Gesellschaft & Alltag

Die Viktorianer und der Tod: Trauerbräuche und -mode

Auf den ersten Blick mögen uns die Trauerbräuche und Traditionen des 19. Jahrhunderts rund um den Tod sehr makaber, wenn nicht sogar respektlos, erscheinen. Immer wieder lese ich, dass moderne Menschen den viktorianischen Umgang mit dem Tod als pietätlos empfinden und sich davor gruseln oder gar ekeln. Das hängt damit zusammen, dass wir heute einen ganz anderen Blick auf den Tod und das Sterben haben, als die Menschen vor noch rund hundert Jahren. Ich finde es schade, wenn das Verständnis für die Bräuche vergangener Gesellschaften fehlt und möchte euch deshalb heute die Hintergründe des viktorianischen Totenkults näherbringen.

Zurück geht der Hang der Epoche zu ausgefallenen und ausschweifenden Trauerperioden und Beerdigungen tatsächlich auf Königin Victoria, die nach dem Tod ihres Gemahls Prinz Albert im Jahr 1861 bis zu ihrem eigenen Lebensende 1901 nur noch in schwarzer Trauerkleidung auftrat und selbst für viktorianische Verhältnisse sehr ausgiebig trauerte. So ließ sie zum Beispiel weiterhin die Bettlaken und Handtücher in Prinz Alberts Schlafzimmer regelmäßig wechseln. Doch als Albert starb, verfiel mit Victoria ein ganzes Land in Trauer: Victoria erwartete es auch nicht anders. Getrauert wurde öffentlich, jeder nahm Anteil, denn der Tod war keinesfalls ein Tabuthema. Und genau deshalb umrankten ihn viele Traditionen, die uns zum Teil bis heute erhalten bleiben.

Das Haar der Toten: Bräuche und Traditionen

Links: Viktorianische Trauernde, ca. 1870 | Rechts: Trauerbrosche mit Haar, amerikanisch, 1868 (Met Museum)

Verstarb eine geliebte Person, galt es zuerst den eigenen Haushalt für die Trauerperiode zurechtzumachen: Nicht nur gehörte ein schwarzer Trauerflor an die Haustür, der Freund_innen und Nachbar_innen auf den Trauerfall hinwies: Lautstärke und Geselligkeiten galten als Zeichen von Leben und Fröhlichkeit und waren somit im Trauerfall unpassend. Alle Bibeln im Haus wurden außerdem in schwarzen Stoff gewickelt, Spiegel wurden verhangen und schwarze Trauerbändchen wurden an Alltagsgegenstände gebunden, um auch nach außen hin die eigene Trauer auszudrücken: Trauern war im 19. Jahrhundert eine stille, aber öffentliche Angelegenheit, an der die gesamte Gemeinde anteilhaben durfte und sollte.

Auch beliebt war es, sich ein Medaillon mit en Haaren des Verstorbenen anfertigen zu lassen, oder sich sein Haar sogar auf ein Kissen oder ein Tuch sticken zu lassen. Besonders im frühen 19. Jahrhundert steckt die Fotografie noch in den Kinderschuhen und oft bleibt selbst wohlhabenden Menschen kein Bild, um sich an die verstorbene Person zu erinnern. Daher rührt der Brauch dieses Trauerschmucks, aber unter anderem auch die oft als makaber wahrgenommene Post-Mortem-Fotografie, bei der eine tote Person fotografiert wird. Auch hier gilt: Oft gab es keine Bilder der Person, sodass ein solches Totenbild die einzige Möglichkeit war, sich an das Aussehen der geliebten Person zu erinnern.

