Mode

Die Geschichte des Korsetts

Um kaum ein Kleidungsstück ranken sich so viele Mythen und Gruselgeschichten, wie um das infame Korsett. Ob es von vorn herein in die Fetisch- oder Gothicszene eingeordnet, als mittelalterliches Folterinstrument betrachtet oder fest daran geglaubt wird, dass Korsetts einen in eine Ohnmacht sinken lassen oder sogar töten könnten. Selbst in beliebten populärwissenschaftlichen Dokumentationen werden die Fehlinformationen weitergetragen, selbst in ansonsten gut recherchierten historischen Romanen leiden Frauen unter dem Korsett und können nicht atmen.

Und, das ist für viele eine Überraschung, das ist alles gar nicht wahr. Woher die Fehleinschätzungen kommen, ist schnell geklärt: Zeitgenössische und vor allem auch moderne Medien stellten das Korsett falsch dar, sprachen von schmerzhaften 35-cm-Taillen und erfanden Gruselgeschichten über zerdrückte Rippen und kaputte Lungen. In Wahrheit handelt es sich beim Korsett jedoch um eine Mode, die ähnlich wie der BH entwickelt wurde um den Oberkörper zu stützen und durch falsche wissenschaftliche Behauptungen, damals bis heute, stark diskreditiert wurde.

Renaissance: Die frühen Korsetts des sechzehnten Jahrhunderts

Links: Schnürbrust, Spanien. Anfang des 18. Jh. | Mitte: Schnürbrust, Amerika, ca. 1820-39 | Rechts: Korsett, Frankreich, 1887 (Met Museum)

Die Anfänge des Korsetts darf man auch daher nicht im Mittelalter suchen, egal wie viele “Korsagen” man auf dem Mittelaltermarkt schon gesehen hat, sondern viel eher in der sehr frühen Neuzeit. Wann und wo genau es seinen Anfang genommen hat ist unbekannt, doch es muss irgendwann im 16. Jahrhundert aufgekommen sein. Schon zuvor gab es jedoch verstärkte Mieder, die den Oberkörper stützten und sanft in die modische Linie der Epoche drückten. Die Schnürbrust setzt als separates Kleidungsstück also nur fort, was Kleidung schon seit der Frühen Neuzeit macht.

Fast alle Leser.innen mit Busen werden wissen, wie unangenehm es sein kann, ungestützt herumzulaufen, besonders, wenn die Brust etwas größer ist. So ging es auch den Menschen in vergangenen Zeiten, weshalb sie schon immer einen Weg suchten, Brust und Rücken zu stützen. Ihr dürft euch die ersten Schnürbrüste aber nicht vorstellen wie die berühmten viktorianischen Korsetts. Die frühe Schnürbrust war zylinderförmig, wurde meist vorn geschnürt und verfügte über Schulterträger. Oft war es mit Walknochen gestärkt, manchmal, besonders bei ärmeren Frauen, mit einfachem Seil.

Dieses Stück Unterwäsche war keine kurzlebige Modeerscheinung. Bereits in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gehörte es zur Ausstattung jeder wohlhabenden Dame und hielt sich tatsächlich bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, unterlief jedoch natürlich stetig Veränderung, da es sich immer an die moderne Form der Epoche anpasste. Erst um 1800, als die Mode auf natürliche Formen setzte, wurde die Schnürbrust weniger getragen, war jedoch nicht vollkommen verschwunden.

Romantik: Die Erfindung der Stundenglasfigur

Links: Marie Luise Stamm, Louis Krevel, 1835 | Mitte: Kleid, amerikanisch, 1835 | Rechts: Unterwäsche mit Korsett und Schulterpolstern, amerikanisch, ca. 1830 (Met Museum)

Mit der Romantik, die die Zeit der Aufklärung ablöste, besann man sich wieder auf das alte Ideal: Schmale Taille und weite Röcke. Hier entstand der Prototyp des Korsetts, wie wir es kennen. Das neue Korsett wurde im Rücken geschnürt, doch es war Frauen entgegen aller Erwartungen trotzdem möglich, es ohne Hilfe einer zweiten Person an- oder abzulegen. Wohlhabende Damen haben es wohl eher aus Bequemlichkeit ihre Dienstmädchen machen lassen. Sich nicht selbst ankleiden zu müssen war schließlich ein Statussymbol.

