Mode

Mode 1850: Zwischen Krinoline und Krimkrieg

Die 1850er Jahre sind ein bewegtes Jahrzehnt für die Mode, denn die strengen, unpraktischen Trends der 1840er verschwinden und machen einerseits Platz für neue Extravaganz und andererseits für die ersten Versuche von Reformmode. Die Mode der 1850er wendet sich nicht grundlos von der schlichten Eleganz der 1840er ab: Frauen beginnen, das Ideal der schönen, aber stillen und immer liebevollen Hausfrau erneut aufzubrechen und ihre Rechte einzufordern.

Die Mode dieses Jahrzehnts ist außerdem, wie immer, politisch geprägt: In Frankreich beginnt 1852 die Ära des Zweiten Empires, die bis 1870 andauern sollte. Die Demokratie wird erneut beendet und ein neuer Kaiser regiert in Frankreich: Napoleon III. Seine Frau ist ab 1853 die spanische Gräfin Eugénie de Montijo, die bald zur Modeikone wird und Trends in der gesamten westlichen Welt vorgibt. Auch der Krimkrieg (1853 – 1856) übt Einfluss auf die Mode aus: Großbritannien und Frankreich standen auf derselben Seite wie das Osmanische Reich, sodass türkische Einflüsse in die westliche Mode übernommen wurden.

Zwischen Aufbruchsstimmung und Imperialismus

Links: Nachmittagskleid, amerikanisch, 1852 | Mitte: Nachmittagskleid, französisch, 1855 | Rechts: Abendkleid, amerikanisch, ca. 1855 (Met Museum)

Die beliebte Linie der frühen 1850er orientiert sich weiterhin an den 1840er Jahren: Das Mieder ist noch immer dreieckig und läuft nach unten hin spitz zu, die leicht geschnürte Taille sitzt tief und der Effekt ist die bereits im vergangenen Jahrzehnt beliebte V-Form des Oberkörpers. Die eng anliegenden Ärmel, die es Träger.innen erschwerten die Arme über den Kopf zu heben, sind jedoch Geschichte. Der Pagodenärmel bleibt beliebt. Er beginnt eng, wird jedoch ungefähr auf Höhe der Armbeuge weiter und endet offen am Handgelenk.

Auch die 1850er sind nach wie vor rückgewandt: Die Engageante kehrt zurück. Dabei handelt es sich um einen falschen Unterärmel aus meist weißer Spitze oder Leinen, der als Volant aus dem Ärmel herausschaut. Dieser Stil ist eine direkte Anlehnung an Rococotrends. Manchmal fanden sich diese Spitzendetails auch am Kragen der Kleider wieder. Während viele Kleider weiterhin im Rücken geschlossen wurden, kommen nun auch vorn geöffnete Kleider in Mode, die es den Träger.innen einfacher machen sich selbst an- und auszukleiden.

In den 1850ern gibt es generell nicht den einen großen Trend, was Mieder angeht: Das eng geschnittene französische “basque“-Mieder der 1840er bleibt beliebt, aber auch die “caraco”-Mode kehrt zurück: Genau wie im 18. Jahrhundert handelt es sich um eine eng anliegende, vorn geöffnete Jacke, die die Hüften und die obere Hälfte der Oberschenkel bedeckt. Darunter trug man eine hochgeschlossene Bluse. Kleider sind jetzt außerdem immer öfter bunt und fröhlich. Besonders Baumwolle und Seide mit Walzendruckmustern sind beliebt. Detaillierte florale Muster wie in den 1830ern sieht man jetzt zwar weniger, doch dafür kommen Streifen, Karos und Wellenmuster in Mode.

Abendkleider verzichten ebenfalls auf das Schlichte, Strenge der 1840er und werden wunderbar extravagant. Tüll, Organza und Taft kamen in Mode, das Kleid lag wieder tiefer auf den Schultern und die kurzen Ärmel konnten gebauscht sein. Darüber hinaus waren Röcke oft mehrlagig, um sie noch weiter erscheinen zu lassen, oder zu beiden Seiten über passenden Unterröcken kunstvoll drapiert und aufgesteckt. Stoffblumen waren beliebe Akzente, aber auch Federn und natürlich Spitze.

Die Mode der 1850er hat jedoch auch hässliche Seiten: Kolonialismus und Imperialismus laufen auf ihren Höhepunkt zu und in Europa und Amerika werden von indischen und persischen Stoffen inspirierte Muster beliebt, besonder das Butamuster, wie ihr es oben in der Mitte an dem Baumwollkleid sehen könnt. Auch das Paisleymuster erfreut sich großer Beliebtheit bei Kleidern, aber auch beim natürlich immer noch gern getragenen Schultertuch, das genau wie in den 1840er Jahren zum Dreieck gefaltet mit der Spitze nach unten um die Schultern getragen wird.

