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Mode

Mode 1870: Der Weg in die Belle Époque

Heute erreichen wir meinen Lieblingsabschnitt der Modegeschichte: Die letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Diese sind durch neue Formen von Kunst, Literatur, Theater und Musik geprägt, die stetig aufblühen, durch wirtschaftlichen Wohlstand und durch sich langsam wieder zu lockernde gesellschaftliche Regeln und Moralvorstellungen. Kurz gesagt: Im Jahr 1871 beginnt nach dem Ende des deutsch-französischen Kriegs die Belle Époque, die als goldenes Zeitalter in die westliche Geschichte eingeht.

Auch in den USA herrscht Aufbruchsstimmung, denn nach Bürgerkrieg und Wiederaufbau mausert sich die USA während des Gilded Age und kann bald mit Europa mithalten, was Reichtum und Trends angeht. Neue, schnellere Reise- und Kommunikationsmöglichkeiten lassen die westliche Welt ein ganzes Stück enger zusammenrücken, sodass auch Mode und Trends globalisierter werden. Das Kaufhaus ist außerdem auf dem Vormasch: Ob “Le Bon Marché”, wo Mode von der Stange erschwinglich ist, oder teure Luxusgeschäfte wie das “Grand Magasin du Louvre”, in Paris, London, New York und anderen Großstädten wird Mode jetzt fertig gekauft.

Die Zeit der Modesdesigner.innen bricht an: Wer es sich leisten kann und seinen Status beweisen will, kauft vor allem bei Worth in Paris, der Adelige und Stars der Epoche wie Sarah Bernhardt oder Jenny Lind einkleidet. Die 1870er sind eine optimistische Zeit, beinahe gierig nach Fortschritt und dem Neuen, aber gleichzeitig ähnlich wie die vorangegangen Jahrzehnte zumindest modisch auch rückwärts gewandt. Heraus kommt die extravagante, glamouröse Mode der 1870er Jahre.


1871 – 1877: Tournüre und Polonaise-Stil

Links und Mitte: Ballkleid, Worth, 1872 | Rechts: Tournüre, frühe 1870er (Met Museum)

Die 1870er setzen fort, was die späten 1860er begonnen haben: Die Fülle der Röcke verlagert sich vollends nach hinten. Spätestens 1871 sind die meisten Kleider von vorn sehr schmal und eng geschnitten, während die Fülle hinten ungefähr auf Höhe der Kniebeuge am größten ist. Für diesen Stil wird die Krinoline der 1850er und 1860er Jahre durch die Tournüre abgelöst, die nun nicht mehr den gesamten Körper einschließt. Genau wie die Krinoline ist auch die Tournüre biegbar und flexibel und faltet sich einfach zusammen, wenn man sich zum Beispiel setzt.

Tournürenmode orientiert sich stark an der Mode des späten Rococos, besonders an der sogenannten “Robe a la Polonaise”, die in den 1780er Jahren, als genau hundert Jahre zuvor, getragen wurde. Der Polonaise-Stil zeichnet sich durch ein enges Mieder und kunstvoll aufgesteckte Überröcke aus, wie es auch zu Beginn der 1870er Jahre wieder getragen wird. Zu Polonaise-Kleidern dieser Epoche gehören zwei Röcke: Der Überrock, der aufgesteckt wird, sowie der farblich abgestimmte Unterrock, der darunter zum Vorschein kommt.

Zum Polonaise-Stil der 1870er gehört außerdem ein langes, jackenähnliches Mieder, das über einer Chemisette oder einer Weste getragen wird und ebenfalls aufgesteckt werden kann, aber nicht muss. Vorn sitzen diese Kleider sehr eng, sodass man auf Unterwäsche, die sich zu stark abzeichnen würde, verzichtete. Man trug nun meistens nur noch die Chemise und einen, oder sogar gar keinen, Unterrock. Schleppen werden für besondere Anlässe getragen, zum Beispiel auf Bällen, und können abgenommen werden.

