Mode

Mode 1840: Der Weg ins viktorianische Zeitalter

Die 1840er setzen die modischen Trends der 1830er unbeirrt fort: Die junge Königin Victoria hat in Großbritannien viele Herzen erobert und die Ideale, die sie ihren Untertanen vorlebt, werden auch in Europa und Amerika bald angenommen. Die Familie rückt in den Mittelpunkt des bürgerlichen und adeligen Lebens, als Victoria 1940 ihre erste Tochter, ebenfalls Victoria, zur Welt bringt und ein harmonisches Ehe- und Familienleben vorlebt. Anstand, Bescheidenheit und Sittsamkeit sind die höchsten Werte des frühen viktorianischen Zeitalters.

Leider wirkt sich das auf das Frauenbild eher negativ aus, denn in dieser Zeit entwickelt sich das Bild der Frau als “Engel im Haus”: Ihr größter Wunsch im Leben sollte es sein zu heiraten und selbst Mutter zu werden. Sie regelt den Haushalt, während ihr Ehemann das Haus verlässt und Geld verdient. Ihr Leben dreht sich um ihn und um die Kinder, sie stellt ihre eigenen Bedürfnisse immer hinten an. Natürlich ist sie zudem bescheiden und immer liebevoll. Dieses archaische Frauenbild, das gern auf das Mittelalter gestülpt wird, ist tatsächlich ein Kind des frühen 19. Jahrhunderts und ein direktes Ergebnis der idealisierten Rückbesinnung auf “bessere” Zeiten.

Neue Ideale: Schmale Schultern und schmale Taille

Links: Kleid, amerikanisch, ca. 1845 | Mitte: Abendkleid, 1842 | Rechts: Nachmittagskleid, amerikanisch, 1845 (Met Museum)

Die neue Bescheidenheit drückt sich einerseits im Verschwinden der großen Gigot- und Schinkenärmel aus: In der ersten Hälfte der 1840er Jahre liegen die Ärmel bei Tages- und bei Abendkleidern eng an. Der großzügige, tief auf den Schultern liegende Ausschnitt der 1830er Jahre bleibt in der Abendmode vorhanden, doch Tageskleider sind jetzt hochgeschlossen und weisen meistens einen Kragen am Halsansatz auf. Die Form der Schulter wird schmaler, runder. Die fröhlichen, floralen Walzendruckmuster des vergangenen Jahrzehnts sind ebenfalls nicht komplett verschwunden, doch Farben werden gesetzter und dunkler.

Kleider sind jetzt schlichter und oft lassen sie den kostbaren Stoff für sich sprechen, indem das Kleid einfarbig gehalten ist. Darüber hinaus kommen Längsstreifen in Mode. Verziert wird sehr oft mit Quasten und Fransen. Besonders die Fransenaufsätze nehmen in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts deutlich zu und auch die Ärmel bekommen wieder vorm: Um 1845 kommt langsam der Pagodenärmel in Mode. Er ist an der Schulter schmal, wird jedoch in der Armbeuge weiter und endet trichterförmig und offen am Handgelenk.

In den 1840er Jahren entwickelt sich außerdem die Miederform, die für die nächsten zwei Jahrzehnte die Trends vorgeben wird: Das Mieder hat eine dreieckige Form und läuft zur Hüfte hin spitz zu. Dieser Effekt wird durch ebenfalls auf den spitzen Punkt zulaufende plissierte Stoffbahnen verstärkt. Die Taille sitzt jetzt ein Stück tiefer und bekommt durch das Korsett eine sanfte V-Form. Auch die Röcke sind jetzt plissiert und stehen in Glockenform von der Hüfte ab. Röcke werden im Verlauf des Jahrzehnts weiter. Die Fülle wird durch gestärkte Unterröcke erreicht: Je voller die Röcke wirken sollen, umso mehr Unterröcke werden getragen.

Victorias Reise nach Schottland im Jahr 1942 hatte auch Einfluss auf die Mode: Die Königin verliebte sich in das Land, weshalb Tartanstoffe und karierte Kleider in Mode kamen. Beliebter war jedoch schlichte Eleganz, die im starken Kontrast zu den extravaganten 1830ern auch so wahrgenommen wurde: Je schlichter und adretter, umso besser. Darin drückte sich laut dem neuen Idealbild der elegante, bescheidene und erhabene Charakter einer Frau aus gutem Hause aus.

Plissé und Fransen: Die Trends der 1840er

Links: Nachmittagskleid, britisch, 1848 | Mitte: Detail des v-förmigen Mieders mit Plissés | Rechts: Schultertuch, 1840er (Met Museum)

Wie das in die Tat umgesetzt aussehen konnte, seht ihr an dem silbernen Kleid oben links und in der Mitte. Das Kleid ist einfarbig, aber reich verzieht mit ordentlich vernähten Plissés, Fransen und Quasten. Der Stoff selbst weißt ein Blumenmuster auf, das jedoch bescheiden schimmert und nicht bunt und wild gemustert im Vordergrund steht. Verzierungen waren besonders gern gesehen, wenn sie mit dem Stoff des Kleides selbst harmonierten: Die Plissés zum einen, aber auch Kräuselungen und die Bauschungen in der Armbeuge sind gute Beispiele hierfür.

