Leben im 19. Jahrhundert

Das ideale Selbst: Liebe und Verlobung im 19. Jahrhundert

Ein großes Thema, das die Menschen auch heute noch fasziniert, ist die Liebe. „Die Liebe funktioniert immer gleich“, werden viele denken, doch ganz so einfach ist es nicht. Denn auch ein Gefühl wie Liebe wird von gesellschaftlichen Umständen, Normen und Regeln beeinflusst. Und diese äußeren Umstände, unter deren Einfluss die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts geliebt haben, erfahren zu Beginn der viktorianischen Epoche in England eine drastische Veränderung, denn Victoria, die junge Königin, lebt ihrem Volk die wahre Liebe vor. An ihrer Seite steht Prinz Albert.

Victoria geht in die Geschichte ein, als sie sich weigert eine politische Ehe einzugehen. Sie heiratet aus Liebe, und zwar den deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, und definiert das Verständnis von Liebe neu. Großbritannien, und später auch Europa und Amerika, wollen ihrem Beispiel folgen, als sie Ende der 1830er Jahre und zu Beginn der 1840er nicht nur Romantik und Liebe neu definiert, sondern auch das Familienleben. Schon 1846, sechs Jahre nach ihrer Hochzeit, haben Victoria und Albert fünf (von später neun) Kinder.

Victorias harmonisches Ehe- und Familienleben macht eben jenes zum neuen Ideal ihres Zeitalters. Die Familie wird in Windeseile das größte Gut der viktorianischen Mittel- und Oberschicht und auch die Liebe wird idealisiert. Victoria ist daran jedoch nicht allein schuld, denn der Beginn ihrer Herrschaft fällt außerdem mitten in die Epoche der Romantik, einer Gegenbewegung zur nüchteren Aufklärung, die den Ausdruck von Emotionen und Gefühlen in den Mittelpunkt stellt.

Romantik und Liebe zu Victorias Zeiten

Das beliebteste Paar Europas: Königin Victoria und Prinz Albert | “Queen Victoria And Prince Albert With Five Of Their Children”, F.X. Winterhalter, 1846

Man darf es sich jetzt aber nicht vorstellen, als hätten plötzlich alle Menschen aus Liebe geheiratet. Die arrangierte Ehe ist außerhalb des Hochadels zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits seltener geworden, aus politischen, gesellschaftlichen und vor allem finanziellen Gründen wird jedoch immer noch geheiratet. Besonders junge Frauen durften und sollten von der wahren Liebe träumen, doch der Ehepartner musste von gleichem oder sogar besserem sozialen Stand sein. Die Tochter eines Marquis durfte nicht den Stalljungen heiraten, egal, wie wahr die Liebe sein mochte.

Als ideal wurde natürlich ein Zusammenspiel aus Zuneigung und passendem sozialem Stand angesehen, doch viel eher war das Ziel, dass sich zwischen dem Paar im Verlauf der Zeit Liebe entwickelte, sie musste nicht von Anfang an da sein. Eine lieblose Zweckehe war hingegen der Albtraum der Viktorianer und konnte sogar den gesellschaftlichen Ruf gefährden, besonders für Frauen. Das frühe viktorianische Ideal sah eine liebevolle Ehe und Muttersein als einziges Ziel der Frau vor und es war ihre Aufgabe, beides zu gewährleisten.

Deshalb sollte von vorn herein klar sein, dass viktorianische Vorstellungen von Liebe und Romantik sehr problematisch sind. Bis ins späte neunzehnte Jahrhundert hinein ist die Ehefrau dem Mann untergeordnet und ihre Aufgabe ist es, ihm das Leben lebenswert zu machen, ihm Kinder zu schenken, seinen gesellschaftlichen Ruf zu wahren und ihm ein schönes Heim zu bereiten. Betrachtet man das Konzept von Liebe im viktorianischen Zeitalter unter diesen gesellschaftlichen Normen, fällt es schwer, die Romantik in solch einem Arrangement zu erkennen.

Natürlich muss allerdings auch hier einmal mehr darauf hingewiesen werden, dass es liebevolle Ehen gegeben hat und bei Weitem nicht jede Frau unter ihrer Ehe gelitten hat. Trotzdem ist eine Frau für große Teile der Epoche ihrem Ehemann ausgeliefert. Ihr Ruf und ihr Wohlergehen beruhen auf seinem Wohlwollen. Hier lässt sich meiner Meinung nach eine weitere Doppelmoral der Epoche erkennen, die romantische Liebe als verklärtes Ideal feiert und Beziehungen zwischen Mann und Frau durch ungleiche gesellschaftliche Rollen gleichzeitig zum Abhängigkeitsverhältnis verkommen lässt, das kaum vermeidbar scheint.