Frauen im frühen neunzehnten Jahrhundert haben ihre Taille zudem kaum eingeschnürt: Durch weite Röcke und große Ärmel, die die Schultern breiter erschienen ließen, war der gewünschte Kontrasteffekt zur schmalen Taille bereits ohne viel Schnüren gegeben. Akzentuiert wurde das meistens noch ganz bewusst durch einen Gürtel oder ein Band um die Taille. Das Korsett diente, wie in späteren Zeiten übrigens auch, vorrangig dazu den Oberkörper zu stützen und eine grade Haltung zu erreichen.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verschwinden die breiten Schultern langsam aus der Mode, bis um 1870 die Ärmel eng anliegen und die Fülle sich auf den hinteren Teil des Kleides konzentriert: Von vorn sieht das Kleid sehr schmal aus und sitzt sehr eng. Hier beginnt erst so wirklich das tatsächliche Reduzieren der Taille. Wer jetzt denkt: “Aha, hier wird es also ungesund!” – Weit gefehlt. Denn die Taille wurde sehr sanft und geduldig reduziert. Träger.innen schnürten das Korsett immer wieder ein wenig enger und verformten die Taille auf diese Weise permanent. Und zwar schmerzlos.

Fin de Siècle: Tight-Lacing und Reformmode

Links: Georgina Hjort, ca. 1885 | Mitte: Unbekannte Frau, ca. 1894 | Rechts: Lillian Russell, ca. 1900

Es stimmt, dass in den 1880ern und besonders in den 1890ern das Tight-Lacing in Mode kam: Das besonders enge Schnüren der Taille. Tatsächlich sah dieser Trend jedoch vollkommen anders aus, als man oft denkt. Niemand schnürte sich von jetzt auf heute auf eine 40cm-Taille, wie die berühmte Tänzerin Polaire sie gehabt haben soll. Tatsächlich ist fraglich, ob Polaire wirklich eine so schmale Taille hatte, denn schon damals wurden Fotos bearbeitet. Seht ihr also ein Bild von einer viktorianischen Frau mit extrem schmaler Taille ist es zu 99% sicher bearbeitet.

Die meisten Träger.innen reduzierten ihre Taille tatsächlich nur um knapp 5cm. Die durchschnittliche Taille des 19. Jahrhunderts beträgt 60cm – 65cm und das ist bei einer durchschnittlichen Körpergröße von unter 1,60m wirklich nicht extrem. Die extrem schmale Taille war ein Ideal, wurde aber nicht wirklich angestrebt. Stattdessen sollte das Korsett die üppige Stundenglasform geben und das tut es tatsächlich schon, wenn man die Taille überhaupt nicht reduziert.

Oben seht ihr drei modisch gekleidete Frauen des späten 19. Jahrhunderts und drei verschiedene Körpertypen. Ich bin mir sicher, dass diese Bilder nicht bearbeitet sind und zeigen, wie das Korsett an verschiedenen Körpertypen eine schöne Linie und eine gerade Haltung erreicht. An Georgina Hjort links sieht man außerdem ganz gut die gepolsterten Hüften: Mit Hüftpolstern wurde ebenfalls ein Kontrast zur Taille erschaffen, ohne die Taille allzu sehr einschnüren zu müssen. Die Frau in der Mitte hat ihre Taille ebenfalls nur leicht reduziert. Die großen Ärmel der Jahre 1893/94 schaffen ebenfalls einen Kontrast.

Fazit ist: Das Korsett war ein ganz gewöhnliches Stück Unterwäsche, wie heute der BH, der der Brust ja auch Form gibt, während er sie stützt. Das Korsett war kein Zeichen von Unterdrückung und die bekannten Damen aus historischen Romanen, die als Zeichen ihrer Befreiung auf das Korsett verzichten und endlich frei atmen können, hat es in der Form niemals gegeben. Dass zu starkes Einschnüren schlecht für die Gesundheit ist, stimmt daher bloß eingeschränkt bis gar nicht: Man muss bedenken, wie die Dame zu ihrem Korsett gekommen ist.

Das Korsett wurde der Dame auf den Leib geschneidert und hat sich ihrer Form daher von Anfang an perfekt angepasst. Es passte haargenau. Das Korsett sorgt also keinesfalls für Atemnot, es zerquetscht nicht die Rippen und es lässt auch nicht in eine Ohnmacht sinken. Wer seine Taille enger schnüren wollte, tat das nicht von heute auf morgen, sondern über Monate hinweg: Die Taille wurde trainiert und nach und nach immer schmaler geschnürt. Tut man das richtig und mit viel Geduld, tut nichts weh und es gibt keine bleibenden Schäden für die Gesundheit.

Die Korsett-Kontroverse

Trotzdem gibt es Berichte von viktorianischen Frauen, die unter ihrem Korsett gelitten haben. Woher kommen die also? Hier handelt es sich meist um Damen, die das Schnüren übertrieben haben und nicht geduldig genug waren. Schnürt man zu schnell zu eng kann es zu Schmerzen und Verdauungproblemen kommen. Auch ein schlecht sitzendes Korsett kann Probleme bereiten, aber im Normalfall war das Korsett ein maßgeschneidertes Stück Unterwäsche, kein Folterinstrument, und saß in den meisten Fällen sicherlich besser als der moderne BH.

