Leben im 19. Jahrhundert

Absinth: Die grüne Fee

Absinth gilt heute als das Getränk der Dichter.innen und Künstler.innen, der Bohème. In Baz Luhrmanns “Moulin Rouge!” von 2001 spielt das Getränk eine Rolle und auch Inspector Abberline in der Comicverfilmung “From Hell” aus demselben Jahr nutzt das grüne Getränk, um eine Vision zu provozieren. Auch besungen wurde es schon öfter und taucht immer wieder in historischen Romanen auf. Beliebt war das Getränk aber auch bei ganz realen Personen.

Oscar Wilde gilt als großer Absinthtrinker, Vincent van Gogh und Charles Baudelaire ebenso. Absinth ist das Getränk des späten neunzehnten Jahrhunderts schlechthin und kann, so erzählt man sich, furchtbare Halluzinationen hervorrufen. Doch was ist Absinth eigentlich wirklich? Woraus besteht die Spirituose, welche Wirkung hat sie wirklich und woher kommt ihr geheimnisvoller Ruf als “grüne Fee”?


Inhaltswarnung
Alkohol- und Drogenmissbrauch

Was ist Absinth?: Die Geschichte eines Kultgetränks

Absinthtrinker.innen im Café Coulomb auf einer Postkarte, ca. 1900

Absinth ist eine hoch alkoholische Spirituose aus Fenchel und Wermut, von dem sie ihren Namen bekommen hat – die lateinische Bezeichnung lautet Artemisia Absinthium.  Desweiteren können verschiedene Kräuter beigegeben sein. Das Getränk weist einen starken Anisgeschmack auf und ist pur getrunken fast ungenießbar. Traditionell ist Absinth grün, doch es gibt ihn auch in anderen Farben: Gelber und roter Absinth sind sehr beliebt. Absinth hat immer einen sehr hohen Alkoholanteil, der von 45% bis zu 75% reichen kann, weshalb er traditionell mit Wasser verdünnt getrunken wird.

Woher genau der Absinth stammt, ist nicht geklärt. Wermutkraut und aus Wermut gewonnene Getränke werden als Medizin schon seit der Antike gereicht, doch die erste richtige Absinthbrennerei öffnete ihre Tore erst im Jahre 1797 in Couvet in der Schweiz als Familienunternehmen zwischen einem Monsieur Dubied und seinem Schwiegersohn, einem Monsieur Pernod. Die Absinthmarke, die hier hergestellt wurde, Pernod Fils, blieb für über hundert Jahre eine der beliebtesten in Frankreich.

An Beliebtheit gewann das Getränk in Frankreich in den 1840er Jahren, als es als Malariamedizin an Soldaten verteilt wurde. Diese brachten das Getränk mit sich in die Städte, wo es in Cafés, Bars und den unzähligen neuen Cabarets und Tanzhallen verkauft wurde. In der Belle Époque tranken die Franzosen mehr Absinth im Jahr als Wein: Jeder trank (verdünnten) Absinth, obwohl er wegen seines hohen Alkoholanteils bald in Verruf geriet. Kritiker.innen verwiesen auf den Inhaltsstoff Thujone, der abhängig machen und Psychosen hervorrufen könnte und Absinthsüchtige galten als wild, gewalttätig und unberechenbar.

Bald wurden soziale Probleme und Gewalttaten auf den Absinth geschoben – der Absinth löste eine regelrechte Moralpanik aus, weshalb er in der Schweiz im Jahr 1908 und in Frankreich im Jahr 1914 verboten wurde. Auch in den USA war Absinth seit 1912 verboten – Großbritannien aber ist einer der Orte, an denen das Getränk niemals verboten war. Die Absinthproduktion brach allerdings nicht ab: Heimlich wurde weiterin Absinthe Blanche, weißer Absinth, gebrannt und verkauft, der nicht so leicht als solcher erkennbar war.

Erst seit den 1990er Jahren erfreut sich Absinth wieder größerer Beliebtheit. In den USA ist Absinth tatsächlich erst seit 2007 wieder erlaubt. Allerdings ist moderner Absinth oft schwächer als der aus der Belle Époque und in der Europäischen Union gibt es mittlerweile ein Regelwerk dazu, wie viel Thujone in alkoholischen Getränken enthalten sein darf. Der Ruf des Getränks als mysteriös und potentiell gefährlich hält sich allerdings bis heute, obwohl man Absinth in einigen Bars sogar wieder ganz regulär bestellen und im Supermarkt kaufen kann.

