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Leben im 19. Jahrhundert

Willkommen zum Tanz: Ein Ball im 19. Jahrhundert

Der Ball des 19. Jahrhunderts ist nicht nur ein Freizeitevent für das gehobene Bürgertum und den Adel in Europa und Amerika, sondern auch der Schauplatz, an dem Status und Klasse bewiesen werden müssen. Der soziale Ruf hängt davon ab, ob man die großen Bälle der Saison besucht, was man trägt, mit wem man dort gesehen wird und natürlich wie man sich benimmt. Man wollte Spaß haben, aber gleichzeitig waren die Regeln der Etikette des 19. Jahrhunderts auf den Tanzflächen der Ballsäle noch einmal angezogen.

Hier wurden junge Damen der Gesellschaft präsentiert und lernten potentielle Ehepartner kennen. Hier entstand auch Klatsch und Tratsch, der die gehobene Gesellschaft für Wochen beschäftigen konnte und als dessen Zentrum man sich nicht wiederfinden wollte. Hier galt: Gesehen und gesehen werden. Und natürlich war die Gesellschaftsdame, die den größten, schillerndsten Ball der Saison gab, auf dem besten Wege die Gesellschaftsdame Nummer Eins zu werden. Heute wollen wir uns die Do’s and Don’t’s eines Balls im 19. Jahrhundert ansehen.

Wer organisiert den Ball?

“Ein eleganter Abend”, Victor Gabriel Gilbert, ca. 1890

Bevor ein Ball jedoch stattfindet, muss er jedoch erst einmal organisiert werden. Wer das tut hängt davon ab was für eine Art Ball es ist. Der Debütantinnenball ist beliebt. Er wird von den Eltern einer jungen Frau aus gutem Hause ausgerichtet, die offiziell der Gesellschaft vorgestellt werden soll. Der Ball ist ihr Eintritt in die feine Gesellschaft und ins Erwachsenenleben. Viel häufiger werden Bälle aber von sogenannten Ballkomitees organisiert. Diese Komitees können auch beauftragt werden, um einer Gastgeberin bei der Planung eines privaten Balls behilflich zu sein.

Diese Komitees bestanden aus knapp zwanzig Leuten, die meist wochenlang mit der Planung eines einzigen Balls beschäftigt waren. Von der Dekoration über das Orchester, die Anmietung eines Veranstaltungsortes bis zum aufwendigen Abendessen in mehreren Gängen, alles musste genau passen, um einen Ball zum unvergesslichen Event einer Saison zu machen. Doch auch auf dem Ball selbst hatte das Komitee noch viel zu tun: Die Mitglieder behielten den Überblick über alle Gäste und sorgten dafür, dass jede.r sich amüsierte. Sahen sie zum Beispiel eine junge Frau einsam am Rand sitzen, stellten sie ihr offiziell einen Tanzpartner vor.

Bälle finden entweder in den privaten Ballsälen der besonders wohlhabenden Mitglieder der Gesellschaft statt, oder in angemieteten Ballsälen in der Stadt. Diese verfügten nicht nur über den Tanzsaal selbst, sondern auch über einen separaten Speisesaal, denn natürlich wurde das Essen nicht mit in den Ballsaal genommen. Fiel es auf die Tanzfläche wurde es zertreten und im gesamten Saal verteilt, was vermieden werden sollte. Oft gab es oben drauf noch kleine Erholungsräume, in denen den gesamten Abend über Getränke, Sandwiches und Eiscreme bereitstanden.

Doch nicht nur die gehobenen Klassen der Gesellschaft gingen gern tanzen. Auch das gewöhnliche Bürgertum und Arbeiter.innen wussten sich zu amüsieren. In großen Städten gab es Tanzlokale, Music Halls und Varietés, in denen es Vorstellungen gab und in denen getanzt wurde. Auch Tanzschulen öffneten am Abend ihre Türen und gaben kleine Feiern. Hier musste man sich weniger Gedanken über das eigene Auftreten und Benehmen machen, denn die strengen Regeln der Etikette waren eher gelockert als noch angezogen. Während die privaten Bälle der High Society oft bis in die frühen Morgenstunden andauerten, schlossen die Tanzlokale allerdings gegen Mitternacht ihre Pforten.

Die Frage der Kleidung 

Links: Ballkleid, britisch, ca. 1869 | Mitte: Ballkleid, britisch, 1875 | Rechts: Ballkleid, Worth, französisch, ca. 1898

Wenn der Ball organisiert und die Einladungen verschickt waren, stellte sich besonders für die Damen der Gesellschaft eine wichtige Frage: Was sollte getragen werden? Das Ballkleid musste natürlich nach der neusten Mode geschnitten und kostbar sein und die meisten Träger.innen machten es sich zum Ziel das schönste Kleid der Saison zu tragen und aufzufallen. Ballkleider haben kurze Ärmel und tiefe, meist herzförmige Ausschnitte. Junge, unverheiratete Frauen trugen leichte Stoffe wie Seide, Tüll oder Tarlatan, während verheiratete Frauen schwere, luxuriöse Stoffe wie Samt und Satin bevorzugten.

