Mode

Mode 1830: Der Siegeszug der Romantik

Das viktorianische Zeitalter beginnt offiziell im Jahr 1837, als die blutjunge Königin Victoria den britischen Thron besteigt. Wir befinden uns also bereits am Ende der 1830er Jahre, doch auslassen kann ich die Epoche natürlich auch nicht, wenn es darum geht nach und nach einen Guide zur Mode der viktorianischen Jahre zu schreiben. Wir beginnen heute also im Jahr 1830, mitten in der Romantik, im frühen 19. Jahrhundert, und noch gelten die meisten Regeln der viktorianischen Ära nicht.

Die 1830er sind sozusagen die letzte Instanz der freieren, individuelleren Aufklärungszeit, die langsam romantisierten Idealen des 18. Jahrhunderts weicht. Zeitgleich sind die 1830er eine sehr extravagante, lebensfrohe Zeit, in der in Großbritannien noch die Regency-Epoche nachklingt, die sich durch florierende Kunst, Literatur und Kultur auszeichnete, aber auch durch wirtschaftlichen und technischen Fortschritt nach den napoleonischen Kriegen. Das Regency ist die Zeit des Unterhaltungsromans und der schönen Künste und das echot auch in den 1830ern noch wider.


Rückbesinnung und neues Empfinden

Links: Nachmittagskleid, Baumwolle und Leinen, amerikanisch, ca. 1832 | Mitte: Rückansicht, Kleid, Seide, britisch, ca. 1830 | Rechts: Abendkleid, Seide, Wolle, Baumwolle, britisch, ca. 1835 (Met Museum)

Die 1830er setzen die Tradition der 1820er Jahre fort, Moden aus vergangenen Jahrhunderten wieder aufleben zu lassen. Langsam aber sicher kristallisiert sich eine neue Kunst- und Denkrichtung heraus: Die schwärmerische Romantik folgt auf die nüchterne Aufklärung und auch das spiegelt sich in der Mode der Dekade deutlich wieder, in Großbritannien, aber vor allem auch im deutschen Biedermeier, der ungefähr zeitgleich mit dem späteren Regency und dem beginnenden viktorianischen Zeitalter eingeordnet wird.

Das Ästhetikempfinden dieser Zeit findet Freude am urig-ländlichen, an malerischen Gegenden und ruhiger Schönheit als Gegenbewegung zur hektischen Stadt und den neuen industriellen Fortschritten und das lässt sich an den neuen Farbtrends und Mustern gut ablesen: Helle Stoffe waren beliebt und die Weiterentwicklung des Walzendrucks, der Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommen war, machte es nun möglich, sehr bunte filigrane  Natur- und Blumenmuster auf Stoffe zu drucken, die sich bald großer Beliebtheit erfreuten.

Zu Beginn des Jahrzehnts erblickte außerdem ein neuer Modetrend das Licht der Welt: Die ausufernden Gigotärmel, die ihr an den drei Kleidern oben sehen könnt, ihrer Form wegen auch „Schinkenärmel“ genannt, sollten die Schultern akzentuieren, um gemeinsam mit den weiten Röcken einen Kontrast zur schmalen Taille herzustellen. Bald konnten die Ärmel kaum groß genug sein. Im Verlauf des Jahrzehntes wandern sie von den Schultern hinunter in die Armbeuge. Im Inneren verstecken sich Metallgestelle und Polster, die den Ärmeln ihre Form geben.

Auch die tief auf der Schulter liegenden Ausschnitte des Jahrzehnts sollen die Schulter betonen und sie breiter wirken lassen. Tageskleider mit langen Ärmeln sind höher geschlossen, liegen aber genauso wie kurzärmelige Abendkleider mit tieferem Ausschnitt tief auf der Schulter und bedecken sie nur knapp, ein Trend, der auch die nächsten Jahrzehnte aus demselben Grund noch zeichnen wird. Gemeinsam mit den runden, kuppelförmigen Röcken lässt dieser Ausschnitt die Taille schmaler wirken.