Das Korsett konnte tatsächlich Ausdruck von Missbrauch sein, aber nicht auf die Art, die man sich vorstellt. Ich habe zum Beispiel ein Tagebuch einer knapp Vierzehnjährigen gelesen, deren viel zu modebewusste Mutter sie in ein zu enges Übungskorsett geschnürt hat, das ihr starke Schmerzen bereitete, um ihr so schnell wie möglich eine schmale Taille zu bescheren. Das ist Gewalt und Missbrauch und nicht Sinn und Zweck des Korsetts. Trotzdem ist es natürlich vollkommen verständlich warum diese Mädchen und Frauen das Korsett ablehnten.

Dass das enge Schnüren des Korsetts zu Verformungen des Brustkorbes und zu verschobenen Organen führen konnte, ist übrigens sogar wahr, macht aber ehrlich gesagt genau gar nichts. Viele moderne Klischees zum Korsett basieren auf viktorianischen Einschätzungen, die wiederum auf medizinischem Wissen basieren, das einerseits noch nicht sehr weit entwickelt ist und außerdem oft misogyn. So hieß es, das Korsett könnte Rippen und Lungen des sowieso schon viel zu schwachen weiblichen Körpers kaputt machen.

Das ist mittlerweile doppelt widerlegt, wird aber immer noch gern rausgeholt, um das Korsett als Folterinstrument abzustempeln, gemeinsam mit Zeichnungen von verschobenen inneren Organen, die ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert stammen und im Jahr 2011 genau gar keine Aussage mehr treffen können, da das, was sie zeigen, schlichtweg nicht der Realität entspricht und ebenfalls widerlegt ist. Trägt man das Korsett richtig tut also nichts weh und während der Körper permanent verformt wird, ist das vollkommen ungefährlich.

Trotzdem entwickelte zu Beginn der 1900er Jahre ein Arzt, der das herkömmliche Korsett für schädlich hielt, das sogenannte S-Korsett. Es entlastete angeblich den Druck auf den Bauch, indem es die Brust nach vorn zwang und die Hüften nach hinten. Dies formte den Körper zu einem S, das auch bald recht modern wurde. Allerdings wird die unnatürliche Haltung durch das S-Korsett heute als deutlich ungesünder angesehen, als die herkömmlichen Korsetts, da es den Rücken stark belastete – Und das sagt alles aus, was man über das viktorianische Herangehen an das Korsett wissen muss.

Das edwardianische S-Korsett & das Ende des Korsetts 

Entwicklung von Form und Sitz des späten Korsetts, 1896 – 1917 | Quelle: Edwardian Promenade

Um 1915 war noch ein weiteres Korsett recht beliebt: Es bedeckte von den Knien bis zur Brust den gesamten Körper und drückte die Taille diesmal breiter, anstatt sie schmaler zu schnüren. Dieses Korsett war allerdings tatsächlich sehr unbequem und unpraktisch und seine Beliebtheit war nur von kurzer Dauer. Nun kam das Korsett jedoch aus ganz anderen Gründen langsam aus der Mode: In den USA wurden die Damen angehalten, keine Korsetts mehr zu kaufen, denn das Metall, das zum Verstärken genutzt wurde, sollte in die Waffenherstellung für den Ersten Weltkrieg fließen.

Während die Männer im Krieg waren, kam es außerdem zu einer Lockerung der strengen Geschlechterrollen, was dafür sorgte, dass die Frauen nun die Arbeiten der abwesenden Männer erledigen mussten und wollten. Hierfür wurde aus praktischen Gründen auf das Korsett verzichtet. Kurz darauf wurde der BH patentiert und ersetzte das Unterwäschestück nach und nach vollkommen. Korsetts wurden jedoch bis in die 30er Jahre besonders von alten Damen getragen, die zu viktorianischen Zeiten jung gewesen waren, sowie aus medizinischen Gründen.

Zum Abschluss würde ich euch noch gern mitgeben, dass auch (cis) Männer lange Korsett getragen haben. Die modische Linie der 1830er und 1840er zum Beispiel lässt sich nicht ohne Korsett erreichen. Das Korsett ist also kein Folterinstrument, in das Frauen von Männern gezwungen wurden, sondern ein Stück Unterwäsche, das von allen Geschlechtern getragen wurde und Brust und Rücken stützen sollte. Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Artikel einen kleinen Überblick über die Geschichte des Korsetts geben und vielleicht dafür sorgen, dass ein oder zwei Autor.innen weniger den Fehler machen, die Korsettmythen weiterzuverbreiten.


Beitragsbild: “Junge Frau, die ihr Korsett nachschnürt”, Pierre Carrier-Belleuse, 1893, Öl auf Leinwand, 133,4 x 92,2 cm


Selbst nachlesen?

Steele, Valerie: The Corset. A Cultural History. New Haven, 2001.

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