Zudem gab es Geschmacksfragen zu klären. In Handbüchern der Ära werden Frauen mit hellen Haaren und Augen helle Stoffe empfohlen, während dunkelhaarige Frauen eher zu intensiven, strahlenden Farben griffen. Ähnliches gilt für verschiedene Körpertypen. Schlanken Frauen wurden Pastelltöne angeraten, während kurvigere Frauen satte Farben tragen sollten. Das waren jedoch keine Regeln und am Ende konnten alle Träger.innen selbst entscheiden, wozu sie Lust hatten. Eine schlanke Schwarzhaarige hätte also vielleicht Violett getragen, eine fülligere Blondine Pink.

Eine schlanke, blonde Frau in kräftig-roter Seide wäre aber sicherlich nicht als Faux-Pas wahrgenommen worden. Eine ältere, verheiratete Dame in einem Kleid aus blassrosa Tüll aber schon, denn diese Farbe und dieser Stoff waren den jungen Debütantinnen vorbehalten, die auf Bällen durchaus auch versuchten die Augen junger unverheirateter Männer auf sich zu ziehen. Wirklich falsch machen konnte man es aber nur, wenn man zu einem Ball gedeckte Farben wie Braun, Grau oder Schwarz trug, denn Bälle sollten fröhlich und bunt sein. Die langen Handschuhe durften natürlich auch nicht vergessen werden.

Auch für Ballfrisuren gab es reichlich Tipps in Magazinen und Handbüchern. Schönes, volles, langes Haar in Trendfarben wie Blond oder Schwarz musste nicht groß verziert werden, da es für sich selbst sprechen konnte. Ein Kamm oder eine Blume reichten aus. Hatte man aber dünnes oder brüchiges Haar in unbeliebten Farben wie Rot oder Mausbraun mussten Hilfsmittel wie Federn, Haarbänder und Spangen her.

Herrenmode für den großen Ball ist sehr schnell zusammengefasst: Es wird ausschließlich der schwarze Abendanzug mit weißer Weste, weißem Taschentuch und weißen Handschuhen getragen, wenn man sich nicht lächerlich machen möchte. Die Farbe der Halsbinde darf selbst ausgewählt werden, aber sie darf nicht aus Seide sein. Ein Herr, der in einem braunen Morgenanzug zu einem Ball erscheint wäre zum Gespött der Saison geworden und als geschmacklos und ungehobelt wahrgenommen worden. Natürlich musste er auch anstandslos frisiert und rasiert sein. Für Bohème-Chic war auf den Bällen der High Society kein Platz, wenn man es nicht darauf anlegte einen solchen Ruf zu bekommen.

Vor dem Tanz

Zwei Frauen mit Tanzkarten | Carl Hermann Kuechler, 1882

Man erschien zum Ball im Familienverband, denn wurde man zu einem Ball eingeladen galt das als große Ehre: Man war Teil der obersten Schicht der High Society. Deshalb galt es zum Beispiel als so eine große Schmach, als die New Yorker Gesellschaftsdame schlechthin, Lina Astor, und ihre Tochter Carrie 1883 keine Einladung zum großen Kostümball der Alva Vanderbilt, die nach Lina Astors Platz an der Spitze strebte, erhielten. Es war bekannt, dass Lina die Vanderbilts für neureich und nicht einflussreich genug hielt und Alva revangierte sich auf diese Weise, die für die Astors eine große Blamage darstellte. Erst, als Lina Alva Vanderbilts Status anerkannte, wurden die Einladungen nachgeschickt.

An der Eingangstür trennten sich die Familien jedoch erst einmal nach Geschlecht in Frauen und Männer auf. (Das 19. Jahrhundert hatte ein sehr binäres Geschlechtsverständnis.) Es gab getrennte Garderoben und Salons, in denen sich Damen und Herren erst einmal untereinander unterhielten. Man traf sich später im Ballsaal wieder. Die ersten, die den Saal betragen, waren die Musiker.innen, hinter denen die Paare einliefen. Es wurde jedoch nicht sofort getanzt. Es standen am Rand Tische und Stühle bereit, wo man sich unterhalten konnte. Die wirklich modischen Menschen bekamen den Ballbeginn aber gar nicht mit: Sie erschienen nach der neusten Mode mindestens eine halbe Stunde zu spät.

Es kam oft vor, dass sich unverheiratete Herren und Damen auf Bällen zu Paaren zusammenfanden und den Abend miteinander verbrachten. Geschah das, lag es in der Pflicht des Herren dafür zu sorgen, dass die Dame sich gut amüsierte. Gelang ihm das nicht, schadete das seinem Ruf und er musste sich gar nicht erst einbilden, dass sich die Dame noch einmal mit ihm treffen würde. Ein Paar durfte allerdings nur drei Tänze miteinander tanzen. Alles andere wäre als unhöflich den anderen Gästen gegenüber verstanden.