Neue Möglichkeiten zum Schneiden und Verarbeiten von Stoffen machten es in den 1840ern außerdem möglich, Korsetts herzustellen, die in der Hüfte besser saßen und die Träger, die das Korsett in den 1830ern noch aufwies, überflüssig machten. Hier entsteht also das viktorianische Korsett, wie wir es kennen. Die Taille wird jetzt eingeschnürt, aber noch nicht notwendig reduziert: Das Korsett gibt der Taille auch die begehrte Stundenglasform, wenn sie nicht verringert wird. Auch die im Dreieck zulaufenden Plissés sollen die Taille schmaler wirken lassen.

Die 1840er sind das Jahrzehnt, dass die Stile und Materialien vorstellt, die heute als typisch viktorianisch betrachtet werden. Waren Kleider in den 1830ern oft noch aus luftiger Baumwolle, muss ohne die wilden Muster und Dekorationen jetzt edler Stoff für sich sprechen. Seide und Satin werden beliebt, aber – besonders im Winter – auch Samt und Kaschmir. Die Kleidung wird schwerer und deutlich unpraktischer und ein Kleid aus schwerem Samt, mit mehreren Lagen gestärkter Unterröcke, kann bis zu 10kg wiegen.

Das Schultertuch, das bereits in den 1830ern aufkam, gehört jetzt fest zur Damenmode. Dünne, oft transparente Schultertücher werden mit Abendmode getragen, während tagsüber fein gearbeitete, bemalte und bestickte Tücher zur Bekleidung gehören. Das französische Schultertuch oben rechts ist bemalt und weist ebenfalls eine Verzierung aus Fransen auf, die in den 1840ern überall auftauchen können. Das Tuch selbst ist viereckig, wird jedoch diagonal gefaltet getragen, mit der Spitze nach unten.

Haare und Hauben der 1840er

Links: Louise de Broglie, Jean-Auguste Dominique Ingres, 1845 | Mitte: Elsie Justine Bayard, G.A. Baker, 1849 | Rechts: Haube, amerikanisch, 1840er (Met Museum)

In den 1840ern wandert der Haarknoten langsam von der Krone in die Mitte des Hinterkopfs. Sehr beliebt war der Mittelscheitel. Das Haar wurde über die Ohren gelegt und festgesteckt. An Louise de Broglie links seht ihr diese Frisur. Im Spiegel wird der Haarknoten sichtbar, der nicht etwa schlicht gehalten ist, sondern geflochten und aufgedreht. Sie trägt außerdem Accessoires im Haar. Eine Alternative sind die Korkenzieherlocken, die Elsie Bayard auf dem Bild in der Mitte trägt. Bei dieser Frisur wird das Haar ebenfalls am Hinterkopf aufgesteckt, die Locken rahmen nur das Gesicht zu beiden Seiten ein.

An sich wurde das Haar viktorianischer Frauen nur im Krankheitsfall geschnitten, doch für diese Frisuren konnten die vorderen Strähnen durchaus gekürzt werden, um einen besseren Effekt zu erreichen. Auch hier war die Mode des 19. Jahrhunderts rückwärts gewandt: Diese Lockenfrisuren sind eine direkte Anlehnung an Haarmoden des 17. Jahrhunderts. Die Haube verändert ihre Form kaum, wird jedoch kleiner und wie alles in den 1840ern bescheidener. Die Krempe ist nicht mehr ganz so ausladend, doch die Haube wird immer noch mit Bändern und anderen Accessoires verziert getragen.

Fazit: Das strenge Jahrzehnt

Im Gegensatz zu den extravaganten 1830ern und dem folgenden Jahrzehnt mit seinen weiten Röcken wirken die 1840er sehr schlicht und nicht besonders aufregend, aber genau das war auch das Ziel. Neue Ideale und Rollenbilder sahen bescheidene, aber kostbare Mode vor, die für sich selbst sprach und es nicht nötig hatte, durch viel Pomp aufzufallen. Frauen, die versuchten den neuen Idealen zu entsprechen, drückten in der Wahl der Mode ihren bescheidenen, aber eleganten Charakter aus.

Mode und Gesellschaft existieren immer in Wechselwirkung und es ist kein Zufall, dass die Mode zu Beginn des viktorianischen Zeitalters strenger und schlichter wird, denn hier spiegeln sich extremere, einschränkende Geschlechterrollen, die besonders für Frauen galten. In den engen Ärmeln und schweren Unterröcken der 1840er ist es tatsächlich schwer sich frei zu bewegen. Gleichzeitig drückt diese Mode jedoch auch aus, dass eine Frau von Stand sich nicht bewegen muss: Mode tragen zu können, in denen körperliche Arbeit nicht möglich ist, ist ebenfalls ein Statussymbol.

Zum Schluss möchte ich euch noch mitgeben, dass es in dieser Epoche deutliche Unterschiede zwischen britischer und kontinentaler Mode gibt. Die Trends selbst gingen bereits von Paris aus, dem Zentrum der Mode in der westlichen Welt, doch Victorias sehr schlichter, bedeckter Stil beeinflusste besonders britische Mode stark. Auf dem Kontinent sind Mieder zum Beispiel eng geschnitten und reicher verziert. Das Beitragsbild ist ein Ausschnitt aus einem französischen Modejournal, hier könnt ihr an der Dame und Gelb diesen Stil sehen.


Beitragsbild: Modezeichnung, “Le Bon Ton, Journal des Modes”, 1848


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Edwards, Lydia: How to Read a Dress. 2017.

Goldthorpe, Caroline: From Queen to Empress: Victorian Dress 1837–1877. 1988.

0

You may also like

Kommentieren