Mode

Mode 1880: Zwischen Ästhetizismus und Pariser Mode

Die 1880er sind das Jahrzehnt, in dem die Frauenbewegung zum ersten Mal wirklich in der Mode durchschlägt, denn Frauen verlassen immer öfter das Haus und wollen dafür passend gekleidet sein. Gleichzeitig sind sie das Jahrzehnt, in dem Geschmack beinahe vor Mode geht, denn es ist jetzt en vogue die Farben und Stoffe zu tragen, die einem selbst am besten gefallen. Dieser Einfluss der Artistic-Dress-Bewegung ist besonders im Teekleid zu erkennen, das bereits in den 1870ern aufkommt, aber in den 1880er Jahren in der gehobenen Gesellschaft zum Trend-Kleidungsstück wird.

Desweiteren setzen die 1880er Jahre in Europa und Amerika fort, was die 1870er begonnen haben: Die Belle Époque strebt auf ihren Höhepunkt zu und Kultur und Gesellschaft sind geprägt von Optimismus, dem Wunsch nach politischer Reform und dem Einfluss der Schönen Künste: Literatur, Musik, Kunst und Theater florieren. Kurz gesagt: Die 1880er sind das Belle-Époque-Jahrzehnt schlechthin und das sieht man der dekadenten, ausgefallenen Mode auch nur zu deutlich an.


1880 – 1885: Die Tournüre kehrt zurück

Links und Mitte: Hochzeitskleid, amerikanisch, 1884 | Rechts: Tournüre, 1883 (Met Museum)

Zu Beginn der 1880er bleiben die sehr schmalen Kleider der 1870er mit den natürlich fallenden Röcken in Mode, doch 1883 kehrt die Tournüre zurück, die im Jahrzehnt zuvor schon einmal kurz in Mode war. Diese neue Tournüre ist jedoch größer und die Fülle sitzt direkt unter den Hüften, nicht mehr in der Kniebeuge. Da auch ohne die Tournüre aufgesteckte Schleppen, gefältelte Stoffbahnen und der Polonaise-Stil in Mode geblieben waren, wollte man auf die Tournüre, die diesen Trend noch unterstreicht, wohl nicht verzichten.

Die neue Tournüre gibt der Form der Kleider eine harte, sehr definierte Form, die das Weiche, Bauschige der 1870er ablöst. Dazu passen die neuen asymmetrischen Röcke, die hochgeschlossenen Mieder von Tages- und Dinnerkleidern und vor allem auch die westenartigen Mieder, die oft der Herrenmode der Epoche nachempfunden sind. Wie bereits erwähnt spielt persönlicher Geschmack jedoch jetzt eine größere Rolle als zuvor. Es vergibt verschiedene Mieder, die alle getragen werden können, und auch das Prinzesskleid ohne Taillennaht ist weiterhin beliebt.

Abendkleider mit kurzen Ärmeln und tiefem, herzförmigem Ausschnitt sind so freizügig wie nie und haben eine deutlich größere Tournüre, als Kleider, die im Alltag getragen werden. Während bei Tageskleidern mittlerweile alle Farben in sind, solang sie strahlen, sind Abendkleider nun Weiß, Golden oder in Pastellfarben gehalten. Die angestrebte Figur ist nun das vollendete Stundenglas: Über der geschnürten Taille sitzt ein voller Busen, bei dem ruhig mit Polstern nachgeholfen werden darf, und auch die Hüften sind oft gepolstert, um den Kontrast zur Taille größer wirken zu lassen.

Man merkt der Mode der 1880er stark an, dass die Gesellschaft der Kunst einen deutlich größeren Stellenwert beimisst, als zuvor. Die ästhetische Bewegung ist zwar immer noch eine Subkultur, doch der Sinn für Schönes und Luxuriöses ist im Mainstream angekommen und Mode wird nun auch als Kunst verstanden. Jede.r Pariser Designer.in hat einen eigenen Stil. Das House of Worth ist zum Beispiel für extravagante Details und helle, freundliche Farben bekannt, während die beiden Kleider aus dem Haus Uoll Gross unten links und mittig das neue Kunstverständnis in dekadenten Mustern und Stoffauswahl ausdrücken.

