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Mode 1860: Das Jahrzehnt der Veränderungen

Die 1860er sind ein spannendes Modejahrzehnt, denn sie verändern die Silhouette der Damenmode, die rund 25 Jahre beinahe unverändert geblieben war, beinahe komplett. Das ist jedoch nicht die einzige Neuerung, denn die industrielle Revolution hat die Modebranche nun vollends erreicht. Im letzten Jahrzehnt erblickte die Nähmaschine das Licht der Welt und mit den 1860ern bricht die Zeit des maschinengenähten Kleides an. Kaum ein Kleid wird jetzt noch von Hand genäht, sodass Kleiderherstellung deutlich weniger Zeit in Anspruch nimmt und Pariser Mode nach und nach günstiger wird.

Nicht zufällig ist dieses Jahrzehnt auch die Zeit der ersten Kaufhäuser, in denen modische Kleidung von der Stange gekauft werden kann. Das erste Kaufhaus im modernen Sinne war “Le Bon Marché” in Paris, das bereits zu Beginn der 1850er günstige Stoffe, Accessoires und Unterwäsche an Kund.innen aus allen gesellschaftlichen Klassen verkauft hatte, doch mit den 1860ern landen auch modische Kleider in den Kaufhäusern. Hier beginnt auch das genormte Größensystem, sowie der vorher festgelegte Preis.

Das ist die Geburtsstunde unserer modernen “fast fashion” und der Grund, warum sich Mode ab jetzt rasend schnell verändert: Sie kann viel schneller hergestellt werden. Was in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine positive Entwicklung war, denn nun konnten sich deutlich mehr Menschen modische Kleidung leisten, was vorher ein Privileg von gehobenem Bürgertum und Adel gewesen war, hat sich mittlerweile in eine Wegwerfkultur entwickelt, die damals noch nicht vorherrschte: Kleidung war immer noch kostbar und wurde gehegt und gepflegt.

1860 – 1865: Neue Schnitte und Farben

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1863 – 1865 | Mitte: Abendkleid in Rückenansicht, Emile Pingat, französisch, ca. 1864 | Rechts: Nachmittagskleid, Frankreich, ca. 1865 (Met Museum)

Um 1862 erreicht die in den 1850ern aufgekommene Krinolinenmode ihren Höhepunkt und beginnt ihre Form zu verändern. Statt der gleichmäßig um den Körper verteilten Kuppelröcke verlagert sich die Fülle jetzt nach hinten, während Kleider vorne flacher werden. Um 1863 entwickelte sich daraus eine Schleppe, die an Tages- und Abendkleidern getragen wurde. Damit die Schleppe auf der Straße nicht beschmutzt wurde, konnte sie über farblich abgestimmten Röcken aufgesteckt werden.

Noch eine Neuerung brachten die 1860er: Die Bluse. Das “Garibaldi-Hemd” war den roten Hemden italienischer Freiheitskämpfer nachempfunden und wurde zuerst auch nur aus roter Wolle hergestellt, später auch in anderen Farben. Man trug das Garibaldi-Hemd anstatt des Mieders, nicht darunter. Auch die “Zouave-Jacke” war militärisch inspiriert und zwar nach Vorbild der Jacken französischer Soldaten. Die Jacke reichte bis zur Taille und hatte weite Ärmel. Sie wurde mit einem einzigen Knopf am Hals geschlossen und fiel offen über eine meist weiße Chemisette oder eine der Herrenmode nachempfundene Weste.

Die langen Ärmel von Tageskleidern wiesen immer noch die Pagodenform der vorangegangenen Jahrzehnte auf, oder lagen eng an. Kurzärmelige Abendkleider lagen weiterhin tief auf der Schulter und hatten meist einen herzförmigen Ausschnitt, der zum ersten Mal in diesem Jahrhundert auch das Dekolleté freilässt. Der Trendstoff der Epoche ist schwere Seide, doch mittlerweile sind auch Tüll, Organza, Samt oder Tarlatan beliebt. Die umfangreichen Röcke geben besonders in der Abendmode viel Fläche, um mit Bändern, Spitze, aufgenähten Perlen und Stoffblumen zu dekorieren.