Die Erfindung des Anstands: Die konservativen 1830er

Neue Verfahren im Walzendruck machen detaillierte Muster wie dieses möglich | Kleid, amerikanisch, ca. 1837 – 1839

Die 1830er deuten jedoch auch an, dass die westliche Welt nach dem individuellen, informellen frühen 19. Jahrhundert mit seinen schmalen Empirekleidern wieder konservativer wird. Die Empiremode war eine bewusste Reaktion auf Aufklärung und Französische Revolution. Sie lehnte die alten Modeideale rigoros ab. Jetzt kehrt Europa – und in diesem Zuge auch Amerika – jedoch zu ihnen zurück: Die Form der 1830er Jahre ist natürlich nicht dieselbe wie in den 1780er Jahren, doch die schmale Taille, akzentuiert von weiten Röcken, ist eine deutliche Rückbesinnung.

Die Natürlichkeit und (vorgetäuschte) Standeslosigkeit des frühen 19. Jahrhunderts weicht jetzt nach den napoleonischen Kriegen erneut einem Verständnis von Mode als Statussymbol und auch die Extravaganz kehrt zurück. Was im 18. Jahrhundert gepudertes Haar und Schönheitsflecken waren, sind jetzt Blumen im aufgetürmten Haar und große Ärmel, denn nach den Kriegswirren wünschen sich die Menschen tatsächlich Ruhe und eine geordnete Gesellschaft: Sie sind müde von Krieg, Revolution und politischer und gesellschaftlicher Umordnung.

Das erklärt sicherlich auch, warum die Natur als Rückzugsort so eine große Rolle spielt und sich in unter anderem in Blumenmustern auch in der Mode wiederfindet. Hier wird auch der Grundstein für weitere, deutlich düsterere Entwicklung des 19. Jahrhunderts gelegt. Individualität und die eigene Meinung sind, sehr deutlich gesagt, out. In ist Sittsamkeit und Anstand, ein sehr konservatives Weltbild, das auch das Frauenbild stark beeinflusst und im Gegensatz zur intelligenten, selbstständigen Frau der Aufklärungszeit um Jahre zurückwirft.

Zusammenfassend romantisiert und idealisiert die Mitte des 19. Jahrhunderts sehr stark das 18. Jahrhundert vor den Revolutionen in Haiti, Amerika und Frankreich. Besonders Adel und gehobenem Bürgertum kommt diese Zeit nun beschaulich und romantisch vor, nicht gezeichnet von Krieg und Aufstand. Und das schlägt sich natürlich auch in der Mode wieder, denn Mode, Gesellschaft und Politik hängen immer eng zusammen. Am deutlichsten wird das wohl, wenn man bedenkt, dass alte Kleider aus dem 18. Jahrhundert in dieser Zeit aufgetragen werden: Natürlich umgenäht, um die neuste Mode zu spiegeln.

Korsett und Schulterpolster: Die neue Stundenglasfigur

Unterwäsche der 1830er: Korsett in Vorder-(links) und Rückenansicht (rechts), amerikanisch, ca. 1830 – 1835 | Mitte: Korsett, Schulterpolster und Unterrock, amerikanisch, ca. 1830 (Met Museum)

Diese Rückbesinnung auf die Werte – und die Mode – des achtzehnten Jahrhunderts zeigt sich auch deutlich in der Form der Röcke, die, durch mehrere Lagen gestärkter Unterröcke geformt, erneut voll und schwer werden, ganz im Gegensatz zu den frei fallenden Röcken des frühen 19. Jahrhunderts. Zu Beginn des Jahrhunderts sind Röcke noch knöchellang, doch um 1835 fallen sie auf den Boden, wo sie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auch verbleiben: Auch hier macht sich der neue Anspruch an Sittsamkeit bemerkbar.

Die 1830er erfinden außerdem das berühmte viktorianische Stundenglaskorsett, das sich aus der Schnürbrust des vorangegangenen Jahrhunderts entwickelt hat. Es verfügt noch über Schulterträger und soll Brust und Rücken stützen. Die Taille wird kaum bis gar nicht eingenommen, denn das Korsett gibt auch ohne Reduzierung eine Stundenglasform und die großen Ärmel und weiten Röcke erschaffen bereits die Illusion einer schmaleren Taille. Im frühen Jahrzehnt wird diese noch durch Gürtel oder Bänder akzentuiert.