Die Krinoline – Käfig oder Mode-Highlight?

Links: Abendkleid, amerikanisch, ca. 1857 | Mitte: Nachmittagskleid, britisch, ca. 1856 | Rechts: Rückenansicht des Caraco-Stils, 1856 (Met Museum)

Im Verlauf der 1850er werden immer weitere kuppelförmige Röcke beliebt, die mit mehreren Lagen schwerer, gestärkter Unterröcke in Form gebracht werden. Diese Unterröcke waren unter anderem mit Pferdehaar verstärkt, aber sehr unpraktisch, da sie schwer und zu warm waren. Im Jahr 1856 wurde deshalb in Paris die Krinoline patentiert. Ein Gestell aus Walknochen, Kautschuk oder Metall, das in der Taille befestigt wird und mit deutlich weniger Unterröcken getragen werden kann.

Die Krinoline wird oft missverstanden. Sie wird als schweres Metallgestell wahrgenommen, dass die Träger.innen beim Gehen und Sitzen behindert hat. Tatsächlich nutzten einige zeitgenössische Feminist.innen die Krinoline tatsächlich als Symbol für die “Frau im Käfig”, was zu diesem Missverständnis geführt haben wird. Tatsächlich ist die Krinoline jedoch sehr flexibel. Sie lässt sich leicht zusammendrücken und springt zurück in ihre ursprüngliche Form, wenn man sie loslässt. Laufen und sitzen war also überhaupt kein Problem, die Krinoline ist nicht schwer und man kann auch nicht in Türen stecken bleiben.

Die Krinoline war also kein Käfig, sondern eine Erleichterung: Sie machte die neuen Rockmoden möglich ohne dutzende schwere Unterröcke tragen zu müssen und sie gab den Röcken einen schönen Schwung. Ja, Krinolinenmode kann einschränkend sein: Darin Sport zu machen oder zu Rennen könnte schwierig sein. Tanzen, Sitzen und Spazieren war aber problemlos möglich. Wer eine echte Krinoline aus dieser Zeit in Aktion sehen möchte, sollte sich Karolina Żebrowskas Video ansehen, indem sie die Flexibilität der Krinoline vorführt.

Die Krinoline und viktorianischer Sexismus

Links: Krinoline, amerikanisch, 1857 (Met Museum) | Rechts: Misogyne Karikatur eines Krinolinenfeuers: Die junge Frau blickt so selbstverliebt in den Spiegel,dass sie nicht bemerkt, dass sie in Flammen steht, ca. 1857-59

Tatsächlich sind viele negative Effekte der Krinoline ein Produkt von zeitgenössischer Misogynie und der doppelschneidigen Gesellschaft der Ära: Frauen, die nicht die neuste Mode trugen, genossen kein besonderes Ansehen. Trugen sie die Moden jedoch, wurde sich ebenfalls über sie lustig gemacht. Hier entspringen Ideen von Krinolinen, mit denen man in der Tür oder in der Kutsche stecken bleibt, in denen man nicht sitzen kann und in denen man im Sturm vom Wind davongetragen wird.

Diese Bilder häufen sich in Cartoons und Karikaturen der Epoche. Vor allem wurde sich über den Anspruch der Träger.innen mokiert, mehr Raum einnehmen zu wollen als Männer und da liegt wohl der Knackpunkt. Es gab ganze Spottgedichte darauf, dass Frauen mithilfe der Krinoline die Macht an sich reißen könnten. Leider war auch Gewalt gegen Frauen im viktorianischen Humor ein beliebtes Motiv. Stürzende, mit der Krinoline festhängende und manchmal sogar brennende Frauen – so lustig! Die Karikatur oben rechts zeigt eine Modenärrin, die so selbstverliebt ist, dass sie nicht bemerkt, dass sie brennt.

Krinolinenfeuer waren jedoch tatsächlich ein großes Problem. In den 1850er und 1860er Jahren lebt der Mensch noch mit dem offenen Feuer als Licht- und Wärmequelle. Die Krinoline hält die Röcke vom Körper fern, sodass man oft zu spät bemerkte, dass sie Feuer gefangen hatten, wenn man dem offenen Feuer zu nah gekommen war. Der Dochteffekt machte es ebenfalls schwer ein Krinolinenfeuer rechtzeitig zu löschen. So kamen im Jahr 1871 unter anderem zwei Schwestern von Oscar Wilde – Mary und Emily – ums Leben. Mit Eitelkeit hat das jedoch natürlich nichts zu tun, die Karikatur oben instrumentalisiert solche Tragödien für ihren müden Sexismus.