Nicht nur die Nähmaschine revolutioniert in den 1860ern die Mode, sondern auch ein neues Färbeverfahren. Schon 1856 wurden die ersten chemischen Farben entdeckt, die knallige, intensive Farben möglich machen. Diese Entdeckung gibt die Trendfarben der 1860er Jahre vor: Besonders intensive Lilatöne sind gefragt, aber auch leuchtendes Pink und Magenta, Orange, Rostrot und Gelb. Diese Farben waren zuvor schlicht und ergreifend nicht möglich gewesen und begeisterten die Menschen sofort, weshalb der Trend hin zum einfarbigen Kleid geht, das durch meist schwarze Verzierungen die Blicke auf sich zieht.

Die neue Kleiderordnung der 1860er

Kleid mit Tages- und Abendmieder, britisch, ca. 1865 (Met Museum)

Die neuen Moden machen die Kleiderordnung ein wenig komplizierter. Zuvor wurde zwischen Tages- und Abendmode entschieden, jetzt gibt es auch innerhalb der Tagesmode noch wichtige Abstufungen. Ein Nachmittagskleid, in dem man Besuch empfängt oder selbst jemanden besuchen geht, ist zum Beispiel aus sehr feinem Stoff gemacht und weist die oben genannte Schleppe auf. Das Promenadenkleid, oder Spazierkleid, ist genau für diese beiden Tätigkeit gedacht: Verbringt man den Tag im Park oder schlendert durch die Einkaufstraßen der Stadt trägt man ein Promeadenkleid ohne Schleppe und mit kürzerem Rock, der ruhig über dem Fuß enden darf.

Der Trend sich für ein Kleid zwei verschiedene Mieder zu kaufen, der bereits in den 1850ern aufgekommen war, bürgert sich auch immer mehr ein. Am Beispiel oben könnt ihr so ein Kleid sehen. Das Kleid muss um 1865 top modern gewesen sein: Mit den neuen synthetischen Farben rostrot gefärbt, hat es eine Schleppe und ein tief ausgeschnittenes Mieder für Abendgesellschaften. Am Tag kann das Kleid auch als Nachmittagskleid getragen werden, denn es gibt außerdem ein hochgeschlossenes Mieder mit langen Ärmeln, das vorn schließt.

1865 – 1869: Die neue Form der Mode

Links und Mitte: Nachmittagskleid, amerikanisch, ca. 1868 – 1870 | Rechts: Krinoline, britisch, 1869 (Met Museum)

In den letzten zwei, drei Jahren der 1860er Jahre bewegt sich die Fülle der Röcke komplett nach hinten. Auch die Krinoline verändert natürlich ihre Form und passt sich dem neuen Stil an: Die neue Krinoline wird auch Krinolette genannt. Röcke werden jetzt oft über farblich passenden Unterröcken aufgesteckt und kunstvoll drapiert. Die runde Schulter und die von vorn schmaler wirkenden Hüften lassen jetzt den beliebten Stundenglaseffekt wegfallen, weshalb das Korsett nun enger geschnürt wird, um die schmale Taille zu erreichen.

Hier liegt der Tight-Lacing-Trend der 1890er begründet, doch die Taille wird längst nicht extrem schmal geschnürt. Die meisten Träger.innen des Korsetts reduzierten ihre Taille nur um wenige Zentimeter, um den Stundenglaseffekt wieder zu erreichen. Die Taille wandert für diesen Effekt auch wieder ein Stück weiter nach oben und Ärmel liegen meistens eng an. Das grüne Kleid oben links und in der Mitte hat noch sehr schmale Pagodenärmel, auch das war natürlich hier und da noch anzutreffen.

Ein Name, der jetzt erwähnt werden sollte, weil er in den nächsten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ungeheuer wichtig werden wird, ist Charles Frederick Worth. Worth war ein englischer Schneider, der nach Paris auswanderte und hier bald zum Schneider der französischen Kaiserin Eugénie wurde. Eugénie war in ganz Europa als Modeikone bekannt und ihre Stile wurden überall nachgeahmt. Das machte C.F. Worths Designs in Europa und Amerika begehrt. Noch ist es nicht ganz relevant, aber bald bestimmt es den Modemarkt der westlichen Welt: Das Designhaus Worth.