Absinth in der Belle Époque

Drei Nächte saß ich die ganze Nacht wach und trank Absinth. Ich dachte, dass ich einmalig klar denkend und vernünftig wäre. Der Kellner kam herein und begann das Sägemehl zu gießen. Die wundervollsten Blumen, Tulpen, Lilien und Rosen, blühten auf und wurden zu einem Garten im Café. “Sehen Sie sie nicht?”, fragte ich ihn. “Mais non, monsieur, il n’y a rien.” | Oscar Wilde

Dass Absinth abhängig machen kann, ist natürlich wahr. Schließlich handelt es sich um ein alkoholisches Getränk. Dass Absinth allerdings Psychosen, Gewalttaten oder Halluzinationen auslöst ist erfunden. Selbst der stärkere Absinth der Belle Époque hatte nicht die Kraft, die Menschen halluzinieren zu lassen. Die Berichte zu Absinth-Halluzinationen, die man durchaus finden kann, werden einen anderen Ursprung haben: Es lässt sich heute nicht mehr nachweisen, was die Menschen noch in ihren Absinth gemischt haben.

Drogen wie Opium oder Kokain waren frei erwerblich und werden nicht selten in den Absinth gemixt worden sein, um seine Wirkung zu steigern. Dass Absinth gesundheitsschädlich und tödlich sein kann, wie viele Gegner.innen behaupteten, ist teilweise wahr. Doch lag es nicht am Absinth der Belle Époque selbst, sondern an den giftigen Farben, die besonders billigeren Absinthmarken beigemischt wurden, um die grüne Farbe, natürlich hervorgerufen durch das Chlorophyll in den verwendeten Kräutern, zu verstärken.

In der Belle Époque gab es noch kaum Gesetze zur Regulierung von Alkoholherstellung. Gepanschter Absinth und eben mit giftigen Farben behandelter Absinth, Absinth, in dem Kokain und Opium aufgelöst waren, oder auch einfach zu viel Absinth mit sehr hohen Umdrehungszahlen haben tatsächlich für viele Todesfälle gesorgt. Am Ende ist Absinth natürlich auch nach wie vor ein alkoholisches Getränk und hat dieselben negativen Wirkungen wie alle alkoholischen Getränke, die man in zu hohen Mengen konsumiert.

Wie trinkt man Absinth?

Absinth in der Kunst der Belle Époque | Links: Die grüne Muse, Albert Maignan, 1895 | Mitte: Stillleben mit Absinth, Vincent van Gogh, 1887 | Rechts: Die Absinthtrinkerin, Pablo Picasso, 1901

Die Menschen des Fin de Siècle machten aus dem Absinthtrinken eine regelrechte Kunst. Man trinkt die Spirituose nicht pur, sondern meist mit eiskaltem stillen Wasser verdünnt, doch hierzu gibt es ein paar Regeln, die Absinthtrinker.innen beachten sollten. Am bekanntesten ist die französische Art, Absinth zu trinken: Immer dazu gehört die sogenannte Absinthiana: Ein Absinthkelch, den es in verschiedenen Stilen gibt, und ein Absinthlöffel – ein spitz zulaufender Löffel mit Schlitzen oder Löchern, der sich über den Kelch legen lässt.

In den Kelch werden am besten nicht mehr als 45 Milliliter Absinth gefüllt, bevor man einen Zuckerwürfel auf den Absinthlöffel legt und langsam eiskaltes Wasser durch den Zucker in den Kelch tropfen lässt. Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, sollte auf die Menge des Absinths ungefähr fünf Mal so viel Wasser kommen. Geht alles gut, löst sich der Zucker auf und vermischt sich mit Wasser und Absinth. Der Absinth füllt jetzt den Kelch und ist nicht mehr leuchtend grün, sondern hat einen milchigen weißgrünen Ton angenommen.

Diese Methode Absinth zu trinken ist nicht nur sehr stilvoll, sondern die Methode, die in der Belle Époque genutzt wurde und somit historisch authentisch. Man erhält ein süßes, nach Lakritz schmeckendes Likörgetränk. Die andere Methode, die heutzutage beliebter ist, ist die Art Bohème. Der Name stammt allerdings nicht von den französischen und britischen Bohèmiens des fin de siècle, die den Absinth in der Belle Époque getrunken haben, sondern aus Böhmen in Tschechien – auf französisch La Bohême – wo der Absinth in den 1990er Jahren wiederentdeckt wurde.

Der Fehler, den Namen und somit die Methode selbst auf die Bohème des neunzehnten Jahrhunderts zurückzuführen, passiert nicht selten, selbst in ansonsten gut recherchierten Romanen oder Filmen. Tatsächlich aber ist es eine moderne Methode, die kein Bohèmien der Belle Époque angewandt hat. Wenn man seinen Absinth trotzdem auf die Art Bohème trinken möchte, muss man den Zuckerwürfel in Absinth tränken, bevor man ihn auf den Absinthlöffel legt. Dann zündet man ihn an, woraufhin er in den Absinth stürzt und diesen ebenfalls entzündet. Das Feuer wird anschließend mit einem Schnapsglas Eiswasser gelöscht. Bereitet man den Absinth auf diese Weise zu, erhält man ein stärkeres Getränk.

