Leben im 19. Jahrhundert

Viktorianische Mode ist wirklich nicht romantisch

Viktorianische Mode wird oft romantisiert. Wenn ich einen Euro hätte für jedes Mal, das ich jemanden sagen höre: “Ich wünschte, wir könnten das heute noch anziehen”. Ich bin Historikerin, ich interessiere mich sehr für historische Mode – und ich wünsche mir das nicht. Aber nicht aus den Gründen, die euch jetzt vielleicht durch den Kopf gehen. Heute möchte ich erklären, warum viele Annahmen zur Gefährlichkeit von viktorianischer Mode nicht ganz stimmen. Und warum viktorianische Mode trotzdem nicht romantisch ist.

Denn um kaum ein Kapitel der Modegeschichte ranken sich so viele Legenden wie um das neunzehnte Jahrhundert, sein Korsett, seine Reifröcke und seine Trends und während meist harmlosen Kleidungsstücken eine tückische Gefährlichkeit attestiert wird, werden die wahren Gefahren (und meistens eher Unbequemlichkeiten) übersehen. Die praktischen, aber vor allem auch die symbolischen.

Die Tücken viktorianischer Unterwäsche  

Links: Krinoline, amerikanisch, 1857 | Rechts: Unterrock, amerikanisch, ca. 1855

Die meisten von euch denken sicherlich “Ach, das Korsett, richtig?”, wenn ich die Gefahren von viktorianischer Unterwäsche erwähne, aber das Korsett hat uns an sich überhaupt nichts getan. Es ist ein Stück Unterwäsche, so, wie der moderne BH. Auch die verrufene Krinoline, die ihre Träger.innen angeblich in einen Käfig sperrt, wird uns nicht direkt gefährlich. Sie ist nämlich kein hartes Eisengestell, sondern flexibel, lässt sich leicht zusammendrücken und hindert niemandem am Laufen, Sitzen oder Türen durchqueren.

Karikaturen wie die im Beitragsbild gibt es viele und während die Krinoline nicht einschränkend war, konnte sie dennoch unpraktisch sein, sobald man sich mit mehreren Krinolinen in einem Raum befand. Krinolinen hatten selbst zu ihrer Hochzeit in den frühen 1860er Jahren keinen so großen Umfang wie diese – oft auch misogyn gefärbten – Karikaturen uns weismachen möchten, doch zwischen 3m und 5m Durchmesser waren schon drin und dann konnte es natürlich eng werden.

Die wahre Gefahr der weiten Röcke, die von ca. 1840 bis 1870 in Mode waren, lagen woanders. Tatsächlich stellte die Krinoline, die 1856 patentiert wurde, eine Erleichterung dar, denn sie machte es unnötig mehrere Lagen schwerer, gestärkter Unterröcke zu tragen, die die Hüften stark belasteten. Damals trugen Frauen oft mehrere Kilo Unterwäsche am Leib. Im Sommer waren die vielen Röcke natürlich zu warm, aber die größte Gefahr waren zwei Elemente: Feuer und Wasser.

Stürzte man in 5kg Unterwäsche ins Wasser, sog sich die Kleidung blitzschnell voll und zog einen hinab. Noch gefährlicher war jedoch Feuer, das besonders im frühen viktorianischen Zeitalter als Licht- und Wärmequelle überall anzutreffen war. Durch Unterröcke oder Krinoline standen die Röcke so weit vom Körper ab, das man oft zu spät bemerkte, wenn sie Feuer gefangen hatten. So kamen zum Beispiel 1871 Emily und Mary Wilde, die Schwestern von Oscar Wilde, ums Leben. Besonders in den 1850ern und 1860ern waren “Krinolinenfeuer” tragischerweise keine Seltenheit.

Das Anliegen der Rational Dress Society

Die Evolution der viktorianischen Silhouette | Links: Kleid, amerikanisch, 1843 | Mitte: Kleid, amerikanisch, 1869 | Rechts: Kleid, A.B. Coady, 1893 (Met Museum)

Zu der schweren Unterwäsche kam natürlich auch noch das Kleid selbst, das besonders im frühen viktorianischen Zeitalter oft aus dicken, kostbaren Stoffen bestand. Ein Stadtführer in London sagte mir, dass eine Frau mit allem drum und dran bis zu 15Kg Kleidung trug. Als 1881 die Rational Dress Society in London gegründet wurde, war eines ihrer Anliegen die Damenmode so weit zu revolutionieren, dass keine Trägerin mehr als 7Kg Kleidung am Körper tragen musste. Überhaupt setzte sich dieser Verein für bequemere, praktischere Mode ein, die Frauen beweglicher machte, was zum Ende des Jahrhunderts auch immer besser gelang.

Ich würde hier jedoch eingreifen und sagen, dass Mode nicht unbedingt einschränkend war, sondern viel eher unpraktisch. Man konnte sich in einem Krinolinenkleid bewegen, sitzen, tanzen, spazieren gehen, man war nicht wirklich in der Bewegung eingeschränkt. Genauso bestiegen Frauen in Korsetts Berge, ritten, fuhren Fahrrad und spielten Tennis. Einschränkung sieht anders aus. Aber unpraktisch war diese Mode tatsächlich – und das sollte sie ja auch sein, denn die Mode wohlhabender Frauen sollte ausdrücken, dass sie keine schwere Arbeit erledigen mussten und somit unpraktische Mode tragen konnten, ohne einen Nachteil zu haben.