Haare und Hauben in den 1860ern

Links: Jenny Lind, Eduard Magnus, 1862 | Mitte: Victoria, Princess Royal, F.X. Winterhalter, 1867 | Rechts: Haube, amerikanisch, 1860er (Met Museum)

Obwohl sich die restliche Mode so sehr verändert, tut sich bei den Frisuren sehr wenig. Weiterhin wird der Mittelscheitel getragen und das Haar entweder über den Ohren zurückgesteckt oder zu Locken und Wellen frisiert und aufgebauscht. Der Großteil des Haares wird weiterhin als Knoten oder geflochten und aufgerollt am Hinterkopf aufgesteckt. Mittlerweile trägt man diesen Knoten tief im Nacken sitzend. Das Haar kann besonders für Abendgesellschaften mit Blumen , Perlen, Kämmen oder Bändern geschmückt werden, wird jetzt aber auch oft in einem Haarnetz aus Seide oder Samt getragen.

Ganz spät im Jahrzehnt macht das Haar dann doch noch die Bewegung der Röcke mit und verlagert die Fülle von den Seiten nach hinten. Die Ohren werden jetzt oft freigelassen und der Haarknoten kann weiterhin im Nacken sitzen, wandert aber auch besonders bei jungen Träger.innen oft auf zurück auf die Haarkrone, wo er in den 1830ern das letzte Mal saß. Die 1860er kennen viele Variationen dieser beiden Frisuren und genau wie bei den Kleidern ist auch hier zusammenfassend zu sagen, dass Individualität und eigener Stil immer akzeptierter wird.

Auch die Hauben rutschen mit nach hinten und haben jetzt einen Schirm am Hinterkopf, der die tiefer sitzenden Frisuren bedeckt. Manchmal kann eine Art Schleier, Bavolet genannt, daran befestigt sein, der über dem Haar liegt. Die Haube oben wäre wohl nicht so “roh” getragen worden, sondern mit Stoff bespannt und natürlich mit Blumen, Bändern und anderen Dekorationen verziert. Die 1860er sind das letzte Haubenjahrzehnt: Schon in den späten 1860er Jahren wird die Haube langsam aber sicher vom Damenhut abgelöst.

Fazit: Die 1860er entdecken die Individualität

Die Mode der 1860er ist einerseits sehr militärisch geprägt, was kein Wunder ist. In Europa gibt es immer wieder Auseinandersetzungen, zum Beispiel zwischen Preußen und Dänemark oder während der Freiheitsbewegung in Italien, und besonders in Amerika finden militärische Stile in die Mode, als von 1861 bis 1865 der Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten wütet und in der Abschaffung der Sklaverei endet.

Darüber hinaus entdecken die 1860er die Individualität neu. Einerseits hängt das damit zusammen, dass Kleidung jetzt schnell maschinell hergestellt wird und es so einer größeren Gruppe von Menschen möglich wird sich modisch zu kleiden. Andererseits beginnt die europäische Kultur wieder zu florieren: Kunst, Theater und Literatur streben einem neuen Höhepunkt zu und das zeichnet sich auch in der Mode ab. Die erste Anti-Mode, Artistic Dress, erdacht von Künstler.innen, übt ebenfalls Einfluss auf die Pariser Mode aus und unterstreicht Individualität.

Auch hier muss natürlich die Frauenbewegung genannt werden, die immer auch politisch auf die Entwicklung der Damenmode einwirkte. Frauen werden mobiler und selbstständiger und das spiegelt sich in der neuen selbstbewussteren Mode. Die in den 1850ern begonnene viktorianische feministische Bewegung setzt sich stätig für die Rechte der Frau in Ehe, Gesellschaft, Bildung und vor dem Gesetz ein. Die Suffragetten, die sich um 1900 für das Wahlrecht für Frauen einsetzten, kamen schließlich nicht aus dem Nichts, sondern aus diesen proto-feministischen Bewegungen.


Beitragsbild: Modezeichnung aus “Le Follet”, März 1865


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996. 

Matthews, Mimi: The Victorian Lady’s Guide to Fashion and Beauty. 2018.

Tozer, Jane & Levitt, Sarah: Fabric of Society. A Century of People and Their Clothes 1770–1870. 1983.

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