1877 – 1879: Prinzesskleid und falsche Unterröcke

Nachmittagskleid im Polonaise-Stil, französisch, 1873 (Met Museum)

Tageskleider haben meist eng anliegende Ärmel und sind hoch geschlossen. In den 1870er Jahren kommt der den Hals einfassenden Kragen auf, der oft mit dem viktorianischen Zeitalter in Verbindung gebracht wird. Abendkleider sind im Gegensatz zu dieser zugeknöpften Mode jedoch so freizügig wie nie zuvor. Sie haben sehr schmale kurze Ärmel, die die Schultern und die Arme freilassen, und einen runden oder eckigen tiefen Ausschnitt. In den 1870ern wird auch immer öfter der Rückenausschnitt getragen, der ungefähr so tief fällt, wie der vordere Ausschnitt.

Um 1877 verschwindet die Tournüre unter anderem durch den Einfluss des Artistic Dress aus der Mode und Kleider fallen jetzt natürlich. Sie werden immer noch eng getragen und die langen Mieder fallen jetzt glatt über aufgesteckte und drapierte Röcke, die mit Bändern, Schleifen, Quasten und Rüschen verziert sein können. Um auftragende Stofflagen zu vermeiden werden jetzt falsche Unterröcke getragen: Versatzstücke von Unterröcken, oft auch Schleppen, die an den eng anliegenden Oberrock angeheftet werden.

Das Korsett der 1870er Jahre ist daher auch länger, um mit den längeren Miedern getragen werden zu können. Es wird nun allgemein betrachtet deutlich enger geschnürt als in den Jahrzehnten zuvor um trotz der schmalen Form der neuen Kleider die Stundenglastaille zu erreichen. Die Taille wird um ein paar Zentimeter reduziert, was jedoch nach wie vor schmerzlos und vor allem ohne gesundheitliche Folgeschäden möglich ist.

Ein alternativer Stil der späteren 1870er ist das von Worth entworfene “Prinzesskleid”, das keine Naht in der Taille hat. Es besteht aus einem einzigen Stoffstück, das mit Abnähern figurbetont gemacht wird. Die enge, körperbetonte Mode der 1870er Jahre wurde von Träger.innen und ihren Zeitgenossen nach der ausladenden Mode der 1840er bis 1860er als sehr sexy und ein bisschen unanständig wahrgenommen. Hier spiegelt sich die sich wandelnde Gesellschaft in der Mode, die Moralvorstellungen werden lockerer.

Der Beginn von “Fast Fashion”

Nachmittagskleid, britisch, 1878 (Met Museum)

Die Mode ist gegen Ende der 1870er sehr schnelllebig geworden. Wo die Trend-Stile früher ganze Jahrzehnte gehalten haben, haben wir in den 1870ern nicht nur alle paar Jahre einen signifikanten Wechsel in der Mode, sondern vor allem auch mehrere Trend-Stile, die alternativ nebeneinander existieren. Das liegt vor allem daran, wie schnell und günstig Mode jetzt im Vergleich zu zuvor herzustellen und zu erwerben ist. Als wohlhabende Pariser Dame ließ man sich seine Kleider zuvor auf den Leib schneidern.

Das war kostspielig, denn die Schneider.innen mussten die Kleider von Hand nähen, aus kostbaren, teuren Stoffen. Im Zuge von Globalisierung (und auch Imperialismus, Kolonialismus und Ausbeutung von Näher.innen in Europa, aber auch in Asien) liegen Stoffe jetzt deutlich günstiger in den neuen Kaufhäusern aus und können mit der Nähmaschine viel schneller genäht werden – oder direkt von der Stange im Luxuskaufhaus der Wahl erstanden werden. Langsam verliert Kleidung den Wert, den sie einst hatte.

Das ist auf der einen Seite positiv, denn es ermöglicht Schneider.innen effizienter und gewinnbringender zu arbeiten und sorgt dafür, dass sich auch Menschen die neuste Mode leisten können, die zuvor ein Privileg der obersten Gesellschaftsschichten waren. Gleichzeitig beginnt hier aber die Geschichte von Kleidung als Wegwerfware und von “fast fashion”, die noch heute auf der Ausbeutung schlecht bezahlter Arbeitskräfte und neo-kolonialen Strukturen funktioniert und auch in punkto Klimawandel ein großes Problem darstellt.