Ab den 1880ern veränderte sich jedoch das Frauenbild und nun wurde es sogar für adelige Frauen modern und wichtig, Sport zu treiben und beweglich zu sein. Deshalb fiel die unpraktische Mode plötzlich negativ auf. So wirklich verschwand die unpraktische Damenmode aber erst mit dem ersten Weltkrieg. Viele Männer waren im Krieg und Frauen mussten die Arbeiten übernehmen, die traditionell von Männern gemacht wurden. Hierfür brauchten sie einfachere Kleidung, die Bewegungsfreiheit gab. Feminismus, das sich langsam wandelnde Frauenbild und die Frauenbewegung übten einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Modegeschichte aus.

Mode als Spiegel der Gesellschaft

“Arrufos”, Belmiro de Almeida, 1887

Der wahre Grund, aus dem viktorianische Mode nicht romantisch ist, ist jedoch weder, dass sie unpraktisch ist, noch, dass sie gewisse Gefahren birgt, denn das kann auch über moderne Mode gesagt werden. Wirklich unromantisch ist diese Mode, weil sie in weiten Teilen ein Frauenbild symbolisiert, das wir zumindest in großen Teilen zum Glück hinter uns gelassen haben. Viktorianische Mode spiegelt ihre Gesellschaft und deren Zwänge. Sehe ich ein Kleid von 1845 sehe ich auch immer die Rolle der Frau als stille, immer liebevolle Hausfrau, die keine Meinung zu haben hat.

Sehe ich die Mode des 19. Jahrhunderts, selbst die modernere, beweglichere Mode der 1890er Jahre, sehe ich auch wie wenig Individualität erlaubt war, wie wenig Selbstbestimmung. Die viktorianische Gesellschaft ächtete Frauen, die nicht ihrem strengen Ideal entsprachen, und machte sich gleichzeitig über sie lustig, wenn sie die neuste Mode verfolgten, um diesen Idealen gerecht zu werden. Eine Krinoline ist an sich vergleichsweise harmlos: Die Misogynie, die über ihre Träger.innen hereinbrach und sie als arrogante Modeopfer verschrie, jedoch ist es nicht.

Viktorianische Kleidung schränkt nicht wortwörtlich die Bewegungsfreiheit ein, doch sie schränkt die Individualität ihrer Träger.innen ein und selbst im schönsten, elegantesten Abendkleid stecken misogyne Ideen von Moral und Anstand, denn es ist außer Frage, dass ein viktorianisches Kleid einen zu tiefen Ausschnitt oder einen kurzen Rock haben, dass Arme, Hände und Haar in der Öffentlichkeit unbedeckt bleiben könnten. Frauen, die als “unmoralisch” verschrien waren, waren Aussätzige ihrer Gesellschaft und diesen Ruf konnte man so leicht bekommen.

Die Jahre 1840 – 1910 sind eine der misogynsten Epochen der westlichen Geschichte und leider spiegelt die Mode das, das ist gar nicht vermeidbar. Und ich liebe viktorianische Mode aus der Perspektive einer Historikerin und auch, was Designs und Trends angeht. Aber sie ist eben nicht romantisch. Sie ist viel zu sehr geprägt von archaischen Geschlechterrollen und am Ende symbolisiert sie so auf Umwegen eben doch die Frau im Käfig, die sich zwar theoretisch bewegen kann, es aber nicht darf, wenn sie ihren guten Ruf bewahren möchte.

Abschließendes… 

Und das ist der Grund, weshalb viktorianische Mode nicht romantisch ist. Sie mag hübsch aussehen, sie ist interessant und immer ein Spiegel ihrer Gesellschaft, aber nichts Erstrebenswertes, das heute wieder in Mode kommen sollte. Viktorianische Mode war vordergründig unpraktisch – und sollte es schließlich auch sein, denn für lange Zeit war genau das ein Statussymbol. Doch fünfzehn Kilo Kleidung am Leib müssen nicht sein und vor allem muss das Weltbild nicht sein, das in den Fasern von viktorianischer Mode hängt.

Heute haben wir T-Shirts und Jeans, Miniröcke, BHs, Leggings und Strumpfhosen, gemütliche Pullover, Shorts, Turnschuhe, Kleider und hübsche Absatzschuhe, in denen man vernünftig laufen kann. Und ich finde, wir sollten diese praktische Kleidung, bei der sich jeder selbst aussuchen kann, was er oder sie tragen möchte, mehr schätzen und uns nicht die umständlichen Kleider lang vergangener Epochen zurückwünschen, die uns die Freiheiten nehmen, die diese modernen Kleider möglich machen.


Beitragsbild: Karikatur, “Krinolinen im Wagen der ersten Klasse”, ca. 1860er


Selbst nachlesen?