Leider versteht es sich wohl von selbst, das im neunzehnten Jahrhundert nur die Liebe zwischen (cis) Männern und (cis) Frauen als romantisch, rein und als echt galt. Bereits im neunzehnten Jahrhundert gab es Gruppen und Aktivist.innen, die sich für die Entkriminalisierung und die Gleichberechtigung queerer Menschen einsetzte, doch es sollte leider noch über hundert Jahre dauern, bis zumindest so etwas ähnliches wie gleiche Rechte erreicht waren und am Ziel sind wir heute noch nicht.

Durch die Blume: Das erste Kennenlernen

Links: “Frühling”, Philippe-Jacques Lindner, 1870er | Mitte: Edwardianische Postkarte, 1907 | Rechts: Dieses Gemälde von Edmund Blair Leighton zeigt eine (romantisiert dargestellte historische) Szene direkt nach einem abgelehnten Heiratsantrag, 1899

Bevor geheiratet werden konnte, musste jedoch natürlich erst einmal ein passender Partner her und das konnte sich schwierig verhalten: Junge Frauen aus dem gehobenen Bürgertum und der Oberschicht konnten nicht ohne Begleitung (meist die Mutter, verheiratete Verwandte oder eine Gesellschafterin) allein durch die Gegend laufen und potentielle Partner kennenlernen. Man traf sich stattdessen auf Gesellschaften, zum Beispiel bei Soiréen oder auf Bällen, vielleicht auch im Theater oder der Oper.

Im Alter von sechzehn oder siebzehn Jahren wurde eine junge Frau in die Gesellschaft eingeführt. Das bedeutet im Endeffekt nur, dass sie nicht mehr als Kind betrachtet wurde, und von nun an gesellschaftliche Verpflichtungen zu erfüllen hatte. Das Privileg, die großen Bälle und Feste zu besuchen, hat allerdings durchaus nur einen Zweck: Einen geeigneten Partner zu finden. Ideal war es, wenn das Mädchen innerhalb seiner ersten Saison verlobt war. Im Alter von rund siebzehn Jahren also. Mit jeder Saison, die eine Frau unverlobt blieb, wurde es schwerer, geeignete Männer kennenzulernen, da diese oft die neuen Debütantinnen bevorzugten.

Hatte ein Mann Interesse angemeldet, übernahm er während der Tänze die Verantwortung für die Dame: Konnte er nicht dafür sorgen, dass sie Spaß hatte und sich wohlfühlte, gefährdete wiederum er seinen Ruf als respektabler (Ehe)Mann. Seine Zuneigung zeigte man nicht durch offen ausgesprochene Worte, sondern durch kleine Zeichen und Symbole. Karten und Briefe durften geschrieben werden, doch auch Blumen waren beliebt. Jede Blume hatte eine eigene Bedeutung, die es möglich machte, auf subtile Weise seine Liebe zu gestehen – oder aber auch mitzuteilen, dass man das Interesse an der jungen Frau verloren hatte.

Im unteren Bürgertum oder der Arbeiterklasse musste man sich wiederum um diese Dinge keine Gedanken machen. Man traf sich ähnlich wie heute in den Tanzhallen oder auf der Straße, konnte sich ungezwungen treffen und heiraten ohne auf die Etikette achten zu müssen. Besonders das Bürgertum amte die Gepflogenheiten des gehobenen Bürgertums und des Adels allerdings nach: Grußkarten, Blumen und derlei Dinge waren auch hier beliebte Symbole und je nachdem wer man war, beachtete man auch die komplizierten gesellschaftlichen Regeln.

Sexualität im viktorianischen Zeitalter

Der Kuss, Sivlio Allason, ca. 1875

Eines zählte jedoch in allen gesellschaftlichen Schichten: Die junge Frau sollte vor der Ehe jungfräulich sein. Kam heraus, dass ein Mädchen außerehelich sexuelle Kontakte gehabt hatte, schmälerte das ihren „Wert“ als Braut beachtlich. In den gehobenen Kreisen konnte es eine junge Frau ruinieren, wenn solches Wissen die Runde machte. Selbst, wenn es sich nur um ein Gerücht handelte, hatte Gerede dieser Art meist schlimme Folgen für den Ruf und die Aussicht auf eine gute Heirat. Doch auch für arme Frauen konnten sexuelle Kontakte vor der Ehe ähnliche Folgen haben.