Ein beliebtes Accessoire der späteren 1830er, das besonders in den nächsten drei Jahrzehnten ein fester Bestandteil der Mode wird, war das Schultertuch. Unten rechts seht ihr ein sehr dünnes, transparentes Tuch, wie es zum Beispiel im Sommer oder zu Abendmode getragen worden wäre. In der kälteren Jahreszeit waren natürlich auch die Schultertücher dicker, zum Beispiel aus Kaschmir. Schultertücher konnten einfarbig sein, aber auch bemalt oder bestickt, ganz nach Geschmack und neuster Mode gestaltet.

Accessoires und Frisuren, romantisch verspielt

Links: Unbekannte Dame mit Stirndiadem, F.W. Herdt, Deutschland, 1833 | Mitte: Haube, Frankreich, 1830 – 1835 (Met Museum) | Rechts: Mathilde Wilhelmine Louise von Stürler-Böttiche, Julius Schoppe, 1838

Zu Beginn trug man das Haar besonders im deutschsprachigen Raum noch recht extravagant zu komplizierten Knoten am oberen Hinterkopf aufgesteckt. Das Haar war in der Mitte gescheitelt und zu beiden Seiten des Gesichts von zu großen Locken gebrannten Haarsträhnen eingerahmt. Im Verlauf des Jahrzehnts setzte sich auch hier erst in Großbritannien und dann auch auf dem Kontinent eine ähnliche, aber bescheidenere Frisur durch: Das Haar wurde jetzt zu einem einfachen Knoten gesteckt oder geflochten und aufgerollt, wie es die Frau oben rechts trägt.

Zu beiden Seiten des Gesichts konnte es weiterhin zu Korkenzieherlocken frisiert getragen werden oder glatt oder geflochten über die Ohren gelegt und festgesteckt. Der romantisch verspielte Charakter des Jahrzehnts lässt sich hier auch entdecken, denn frische Blumen waren eine beliebte Dekoration für das Haar und die breitkrämpigen Hauben aus Stroh oder Seide, die auch mit Federn, Spitze und farbenfrohen Hutbändern dekoriert waren. Zu besonderen Anlässen wurden auch Perlen und Kämme im Haar getragen, oder schmale Stirnreifen aus Gold, wie ihn die Dame oben links trägt.

Halbstiefel für Damen kamen gegen Ende der Dekade in Mode. Zuvor trugen Damen absatzlose Leder- und Stoffslipper mit eckiger Kappe auf der Straße und welche aus feiner Seide zu festlichen Anlässen. Dass solche Schuhe auch mal bunt sein können, ist möglich, aber wäre ungewöhnlich: Ab circa 1835, als die Röcke bodenlang werden und die Schuhe verstecken, sind die meisten Slipper nicht mehr, wie in vorangegangenen Jahrzehnten, bunt, gestreift oder mit Stickereien verziert, sondern meist einfach schwarz oder weiß, da sie kaum gesehen wurden.

Fazit: Die 1830er als Übergang in ein neues Zeitalter

Abschließend lässt sich sagen, dass die Mode der 1830er ein bisschen Übergangsmode ist: Sie beinhaltet noch Versatzstücke von früherer Mode und ist romantisch verspielt und naturbezogen, wandelt sich aber besonders im Verlauf des Jahrzehnts hin zu einer bescheideneren, simpleren Mode. Frisuren werden weniger extravagant, Farben gedämpfter, der ausufernde Gigotärmel wird schmaler und wandert von der Schulter in die Armbeuge. Die 1830er sind konservativ, doch sie sind auch fröhlich und verspielt.

Die Trends der deutlich bescheideneren, noch konservativeren 1840er deuten sich schon an. Die eingeschnürte Taille, die längeren Röcke und die sittsameren, strengen Frisuren. So gesehen sind die 1830er Jahre modisch, aber auch gesellschaftlich und kulturell ein letztes Auflehnen des florierenden frühen 19. Jahrhunderts. Ich hoffe, ich konnte euch die generellen Trends und Moden dieser zehn Jahre mit diesem Artikel näherbringen und ihr begleitet mich demnächst auch durch die Mode der 1840er Jahre.


Beitragsbild: Modezeichnung, aus “The World of Fashion and Continental Feuilletons”, 1836


Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Tortora, Phyllis / Eubank, Keith: Survey of Historic Costume. 1994.

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