Der Tanz beginnt

“Das Abendessen auf dem Ball”, Adolph Menzel, 1878

Unverheiratete Frauen trugen deshalb Tanzkarten und Bleistifte mit sich, mit denen sich ihre Tanzpartner der Reihe nach eintragen konnten. So kam es nicht zu Streitereien um einzelne Tänze. War die Tanzkarte voll, hatte man Pech gehabt, man war zu spät gekommen. Oft trugen sich alle Freund.innen eines jungen Mannes in die Tanzkarte seiner Freundin ein, um ihm zu helfen ihr einen schönen Abend zu bereiten und sie besser kennenzulernen, da man sich beim Tanzen natürlich auch unterhielt. Jungen Frauen stand es natürlich offen Tanzpartner auch abzulehnen. Sie mussten nicht jeden seinen Namen in die Karte schreiben lassen.

Bevor man sich eintragen durfte, gehörte es sich außerdem sich zuvor zu verbeugen und höflich nach einem Tanz zu fragen. Männer, die Frauen auf Bällen bedrängten, unhöflich waren oder aggressiv reagierten, wenn die Dame ihre Einladung zum Tanz ablehnte, büßten dafür mit ihrem guten Ruf. Ein solches Verhalten sprach sich herum und schmälerte die eigenen Heiratschancen. Leider haben sich die privilegiert aufgewachsenen Männer auf Bällen oft nicht besonders gut verhalten. Sie betranken sich, machten sich über Frauen lustig und bedrängten sie. Für so ein Verhalten konnten junge Männer vom Hausherren oder vom Komitee rausgeworfen werden und wurden sicherlich beim nächsten Mal nicht wieder eingeladen.

Die einzelnen Tänze waren durch Pausen unterbrochen. Ein neuer Tanz wurde mit einer Trompete angekündigt. Alle Paare, die am Tanz teilnehmen wollten, stellten sich dann auf der Tanzfläche auf. Im 19. Jahrhundert führte der Mann die Dame beim Tanz und durfte sie danach nicht einfach stehen lassen, sondern musste sie zu ihrem nächsten Tanzpartner oder zurück zu ihrem Tisch begleiten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind Gruppentänze wie der Cotillion, die Quadrille oder die Polka noch sehr beliebt, im späten 19. Jahrhundert kommen Paartänze hinzu, wie der zuerst als sehr anstößig empfundene Wiener Walzer.

Es durften übrigens auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare auf die Tanzfläche. Besonders, wenn zwei Herren oder zwei Damen für einen Tanz keine Partner.innen gefunden hatten, war das Gang und Gäbe. Saß aber zum Beispiel ein tanzwilliger Herr partnerlos am Rand, galt es als respektlos ihn dort sitzen zu lassen und stattdessen mit der besten Freundin zu tanzen. Auch verheiratete oder verlobte Paare sollten so wenig wie möglich miteinander tanzen. Der erste und letzte Tanz waren für romantische Partner.innen reserviert. Ansonsten ist das Tanzen nicht unbedingt etwas Romantisches, sondern einfach ein Zeitvertreib, bei dem man auch neue Freund.innen kennenlernen kann.

Nach dem Ball

Eine junge Frau fällt erschöpft ins Bett, ihr Ballkleid liegt noch auf dem Boden | “Nach dem Ball”, Carl Thomsen, 1873

Gegessen wurde auf Bällen sehr spät, meist gegen Mitternacht oder noch später. Hierzu fand man sich im Speisesaal ein, wo ein bis zwei Stunden das mehrere Gänge beinhaltende Festmahl serviert wurde. Danach wurde oft noch bis in den frühen Morgen weitergetanzt. Bälle fanden meistens am Samstagabend statt, sodass viele Gäste die Kirche am nächsten Morgen ausfallen ließen und bis in den Nachmittag schliefen. Wollte man das nicht, kam es auch vor, dass man nach dem Ball nur kurz nach Hause fuhr um sich umzuziehen und dann direkt wieder zur Kirche aufbrach, ohne zu schlafen.

Wollte man den Ball verlassen, tat man das ausschließlich mit der Person oder den Personen, in deren Begleitung man auch gekommen war. Man ging leise und ohne großes Aufsehen, um die verbleibenden Gäste nicht zu stören, und verabschiedete sich bloß von den Gastgeber.innen, wenn diese nicht gerade beschäftigt waren. Es galt als höflich den Gastgeber.innen ein paar Tage nach dem Ball die Karte als kleine Aufmerksamkeit und Dank für das Ausrichten der Feier zukommen zu lassen. Hatte einem ein Ball besonders gut gefallen, konnte man auch persönlich zu Besuch kommen und die Feier noch einmal besprechen.


Beitragsbild: “Der Ball”, Charles Wilda, 1906


Selbst nachlesen?

Clendenen, Frank Leslie: Fashionable Quadrille Book and Guide to Etiquette. 1895.

Howe, Elias: Howe’s Complete Ball-Room Handbook. 1858.

Scott, Edward: Dancing as an Art and Pastime. 1898.

Victorian Pride: Types of Victorian Dances. 2013. 

Victoriana Magazine: How to Have A Victorian Ball. 

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