Es ist aber mitnichten so, dass alle Paare bis nach der Hochzeit warteten. Da man davon ausging, dass eine Verlobung nicht mehr gelöst werden würde, war es den Paaren im Geheimen durchaus gestattet, miteinander zu schlafen. Auch deshalb ist eine gelöste Verlobung ein solches Desaster: Man sprach nicht darüber, doch Freund.innen und Bekannte nahmen an, dass die junge Frau “ruiniert” war und auch eventuelle neue Heiratskandidaten überlegten sich zweimal, ob sie sich mit einem solchen Mädchen einließen.

Auch hier ist diese Epoche eine zweischneidige, sexistische Angelegenheit, denn für junge Männer galten diese Regeln nur sehr eingeschränkt. Es wurde beinahe erwartet, dass junge Männer vor der Ehe ihre “Hörner abstießen”, aber auch das musste diskret passieren. Eine junge Frau und ihre Familie überlegten sich sehr gut, ob eine Ehe mit einem Mann in Frage kam, der für seine Affären bekannt war. Trotzdem verfügten (cis) Männer in dieser Epoche über deutlich mehr sexuelle Selbstbestimmung.

Die Kunst des Verlobens

“Spaziergang im Garten”, George Goodwin Kilburne, ca. 1900 | Eine weitere romantisiert dargestellte historische Szene

Fanden eine junge Frau und ein junger Mann Gefallen aneinander, wurde die Zeit des Umwerbens eingeleitet. Wie diese abzulaufen hatte, war gesellschaftlich ebenfalls festgelegt. Meist unterhielt man sich zuerst des Öfteren zu sozialen Anlässen, bevor es erlaubt war, miteinander spazieren zu gehen – natürlich in Begleitung der Gesellschaftsdame. Daraufhin konnte der junge Mann seine Angebetete daheim besuchen. Auch hier muss nicht erwähnt werden, dass Mutter oder Gesellschaftsdame bei diesen Besuchen anwesend sein mussten.

Es ist übrigens keine Pflicht, dass sich eine junge Frau von nur einem jungen Mann umwerben lässt. Sie kann und soll Beziehungen zu mehreren Männern aufbauen. Am Ende der Saison hat sie so mehrere akzeptable Kandidaten gesammelt und kann, mithilfe der Mutter oder anderen Frauen in ihrem Leben, entscheiden, welcher der jungen Herren ihr am ehesten eine erfüllte Zukunft bieten kann. Hierzu wurde in Erfahrung gebracht, welches Einkommen die Männer hatten, welche Herkunft und welchen sozialen Stand, bevor eine Entscheidung getroffen wurde.

Behält man im Gedächtnis, dass der Ehemann das Wohlergehen seiner Ehefrau in der Hand hielt, und das in den meisten Fällen ein ganzes Leben lang, wirken diese Vorkehrungen keinesfalls so oberflächlich oder gar hinterhältig, wie Hollywood sie uns manchmal verkaufen will. Mütter, Tanten, Schwestern und Freundinnen wollten ganz sichergehen, dass das Mädchen keinen Fehler machte und sich in lebenslanges Unglück stürzte. Wohlstand und sozialer Stand waren wichtig, aber natürlich auch Ruf und Charakter des Mannes.

Hatte das Mädchen sich entschieden, welchen ihrer Verehrer sie heiraten wollte, stand einer Verlobung nichts mehr im Wege. Nun musste es aber darauf warten, dass der Auserwählte ihr auch tatsächlich den erwarteten Heiratsantrag machte. Im Gegensatz zu heute beliebten Stereotypen, war es jungen Damen auch durchaus erlaubt, einen Heiratsantrag oder zwei abzulehnen, ohne, dass das ihren Ruf schädigte. Schließlich konnte es sein, dass sie auf den Antrag des Richtigen warteten, weshalb niemand erwarten konnte, dass der Antrag eines anderen angenommen wurde.

Verlobungsring und die Regeln der Verlobung

“Die Ecke des Tisches”, Paul Émile Chabas, 1904

Auch konnte eine Verlobung zu Beginn noch problemlos gelöst werden, bevor sich die Partner öfter getroffen und kennengelernt hatten. Deshalb war es Brauch, die Verlobung erst einige Wochen später bekannt zu geben, damit sie, falls sich einer der beiden Partner doch als ungenügend herausstellte, nicht vor den Augen der gesamten feinen Gesellschaft gelöst werden musste. Verwandte und enge Freund.innen des Paares aber wussten natürlich von Anfang an Bescheid.