War die Zeit für die eigentliche Beerdigung gekommen, gab es für sehr bekannte oder sehr wohlhabende Menschen einen Trauerzug durch das Dorf oder Stadtviertel zum Friedhof. Hierbei fuhr der Sarg in einer Kutsche an der Spitze, gefolgt von einer weiteren Kutsche mit den engsten Angehörigen des Verstorbenen. Die Kutsche war zumeist pechschwarz, genau wie die Pferde, die sie zogen. Geschmückt waren die Pferde mit schwarzen Straußenfedern. Diese Züge konnten sehr lang sein, doch auf dem Friedhof trafen bloß die Familie und die engsten Freunde des Toten ein, denn die meisten Kutschen im Trauerzug waren leer: Es galt als höflich bloß seinen Kutscher mit der Kutsche zum Trauerzug zu schicken, um sein Beileid auszudrücken.

Gräber wurden, je nach Vermögen, mit opulenten Grabmonumenten geschmückt. Trauernde weiße Engel sind oft anzutreffen, sowie halb verdeckte Steinurnen. In Mode war der ägyptische Stil, der auch überall auf dem berühmten viktorianischen Highgate Cemetery in London zu finden ist, oder in Paris auf dem ähnlich imposanten Friedhof Père-Lachaise. Starb eine berühmte Person, gab es nicht selten sogar kleine Memorablia zu kaufen, wie Ringe mit dem Gesicht der Person, die zum Ausdruck der Trauer getragen wurden. Doch auch für weniger wohlhabende oder bekannte Menschen waren die Beerdigung, Trauerbräuche und die lange Trauerphase ein wichtiger Schritt um Abschied zu nehmen.

Schwarze Kleider: Trauermode und Trauerphasen

Trauerensemble, amerikanisch, Seidenkrepp, ca. 1870 | Rechts: Detailansicht des Krepp (Met Museum)

Allerdings hatte das Trauern im voranschreitenden 19. Jahrhundert auch einen sehr großen modischen Aspekt, denn besonders für die gehobene Gesellschaft galt Trauerkleidung als wichtigster Ausdruck der Trauer. Ein typisches Trauerkleid samt schwarzem Florschleier aus den 1870ern könnt ihr auf dem Bild oben sehen. Schwarze Trauerkleidung ist in der westlichen Geschichte schon lange bekannt, beliebt wurde die ausschweifende Trauermode jedoch erst, nachdem Queen Victoria nach Alberts Tod nur noch in Trauerkleidung zu sehen war und einige modebewusste Londoner_innen ihrem Beispiel folgten. Großbritannien ist in dieser Zeit noch Trendsetter, sodass die Bräuche auch bald das kontinentale Europa und Nordamerika erreichen.

Die tiefste Trauer wurde durch Kleider aus tiefschwarzem Material, meist Krepp, ausgedrückt, geschmückt bloß mit Trauerflor: Wichtig ist, dass diese Kleider nicht schimmern durften. Sie mussten mattschwarz sein. An diesem Detail lassen sich Trauerkleider am besten von gewöhnlichen schwarzen Alltagskleidern unterscheiden, denn schon damals war schwarz eine ganz gewöhnliche Trendfarbe. Männer trugen schwarze Anzüge, Handschuhe, Westen und Hüte: Trauernde aller Geschlechter waren komplett in Schwarz gekleidet. Interessanterweise waren Kinder von der Trauerkleidung ausgeschlossen, obwohl kleine Mädchen manchmal weiße Kleider trugen und man Babys schwarze Bänder an die Kleidchen heftete.

Die Regeln zur Trauerkleidung waren so kompliziert, dass eigens Anleitungen und Fachbücher dazu geschrieben und verkauft wurden. Ich werde versuchen, sie so gut wie möglich zusammenzufassen: Zuerst einmal kam es darauf an, wie nah man dem Verstorbenen stand. Die Witwe des Verstorbenen trauerte offiziell zweieinhalb Jahre. Davon ein Jahr und einen Tag in voller Trauergarnitur, wie auf dem Bild zu sehen. Danach folgte die zweite Phase, die weitere neun Monate dauerte. Flor wurde nun nicht mehr getragen, doch die Kleider mussten immer noch schwarz sein. Dekorationen, ein wenig Schmuck und vor allem weniger matte Stoffe waren jedoch wieder erlaubt. In der letzten Phase trug man modische Alltagskleidung in gedämpften Farben wie Grau oder Violett.

