenn eine Frau dazu kleine Hände und Füße besaß. Vielen Leuten hängt der Gedanke nach, dass „dick sein“ im viktorianischen Zeitalter als schön empfunden wurde, aber hier muss man einhaken und ein wenig tiefer gehen. Zuerst einmal muss man sich fragen, was man als „dick“ definieren möchte und was die Viktorianer als „zu dick“ definiert haben.

Ich hoffe persönlich, dass ich einen Blog führe, der gänzlich ohne Diskriminierung auf Basis jeglicher Merkmale auskommt und klar ist, dass es nicht meine persönliche Meinung ist, wenn ich sage, dass die Viktorianer entgegen beliebtem Fehlglauben durchaus ein „zu dick“ kannten und auch hässliches Fatshaming betrieben haben. Königin Victoria selbst galt als junge Frau mit ihrer rundlichen Figur und ihren 1,52 Metern Körpergröße in den Augen vieler Zeitgenossen als „zu dick“. Lillian Russell, oben links, galt als große Schönheit, bis sie mit 26 Jahren 20Kg zunahm, und war dann dem Spott ihrer Gesellschaft ausgesetzt.

Der Knackpunkt dürfte hier die Verteilung des Gewichts auf den Körper sein. Der gewünschte Kontrast wird schon sichtbar, wenn man sich die Rundungen und die gewünschten kleinen Füße anschaut, doch der viel größere Kontrast sind natürlich die schmale Taille und der flache Bauch. Kaum eine Frau verfügte von Natur aus über solch eine Figur, weshalb besonders zum Ende des Jahrhunderts hin, als die Stundenglasfigur nicht mehr durch Krinolinen- und Tournürenmode akzentuiert wurde, die dauerhafte Modifikation des Körpers durch das Korsett Voraussetzung war, um die modische Figur zu erreichen.

Allerdings gab es auch dabei Tricks: Hüften wurden oft zum Beispiel gepolstert, damit sie im Kontrast zur Taille breiter wirkten. Auch der Busen wurde oft optisch vergrößert, indem man Polster trug. Es ist aber ein Irrglaube, dass Frauen ihre Taille auf 45cm schnürten, wie Camille Clifford (oben rechts) es angeblich getan hat. Wenn, dann betrieben Schauspieler.innen und Models solches Tight-Lacing, aber die meisten Frauen reduzierten ihre Taillen nur um wenige Zentimeter. Lillian Russells 61-Zentimeter-Taille galt als Ideal.

Body Shaming im 19. Jahrhundert

Ich denke, ein richtiges Idealgewicht kann man für das neunzehnte Jahrhundert auch nicht bestimmen. (Cis) Frauen waren für gewöhnlich kleiner als heute, rund 1,60 Meter groß im Durchschnitt, was auch eine 60cm-Taille nochmal in ein anderes Licht rückt, und es ist wahrscheinlich, dass eher das Augenmaß bestimmte, wer ideal aussah und wer „zu dick“ oder „zu dünn“ war und nicht die Waage. Ideal war eine sanfte, weiche weibliche Form, mit der Führsorge, Wärme und Reinheit verbunden wurde, jedoch auch fragile Eleganz und Schwäche.

Eine Frau, die in den Augen der Menschen damals „zu dick“ aussah hatte noch mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Freude am Essen wurde als Indiz auf einen ausgeprägten Sexualtrieb gewertet, weshalb eine Frau, die „zu dick“ aussah, gleichzeitig als unmoralisch und unrein gewertet werden konnte, wie es zum Beispiel mit Lillian Russell geschah, als sie zunahm. In einer Gesellschaft, die großen Wert auf die moralische Integrität einer Frau legte, war das für den Ruf natürlich sehr schädlich.

War eine Frau aber „zu dünn“ unterstellten die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts ihr Anfälligkeit für Krankheiten und eine unerwünschte Art von Schwäche: Die, die dazu führt, dass die Frau keine gesunden Kinder zur Welt bringen kann. Ein Klischee, das übrigens immer wieder aufkommt besagt, dass Damen sich, um eine noch schmalere Taille zu erreichen, die untersten Rippen entfernen ließen. Das stimmt nicht. Operationen waren im neunzehnten Jahrhundert oft lebensgefährlich. Schauspielerin und Model Gaynor Rowlands (oben Mitte) verstarb nach einer notwendigen Blinddarmoperation im Alter von nur 23 Jahren. Dieses Risiko wäre keine Dame im Namen der Schönheit eingegangen.

Ich finde aber, dass man ganz gut erkennen kann, dass diese Ideale nur in der Theorie so streng und unnachgiebig gewesen sein werden. Nicht nur galt gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die sehr schlanke Elisabeth von Österreich als schönste Frau der Welt, auch gehörte Gaynor Rowlands zu den schönsten Frauen auf der englischen Bühne um 1900, obwohl sie durchaus mehr Rundungen hatte, als die Idealfigur vorsah. Ihr seht also, dass das Schönheitsideal des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auch andere Formen der Schönheit nicht so konsequent ausschließt, wie man meinen könnte.

Circassian Beauty – Orientalismus, Rassismus und Schönheit 

Unbekannte tscherkessische Frau, spätes 19. Jahrhundert | Şehsuvar Kadınefendi, die tscherkessische Frau von Abdülmecid II., gemalt von ihm selbst, 1898

Ein weiteres wichtiges Indiz weiblicher Schönheit war weiße, gesunde Haut. Hier greift zu einem ein Trend, der Jahrhunderte lang vorgehalten hat: Wer blasse Haut hat, der ist wohlhabend und angesehen genug, um seine Zeit im Haus verbringen zu können. Ein Statussymbol also. Hinzu kommt allerdings im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts ein weiterer Faktor, den man nicht unterschätzen darf: Im Zuge von Imperialismus und Kolonialismus kristallisiert sich langsam gefährlicher Rassismus heraus, nachdem weiße Menschen allen anderen Menschen überlegen seien. Weiße, gesunde Haut ist also ein Schönheitsideal, das durchaus auch auf dieses neue, imperialistische Denken zurückgreift.

