Mode

1885: Ein Blick in den Kleiderschrank einer Pariser Adeligen

In meinem Mode Guide ist jetzt schon öfter angeklungen, dass es besonders im späteren 19. Jahrhundert eine sehr strenge Kleiderordnung gibt. Bis ungefähr in die 1850er wird zwischen Tageskleid und Abendkleid unterschieden, doch danach blättern sich diese Kategorien immer weiter auf. Denn es ist nicht egal, welches Kleid man zu welchem gesellschaftlichen Anlass, zu welcher Tageszeit und in welchen Farben trägt. Kleidung hat Bedeutung, soziale und repräsentative, und besonders für Mitglieder des Bürgertums und des Adels ist ein Faux Pas undenkbar.

Deshalb möchte ich euch heute Mademoiselle Florence Joubert vorstellen, an deren Beispiel wir uns genauer ansehen werden, was sich im Jahr 1885 im Kleiderschrank einer wohlhabenden jungen Frau befindet. Florence ist die Tochter eines Pariser Marquis, sie ist neunzehn Jahre alt und genießt ihre zweite Saison, an deren Ende sie hofft einen geeigneten Ehemann gefunden zu haben. Florence hat rotblondes Haar und blaue Augen: Sie bevorzugt deshalb leichte, helle Stoffe und Farben, während ihre beste Freundin Amélie mit schwarzen Haaren, dunklem Teint und braunen Augen eher kräftige, strahlende Farben trägt.

Bei der Auswahl der Beispielstücke habe ich versucht auf diese eher inoffiziellen Regeln zu Farbgebung und Stoffauswahl zu achten, denn in der Belle Époque gab es tatsächlich Richtlinien und Handbücher dazu, welche Farben und Stoffe welchem Frauentyp am besten stehen würden. Zudem hätte eine Frau wie Florence jede Saison neue, modische Kleidung getragen, wahrscheinlich von Worth und Paquin, denn sie ist reich und hat einen hohen gesellschaftlichen Status. Ich war aber natürlich auf die vorhandenen Beispiele angewiesen, weshalb hier vielleicht nicht immer alles passt. Seht es mir bitte nach.


Das Morgenkleid: Gemütlicher Start in den Tag

Links und Mitte: Morgenkleid, amerikanisch, ca. 1885 (Met Museum) | Rechts: Hausmantel, japanisch, ca. 1885 (LACMA)

Das Morgenkleid wird, wie der Name schon sagt, am Morgen getragen. Im Morgenkleid frühstückt Florence, blättert in ihren Magazinen und bespricht ihre Pläne für den Tag mit ihrer Mutter. Es ist meist hochgeschlossen und aus weißer Baumwolle, darf aber nicht außerhalb des Hauses getragen werden, da es informelle Mode ist. Florence kann darin aber enge Freund.innen empfangen, die morgens zu Besuch kommen, zum Beispiel Amélie. Käme jemand vorbei, den sie nicht so gut kennt, würde sie sich jedoch umziehen.

Um 1885 verschwimmen die Grenzen zwischen Morgen- und Teekleid langsam und in den 1890ern wird das Morgenkleid kaum noch getragen. Die meisten Besucher.innen kommen jetzt am Nachmittag zum Tee, nicht mehr morgens, und das bequeme Teekleid löst das Morgenkleid als informelle “lounge wear” ab. Obwohl das Morgenkleid das informellste Kleidungsstück der Epoche ist, ist es trotzdem nach der neusten Mode geschnitten und vor allem elegant und fein verarbeitet.

Der Hausmantel, oder “robe de chambre“, ist ebenfalls ein Kleidungsstück, das vorwiegend am Morgen getragen wird. Er ist das Äquivalent zum modernen Bademantel und von asiatischer Mode inspiriert. Japanische Kultur ist im Fin de Siècle modern, sodass Florence sehr gut einen Morgenmantel wie den oben rechts besessen haben könnte. Er wurde in Japan für den Verkauf in der westlichen Welt hergestellt. Florence hätte ihn direkt nach dem Aufstehen über dem Nachthemd getragen oder während des Frisierens über ihrer Unterwäsche.