Wollte hingegen ein Mann seinen Ruf bewahren, kam er nicht auf die Idee, eine Verlobung zu lösen. Tat er es dennoch, hatte es schwere gesellschaftliche Konsequenzen für ihn. Gegen den “Bruch eines Versprechens”, wie das Beenden einer Verlobung genannt wurde, konnte sogar geklagt werden, damit der Verlobte dem Mädchen die Kosten des bereits erstandenen Hochzeitskleides oder andere Ausgaben im Namen der Verlobung erstattete – und natürlich den Schaden ausglich, der dem Ruf der Frau entstehen konnte.

Sobald die Verlobung offiziell bekannt gegeben wurde, wurde von der Brautmutter ein Dinner ausgerichtet, bei dem der Bräutigam die Familie der Braut kennen lernen sollte. An zweiter Stelle wurde wiederum die Braut der Familie ihres Bräutigams vorgestellt. Eine Verlobung konnte mehrere Jahre andauern, sollte aber mindestens ein halbes Jahr andauern, bevor geheiratet wurde. Wann das Paar heiratete, wurde von Fall zu Fall entschieden, da mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Das Alter der Brautleute zum Beispiel, aber auch äußere oder familiäre Umstände.

Viele Mädchen der gehobenen Schichten verlobten sich noch als Jugendliche, heirateten aber erst in ihren frühen Zwanzigern. Große Altersunterschiede waren auch nicht so beliebt, wie gedacht. Meist war der Bräutigam Mitte oder Ende Zwanzig, wenn geheiratet wurde. Dass man so schnell wie möglich heiraten und eigene Kinder bekommen sollte, ist ein modernes Klischee. Während der langen Verlobungszeit sollten die Partner sich erst einmal gut kennenlernen und idealerweise auch verlieben, falls das noch nicht zuvor passiert war.

Zur Verlobung gehörte genau wie heute auch ein Verlobungsring. Beliebt war ein einfacher Ring mit einem Diamanten, da der Diamant für Unschuld stand. Auch beliebt war es aber, mehrere verschiedene Edelsteine einsetzen zu lassen, die jeweils einen Buchstaben bedeuteten. So konnte man der Verlobten die Liebe gestehen, oder ihren Namen mit Edelsteinen schreiben. Auch der eigene Name als Erinnerung an den Verlobten war beliebt.

Das ideale Selbst – Konzepte von Liebe

“Eine romantische Umarmung”, Julius Leblanc Stewart, ca. 1890

Uns sind aus den viktorianischen Jahren unzählige Liebesgedichte erhalten, aber auch Ephemera wie Liebesbriefe, Valentinskarten und dergleichen. Das Ideal romantische Liebe ist also keine Romantisierung der Ära, sondern tatsächlich etwas, das im Bewusstsein der Menschen des neunzehnten Jahrhunderts eine große Rolle gespielt hat. Lieben und geliebt werden war ein Wunsch, den viele Menschen hegten, der jedoch aber in großen Teilen ein Wunsch blieb.

Möchte man diese Dynamiken verstehen, muss man verstehen, wie Liebe im viktorianischen Zeitalter verstanden wurde. Heute hängen Liebe und Sexualität für viele Leute untrennbar zusammen. Ein Konzept, dass ich für ebenso ignorant halte, wie das Konzept der Viktorianer, nach dem romantische Liebe mit Sexualität gar nichts zu tun hatte. Die romantische, reine, emotionale Liebe galt als Gegenstück zur Sexualität, die als triebhaft, bestialisch und schmutzig verstanden wurde.

Liebe und Sexualität sind verschiedene Dinge, die Hand in Hand gehen können, aber nicht müssen. Es kann Liebe ohne sexuelle Gefühle geben, doch andersrum ist das auch möglich. Trotz all ihrer Ideale ist das natürlich etwas, das auch die Viktorianer wussten und lebten, denn nicht jeder Mensch des neunzehnten Jahrhunderts lebte nach den Idealen seiner Epoche. Weshalb es aber besonders für Frauen so wichtig war nur zum eigenen Ehemann sexuelle Kontakte zu pflegen, erklärt sich mit dem Risiko der Schwangerschaft und sexuell übertragbarer Krankheiten, das im neunzehnten Jahrhundert sehr viel größer war als heute.