Auch der Japonismus und Orientalismus, der schon seit den 1850ern auf die Mode einwirkt, erlebt eine neue Hochzeit. Besonders in Frankreich sind japanische Einflüsse in der Mode, wie bei dem Abendkleid unten rechts, groß im Trend. In Großbritannien ist der Einfluss der Kolonien Indien und Hong Kong sichtbar. Während Japonismus auf dem Kontinent zumindest noch zum Teil aus Kulturaustausch entstand, kann man bei der Chinoiserie der Zeit und den “orientalischen” Paisley- oder Butamotifen leider nur von Aneignung sprechen, denn sie kamen über Imperialismus und Ausbeutung nach Europa.

1886 – 1889: Pariser Mode und Aesthetic Dress

Links: Tageskleid, Mme. Uoll Gross, 1889 | Mitte: Tageskleid mit Prinzessnaht, Mme Uoll Gross, 1888 | Rechts: Ballkleid mit japanischem Muster, Worth, 1887 (Met Museum)

Um 1885 wird die Tournüre so groß, dass sie den Beinamen “Regaltournüre” erhält, da sie wie auf dem Beitragsbild zu sehen oben so flach ist, dass es aussieht, als könnte man etwas darauf abstellen. Das geht natürlich nicht wirklich, denn auch die Tournüre der 1880er ist flexibel und lässt sich leicht zusammen- und aus dem Weg drücken. Die späteren 1880er entdecken einmal mehr die Extravaganz wieder. Die Röcke werden wieder weiter, natürlich besonders nach hinten weg, aber auch die Schleppen von Abendmode werden wieder länger und die Dekorationen der Tournüre nehmen zu.

Mieder, die in den 1870ern und frühen 1880ern noch sehr lang waren, werden jetzt jedoch kürzer und enden oft in der Taille, um der großen Tournüre Raum zu geben. Ärmel sind meistens enganliegend. Beliebte Stoffe für Tageskleider sind dramatische, schwere Stoffe in leuchtenden Farben, wie Samt, Musselin und Satin. Besonders im Winter wurde auch viel Brokat und Kaschmir getragen, oft mit Fellbesatz.

In den letzten zwei, drei Jahren des Jahrzehnts nimmt die Extravaganz jedoch wieder ab. Das hängt vor allem mit den Bemühungen der 1881 in London gegründeten Rational Dress Society zusammen, die sich für praktischere, alltagstauglichere Mode einsetzte, aber auch mit dem wachsenen Einfluss von Artistic und Aesthetic Dress, zwei Subkulturen, die auf natürlichere Formen setzten. Hier ist eine Beobachtung zu machen, die oft übersehen wird: Immer wenn die Mode des 19. Jahrhunderts tatsächlich droht zu unpraktisch zu werden, passiert auch sofort etwas. Das sieht man in den 1850er Jahren, aber auch hier wieder.

Kurz vor 1890 setzt sich der simple Rock als Alternative zu den kunstvoll aufgesteckten und gefalteten Röcken durch, die seit den späten 1860ern modern gewesen waren. In dieser Zeit ist kaum noch ein Trend vorgeschrieben. Die modebewusste Dame der gehobenen Gesellschaft kann eine große Tournüre mit aufgesteckten, reich verzierten Röcken tragen, aber auch einen simplen Rock über einem kleinerem Hüftpolster mit schlichter Bluse und offenem Mieder. Individualität, der eigene Geschmack und vor allem der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit stehen jetzt deutlich mehr im Mittelpunkt, als stur der neusten Mode zu folgen.

Die 1880er zwischen Reform und neuer Mobilität

Links: Teekleid, Liberty of London, 1885 | Mitte: Reformmode, Abendkleid, Liberty of London, 1880er | Rechts: Seekleid, amerikanisch, ca. 1885 (Met Museum)

Reformmode und Aesthetic Dress hatten wie gesagt einen riesigen Einfluss auf die Pariser Mode. Die wohl wichtigste Entwicklung ist das Teekleid: Es kommt bereits in den 1870er Jahren auf, gehört aber in den 1880er Jahren zur Garderobe jeder wohlhabenden Dame. Das Teekleid wird auch als Mischung zwischen Morgenmantel und Abendkleid beschrieben, denn es wird ausschließlich im Haus getragen. Und zwar ohne Korsett und Tournüre. Es ist sozusagen “lounge wear”: Auf der Straße ein Skandal, doch man kann darin problemlos gute Freund.innen empfangen.