Eltern und Kinder der verstorbenen Person trauerten im Gegensatz zu Witwen und Witwern bloß ein Jahr, Geschwister und Großeltern sechs Monate, die entfernte Verwandtschaft sechs Wochen. Trauerschmuck war meist aus schwarzem Gagat oder – wenn das nicht erschwinglich war – aus schwarz gefärbtem Glas, und es gab Trauerfächer und sogar Trauerschirme in tiefstem Schwarz. Obwohl sie traurig und bescheiden wirken sollen, sind Trauerkleider der High Society jedoch immer nach der neusten Mode geschnitten und machen alle modischen Entwicklungen der Epoche mit. Hier seht ihr ein paar Trauerkleider aus verschiedenen Epochen, die alle die modischen Schnitte und Silhouetten ihrer Zeit aufweisen:

Links: Trauerkleid aus stumpfer Seide, amerikanisch, ca. 1850 | Mitte: Mit Gagat besetztes Trauerkleid, amerikanisch, ca. 1883 | Rechts: Trauerkleid aus Leinen und Seide, amerikanisch, ca. 1904 (Met Museum)

Wie man sich bereits denken kann, machten die Fachgeschäfte für Trauerbekleidung einen sehr großen Umsatz mit all diesen Kleidern, Hüten, Schleiern, Bändern, Schleifen, Handschuhen und Tüchern. Im viktorianischen London war zum Beispiel das beliebte Geschäft Jay’s of Regent Street schon ab 1841 die erste Adresse für Trauerbekleidung und wurde im Verlauf des ausufernden Trauertrends in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weltbekannt. Besonders gut verdienten diese Geschäfte, weil man glaubte, es würde Pech bringen, Trauerkleidung nach der Trauerphase im Haus zu behalten. Wer es sich leisten konnte, gab die Trauerkleidung also nach der Trauerphase weg und erstand neue, wenn es nötig wurde.

Das 19. Jahrhundert und die Faszination Tod

Zurückzuführen sind diese umfangreichen Trauerbräuche und die allgemeine Faszination mit dem Tod im 19. Jahrhundert einerseits auf die hohe Sterblichkeitsrate. Besonders die Kindersterblichkeit war deutlich höher als heute und die Medizin noch lange nicht gut entwickelt, sodass auch Unfälle, Krankheiten und dergleichen viele Todesopfer forderten. Der Tod war allgegenwertiger als heute und deshalb auch weniger Tabuthema. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich daraus außerdem eine Art Revival des barocken Vanitaskult. Der Tod wurde zum Trendthema: Das Horrorgenre, wie wir es heute kennen, entwickelt sich zum Beispiel in dieser Zeit.

Im 19. Jahrhundert trauerte man nie für sich allein, sondern öffentlich und miteinander. Man machte den Verlust erträglicher, indem man umfangreiche und komplizierte Trauerphasen und -bräuche einhielt. Natürlich war die öffentliche Zurschaustellung der eigenen Trauer innerhalb der gehobenen Gesellschaft auch ein Mittel den eigenen sozialen Stand deutlich zu machen und zu zementieren. Es war nicht gern gesehen, dass Witwen während der Trauerzeit an Bällen und anderen gesellschaftlichen Events teilnahmen, doch das hieß nicht, dass sie plötzlich außerhalb der Gesellschaft standen und keinerlei sozialen Verpflichtungen mehr hatten. Alles in allem sollten die Bräuche und Traditionen jedoch Trost spenden und beim Erinnern an die verstorbene Person helfen.


Beitragsbild: “La Veuve” von Alfred Stevens, Datum unbekannt, Öl auf Leinwand


Selbst nachlesen?

Brett, Mary: Fashionable Mourning Jewelry, Clothing, & Customs. 2006.

Curl, James Steven: The Victorian Celebration of Death. 2001.

Luthi, Anne Louise: Sentimental Jewellery. 2008.

You may also like