Es erklärt sich aber auch, wenn man dem Kern des Konzeptes der romantischen Liebe ein wenig näher kommt: Im Zentrum der romantischen Liebe steht das “ideale Selbst”. Unter diesem Selbst verstanden die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts das Individuum frei von allen sozialen Pflichten. Gesellschaftliche Rollen verformten das ideale Selbst, doch das war auch richtig so. Denn dieses ideale Selbst sollte nur einer Person gezeigt werden und hier kommt die romantische Liebe ins Spiel.

Denn romantische, ideale Liebe im neunzehnten Jahrhundert bedeutet nichts anderes, als nur einer einzigen Person zu zeigen, wer man wirklich war, was man wirklich dachte und welche Art von Person man außerhalb der gesellschaftlichen Zwänge war. In dieser Zeit entsteht ein Brauch, den wir auch heute noch pflegen und den ich persönlich recht gefährlich finde: Das Erheben des romantischen Partners zur wichtigsten Person im Leben, zur einzigen Person, die einen wirklich kennt.

Liebe als Ideal: Sozialer Zwang und Intimität

“Ein Kuss unter dem Sonnenschirm”, Ludek Marold, ca. 1890

Und hier kommt auch die Sexualität ins Spiel. Die Viktorianer hielten Sexualität für etwas, das unterdrückt und im Zaum gehalten werden musste. Teilen durfte man es deshalb nur mit der einen Person, die das “ideale Selbst” ohne gesellschaftliche Zwänge kannte. Und während die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts Liebe und Sexualität als Konzepte stark trennten, laufen sie hier doch wieder zusammen. Wirklich problematisch wird das Konzept, wenn man bedenkt, dass diese Intimität mit dem romantischen Partner keine Option war.

Romantische Liebe, die ohne Sexualität funktioniert, ist auch heute noch eine sehr reale Form der Beziehung, die von der Gesellschaft nicht als “echte” Liebe akzeptiert wird. Die Frau des neunzehnten Jahrhunderts aber war verpflichtet, diese Intimität mit ihrem Ehemann zu teilen, selbst, wenn sie – momentan oder generell – keinen Wunsch nach dieser Intimität spürte – ob sie den Mann liebte, oder nicht, hat damit allerdings nichts zu tun. Auch für Männer gilt dieser Konflikt generell, doch sie waren für gewöhnlich diejenigen, die Anspruch ausüben durften, während Frauen diesem Anspruch nachkommen sollten.

Für queere Menschen, ob trans, schwul, lesbisch, bisexuell, asexuell oder anderweitig queer, war in diesem System kein Platz. Besonders gleichgeschlechtliche Liebe wurde allgemein als “bestialische” und “gefährliche” Sexualität gewertet. Tatsächlich glaubten viele Viktorianer nicht einmal, das romantische Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren überhaupt möglich war. Sie reduzierten sie nur auf die – in ihren Augen falsche und unmoralische – Sexualität und schlossen sie aus dem Konzept der Wahren Liebe vollkommen aus.

Am Ende gilt jedoch, was immer gilt. Ein Ideal ist das Wunschbild, das eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern malt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das viktorianische Zeitalter kannte Liebeshochzeiten, es kannte jedoch auch arrangierte Ehen. Es kannte Liebe auf den ersten Blick, aber es kannte auch tiefe Zuneigung, die sich erst nach einigen Ehejahren entwickelte. Es kannte erfüllte, glückliche Ehen, die mit Sex funktionierten oder ohne, aber leider kannte es auch sehr viel häuslichen Missbrauch, der von viktorianischer Moral gebilligt und gedeckt wurde.

Es kannte die Unterdrückung aller sexuellen Gefühle genauso, wie sehr offene, sexuelle Beziehungen ohne Zwänge. Diskriminierung queerer Menschen, aber auch queere Paare, die miteinander glücklich wurden. Genauso kannte es viele Menschen, die in der Ehe von gesellschaftlichen Normen zu Dingen gezwungen wurden, die sie nicht wollten. Vor allem aber schafft das neunzehnte Jahrhundert das Bild vom romantischen Partner als einzig wirklich wichtiger Person im Leben, sowie die sehr binäre und cis-hetero-normative Idee von wahrer Liebe. Zwei Ideen, die auch heute noch unser gesellschaftliches Zusammenleben stark bestimmen.


Beitragsbild: “Die Liebenden” von Pierre-Auguste Renoir, 1875


Selbst nachlesen?
Hoppe, Michelle J.: Courting the Victorian Woman. 1998.
 
Lystra, Karen: Searching the Heart.Women, Men and Romantic Love in Nineteenth-Century America. 1993.
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