Das Teekleid: Informelle Kleidung für den Morgen und Nachmittag

Links und Mitte: Teekleid, Liberty of London, 1885 | Rechts: Teekleid, amerikanisch, 1880er (Met Museum)

Das Teekleid wird ähnlich wie das Morgenkleid im Haus getragen. Es ist ebenfalls sehr informelle Mode, die stark vom Artistic Dress beeinflusst ist und asiatische und orientalische Einflüsse haben kann. Darüber hinaus orientiert es sich oft an historischer Mode, besonders an der “en chemise“-Mode des späten 18. Jahrhunderts. Das Teekleid kann ohne Korsett oder andere formgebende Unterwäsche getragen werden, was im Jahr 1885 für Florence bedeutet, dass sie es ohne Tournüre trägt, wenn am Nachmittag ihre Freund.innen zum Tee kommen.

Das Teekleid ist oft das Aushängeschild der Modedesigner.innen und wird daher natürlich auch von Worth in Paris oder besonders Liberty of London verkauft. Es ist oft in hellen Farben gehalten, kann aber auch dunkler sein. Das Teekleid trägt Florence eigentlich immer, wenn sie zuhause ist und auch bei informellen Abendessen mit guten Freund.innen. Emily Post beschrieb das Teekleid 1922 als Mischung zwischen Morgenmantel und Ballkleid: Es ist informell und gemütlich, aber immer modern geschnitten und aufwendig hergestellt.

Teekleider, Morgenkleider und Hausmäntel unterscheiden sich oft nur in den verwendeten Stoffen und Dekorationen, denn sie verfolgen dieselbe Idee: Ein gemütliches, unstrukturiertes Kleidungsstück, in dem man zuhause seinem Tag nachgehen und trotzdem elegant und modisch gekleidet sein kann. Das ist auch an beiden Beispielen oben ersichtlich: Beide Teekleider haben einen angedeuteten Umhang, der den Anschein eines sehr eleganten Hausmantels über einem losen Kleid macht, wie es bei Teekleidern üblich war.


Das Nachmittagskleid: Modisch, elegant & Statussymbol

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1885 | Mitte: Nachmittagskleid, Worth, französisch, 1888 | Rechts: Nachmittagskleid, amerikanisch, 1885 (Met Museum)

Das Nachmittagskleid ist das wichtigste Tageskleid, denn Florence trägt es, wenn sie Bekannte und Freund.innen besuchen fährt oder Bekannte daheim empfängt. Es zeichnet sich durch den bodenlangen Rock, die langen Ärmel und das hochgeschlossene Mieder aus. Florences Nachmittagskleider im Jahr 1885 wären nach der neusten Mode geschnitten und sie würde sie mit Tournüre und Korsett tragen. Das Nachmittagskleid soll gesehen werden: Es ist ein Statussymbol und drückt den guten Geschmack und das Vermögen der Träger.innen aus.

Deshalb sind Nachmittagskleider aus besonders kostbaren Stoffen, oft Seide oder – besonders im Winter – Samt, und detailverliebt entworfen und verziert. Nachmittagskleider können Schleppen haben, müssen aber nicht, und welches Nachmittagskleid man zu welcher gesellschaftlichen Verpflichtung trägt ist auch nochmal eine wichtige Überlegung. Kommt Florences Tante mit ihrer Familie zu Besuch trägt Florence ein einfacheres Nachmittagskleid, als wenn sie hohen Adeligen oder anderen wichtigen Persönlichkeiten gegenübersteht.