Auch die Größe der Krinoline wird oft dramatisiert und übertrieben dargestellt. Selbst zu ihrer Hochzeit hatte kaum eine Krinoline einen größeren Durchmesser als 5m, sehr viel wahrscheinlicher waren 2m bis 3m Durchmesser. Es mag unangenehm gewesen sein, sich mit mehreren Krinolinenträger.innen in einem Raum aufzuhalten, aber am Ende war die Krinoline trotzdem leicht, biegsam und flexibel und viel praktischer, als oft angenommen wird. Sie war jedoch auch das Ziel von sexistischem Spott, weil sie es Frauen ermöglichte mehr Raum einzunehmen als Männer.

Frisuren und Hauben der 1850er

Links: Luise von Preußen, F.X. Winterhalter, 1856 | Mitte: Kaiserin Eugénie von Frankreich, F.X. Winterhalter, 1854 | Rechts: Haube, amerikanisch, 1858 (Met Museum)

Das Haar wurde ähnlich wie in den 1840ern in der Mitte gescheitelt, über die Ohren gelegt und festgesteckt. Am Hinterkopf, in der Mitte oder im Nacken sitzend, wurde ein einfacher Knoten gesteckt oder das geflochtene Haar zum Knoten aufgerollt. Auch die Korkenzieherlocken, die das Gesicht zu beiden Seiten einrahmten, wurden weiterhin getragen. Im Vergleich zum vorangegangenen Jahrzehnt ist das Haar jetzt oft wieder bauschiger und ausladender frisiert. Es konnte außerdem mit Blumen oder mit Bändern aus Spitze oder Seide geschmückt sein.

Hauben behielten die Form der 1840er bei, mit der senkrechten Krempe, die das Gesicht einfasste, wurden jedoch zunehmend ausladender dekoriert. Hierzu konnten Stoffblumen oder echte Blumen verwendet werden, Schleifen, Bänder und andere, manchmal auf die Jahreszeit abgestimmte, Verzierungen. Hauben waren im Sommer meist aus Stroh oder leichtem Stoff und im Winter aus dickerem, warmhaltenden Stoff. Die Verzierung der Haube wurde mit dem Kleid abgestimmt.

Fazit: Die 1850er als Wegbereiter

Die 1850er beenden die schlichte, strenge Mode der 1840er und bringen die Extravaganz der 1830er in neuer Form zurück. Gleichzeitig an das 18. Jahrhundert angelegt und modern spiegelt dieses Modejahrzehnt die großen politischen Ereignisse, sowie die ersten Schritte der viktorianischen Frauenbewegung, die für bessere Arbeitsrechte und höhere Wertschätzung von Frauen kämpft. Die Krinoline, oft als starrer Käfig missverstanden, ist tatsächlich Ausdruck neuer technischer Möglichkeiten und stellt eine modische Entlastung dar.

Die 1850er beweisen modisch und politisch, dass das 19. Jahrhundert niemals still stand und gleichzeitig Verbesserungen anstrebte, aber auch dunkle Seiten eröffnete. Frauen versuchten das unterdrückende Ideal, das sich früher im Jahrhundert entwickelt hatte, abzuwerfen, erfahren jedoch heftigen Gegenwind. Es wäre naiv zu glauben, dass der misogyne Spott, den die Krinolinenmode auf sich zog, nicht auch mit dem Bestreben der Frauen nach besseren Rechten und dem Recht, in der Gesellschaft Platz einzunehmen, zusammenhing.

Gleichzeitig zeichnen sich auch Kriege und Unterdrückung in der fröhlichen Mode der 1850er ab, besonders Europas kolonialistische und imperialistische Bestrebungen, die uns bis heute in Form von Unterdrückung und Ausbeutung nachhängen. Die 1850er werden oft als eine Art Höhepunkt des viktorianischen Zeitalters angesehen, dabei legen sie viel eher den Fortschritt für technischen, wissenschaftlichen und politischen Fortschritt der folgenden Jahrzehnte. Und das auch modisch.


Beitragsbild: Modezeichnung aus “Le Bon Ton, Journal des Modes”, 1852


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Matthews, Mimi: A Victorian Lady’s Guide to Fashion and Beauty. 2018.

Tozer, Jane & Levitt, Sarah: Fabric of Society. A Century of People and Their Clothes 1770–1870. 1983.

Waugh, Nora: Corsets and Crinolines. 2015.

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