Besonders das Designhaus Liberty of London setzt in den 1880ern einen Fokus auf Teekleider und Reformmode, die Einfluss auf den Mainstream nimmt. Das Abendkleid in der Mitte hat eine angedeutete Tournüre, wird aber ohne das Gestell getragen und griechischer und römischer Mode der antike Nachempfunden. Designer E.A. Godwin teilte die Auffassung der Ästheten, zum Beispiel von Oscar Wilde, dass die Pariser Mode hässlich und “unehrlich” war. Mode sollte wieder natürlicher werden, aber deshalb natürlich nicht weniger luxuriös. Das goldene Kleid in der Mitte ist ein gutes Beispiel dafür, wie genau das gemeint ist.

Darüber hinaus sind die 1880er Jahre das Jahrzehnt, in denen Frauen wirklich mobil werden. Das bringt natürlich besonders Veränderungen in der Sportmode mit sich. Reit- und Jagdkostüme für Damen sind keine aufwendig gestalteten Kleider mehr, sondern werden praktischer und erlauben es Frauen nicht nur auf dem Pferd sitzend zuzuschauen, sondern tatsächlich mitzureiten und teilzunehmen. Das Kleid oben rechts ist ein Kleid für den Sommerurlaub und wurde zum Beispiel auf einer Segelyacht oder beim Spazieren auf der Strandpromenade getragen. Es setzt zwar die Tournüre voraus, hat jedoch einen kürzeren Rock, der Bewegungsfreiheit gibt.

Haare und Hüte der 1880er Jahre

Links: Ottonie Bendroth, Schweden, 1882 | Mitte: Mathilda Jungstedt, Schweden, 1889 | Rechts: “Die Australierin” mit federgeschmücktem Hut, Tom Roberts, 1888

Das Haar trug man in den frühen 1880er Jahren ähnlich wie in den späten 1870er Jahren: Es musste aufgesteckt sein, doch es durfte lang auf die Schultern oder den Rücken hinunterfallen. Haar konnte aber auch auf der Krone oder am Hinterkopf zusammengesteckt getragen werden, zu Locken gebrannt oder glatt, mit Pony oder ohne. Auch hier zeichnet ab, dass die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts lockerer und offener wird und immer mehr Individualität und den Ausdruck des eigenen Geschmacks und Charakters in den Mittelpunkt stellt.

Gegen Ende der Dekade wird der simple Topknot beliebt: Man bindet das Haar auf der Haarkrone oder in der Mitte des Kopfes zu einem festen Knoten. Der Pony bleibt aber in Mode. Auch für Hüte und Hauben gilt: Es gibt sie in allen Formen und Farben, es wird kein dominanter Stil mehr vorgeschrieben. Hüte können dem Zylinder der Herrenmode nachempfunden sein, müssen es aber nicht. Im Sommer sind Strohhüte und -hauben beliebt, im Winter welche aus Filz oder mit Samt bespannt. Man verziert Hüte und Hauben weiterhin je nach Jahreszeit mit Federn, Blumen, Schleifen, Bändern oder kleinen Schleiern.

Fazit: Die 1880er zwischen Kunst und Etikette

Die 1880er entdecken nun vollends die Individualität, eine Entwicklung, die sich schon seit einigen Jahren anbahnte. Hier fließen Frauenbewegung, Reformmode und Anti-Moden wie Artistic und Aesthetic Dress zusammen, sowie das neue Verständnis für die Wichtigkeit von neuer, manchmal sogar skandalöser Kunst, Literatur und Musik. Kolonialismus und Imperialismus, aber auch Kulturaustausch, zum Beispiel durch japanische Communities in Paris, bringen auch immer wieder orientalische und südostasiatische Einflüsse in die Mode.

Das Ergebnis ist die dekadente, schillernde Mode der 1880er Jahre, die zwar allgemeine Trends wie die Stundenglasfigur oder die Tournüre kennt, aber auch viel Raum für Individualität lässt: Zum ersten Mal seit langem soll Mode nicht nur Status und Wohlstand der Träger.innen ausdrücken, sondern auch persönlichen Geschmack und Charakter. Die Mode der 1880er ist Ausdruck einer sehr kulturell orientierten Gesellschaft, die optimistisch in die Zukunft sieht und an Reform und Fortschritt glaubt. Und genau das zeichnet die Belle Époque auch im Allgemeinen aus.


BeitragsbildFranzösische Modezeichnung, August 1884


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Matthews, Mimi: A Victorian Lady’s Guide to Fashion and Beauty. 2018.

Nunn, Joan: Fashion in Costume, 1200–2000. 2000.

Steele, ValerieParis Fashion. A Cultural History. 1998.

0

You may also like

Kommentieren