Phipps, Elena: From Queen to Empress. Victorian Dress 1837 – 1877. New York 1988.

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8 Kommentare

  • MrsEmily

    Ich hatte zu meiner Hochzeit eine Krinoline unter meinem Kleid. Der Rock bestand aus 10 Lagen Stoff (1 Unterrock, Darüber der Blickdichte Stoff und die restlichen Lagen waren Spitze und Tüll die zur Schleppe ausliefen. Ich konnte mithilfe einer Freundin auf dem Klo mein Geschäft erledigen. Allerdings, konnte ich weder die Tür zu machen, noch war ich ungestört, da meine Freundin die Stofflagen vom Kleid und die Krinoline nach oben gehalten hat, während ich auf dem WC saß. Alleine hätte das definitiv nicht geklappt. So schön ich die Mode finde, alltagstauglich ist sie nicht und ich bin heilfroh dass ich nicht auf die Mode angewiesen bin, auch wenn ich gern auf entsprechenden Events oder eben der eigenen Hochzeit die Mode trage.Muss Dir aber für Deinen Blog ein tolles Lob aussprechen. Ich finde den äußerst interessant zu lesen und bin begeistert über die Modeartikel die Du veröffentlichst.

    19. März 2013 at 17:04 Reply
  • Charlotte

    Vielen Dank. 🙂 Und dein Bericht zur Krinoline ist wirklich aufschlussreich. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass viktorianische Damen sehr wenig getrunken haben, damit sie nicht so oft aufs Klo mussten. Wenn man das so hört, ahnt man warum…

    19. März 2013 at 22:33 Reply
  • Alexandra Homburg

    Man muss aber Bedenken, das das heutige Klo auch erst zu Zeiten Queen Viktoria in Mode kam. Ich kann mir leider vorstellen, das man es vielleicht hat laufen lassen, und sozusagen von den Unterröcken absorbiert wurde. Oder man hatte in gehobenen Kreisen Hilfe und Töpfchen, und so was, um den Tag zu bestehen…alles andere als romantisch…

    21. September 2013 at 11:37 Reply
  • Charlotte

    Ja, das stimmt. Es gibt Berichte aus Versailles, dass die Damen das zumindest im Barock noch tatsächlich so gemacht haben. Hat ja keiner gesehen. Zu den Viktorianern finde ich wirklich nur, dass man wenig getrunken hat, damit man gar nicht erst in Verlegenheit kam. Was war, wenn es doch so weit war, ist schlecht dokumentiert. Man kann sich ja auch denken, warum. Obwohl ich gelesen habe, dass manch feine Herrschaften eine Art Klo im Schaukelstuhl oder in einer Bank versteckt für den Notfall hinter einem Vorhang bereit stellten. Wie Frau sich damit arrangiert hat, bleibt aber die Frage.

    21. September 2013 at 18:39 Reply
  • Anonym

    Ein Schön zu lesender Artikel. Ich recherchiere für das Genre Staem Punk viktorianische Mode. EInes möchte ich jedoch noch zum Korsett sagen. Frau kann ein Korsett allein schnüren, da bei richtiger Schnürung lediglich die Schlaufen auf Taillienhöhe straff gezogen werden müssen (Der Rest schnürt sich dann automatisch mit). Wenn man also nicht gerade Tightlacing betreibt, kann man das sehr gut allein schnüren. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass das Krosett von den Damen im geschlossenen Zustand vorne geöffnet wurde. Davon rät jeder Hersteller von Korsetts ab, da dadurch das Korsett beschädigt werden kann.

    14. April 2016 at 14:30 Reply
  • Charlotte Oskar

    Danke für den Kommentar! Ich hatte es so gelesen, schnüre aber selbst nicht (mehr) und weiß es daher nicht aus eigener Erfahrung. Ich recherchiere das auf jeden Fall nochmal nach!

    14. April 2016 at 14:31 Reply
  • Sheyla

    "Sie hinderte Frauen daran, wirklich etwas tun."Danke für den ausführlichen Artikel! Dein angenehmer, leicht verständlicher Schreibstil hat mir die Lesezeit verkürzt. (:Bis vor einer viertel Stunde fand ich die viktorianische Mode auch noch romantisch. Doch manchmal ist es nicht verkehrt, die Dinge auch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, schätze ich. ^^Ist wirklich interessant und bereichernd. Mach weiter so!

    9. November 2017 at 21:10 Reply
  • Skadi Vore

    Ich finde die Ästhetik daran nach wie vor romantisch. Das Privileg der Moderne wäre ja, dass man sich diesen Stil rekonstruieren könnte eben ohne dass er authentisch ist, mit leichten Stoffen und anderen Substituten. Das würde ich mir schon wünschen, dass es mehr aufgegriffen wird. Aber es war richtig toll, das noch mal so vor Augen geführt zu bekommen! Ich bin Illustratorin und ich liebe diese Mode. Allerdings würde ich mit deinem Artikel vor Augen diese Kleidung nun anders verwenden 🙂

    11. Februar 2018 at 12:28 Reply
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