Leben im 19. Jahrhundert

Eine viktorianische Hochzeit

Das viktorianische Ideal sah die Hochzeit als wichtigsten Tag im Leben einer Frau an: Gutbürgerliche und adelige Mädchen hatten von kleinauf gelernt, dass Ehe und Muttersein das größte Glück waren, das sie erreichen konnten. Besonders im frühen viktorianischen Zeitalter ist die Ehefrau der “Engel im Haus”, der immer liebevoll und hilfsbereit ist und sich um den guten Ruf der Familie kümmert, um das Anleiten der Dienstboten, die familiären Ausgaben und natürlich um das Wohlergehen von Kindern und Ehemann.

Eine Frau, die nicht heiratet und keine Kinder hat wird als gescheiterte Existenz angesehen: Sie liegt ein Leben lang den Eltern auf der Tasche und wird als unglückliche, unerfüllte Person wahrgenommen. Erst, als es auch Frauen aus den gehobenen Klassen im späten 19. Jahrhundert möglich wird zu arbeiten und selbst Geld zu verdienen, allein zu leben und für sich selbst zu sorgen, baut sich das Klischee der “alten Jungfer” langsam ab, hängt uns aber bis heute nach.

Während sich das Idealbild des “Engels im Haus” ab den 1860er Jahren zu lockern begann, bleibt das Ideal jedoch noch bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Wie Frauen der gehobenen Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu ihrem Ehepartner kamen, habe ich bereits erzählt. In “Das ideale Selbst” könnt ihr nachlesen, welchen Stellenwert die Liebe hatte und wie man sich verlobte. Aber wie geht es nach der Verlobungszeit weiter? Wann und wie wird im 19. Jahrhundert geheiratet?

Brautsteuer und Vorbereitungen

Hochzeitskleider des 19. Jahrhunderts | Links: Amerikanisch, ca. 1858 | Mitte: Amerikanisch, 1868| Rechts: Amerikanisch, ca. 1889

Hochzeiten werden von Braut, weiblichen Verwandten und Freundinnen sehr genau geplant, sodass am großen Tag wirklich nichts schiefgehen konnte. Der beliebteste Monat zum Heiraten war der Juni: Benannt der römischen Göttin der Ehe, Juno, stehen im Juni außerdem die Chancen auf schönes Wetter gut. Auch der April und die Wintermonate waren beliebt, der Mai jedoch galt als Unglücksmonat und wurde vermieden. Der beliebteste Wochentag zum Heiraten war der Mittwoch, doch auch Montage und Dienstag sollten Glück bringen. Samstag und Sonntag hingegen sind undenkbar, da sie Gott gewidmet sein sollten.

Die Wahl des Hochzeitskleides war außerhalb der gehobensten Kreise nicht so wichtig wie heute. In Weiß wurde im 19. Jahrhundert nicht so oft geheiratet. Tatsächlich war Königin Victoria selbst eine der ersten Frauen, die sich für ein weißes Kleid entschieden, und während viele Frauen ihrem Beispiel folgten, taten es längst nicht alle, denn für lange Zeit galt Weiß als die Farbe der Braut, die nichts in die Ehe mitbringen konnte. Während heute oft in viktorianisch anmutenden Kleidern mit Krinoline geheiratet wird, ist das Hochzeitskleid im 19. Jahrhundert nach der neusten Mode geschnitten.

Viele ärmere Frauen heirateten auch einfach in ihrem besten Kleid, für gewöhnlich ein Kleid, das auch Sonntags in die Kirche angezogen wurde, und nutzten das Kleid auch nach der Hochzeit weiterhin für seinen eigentlichen Zweck. Einige moderne Traditionen gab es auch im 19. Jahrhundert bereits: Man hatte etwas Geliehenes dabei, etwas Altes, etwas Neues und etwas Blaues und manchmal ein Geldstück im Schuh, dass der Ehe Glück und Wohlstand bringen sollte.