Hier möchte ich allerdings darum bitten, dass Leser.innen, die diese Methode nachmachen möchten, sich bewusst machen, dass es nicht nur ein kleines Flämmchen gibt, sondern ein richtiges Feuer im Kelch und die Methode Konzentration erfordert. Falls ihr euren Absinth auf Art Bohème trinken wollt, seid bitte vorsichtig. Ich empfehle allerdings die historisch authentische französische Methode. Guter Absinth ist teuer und durch das spektakuläre Anzünden erreicht ihr bloß, dass der Alkohol verbrennt und der Geschmack des Getränks durch den karamellisierten Zucker beeinträchtigt wird.

La Fée Verte: Absinthmythen bis heute

Absinthwerbung der Belle Époque | Links: Absinthe Robette, Henry Privat-Livemont, 1896 | Mitte: Absinthe Pernot, ca. 1900 | Rechts: Absinthe Rosinette, ca. 1900

Dass Absinth eine gefährliche Droge sei, noch gefährlicher als gewöhnlicher Alkohol, ist ein Gerücht, das sich lange Zeit gehalten hat und heute den Ruf des Getränks bestimmt. Absinth ist geheimnisvoll und dekadent, ruft Halluzinationen hervor und lässt die grüne Fee, Muse und Verführerin der Bohème, erscheinen. Heute nutzen viele Absinthhersteller die alten Mythen von Halluzinationen und Psychosen um ihren Absinth zu verkaufen: Das Geheimnisvolle, Hedonistische zieht die Leute an.

Woher die Geschichten von Halluzinationen und der grünen Fee kommen, die Oscar Wilde, Henri Toulouse-Lautrec und andere Künstler des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts über den Absinth erzählt haben, habe ich oben schon angedeutet: Absinth wurde oft mit anderen Drogen gemischt, um die gewünschte Wirkung zu erhalten.

Der andere Faktor ist natürlich, welche Qualität der getrunkene Absinth hat. Qualitativ hochwertiger Absinth, wie der Absinthe Robette oder der Absinth von Pernot Fils, konnte auch in der Belle Époque gefahrenfrei getrunken werden. Billiger oder gar gepanschter Absinth aber enthielt seine Tücken – genau wie heute auch. Solltet ihr vorhaben Absinth einmal zu probieren, rate ich euch einen teureren Absinth zu kaufen und euch vorher zu informieren, welche Marken qualitativ hochwertigen Absinth herstellen.

Die unheimlich grelle grüne Farbe, die der Absinth manchmal hat, sieht zwar geheimnisvoll und interessant aus, aber solchen Absinth solltet ihr nicht kaufen: Der Absinth ist künstlich gefärbt und sicherlich nicht hochwertig. Hochwertiger Absinth ist meist auch grün, aber hat bloß eine leichte, natürlich entstandene grüne Färbung. Desweiteren gibt es kaum Regelungen dazu, was Absinth genannt werden darf und was nicht. So kommt es, dass auch Getränke als Absinth verkauft werden, die keinen Wermut enthalten und somit die Zutat, die Absinth erst zu Absinth macht, außen vor lassen.

Heute wird Absinth größtenteils mit Halluzantionen und der grünen Fee assoziiert, war im fin de siècle aber ein alltägliches alkoholisches Getränk, wie Wein, und ein Bestandteil der französischen Kultur. Darüber hinaus gibt es natürlich Gemälde aus der Zeit, die eine grüne Fee darstellen. Diese ist allerdings symbolisch zu verstehen. Die meisten Absinthgemälde weisen auf den Zustand der Alkoholabhängigkeit hin und zeigen Künstler oder gewöhnliche Leute im Alkoholstupor oder das Leid, das eine Alkoholsucht hervorrufen kann.

Die grüne Fee, wenn sie auf diesen Gemälden auftaucht, ist ein Symbol für die Abhängigkeit, kein Indiz dafür, dass die Menschen im neunzehnten Jahrhundert Absinth als Rauschmittel verwendet haben. Der moderne Ruf aber ist großteils aus der Moralpanik entstanden, die im Alkoholrausch begangene Verbrechen und Todesfälle auf Absinth zurückführte, wo Alkohol an sich der eigentliche Schuldige war, gepanschter Absinth von sehr niedriger Qualität oder sogar etwas völlig anderes.

Das jahrzehntelange Verbot des Absinths hat diesen Ruf nur weiter angefeuert und das moderne Bild vom Absinth als unheimliches, rätselhaftes Getränk ist nichts weiter als ein altes Klischee. Seht ihr also im Internet Videos oder Berichte von Leuten, die sich angeblich auf einem Absinthtrip befinden, könnt ihr euch sicher sein, dass es sich entweder um gestellte Videos handelt oder um Menschen, die sturzbetrunken sind – und das geht mit jedem anderen Alkohol genauso, wie mit Absinth.


Beitragsbild: Eine Absinthtrinkerin im Pariser Trend-Café “Café de la Nouvelle Athènes”, A. E. Bertrand, 1896


Selbst nachlesen?

Baker, Phil: The Book of Absinthe. A Cultural History. 2003.

Barnaby, Conrad: Absinthe. History in a Bottle. 1996.

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