Haare und Hüte der 1870er Jahre

Links: Anna de Wahl, Schweden, 1873 | Mitte: Sophie Wiberg, Schweden, 1877 | Rechts: Hut, amerikanisch, 1870er (Met Museum)

Die neue Ungezwungenheit der 1870er spiegelt sich besonders in den Trendfrisuren der Epoche wider, denn die Zeit der schlichten, simplen Frisuren ist eindeutig vorbei. Es gibt in den 1870ern nicht die eine Frisur, so gesehen ist in diesem Jahrzehnt alles möglich, solang das Haar aufgesteckt wird, beliebt waren aber Wellen und große Locken, die am Hinterkopf auf Höhe der Krone hochgesteckt waren. Voluminöse Haarknoten oder Flechten waren beliebt, aber besonders junge Frauen ließen die aufgesteckten Locken auch auf die Schultern und den Rücken herunterfallen. Zum ersten Mal seit langem ist halb offenes Haar wieder gesellschaftlich akzeptiert.

Etwas ganz Neues ist der Pony, der ebenfalls gelockt oder glatt getragen werden kann, ganz nach Belieben. Das Haar einer Frau abzuschneiden war in den Jahrzehnten zuvor nichts vollkommen Unerhörtes, aber auch nichts, das oft gemacht wurde. Deshalb ist es verständlich das viele Frauen zögerten sich einen Pony schneiden zu lassen. Stattdessen gab es Haarteile, die man sich als Pony anstecken konnte. Überhaupt werden Haarteile für die voluminösen Frisuren der 1870er ein Muss: Sie werden mit Kämmen oder Haarnadeln ins Echthaar gesteckt.

Auch die Zeit der Haube als Kopfbedeckung ist vorbei, schlicht und ergreifend, weil sie mit den neuen, voluminösen Frisuren nicht getragen werden kann. Stattdessen kommen kleine Hüte in allen Formen und Farben in Mode, die vor und/oder auf den Haarknoten gesetzt und angeschrägt in der Stirn getragen werden. Diese Hüte sind mit Hutnadeln festgemacht und verrutschen deshalb nicht. Besonders beliebt war es, Samt- oder Satinbänder am Hut zu befestigen und mit dem Haar den Rücken herabfließen zu lassen. Darüber hinaus blieben Blumen, Federn, Perlen und Spitze als Verzierung beliebt.

Fazit: Die Belle Époque entdeckt die Opulenz

Die neuen Moden der 1870er Jahre sind ein klares Symbol für die Aufbruchsstimmung, die in Europa und Amerika nach Jahren voller politischer Konflikte, sozialer und gesellschaftlicher Probleme und strengem Moralverständnis herrschte. Die Belle Époque und das amerikanische Gilded Age werden als überwiegend friedliche Zeit verstanden, in der besonders Kultur und Gesellschaft aufblüht. Diese Epoche ist geprägt von Optimismus und vom Glauben an die Zukunft, an technischen Fortschritt und an soziale Verbesserungen.

Es ist daher kein Wunder, dass die Damenmode die in den 1840ern neu entdeckte Bescheidenheit nun vollkommen abwirft und opulent und in den Augen der Zeitgenossen beinahe sexy wird. Der Beginn der 1870er bedeutet in der westlichen Welt eine schon damals bewusst wahrgenommene Zäsur, einen Schnitt, der das Neue vom Alten trennt, was es vielleicht nachvollziehbarer macht, warum die Mode nach Jahrzehnten von ähnlichen Formen und Trends plötzlich einen so großen Wandel durchmacht.


Beitragsbild: Modezeichnung, ca. 1875


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Matthews, Mimi: A Victorian Lady’s Guide to Fashion and Beauty. 2018.

Steele, Valerie: Paris Fashion. A Cultural History. 1988.

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1 Comment

  • Reply NekoTachi

    Wirklich wundervoll! Die Mode dieser Zeit ist auch meine liebste! Danke für den Beitrag!!

    20. März 2015 at 15:23
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