Die Zeremonie

Eine Braut trägt sich ins Kirchenbuch ein, Edmund Blair Leighton, ca. 1900

Der Bräutigam erschien in Schwarz, andere Farben waren eigentlich undenkbar, und trug oft cremefarbene oder weiße Handschuhe und Weste. Im Knopfloch des Jacketts steckte eine Blume. Genau wie heute gibt die Braut vor, was die Brautjungfern tragen und, falls vorhanden, streuen die jüngeren Geschwister Blumen. Der Vater geleitet die Braut zum Altar, wo der Bräutigam wartet, während ein jüngerer Bruder oder ein anderer Verwandter die Schleppe trägt.

Als Gast einer Hochzeit erscheint man in guten Nachmittagskleidern und Anzügen. Abendgarderobe ist dem Brautpaar überlassen und als Frau im Abendkleid oder als Mann im schwarzen Abendanzug zu erscheinen würde als sehr unangenehm angesehen werden, da man dem Brautpaar die Schau stehlen würde. Um elf Uhr am Vormittag finden sich die Gäste in der Kirche oder im Haus der Braut für die Zeremonie ein. Geheiratet wird ausschließlich Mittags. Eheringe sind schlicht und meistens trägt nur die Ehefrau einen, der Mann nicht.

Nach der Zeremonie unterschreibt die Braut im Kirchenbuch zum letzten Mal mit ihrem Mädchennamen, denn sobald sie über die Schwelle nach draußen tritt, trägt sie den Namen ihres Ehemanns. Im 19. Jahrhundert war es noch nicht möglich seinen Mädchennamen zu behalten, nicht einmal als Doppelnamen. Das Brautpaar tritt gemeinsam aus der Kirche und besteigt eine Kutsche, meist von weißen Pferden gezogen, die sie zum Haus der Eltern des Bräutigams bringt, wo die Hochzeitsfeier abgehalten wird, bei der es traditionellen Hochzeitskuchen, Früchtekuchen, gibt, der nicht gegessen, sondern bis zum 25. Hochzeitstag aufgehoben wird.

Im frühen 19. Jahrhundert galt es noch als unfein der Braut zur Hochzeit zu gratulieren. Eine Ehefrau zu werden galt als Ehre genug und auch als Erfüllung einer Pflicht, wozu einem nicht gratuliert werden musste. Im Verlauf des Jahrhunderts, in Zuge von gesellschaftlichen Veränderungen und der Arbeit früher Feministinnen, verändert sich jedoch auch langsam das Bild auf die Braut und Gratulationen werden salonfähig und bald ein Muss.

Die Flitterwochen

Nach der Feier zieht das Brautpaar sich zurück, um sich umzukleiden und dann zu ihrer Hochzeitsreise aufzubrechen, falls es sich um ein Paar handelt, das wohlhabend genug ist, um sich das erlauben zu können. Beliebte Ziele von Briten waren der europäische Kontinent. Besonders der mediterrane Raum war auch in Deutschland und Frankreich beliebt. Wer nicht so viel Geld hatte, reiste natürlich nicht so weit, bis es gegen Ende des Jahrhunderts dank Fortschritte im Reiseverkehr erschwinglicher wird. Um 1900 unternehmen reiche Amerikaner.innen als Hochzeitsreise oft sogar ganze Europarundreisen.

Nach der Hochzeitsreise beziehen wohlhabende Paare gemeinsam ein neues Haus, entweder gemietet oder gekauft, in dem sie von nun an gemeinsam leben und nach viktorianischem Ideal eine Familie aufbauen werden.


Beitragsbild: “Vor der Hochzeit”, Illarion Pryanishnikov, 1893


Selbst nachlesen?

Hoppe, Michelle J.: The Victorian Wedding. 1997.

Phegley, Jennifer: Courtship and Marriage in Victorian England. 2011.

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3 Kommentare

  • Alessandra Ress

    Hallo, mein Kompliment zu deinem Blog, der ist ja mal echt ein wunderhübsches und informatives Exemplar! Vor allem für viktorianisch völlig Unwissende wie mich 😉 Schöne Grüße,Alessandra

    28. Oktober 2012 at 14:23 Reply
  • Artful Katie

    Oh danke. Freut mich, dass es dir gefällt. 🙂

    30. Oktober 2012 at 18:33 Reply
  • malefiz33

    Herzlichen Dank für diesen Blog.Es ist so viel interessantes hier zu lesen.Findet man nirgends im Netz.Ein dickes Lob!!

    9. Juli 2017 at 21:13 Reply
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