Das Spazierkleid: Praktisch, aber modisch

Links: Promenadenkleid, Mme. Blanchard, französisch, 1882 | Mitte: Spazierkleid, französisch, 1885 (Met Museum) | Rechts: Spazierkleid, Worth, französisch, 1885 (Fashion Museum Bath)

Das Spazierkleid ist das Nachmittagskleid für die Straße: Geht Florence im Park spazieren oder schlendert durch die Pariser Einkaufsstraßen, zum Beispiel die Rue de la Paix, trägt sie ein Spazierkleid. Das Kleid hat einen kürzeren Rock, der über dem Fuß endet, sodass das Kleid nicht auf dem schmutzigen Straßenboden schleift. Genau wie das Nachmittagskleid ist auch das Spazierkleid hochgeschlossen und hat lange Ärmel. Sie sind oft in dunklen Farben und robusten Stoffen gehalten, damit sie nicht so schnell schmutzig wirken.

Je nachdem wohin man geht kann das Spazierkleid auch eine Schleppe haben, die man an der Seite aufsteckt, wenn man unterwegs ist. Es gibt verschiedene Formen des Spazier- oder Promenadenkleids, je nachdem, was genau man vorhat. Kleider, in denen man mit der Kutsche zu einer Spazierfahrt ausfährt, sind deutlich eleganter und aufwendiger gearbeitet als Kleider in denen man zu Fuß spazieren geht. Auf die modischen Einkaufsstraßen der großen Städte zieht man natürlich auch etwas deutlich Extravaganteres an, als zum Spaziergang durch die Natur auf dem Land.

Die einfachsten Spazier- oder Gehkleider sind oft in neutralen, unauffälligen Farben wie Braun oder Grau gehalten, während die Kleider, in denen jemand wie Florence in der Kutsche ausfahren oder einkaufen gehen würde, ruhig kräftige Farben und viele Verzierungen haben dürfen. Die Faustregel ist, ob das Kleid gesehen werden soll oder nicht. Ist das Ziel eine beliebte Anlaufstelle für die gehobene Gesellschaft, der man imponieren möchte, trägt man ein ausgefalleneres Kleid, als wenn man zum Beispiel mit Mutter oder Gesellschaftsdame nur für sich spazieren geht.


Das Abend- oder Dinnerkleid: Ein Kleid, viele Möglichkeiten

Links: Dinnerkleid, 1885 (Phila Museum) | Mitte: Dinnerkleid, Worth, französisch, 1886 | Rechts: Dinnerkleid, amerikanisch, 1880 (Met Museum)

Das Dinnerkleid ist das informellste Abendkleid, denn Dinners sind eine weniger opulente Angelegenheit als zum Beispiel Bälle oder Opernbesuche. Ein Dinnerkleid ist deshalb oft in dunklen Farben gehalten und hat lange oder halblange Ärmel. Es kann einen tieferen Ausschnitt haben, ist manchmal jedoch genauso hoch geschlossen wie ein Nachmittagskleid, denn zu viel Dekolleté am Esstisch gilt als geschmacklos. Das Dinnerkleid hat meistens eine Schleppe und genau wie jedes andere Kleidungsstück soll es auch Wohlstand und Status der Träger.innen ausdrücken.

Das Dinnerkleid kann vielseitig zum Einsatz kommen. Es kann getragen werden, um am Nachmittag formellen Besuch im eigenen Haus zu empfangen, aber auch am Sonntag in die Kirche, wenn es sich um ein schlichtes, dem Anlass angemessenes Dinnerkleid handelt. Das Dinnerkleid ist eigentlich immer eine gute Wahl, wenn ein gesellschaftliches Event ansteht, das nicht vollkommen formell ist, aber auch nicht nur die engste Familie oder gute Freund.innen eingeladen sind.

Je nach Vorhaben ist auch das Abend- oder Dinnerkleid mal schlichter, mal extravaganter gehalten. Zu einem formellen Abendessen würde wohl ein Kleid aus kostbarem Stoff in gedeckten Farben getragen werden, wie das Kleid oben rechts, während ein Kleid für einen formellen Empfang am Nachmittag durchaus etwas opulenter ausfallen darf, wie das Kleid in der Mitte. Das Kleid oben links ist ein wunderbares Beispiel, weil es ein ideales Dinnerkleid ist: Schwarz mit Ausschnitt, der jedoch nicht zu tief fällt, halblangen Ärmeln und kunstvoll, aber bescheiden dekoriert.