Hier muss noch ein weiterer Faktor erwähnt werden, von dem man weniger häufig hört: Der Orientalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Hier kommen die Tscherkessinnen ins Spiel: Die Tscherkessen sind ein Volk, das bis zur Vertreibung durch Russland im Norden des Kaukasus angesiedelt war und dessen Frauen als Inbegriff weiblicher Schönheit galten. Doch nicht nur das: Die Tscherkessen an sich wurden als idealste Form der weißen Ethnien betrachtet, idolisiert und durchaus auch fetischisiert. Zurück geht das auf die Tscherkessen, die zu Zeiten des Osmanischen Reiches von der Küste des Kaukasus als Sklav.innen ins Osmanische Reich entführt worden waren. Im späten achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wird dieser historische Umstand von vielen Künstlern romantisiert.

Die weiße tscherkessische Frau, die im Harem im vorderen Osten lebt und mit ihrer hellen Haut und dem dicken dunklen Haar die schönste unter den Frauen dort ist, wird zum beliebten Motiv innerhalb des Orientalismus und Schönheitscremes und Haarfärbemittel für wohlhabende Viktorianer werden damit beworben, der Frau die Schönheit einer Tscherkessin schenken zu können. Wer jetzt findet, dass das an moderne weiße Menschen erinnert, die mit Selbstbräuner und anderen Mitteln versuchen das Aussehen von Women of Colour nachzuahmen, hat Recht.

Natürlich sollte klar sein, dass dieser fetischisierende Orientalismus sehr heikel und heute mit viel Vorsicht zu betrachten ist, doch er sorgte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dafür, dass besonders dunkle Haarfarben neben dem allseits beliebten Goldblond zu Trendhaarfarben wurden. Haut hatte also weich und weiß zu sein, aber auch Mittelchen, die eine gesunde Färbung in die Wangen zauberten und Sommersprossen entfernten wurden als „tscherkessische Mittel“ vertrieben.

Dass besonders im englischen Sprachraum die weiße Hautfarbe immer noch als „caucasian“ beschrieben wird, geht übrigens auf diesen Orientalismus zurück, denn diese Bezeichnung entstand, nachdem man die Tscherkessen aus dem Norden des Kaukasus wie oben beschrieben zur „idealen Ethnie“ erkoren hatte. Deshalb wird es heute auch zurecht als problematisch betrachtet, “kaukasisch” statt “weiß” zu sagen, denn die Aneignung tscherkessischer Merkmale durch weiße Menschen, während die Tscherkessen Unterdrückung und Vertreibung erlebten, ist reiner Rassismus.

Fazit: Schönheitsideale heute und gestern

Die “ideale Frau” des 19. Jahrhunderts war also nicht “zu dick”, aber auch nicht “zu dünn”. Sie hatte kleine Hände und Füße, ein rundes Gesicht, volle Lippen und dunkelbraunes, dunkelrotes oder goldblondes Haar. Ihre Taille war schmal, doch ihre Hüften sollten ausladend sein, genauso wie ihr Busen. Auch Arme, Oberschenkel und Hals sollten am besten “weiblich rund” sein. Zudem hatte sie sehr blasse weiße Haut ohne Makel und keine Sommersprossen.

Genau wie heute konnte dieses Ideal natürlich keine Frau von Natur aus erreichen. Hüften und Busen wurden gepolstert, Sommersprossen überschminkt oder mit Tinkturen behandelt, die sie verschwinden lassen sollten, und Haar konnte schon damals dunkler gefärbt oder aufgehellt werden. Selbst It-Girls wie Camille Clifford, die als schönstes Mädchen Amerikas bekannt war, sah nicht aus wie ihr ideales Selbst: Oft ist zum Beispiel ihre Taille auf Fotos bearbeitet, damit sie noch schmaler wirkt und ihre Hüften ausgepolstert.

An sich hat sich also (leider) zu damals kaum etwas verändert. Es gab eine ideale Figur und unerreichbare Schönheitsideale, denen nicht einmal die Models selbst entsprachen, die sie bewarben. Was heute Photoshop ist, waren damals Spielereien mit dem Licht oder ganz einfach manuelle Bearbeitung von Fotos mit Schere und Stift. Verändert hat sich nur, was wir schön finden und das zeigt einerseits, dass Schönheitsideale nicht in Stein gemeißelt sind und vom gesellschaftlichen Kontext abhängig, und gleichzeitig wie nichtssagend sie eigentlich sind.


Beitragsbild: “Eitelkeit”, Gustave Léonard de Jonghe, ca. 1890


Selbst nachlesen?

Steele, Valerie: Fashion and Eroticism. Ideals of Feminine Beauty from the Victorian Era Through the Jazz Age. 1985.

Frost, Linda: Never one nation. Freaks, savages, and whiteness in U.S. popular culture. 1850-1877.

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3 Kommentare

  • Jade Jasmin

    genau das was ich gesucht habe <3 thx

    5. Oktober 2013 at 03:09 Reply
  • Charlotte

    Das freut mich. 🙂

    16. Oktober 2013 at 15:37 Reply
  • Mika

    Der Text ist echt interessannt und hilft mir ungemein bei meinem Vortrag.<3

    25. September 2014 at 14:50 Reply
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