Das Ballkleid: Das schönste Kleid der Saison

Links und Mitte: Ballkleid, Worth, 1885 (Arizona Costume Institute) | Rechts: Ballkleid, Worth, 1882 (Met Museum)

Kristina Harris bezeichnet das Ballkleid in ihrem Buch “Authentic Victorian Fashion Patterns” als “prächtigere große Schwester” des Abendkleides und das ist auch eine treffende Beschreibung. Das Ballkleid wird zu sehr wichtigen, formellen Abendgesellschaften getragen, natürlich zum Ball, aber zum Beispiel auch in die Oper oder auf Soirées. Das Ballkleid durfte sehr kurze Ärmel und einen großen Ausschnitt haben und ist natürlich das Statussymbol schlechthin: Es ist nach der neusten Mode der Saison geschnitten, aus feinsten Stoffen und extravagant dekoriert.

Das Ballkleid einer jungen Frau wie Florence ist aus Seide, Tarlatan, Tüll oder anderen kostbaren, dünnen Stoffen, während ihre Mutter eher schwere Stoffe, die den Wohlstand der Familie ausdrücken, tragen würde, zum Beispiel Samt oder Satin. Das Ballkleid ist meistens in hellen oder strahlenden Farben gehalten und hat oft eine Schleppe, die zum Tanzen aufgesteckt wird, damit sie nicht im Weg ist.

Während man ins Theater ein gewöhnliches Abendkleid oder ein Promenadenkleid trägt, ist die Oper ähnlich wie der Ball eins der größten Events der Saison: Die gesamte gehobene Gesellschaft ist anwesend, weshalb man in die Oper immer Abendmode trägt. Beliebt sind schwere Seidenstoffe, ansonsten gilt, was auch für das Ballkleid gilt. In der Oper möchte man gesehen werden und trägt deshalb extravagante, reich verzierte Kleider. Dazu gehört auch immer ein ebenfalls kostbarer Opernumhang oder -mantel, den man jedoch ablegt, bevor man den Opernsaal betritt.


Noch mehr Kleider?

Das sind die Kleider, die jemand wie Florence während der Saison in Paris tagtäglich tragen würde. Es sind aber längst nicht alle Kleidungsstücke, die Florence besäßen hätte. Hinzu kommt Urlaubskleidung, wenn die Familie nach Ende der Saison im Sommer an die Küste der Bretagne fährt. Modisch geschnittene Kleider aus weißem oder hellem luftigen Stoff sind hier ein Muss, sowie Sportkleidung: Badekleidung, Reitkleidung, Tenniskleidung, neue Geh- und Spazierkleider in gedeckten, karierten Stoffen für den Aufenthalt auf dem Land im Herbst.

Ich hoffe, die kleine Reise durch den Kleiderschrank einer Pariser Debütantin um 1885 hat euch geholfen die komplizierte Kleiderordnung der gehobenen Gesellschaft im 19. Jahrhundert besser zu verstehen. Florence hätte sich am Tag mehrmals umgezogen. Sie hätte in ihrem Morgenkleid gefrühstückt, wäre dann vielleicht im Promenadenkleid mit ihrer Mutter auf die Rue de la Paix gefahren, hätte danach Freund.innen im Teekleid empfangen und dieses für den Rest des Tages getragen, außer es hätte ein Dinner, ein Ball oder ein Theaterbesuch angestanden.


Beitragsbild: “Eitelkeit” von Auguste Toulmouche, ca. 1870


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothes and Society 1500 – 1914. 1996.

Harris, Kristina: Authentic Victorian Fashion Patterns. A Complete Lady’s Wardrobe. 2012.

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